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Dienstag, 08. April 2008

Auszug aus: "Ein liebender Mann"

Folge 39:

Also hingehen, bis nach Mitternacht bleiben, den neuen Vornamen studieren, ob es vielleicht der endgültige sei, den sie durch Europa tragen will wie ein Diadem. Er saß und saß. Das Herz klopfte den Hals herauf. Er sollte offenbar nicht mehr atmen. Die Aufgeregtheit seines Herzens ließ es nicht zu, dass er noch an etwas anderes dachte als an die Aufgeregtheit dieses Herzens. Atmen. Mehr war nicht verlangt. Aber das war schwer genug. Die Ermöglichung des Atmens. Hin und her gehen war jetzt unvorstellbar. Das Fenster unerreichbar. Er war ein geschlagenes Stück Fleisch. Der Atem das Unsicherste. Und doch dieses Interesse, den nächsten Atemzug zu ermöglichen. Das Zittern in den Händen zerrinnen lassen. Es rinnt durch alle Adern hindurch. Wird eine Müdigkeit, die wehtut. Diese Müdigkeit verhindert jede Bewegung. Du musst jetzt für immer sitzen, diese wehtuende Müdigkeit durch deine Adern rinnen lassen. So schwer waren deine Arme noch nie, dein Kopf noch nie, du noch nie.
Als es dunkel geworden war, rief er Stadelmann und sagte mit einer ganz ruhigen Stimme, Stadelmann möge, bitte, für Bier sorgen. Köstritzer. Das hellere oder das dunklere, fragte Stadelmann. Beide. Und viel. Und Semmeln. Die großen. Alles da auf den Tisch. Und keine Störung. Stadelmann nickte.
Er hätte lieber sehr viel gesagt statt viel, aber damit hätte er Emotion verraten, und Stadelmann würde das, vielleicht erst, wenn sie ihn danach fragten, weitermelden, und Ottilie und Sohn August würden sich gestatten, Schlüsse zu ziehen.
Man darf dieses Gedicht nicht lesen. Man muss es begehen. Wie man ein Fest begeht. Aber der aphrodisische Hals! Die schwellenden Ohren! Die Schönheit namens Ulrike.

