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Montag, 14. April 2008

Auszug aus: "Ein liebender Mann"

Folge 42:

IV
weimar, 17. dezember 1823
Liebe Ulrike,
es gibt keinen Pakt, keinen Vertrag mit der Erinnerung. Du kannst mit ihr tage-, nächtelang verhandeln, kannst abmachen, dass du aus gewissen Gegenden und Zeiten nur noch verschwommene, undeutliche Bilder und Vorstellungen zulassen wirst, du spürst, ja, so könnte es gehen, mit diesem Grad von Undeutlichkeit und von Verschwommenheit kannst du leben, das fühlt sich an wie Frieden. Und du drehst dich um, eine Tür fällt zu, und du hörst und siehst, wie die Tür in Karlsbad zufällt, als Ulrike nach dem bösesten Satz gegen ihre Mutter aus dem Zimmer gerannt ist und die Türe zugeschlagen hat. Alles wieder scharf gegenwärtig. Alles wieder blutend. Die ganze Vermeidungsstrategie ist Selbstbetrug.
Wenn ich Ihren Brief nicht nur dem Umstand zu verdanken habe, dass ich nicht gestorben bin, freut es mich, dass Sie mir geschrieben haben. Mon mal n'était pas purement physique. Allerdings, wenn dann die Krankheit erst einmal die Herrschaft übernommen hat, ist es ihr egal, wie sie zur Herrschaft gekommen ist. Sie fängt harmlos an, aber man kennt diese Harmlosigkeit. Man hat keine Krankheit zum ersten Mal. Dieser leichte Husten, der so tut, als sei er beherrschbar. Einen Tag später hat er die Macht. Dann hilft nur noch der Lehnstuhl. Aufrecht sitzen. Je aufrechter, desto schwerer fällt es dem Reiz, in dir hochzuklettern. Wie ein Insekt klettert das Reiztier in dir hoch, erst wenn es in der Kehle sitzt und du den Husten ausbrechen lassen musst, gibt es Ruhe. Der Husten schüttelt dich, erschüttert dich durch und durch, wirft dir die Hände hoch, drückt dir den Kopf in den Nacken. Warum zerreißt er dich nicht einfach. Was für eine sinnlose Veranstaltung der Natur, diesen Hustensturm zu entfesseln, der nicht das Geringste befördert. Trocken, spitz, scharf. Sitzen mit angezogenen Beinen. Es ist längst Nacht. Deine Brust, ein Hitzeblock, ein Hitzepanzer. Dagegen muss angeatmet werden. Der Hitzepanzer reagiert nicht. So muss es in Sizilien gewesen sein vor 2000 Jahren, wenn die Tyrannen ihre Feinde in glühenden eisernen Röhren brieten. Du bist besser dran. Irgendwann fängt es an, in den Achselhöhlen, auf der Brust, bald keine Stelle mehr, an der nicht Wasser entspringt, dann bist du ein weites Gelände, in dem tausend winzige Quellen entspringen und in kleinen Bächen an dir abwärtslaufen. Dein Körper weint, denkst du. Zwei, drei Stunden, dann hört das auf. Stadelmann klingeln. Er legt dich trocken. Das reine Wohlgefühl. Kaum ist Stadelmann draußen, hat der Hitzepanzer dich wieder gefangen. Alles noch einmal. Jede Nacht dreimal, viermal. Dem Tag entgegenatmen. Sobald die Helligkeit deine Kammer besetzt, hört das elende Schwitzen auf. Aber, solange geschwitzt wird, wird nicht gehustet. Erst wenn nicht mehr geschwitzt wird, tritt er wieder an, der dich zerreißen wollende und doch nie zerreißen könnende Husten. Nur weil man an jemanden denken kann, hält man das aus. Jede Sekunde ist Ihnen gewidmet. Also bin ich nicht allein. Dr. Rehbein ist Tag und Nacht um mich. Besuche verboten. Aber Herr von Humboldt nicht. Bitte. Er brachte Humboldt, warnte, kein Gespräch, das Sprechen reizt den Krampfhusten. Ich ließ die Elegie holen, gab sie Humboldt, sagte: Morgen. Humboldt ging. Ich im Lehnstuhl zwischen Halbschlaf und Wachsein. Dann wieder Humboldt. Nur darum schreib ich's, Ulrike. Humboldt sagte, dass er sprechen werde, ich dürfe nicht sprechen. Die Elegie, zweimal hat er sie gelesen in der Nacht, er staune, staune, staune, also dreimal hat er gesagt, er staune. Diese Jugendlichkeit des Gefühls. Diese Geistes- und Phantasiestärke. Diese Lebenskraft. Diese wirklich himmlischen Verse. Diese ergreifende Leidenschaft. Es gibt überhaupt nichts Höheres, sagte er, als ein Gefühl ganz als Poesie vorzutragen. Ich habe gesagt, dass ich die Elegie bis jetzt nur einem einzigen Menschen gezeigt habe. Ich sah, dass er sich vorstellen konnte, wer dieser Mensch sei. Sagen konnte er das nicht. Ich auch nicht. Verflucht sei diese Sittensklaverei. Aber als Humboldt erlebte, wie ich auflebte unter seinen Mitteilungen, sagte er zu dem alles überwachenden Dr. Rehbein: Er braucht einen Umgang, der ihm ganz entspricht. Ihr dürft ihn nicht in der Weimarer Eintönigkeit untergehen lassen. Das klang sehr streng. Dr. Rehbein wollte sich verteidigen. Da