Auszug aus: "Ein liebender Mann"
Folge 41:
Man sieht, du willst nicht zugeben, dass dein Oberkörper samt Kopf und Nacken lieber ein bisschen vorgeneigt wäre. Dagegen kämpfst du an. Zu deutlich, finde ich. Verzeih.
Aber nein, ich bedanke mich, sagte er und gab sich einen Ruck, dass er noch viel aufrechter ging als vorher.
Dann also noch das Konzert. Da er die Musik nicht zu hören verstand, schaute er die Zuhörer an. Am liebsten Linchen von Egloffstein. Aber auch sie war keine Zuhörerin wie Ulrike. Nachher beim Essen spielte sich Ottilie auf. Der dämonische Jüngling an ihrer Seite. Seine langen schwarzen Haare hatte er straff am Kopf nach hinten gebunden, und hinten wurden sie von einer riesigen goldenen Seidenschleife gehalten, aber danach zeigten sie, was sie waren, wenn man sie nicht fesselte: eine schwarze Explosion. Was Ottilie sagte und tat, sagte und tat sie für ihn. Um ihn zu feiern. Rühmte sich, dass sie gerade Byrons Don Juan übersetze. Morgen werde sie für alle, die's hören wollen, daraus vorlesen. Da war Charles, der achtzehnjährige Byron-Freund, natürlich der erwünschteste Zuhörer überhaupt. Und der ließ sich alles geistreich gefallen. Er kassierte, was ihm da geboten wurde, im schönsten Unernst. Als Parodie. Das merkte aber Ottilie nicht. Goethe fand Ottilie hohl, leer, ja lieblos. Nur wirkungssüchtig, ohne die Fähigkeit zu wirken. Vor allem aber: Die Liebe, die sie demonstrierte, war Mache, Mache und noch einmal Mache. Wahrscheinlich war ihr Liebe fremd. Er musste weg hier. Sein Herz klopft an und will hinaus. Dem Herzen kann man nichts verbieten. Es ist älter als du. Er bewunderte sich dafür, dass es ihm gelang, seine innere Hast und Eile und Bedürftigkeit in einen gemütlichen Abschied zu verwandeln. Dann saß er und schrieb und schrieb:
Ein liebender Mann
Jetzt ist es so weit. Wie lange hast du herumgelitten, so getan, als littest du, gelitten hat immer Frau Berlepsch, dir hat immer ein Gott gesagt, wie oder was du leidest, das war Elegie, wirf sie ins Feuer, Kulturbetrug, eingeübte Fälschung, jetzt ist es so weit, die Mitternacht mit dem neuen oder dem alten, auf jeden Fall mit dem endgültigen Namen, sie trägt ihn dann als Diadem, endlich ein Schmuck, ein Schmuck für immer, jetzt ist es so weit, in diesem Augenblick ist es so weit, sie tun jetzt, in dieser Sekunde tun sie, was du nicht darfst, was dir verboten ist, von der ganzen Welt durch Hohn und Spott verboten, sie tun es, jetzt ist es so weit, du hast dir das nicht vorgestellt, nicht vorstellen können, wie die dümmste Hummel bist du Wochen und Monate lang gegen die undurchsichtige Glaswand geflogen, aufgeprallt, abgestürzt, aber gleich wieder aufgeschwungen und wieder hin gegen die Glaswand Unmöglichkeit, du hast das nicht zugeben können, sie liegen neben einander, auf einander, über einander, unter einander, durch einander, in einander, ja, in einander liegen sie jetzt, in allerhöchster Liebeswut, jetzt ist es so weit, du hast es dir nicht vorstellen können, auf einmal kannst du es dir vorstellen, musst du es dir vorstellen, du kannst dir nichts anderes mehr vorstellen als die in ihrer endlich befreiten Liebeswut, jetzt ist es so weit, jetzt, auf welche Spitze will diese Gemeinheit dich noch treiben, ein Erdbeben, ein Erdbeben den Rhein entlang, Straßburg stürzt zusammen, das Münster, wo alles anfing, alles war nichts, alles war Geplänkel, Spiel, Macherei, Purzelbaum des Übermuts, ohne Angewiesenheit, Zwang, Schicksal, dann das, dann die, die Erste, die Einzige, jetzt ist es so weit, in dieser Sekunde tun sie es immer noch, wer hört zuerst auf, ihr dort oder du hier, du musst mitschreiben, bis du nicht mehr kannst, bis das Erdbeben kommt, Straßburg, da ging mein Trauern an, stürzt ein, der Rhein übernimmt den Rest, ohne Katastrophe ist dir nicht zu helfen, zum Weinen ist es zu spät, es kommt die Zeit des Fluchens, du kannst weinen, fluchen, dem Alleinsein ist es egal, ob du weinst oder fluchst, das Alleinsein hat kein Echo, wirf bloß die Elegie weg, das Pseudo-Alleinsein, ins Feuer mit ihr, dass die Erde befreit ist von der Kulturlüge, vom edlen Schein, von der Vortäuschung der Lebensmöglichkeit auf dem Papier, jetzt ist es so weit, die Elegie ist entlarvt, ein Gesumms, das verlogenste Hinken der Welt, gibt sich als Tanz und ist Hinken, jetzt ist es so weit, die Elegie hat nichts bewirkt als Mitgesumms, das Weinen ohne Tränen, dafür Wörter, jetzt ist es so weit, sie sind bei einander, du bist allein, du hättest alles wissen können, du hast alles gewusst, du bist der große Selbsttäuscher, du verführst andere zur Selbsttäuschung, zur Elendserduldung, dann ist es so weit, dann schreist du nach der Katastrophe, jetzt, Elegie, wo bist du, was machst du, nichts, nichts, nichts, die liegen bei