31. oktober 1823, freitag
So ist der Hinrichtungstag angesagt, auch den Sterbetag kann ein hohe Ansprüche stellender Arzt so im Voraus bekanntgeben. Goethe hatte eine Woche Zeit, sich vorzubereiten. Er konnte sitzen und warten. Mit eingefallenen Ohren. Warten, das tat er, seit er zurück war. Dass nichts kommen konnte, von ihr, das wusste er so genau, wie er nichts sonst wusste. Dass Wissen nichts nützt, wusste er längst. Wenn man zum Glauben verurteilt ist. Man könnte sagen: verdammt ist. Glauben, das ist die reine Unruhe. Das andauernde Fürmöglichhalten. Also das andauernde Enttäuschtwerden, Vernichtetwerden. Dasselbe Spiel mit Hoffnung. Er hat seit Wochen gehofft, sie komme. Nach Karlsbad war die Familie in Dresden. K V d O o M. Dann nach Straßburg. Musste sie da etwa nicht durch Weimar kommen? Keine Mitteilung. Also kam sie nicht durch Weimar. Aber dass sie, wenn sie zurück ins Internat musste, durch Weimar käme, hat er hoffen müssen, bis aus Straßburg das Billet kam, das die Ankunft dort meldete. Also nicht durch Weimar gekommen. Er hatte aber jeden Tag gehofft, sie werde die fünf Schritte von der Poststation zu ihm natürlich nicht scheuen, sie werde unten durch die offene Tür hereinkommen, werde rufen, ihn rufen, er werde sie hören … Die spinnige Amsel Bettina von Arnim ist mehr als einmal unangemeldet hereingeplatzt und war lästig. Das ist das Gesetz über allen Gesetzen: Die Lästigen kommen unangemeldet. Denn sie sind ein Übel. Die aber ersehnt sind, kommen nicht.
Er hatte sich geübt, ihre Abwesenheit als ihre Form der Anwesenheit zu denken, zu erleben. Er hatte diese Denkweise von allem, was daran als paradox empfunden werden konnte, befreit. Sie war in jeder Sekunde als Abwesende anwesend. Das hatte zur Folge, dass jede Gegenwartssekunde geschwächt war. Alles, was er in den Wochen seit seiner Rückkehr getan oder mitgemacht hatte, hatte er sozusagen zum Schein getan und mitgemacht. Er hatte es immer getan und mitgemacht in dem Bewusstsein, dass Ulrike nicht da sei, dass sie eigentlich da sein müsste, dass erst wenn sie da wäre, das, was er tat und mitmachte, das wäre, was es so nur zu sein schien. Alles war Ersatz, der nur auf das aufmerksam machte, was er ersetzen sollte: Ulrike. Negative Anwesenheit, genau gesagt.
Am 31. Oktober, einem Freitag, erwachte er an den kurzen kleinen Schreien, die er offenbar im Schlaf ausgestoßen hatte. Er lag. Die Augen hatte er, nachdem er aufgewacht war, sofort wieder geschlossen. In Marienbad war er jeden Morgen aufgesprungen, hatte seine Übungen gemacht, sogar gesungen hatte er. Er gestand sich, dass er Marienbad verkläre. Was sollte er sonst tun? Wer keine Gegenwart hat, muss die Vergangenheit verklären. Wie wär’s mit verdammen? Noch nicht. Es tat auf jeden Fall gut, die Augen nicht öffnen zu müssen. Als er die Augen für einen Augenblick geöffnet gehabt hatte, hatte er gespürt, dass es wehtat, etwas sehen zu müssen. Augen zu, und sofort das Wohlgefühl, nichts mehr sehen zu müssen. Sogar seine urvertraute Schlafkammer gehörte nicht zu ihm, sondern zur Welt der Sichtbarkeit. Am schlimmsten: die Vorstellung, Menschen sehen zu müssen. Dass er diese Verführung zum Liegenbleiben zu bekämpfen hatte, wusste er. Er erlebte das nicht zum ersten Mal. Es war so einfach: Wenn er wüsste, wann er Ulrike das nächste Mal sehen würde, gäbe es kein Liegenbleibenmüssen und nicht die Welt als Sichtbarkeitsschmerz. Und stand doch auf. Ohne Aussicht auf Ulrike. Im Gegenteil. Der 31. Oktober. Der wird in seine Geschichte eingehen. Wie, weiß er noch nicht.
Er rief Stadelmann, dass der ihm in den Tag helfe. Wie hatte der im kostbaren Formulieren des Gewöhnlichen unübertreffliche Schiller gesagt? Aus Gemeinem ist der Mensch gemacht, und die Gewohnheit nennt er seine Amme.
Er hatte absichtlich versäumt, diesen Tag von Besuch und Betrieb freizuhalten. Zum Tee war angemeldet Sir Wylmsen, Kapitän des Schottischen Dragoner-Regiments, das bei Waterloo ruhmreich gekämpft hatte; Kanzler von Müller hatte ihn angekündigt als Alcides plus Antinous in einer Person. Dass Ulrikes Vater, Friedrich Wilhelm von Levetzow, in dieser Schlacht getötet worden war, wusste der Kanzler natürlich nicht. An einem schönen Junitag, hatte Frau von Levetzow mit einer umflorten Stimme gesagt. Und das ist gerade mal acht Jährchen her. Das Abendprogramm: ein Quartett des Prinzen Louis Ferdinand. Dabei sein wird Mr. Sterling, schon im Mai zu Besuch, mit Grüßen von seinem Freund Lord Byron. Und Ottilie war hin. Wurde schon im Mai sofort die Geliebte des Achtzehnjährigen, sagte es andauernd jedem. Ihr zuliebe, sozusagen um sie zu entschuldigen, nannte Goethe Mr. Sterling im Mai den dämonischen Jüngling. Dass die Achtundzwanzigjährige dem Achtzehnjährigen nachrennt, könnte sie doch über Altersunterschiede milder denken lassen. Keine Spur. Jeder versteht immer nur sich.
Als er tagesfertig ins Arbeitszimmer kam, wo John schon wartete, merkte er, dass heute kein Brief beantwortet, keine Silbe diktiert werden konnte. Im Augenblick war es nicht vorstellbar, dass er je wieder in seiner eingeübten Haltung auf und ab gehen und denken und diktieren würde. So unauffällig wie möglich sagte er dem Schreiber, dass heute nichts stattfinde. Das war tatsächlich der Wortlaut. Damit hatte der unauffällig sein wollende Ton seinen Zweck eher verfehlt. John bemühte sich auch gar nicht, sein Überraschtsein zu verbergen. Anstatt sich höflich zu verneigen und seinem Herrn einen angenehmen Tag zu wünschen, blieb er starrsinnig stehen und drückte so, wenn auch nur ganz kurz, seine Meinung über diesen Verlauf aus, und die war kritisch. Goethe spürte die ganze Geschichte, die er mit John hatte. Zuerst Goethes Sekretär, schon sein Vater Goethes Sekretär, aber seit Kräuter da war, wurde John immer mehr zum Schreiber. Das ließ er seinen Herrn spüren, wenn er dafür eine Gelegenheit sah. Die hatte er jetzt gesehen. Goethe winkte ihm, als John sich an der Tür noch einmal zur letzten Verbeugung umdrehte, so freundlich zu wie schon lange nicht mehr. Es war aber allerhöchste Zeit, dass er allein war. Inzwischen war Herr de Ror sicher eingetroffen in Straßburg. Sicher schon am Vorabend. Wahrscheinlich spazierte er mit Ulrike durch die Gassen, die Goethe so gut kannte. Warum sollte Ulrike nicht einen Ausflug nach Sesenheim vorgeschlagen haben? Goethe hatte mit ihr einmal über das Küssen gesprochen, nur um ihr mit einem Schnell-Überblick über seine wichtigsten Küsse wirklich zu beweisen, dass sie die größte Küsserin aller Küsserinnen sei. Das war kein bisschen übertrieben. Er hatte nicht doziert, weniger doziert als je, er hatte sie mitgenommen in einen Gedankengang, den nur sie in ihm geweckt hatte, dass nämlich, wie das Küssen geschieht, am wenigsten von den Mündern abhängt, sondern ganz und gar von den Personen, die da küssen. Ulrike hatte nicht nur zugestimmt, sie hatte ihn lebhaft überboten: Wenn die Seelen einander nicht küssen, sind die Münder tot.


Fortsetzung folgt

Auszug aus
Martin Walser, „Ein liebender Mann"
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