war der nächste Hustenanfall dran. Den wartete er ab, Dr. Rehbein bedeutete ihm durch Gesten, dass er jetzt gehen müsse. Er gab mir die Hand und sagte: Ein göttliches Gedicht. Etwas Schöneres haben auch Sie nicht geschrieben. Ich, ganz hustenfrei: Man sollte die Leser raten lassen, in welchem Jahr der Dichter geboren worden ist. Aber, sagte ich noch, es wird nicht gedruckt, vielleicht nie. Da rief er: Herr Dr. Rehbein, mit dieser Auskunft kann ich nicht gehen. Ich gebot dem Doktor, sich nicht einzumischen, drückte das Gedicht, das er mir zurückgegeben hatte, an meine Brust und sagte hustenfrei: Ich gestehe, dass ich es so oft habe lesen müssen, dass ich es jetzt auswendig kann. Humboldt ging, der böse Husten fiel über mich her. Es wurde schlimmer. Täglich einen Humboldt, das wäre die Medizin gewesen. So aber vierzehn Nächte im Sessel, die Füße geschwollen, Fieber, Nichtfieber, Egel, Aderlass, bis ich nicht mehr konnte, bis ich schrie, sie sollten mir Kreuzbrunnen geben. Nur das nicht, riefen sie. Nur das, rief ich. Und keine Medizin mehr mit dem verhassten Anis. Arnika-Tee, sofort. Wenn ich nun doch sterben soll, so will ich auf meine eigene Weise sterben. Das wirkte. Sie gehorchten. Ich trank gleich eine Flasche Kreuzbrunnen in einem Zug aus. Und noch eine Tasse Arnika-Tee. Und habe die erste Nacht wieder geschlafen. Dann Kreuzbrunnen, täglich. Nachher erzählten sie, dass am Sonntag schon mein Ableben gemeldet worden sei. Sogar im Französischen. Le Voltaire d'Allemagne est mort. Ich hoffe, Ulrike, diese entzückende Voreiligkeit hat Sie nicht erreicht. Ich habe mich, hör ich jetzt, überhaupt nicht gut benommen als Kranker. Kein Held. Ein Jammerer. Und den armen Dr. Rehbein böse traktiert. Meinen Freund und Allergnädigsten Herrn Carl August hat er nicht zu mir gelassen. So schlimm sei ich dran gewesen. Da habe ich allerdings ins Schloss hinüber depechiert: Wenn ich die Durchlaucht gewesen wäre, hätte ich jeden Widerstand beiseite gefegt und wäre am Lager des Freundes gestanden. Hätte ja sein können, 's ist das letzte Mal. Und als es anfing, bessergehen zu wollen, ich aber doch noch jeder Zeit hätte kehrtmachen können, da kam mein Zelter aus Berlin, endlich. Benachrichtigt worden. Hergeeilt.
Ach so, du lebst ja noch, rief er. Und beförderte mich durch Aufheiterung, durch Liebe, vollends zurück ins Leben.
Auch er durfte über Nacht die Elegie lesen. Von ihm verlangte ich, dass er sie mir vorlese. Er tat's. Und wie! So vorsichtig und dann gleich wieder kühn und doch wieder vorsichtig, dass es eine Freude war, ihn so von der Elegie dirigiert zu sehen. Als er sie mir zum dritten Mal vorgelesen hatte, das verlangte er, sie mir dreimal vorzulesen, sagte ich: Ihr lest gut, alter Herr.
Und er: Es ist ein Liebesgedicht aus Glut, Blut, Mut und Wut. Und gut hab ich's gelesen, weil ich Zeile für Zeile an meine Liebste dachte. Von ihren hundert Küssen, hat sie gesagt, seien fünfzig für dich. Sie war nämlich bei dir, soll ich dir sagen, in einer Ekstase wie vorher noch nie und nie mehr danach.
Ich fühl's. Ich schwör's. Ich hab die Kraft. Sagte ich. Mir sei jetzt zugetragen worden, sagte ich dann, ich wolle nur noch hören, was mir schmeichle. Alles andere lasse mich kalt.
Stimmt's denn, fragte Zelter.
Ja, sagte ich.
Dann ist doch alles gut, mein Lieber. Wir müssen doch nicht auch noch selber gegen uns sein.
Zelter streichelte mich. Als er ging, hatten Husten, Fieber, Brust- und Nierenweh keine Chance mehr.
Diese Krankheit! Natürlich Marienbad, Karlsbad, die Familie L.! Ich las es in allen Gesichtern. Meine Entsagungsschau war durchgefallen. Er leidet also doch noch unter XYZ. Anders wäre es nicht erklärbar, dass er nach 49 Tagen Nichtsalserholung plötzlich so kippt. Dr. Rehbein, den ich erst so weit gebracht hatte, die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern, von Christoph Wilhelm Hufeland zu lesen, kam mir jetzt mit Hufeland-Zitaten. Er will mich munter machen mit Hufeland-Sätzen. Sätze, die meine Maschinenfreundin freuen könnten. Das Denkgeschäft selbst, sagt Dr. Rehbein im Jenenser Zitierton, so wie es in dieser menschlichen Maschine getrieben wird, ist organisch. Mit so einem Satz, ruft er, appelliert er an meine Lebenskapazität. Die sei nämlich groß.


Fortsetzung folgt

Auszug aus
Martin Walser, „Ein liebender Mann"
Copyright © 2008 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

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