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Lesesaal
FAZ.NET
Dienstag, 15. April 2008

Auszug aus: "Ein liebender Mann"

Folge 43:

In solchen Sätzen können wir zusammenfinden, Sie und ich, Ulrike. Hufeland, erinnern Sie sich? In dem verregneten Sommer, unser Spiel im Lesesaal: In welchem Jahr ist der Autor dieses Satzes oder Gedichts geboren? Ich brachte den Satz: Süßes Leben! Schöne freundliche Gewohnheit des Daseyns und Wirkens! - von dir soll ich scheiden? Mutter und Schwestern, extrem ratlos, Sie aber leichthin, als wünschten Sie sich etwas Schwereres: 1749. Goethe, rief die Mutter, wirklich!? Ich erklärte euch dann, nicht unstolz, dass der bedeutende Hufeland diesen Satz vorne in sein Buch Die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern, als Motto aufgenommen habe. Ach, Ulrike.
Ich bin, wenn ich an Sie denke, immer von Schwäche- und Stärkeanfällen durchtobt. Worauf ich lange stolz war, das Gleichgewicht, ist hin. Ich gebe einen scheußlichen Schwächeanfall preis: das Handelnwollen.
Wenn du nicht alles kriegst, mit wie viel bist du dann zufrieden? Du weißt ja nicht, wie viel du allenfalls kriegen könntest. Weniger als alles, klar. Wie viel weniger? Was ist das Wenigste, was du noch annehmen darfst, ohne so lächerlich zu sein, dass sie dir das nicht mehr anzubieten wagt? Du hast nur dich, mit dem du handeln kannst.
Ulrike, ich könnte jetzt Ihre Routine im Umdrehen weiser Sprüche brauchen. Mit Widrigem fertig werden, indem man seine Notwendigkeit anerkennt. Ich erkenne also an, dass Sie nun einmal in Straßburg sein müssen. Dass das notwendig ist. Für Sie. Die Widrigkeit, dass Sie nicht erreichbar sind, ist dadurch, dass ich ihre Notwendigkeit anerkenne, eher schärfer geworden. Bitte, drehen Sie den Satz so, dass für mich etwas Erträgliches herauskommt. Ich spiele hier die Rolle dessen, der über alles hinaus ist.
Heroisch, dann und wann sentimental, es funktioniert. Ich spiele den Entsagenden. Muss ich ja. Sie erinnern sich: Die Wanderjahre oder die Entsagenden. Ich lüge nicht, Komödie lügt nicht, sie ist nur nicht an der Wahrheit interessiert. Andererseits gibt man mir zu verstehen, ich sei von einer krankhaften Reizbarkeit. Meine Frage, ob denn der Herr der Vornamen quelque chose gedacht oder empfunden oder gewusst hat, haben Sie missachtet. Ja, wie soll ich denn da nicht reizbar sein? Ich bin ein Kartenhaus, das behauptet, eine Festung zu sein. Kleine Almanache und Kupferstiche habe ich unter Aufsicht mit Ihnen anschauen dürfen. Und das war's!
Dr. Rehbein fragte, ob wir für nächstes Jahr Böhmen schon vorbereiten sollen. Ich sagte, sie sollen. Aber glaube ich daran? Ich kann mir die Fichtenwälder um unsere selige Wanne nicht ohne Sie denken. 450 Schritte, haben Sie gesagt, seien wir gegangen von den Kolonnaden bis zum Brunnen. Ich dachte, Sie hörten mir ein bisschen zu, wenn ich erzählte, ich könne, wenn Stadelmann mir die nächste Feder bringt, mit der nächsten Feder nur schreiben, wenn sie der gerade abgeschriebenen zum Verwechseln ähnlich sei - da erzähl ich, wie das Schreiben eine praktizierte Treue ist, und Sie zählen dabei unsere Schritte. Und sagen dann auch noch dazu, dass wir im Durchschnitt 450 Schritte brauchten, manchmal seien es 430, manchmal 470.
Das hänge, sagten Sie spitz, ganz davon ab, ob Sie mir zustimmten oder ob Sie widersprächen.
Wie denn das, wollte ich wissen, und Sie:
Wenn ich widerspreche, gehe ich schneller, als wenn ich zustimme.
Und ich: Da Sie mir immer widersprechen, brauchen wir nie mehr als 430 Schritte.
Und Sie: Ich hatte nur den Eindruck, Ihnen sei in Ihrem Leben zu wenig widersprochen worden.
Da musste ich Sie an die Feinde meiner Farbenlehre erinnern.
Sie, spitz genug: Entschuldigen Sie, Exzellenz, dass ich einen Augenblick lang nicht an Ihre Farbenlehre gedacht habe.
Das ist überhaupt nicht zu entschuldigen, rief ich dann, von Ihrem Übermut angesteckt.
Dann Sie, nur zum Schein spielhaft befehlerisch: Themenwechsel!
Und ich genau so: Feiglingin!
Sie, jetzt fast stehen bleibend, auf jeden Fall sich ganz mir zudrehend: Wenn Sie mich so unterwerfungssüchtig machen.
Ach, Contresse Levetzow, sagte ich dann.
Ach, ach, ach, ach, sagten Sie, jetzt habe ich es viermal gesagt, jetzt können Sie es heute viermal weglassen.
Wie sollte mich das nicht glücklich machen, Ulrike! Und es wurde die durchgreifendste Erholung meines Lebens. Ins Leben zurückkehrend, schrieb ich Zelter, dem Einzigen, dem ich alles sage. Fast alles. Ich trage nach, zum Thema Farbenlehre: Sie sind der einzige Mensch, Ulrike, der mich je dazu brachte, beim Thema Farbenlehre heiter zu bleiben.

weimar, 18. dezember 1823

Liebe Ulrike,
gestern wurde ich grob gestört. Gerade dass sie noch anklopfte. Dann rannte sie her und schüttete mir ein paar Fetzen Papier auf den Tisch. Beschriebene Fetzen. Hinter ihr drein der kleine Walther, heulend, weil die Mama ihm sein Spiel weggenommen hatte. Er hatte aus einem Blatt Papier sorgfältig Fetzen gemacht, die etwas darstellen sollten. Man sah es. Ein Schiff, ein Baum, eine Kirche, ein Haus. Die wollte er aufkleben, dann anmalen. Das brachte er heulend, seine Mutter anklagend, hervor. Ich musste die Fetzen nicht erst noch ordnen, ein Blick, und ich wusste Bescheid. Ein Gedichtchen. Vor ein paar Tagen hingeschrieben. Ich hatte schon danach gesucht, hoffte, es würde mir wieder in die Hände fallen, das Haus verliert ja bekanntlich nichts, und dieses schon gar nicht, und so etwas überhaupt nicht. Das Gedichtchen heißt:

Erinner' mich doch spät und früh
Des Lieblichen Gesichts,
Sie denkt an mich, ich denk' an sie,
Und beiden hilft es nichts.

Zuerst konnte Ottilie nicht sprechen. Sie zischte. Kerzenblass stand sie. Die Hände vorgestreckt gegen mich, halb Drohung, halb Bettelei, dann endlich gelangen zwei Wörter: Tartuffe. Lügner. Sobald sie das heraus hatte, lief es. Heuchler. Uns wird das große Entsagungstheater vorgespielt, und in Wirklichkeit werden Gedichtchen verfasst, wie es ein Neunzehnjähriger nicht besser könnte. So oder so ähnlich. Wie öfter war ihr letzter Schrei: Du unmöglicher Mensch. Allmählich bilde ich mir noch etwas ein darauf. Ich sagte: Komm, Walther. Er kam her. Ich fragte ihn, was es werden sollte. Weimar im Winter. Das war, weil die Fetzen trotz der Schrift weiß waren, sinnvoll. Leim habe ich immer in der Schublade, also klebte ich mit ihm Weimar im Winter. Die Fetzen so, dass die Schrift sichtbar blieb. Aber so, dass ein anderer Text entstand. Walther kann natürlich schon lesen. Nachher war da die Kirche mit Häusern und einem Schiff. Auf den Fetzen stand: spät und früh ... Und beiden ... hilft es ... Sie denkt ... an mich ... doch ... Des Lieblichen Gesichts ... Erinner' mich.
Ottilie hatte ihr Schlusswort Du unmöglicher Mensch geschrien und war gegangen. Sie sah uns in einer sinnvollen Klebearbeit. Walther war stolz auf sein Werk. Und durfte das sein. Wieder allein, schrieb ich mir das Gedicht, das ich, nachdem Ottilie es Gedichtchen geschimpft hatte, nicht mehr so nennen konnte, hin. Und las es mir halblaut vor:

Erinner' mich doch spät und früh
Des Lieblichen Gesichts,
Sie denkt an mich, ich denk' an sie,
Und beiden hilft es nichts.

Schlimm, dass ich dieses Blatt verlegen, verlieren konnte! Jetzt weiß sie wieder Bescheid. Jetzt kann ich wieder tagelang den sinnreichen Gleichmütigen, den geduldig an allem Teilnehmenden, den Weisen von Weimar spielen, das simple Gedicht hat mich verraten. So etwas muss ich doch hinschreiben dürfen. Ich kann mich nicht zuschandenschlucken. Aber dann ... dann muss ich aufpassen. Viel besser aufpassen. Ich lebe in Feindesland. