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Freitag, 11. April 2008

Auszug aus: "Ein liebender Mann"

Folge 40:

Ach, Ulrike, hatte er gerufen oder geseufzt, auf jeden Fall hatte er wieder einmal den Grad ihrer Übereinstimmung gefeiert. Das war bei so vielen Gesprächen und Situationen immer sein Part: die Übereinstimmung zu feiern, die sie gerade wieder erlebt hatten. Als er das zum ersten Mal getan hatte, hatte Ulrike gesagt: Und das ist mehr als Harmonie. Und er hatte gerufen: Harmonie ist furchtbar, das ist der Friedhof des Gefühls. Während Übereinstimmung, hatte sie gesagt, der Augenblick ist, in dem zwei Menschen, die sich, nur mit dem Instinkt bewaffnet, durch das Labyrinth der Ablenkungen kämpfen, plötzlich erleben, dass sie unablenkbar einander erreicht haben. Ulrike, hatte er gerufen,
Ulrike. Und sie: Exzellenz, ich finde es lieb, dass Sie nicht merken, wie ich Sie imitiere. Aber ich gebe zu, es macht mir Spaß.
Und jetzt in Sesenheim, mit Herrn de Ror. Und plötzlich wusste er den Vornamen dieses Herrn. Juan - Juan de Ror. Klar. Don Juan de Ror. Und in der nächsten Mitternacht wird er den Juan opfern und Ulrike seinen endgültigen Vornamen offenbaren. Adam de Ror. Als solcher wird er um ihre Hand anhalten lassen, und zwar durch seinen Protektor, den Hofrat und Finanzminister Österreichs Franz Graf von Klebelsberg-Thumburg, der ohnehin in Kürze Ulrikes Stiefvater sein wird. Klar. Amalie von Levetzow hätte doch längst ja gesagt, wenn sie nicht die drei Töchter vorher versorgt wissen wollte. Ulrike de Ror, das war eine glänzende Versorgung. Dann noch Amalie und Bertha, das heißt, in zwei, drei Jahren kann die erlösende Hochzeit sein, dass Amalie von Levetzow endlich eine Heirat erlebt, die keine preußische Standesplackerei mehr ist, sondern eine österreichisch-ungarische Lebensfarbigkeit und -fülle. Vielleicht ist die tolle Ulrike, das neunzehnjährige Ding, auch eine hochqualifizierte Kalkulationsmaschine für etwas, was man Zukunft nennt. Sie muss, will sie nicht als Internatsjungfer verkümmern, hinaus ins sogenannte Leben. Da kommt nun der orientalische Nichtorientale Señor Velozifer persönlich aus Paris-Wien, Herr des härtesten Glanzes der Welt. Dir hat man dichterische Raserei vorgeworfen, bei Herrn de Ror muss es Liebe sein. Das ist die absolute Fügung: Die Ohrläppchenauffälligkeit wird mit zwei Granatfeuerwerken bedient, nach denen sich alle Ohrläppchen der Welt sehnen. Nehmen Sie sie, Señor de Ror, nehmen Sie, was Ihnen gehört hat, bevor es zur Welt gekommen ist. Es gibt im Kosmos für alles eine Bestimmung. Die ist an den Ohrläppchen sinnfällig geworden, so über alles Subjektive hinaus, dass wir uns keinem Gram und schon gar keinem persönlichen hingeben müssen. Sie hat Vergangenheit gegen Zukunft getauscht. Das darf verstanden werden. Das alles wird heute gesät und gleich darauf geerntet. Er, der keinerlei Zukunft mehr liefern kann, der nur noch Witwenversorgung anbieten kann, er muss Ulrike doch beglückwünschen. Madame de Ror, je vous félicite cordialement.
Wenn er nur nicht so gesund gewesen wäre! Warum war er jetzt so gesund! Warum wälzte er sich nicht auf dem Boden und schrie vor Gallen- und Nierensteinschmerz. Die Herzogin, seit ihrem Sturz kein Schritt mehr ohne stechenden Schmerz. Einen messerscharfen Schmerz, bitte, wo auch immer, nur dass er sich schreiend wälzen könnte, dass sie in der Nachbarschaft Fenster und Türen schließen und sein Schreien mit Teppichen dämpfen müssten, dass Nachbarn ausziehen müssten, weil sie sein Schreien nicht mehr ertrügen. Dass er dann schreiend allein wäre in der Welt. Nur noch er und sein Schreien. Dieses Schreien, das er jetzt spürt und nicht hinauslassen darf, weil sein Schmerz nicht von Gallen- und Nierensteinen kommt, sondern aus der Seele. Die Seele ist doch auch ein Organ. Sie tut weh. Nichts als weh. Er stand mitten im Zimmer. Plötzlich spürte er, dass der Boden heiß war und immer heißer wurde. Er hob einen Fuß, musste dann gleich den anderen heben und wieder den einen. Der Boden war eine glühende Platte. Immer weniger lang war die Glut an den Sohlen zu ertragen, immer rascher musste er von einem Fuß auf den anderen hüpfen. Wo er auch hinsprang, der Boden glühte im ganzen Zimmer, an jeder Stelle gleich. Er war von dem Hüpfen längst außer Atem. Er war vielleicht in der Panik des ersten Augenblicks zu schnell von einem Fuß auf den anderen gehüpft. Er musste das Tempo mäßigen. Vielleicht hatten sich auch die Füße ein wenig an die Bodenglut gewöhnt. Aber aufhören konnte er keinesfalls. Es war ein Tanz, das fiel ihm doch noch ein. Ein Tanz auf einem glühenden Boden. Entweder der Boden hörte auf zu glühen, oder er würde bald genug hinstürzen und dann auf der Glut verbrennen. Da rannte er einfach hinaus, hinüber, hinunter in die Schlafkammer. Die rettete ihn. Wieder einmal. Er weinte. Das half. Er würde liegen bleiben.