einander ganz ohne Elegie, das Leben braucht keine Elegie, das Leben verachtet die Elegie, jetzt ist es so weit, wie weit sind sie jetzt, gerade jetzt, ja, ich will's wissen, sehen, hören, spüren, riechen, wie weit jetzt, ihr, nur in dieser, in dieser und in dieser Sekunde, fühl dich nicht gemeint von dem, was dort passiert, die lachen nicht über dich, die reden nicht über dich, die wissen nicht, dass es dich gibt, es gibt dich ja auch nicht, jetzt ist es so weit, es gibt nur den, der mit ihr im Bett liegt, mit ihr die zärtlichste Rücksichtslosigkeit der Welt durchtobt, jetzt ist es so weit, es gibt jetzt nur noch den größtmöglichen Schmerz, meine Existenz ist gleich der größtmögliche Schmerz an sich, ich bin um einen Tag schwächer als gestern, ich könnte eine Lüge aus Straßburg brauchen, wie viel wertvoller wäre jetzt eine Lüge als diese herrschende Wahrheit, die heißt: die in Straßburg weiß nichts von mir, ich kann dich anrufen, wie man Gott angerufen hat, den gibt es auch nicht, es hat vielen geholfen, ihn anzurufen, dich gibt es, wie es Gott nie gegeben hat, ich habe jede Abwehr geprobt, dann, in einer Sekunde, erscheinst du von einer Seite, von der du noch nie erschienen bist, hinterrücks überfällt mich die Vorstellung, ich lasse mich überleben unter allen Umständen, das ist der Grund für die nächste Niederlage, dass du noch mitschreibst, wundere dich nicht, sie wird es nicht zu lesen kriegen, du hast nur noch eine Leserin, des Teufels Großmutter, das ist die zärtlichste Frau der sonst, was Zärtlichkeit angeht, misslungenen Schöpfung, sie ist die Geliebte der Zukunftslosen, der Alleinseienden, der dummen Hummeln, die gegen die undurchsichtige Glaswand Unmöglichkeit prallen und abprallen und stürzen und gleich wieder auffliegen, die Welt ist ein Gesumms, und des Teufels Großmutter ist das einzige Wesen zur sofortigen Übernahme der Weltregierung, Elegien verlacht sie, von Elegien kriegt sie Brechreiz, jetzt ist es so weit, du schreibst endlich, wofür du immer hättest schreiben sollen, für des Teufels Großmutter, die zärtlichste Frau der Welt, des Teufels Großmutter lebt von einem einzigen Satz, mein Leib- und Seelensatz, sagt des Teufels Großmutter, ist der Satz: Nichts bleibt ohne Wirkung! Sie ist meine Gewähr, die Gewähr derer, denen was zu wünschen übrig blieb, derer, die von der Hieb- und Stich-Welt der Moral erledigt worden sind, wenn aber jetzt eine schriebe, ein lavendelblaues Billet aus reiner Mitternacht, mit einem Satz drauf, einem einzigen, ein einziges Wort reichte schon, nichts als ihr Name, von ihrer Hand geschrieben, reichte, wenn sie einen Eilboten drei Pferde zuschanden reiten ließe, dass er noch vor Mittag hier einträfe, das Billet überreichte, dann samt dem vierten Pferd tot zusammenbräche, dann ...
Das hoffe ich nicht, dass ich je wieder hoffe, mich je wieder täusche. Wenn du noch einmal wartest, gehörst du erschossen, von dir selbst. Sag es dir, wenn du noch einmal wartest auf sie, etwas erwartest von ihr, bist du des Todes, Hinrichtung ohne Brimborium, allerdings im Wald, da möchte es gleich wieder losgehen, jetzt ist es so weit, nichts mehr wird losgehen, jetzt ist es so weit, endgültig, wozu gab es dieses Wort, jetzt ist es so weit, endlich, endgültig, ich erwarte nichts mehr ... Und bin nicht Herr in mir, verspreche alles, um es nicht zu halten. Des Teufels Großmutter nimmt mich in ihre Arme: Kümmere dich nicht ums Geblöke der alles beweisenden Welt, tu, was sich nicht gehört, was keiner versteht, auch du selber nicht. Des Teufels Großmutter hat ein Niveau, da kann ich nur staunen, ein Niveau, das ist nicht von dieser Welt und täte dieser Welt doch gut. Ohne des Teufels Großmutter wäre ich so unmöglich, wie ich bin, ich müsste an mir sterben, wie man an einer Krankheit stirbt, ich bin die Krankheit, die nicht mehr geheilt werden will, des Teufels Großmutter glaubt mir kein Wort, darum kann ich noch schreiben, des Teufels Großmutter kennt keinen Schmerz, nichts bleibt ohne Wirkung, sagt sie, das reicht doch, sie weiß eben nicht, wie das ist, zwei liegen in Straßburg immer und immer noch in einem Bett, ich weiß Bescheid, des Teufels Großmutter weiß nicht Bescheid, sie weiß nur, dass nichts ohne Wirkung bleibt, wenn die Wirkung ein Erdbeben ist, das Straßburg zusammenschlägt, soll es mir recht sein, sonst aber bliebe ich zurück und wüsste nicht, wie ...
Fortsetzung folgt
Auszug aus
Martin Walser, „Ein liebender Mann"
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Gemäß unserer Vereinbarung mit dem Rowohlt Verlag veröffentlichen wir auf unseren Internet-Seiten immer nur 20 Walser-Folgen in Summe: die ersten zehn (darunter sieben Folgen mit Autoren-Lesung) sowie die jüngsten zehn.



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