Dass er sich ein Programm gegeben hatte für diesen Tag, fand er, als er es dann absolvieren musste, richtig.
Wenn ihn nichts mehr interessierte, hörte er doch zu, als interessiere ihn, was man ihm erzählte. Der schottische Kapitän übertraf ihn. Er sei nicht wegen Goethe nach Weimar gekommen, sondern wegen Madame Szymanowska. Er komme aus Petersburg, habe gedacht, die Szymanowska trete dort auf, dann hieß es, die ist zur Zeit in Weimar, also ab nach Weimar, aber in Weimar gewesen zu sein, ohne den Versuch zu machen, Goethe zu sehen, das müsse Exzellenz doch zugeben, das wäre keine Sünde, das wäre ein Fehler. Und konnte es nicht lassen, den seit wie vielen Jahren in diesen Kreisen kursierenden Satz des napoleonischen Polizeiministers Fouqué zu zitieren, der da lautete, dass Napoleon den Herzog von Enghien entführen und erschießen ließ, sei kein Verbrechen gewesen, sondern ein Fehler. Goethe zeigte, dass er den Satz kannte und ihn für diesen Augenblick auf das angenehmste passend fand. Und gestand, um auch etwas beizutragen, was der Besucher mit nach Hause nehmen konnte, dass es ihn glücklich mache, zweite Wahl zu sein. Man kann das nicht ernsthaft genug üben, sagte er. Das gehöre zu den Übungen, die um so ehrenwerter seien, je erfolgloser sie bleiben müssten. Der Kapitän nahm's als Altersweisheit mit, bei der Szymanowska werde man sich wiedersehen. Goethe hatte, als er dem schottischen Kapitän nicht zuhörte, sondern an den bei Waterloo getöteten Vater Ulrikes dachte, vermieden, den rechten Daumen um den linken Daumen kreisen zu lassen.
In Gedanken an Ulrike hatte er es vermieden. Er hatte, als der Graf Taufkirchen den letzten Abend durch Geschwätz verdarb, offenbar den Daumen kreisen lassen. Ulrike hat es ihm auf dem Weg zur Diana-Hütte gesagt. Ulrike, deren Vater an einem schönen Junitag in der Schlacht bei Waterloo getötet worden war, trug auf dem Weg zur Diana-Hütte Werthers Trauer um die Nussbäume vor. Und das soll nie mehr vorkommen? Nie mehr? Ach ja. Zu Straßburg auf der Schanz, da ging mein Trauern an, das Alphorn hört' ich drüben wohl anstimmen ...
Noch vor der Musik musste Tee mit Ottilie getrunken werden. Sie wollte das zu ihrem Geburtstag: sie und er allein. Sie war aufgedreht, überdreht wie selten. Ihr Geburtstag, ihr Konzert, sie hatte die Gäste eingeladen, August war schon in Berlin. Sich amüsieren. Berlin wurde nie erwähnt ohne den Zusatz, dass man sich dort amüsiere. Aber den Enkel Walther brachte sie mit, Wolfgang war erkältet, und Erkältete konnte Goethe nicht empfangen, auch Enkel nicht. Walther hatte ein Heft mitgebracht, in dem man gezeichnete Bilder anmalen sollte. Die Farbstifte hatte er auch mitgebracht. Goethe liebte seine beiden Enkel, aber es war ihm zuwider, den liebenden Großvater zu spielen. Er hatte das Gefühl, seine Enkel sähen das auch so. Ottilie wollte den großen Friedensschluss. Lange genug sei man jetzt um einander herumgetappt wie fremd oder böse. Goethe nickte. Es interessierte ihn nicht. Er wusste, was er sagen, wie er reden musste. Er ist wieder da. Er gehört hierher! Etwas anderes war nie in seinem Sinn! Für die Gerüchte aller Carolinen ist er nicht verantwortlich! Es tut ihm leid, wenn er die Familie durch diese oder jene Geste beunruhigt haben sollte! Das war nie seine Absicht! Also möge sie ihm, bitte, alles verzeihen, was mit dem Namen dieser Familie, der hier nie mehr genannt werden soll, zusammengebracht werden könnte! Das war's. Er hatte nicht einmal gelogen. Er hatte diesen Text gern gesagt. Weil er ihn gern gesagt hatte, war der Text eine Art Wahrheit. Wer ihn Lüge nennen will, soll es tun. Er sagte einem anderen Menschen immer lieber das, was der hören wollte.
Als er aufstand und auf die Tür zuging, sagte Ottilie, sie müsse, so leid es ihr tue, ihn auf seine Haltung aufmerksam machen, er habe sie ja beauftragt, seine Wirkungen zu beobachten. Sie machte eine Pause.
Er sagte: Und?
Dein erzwungenes Dichaufrichten wirkt nicht angenehm, sagte sie.


Fortsetzung folgt

Auszug aus
Martin Walser, „Ein liebender Mann"
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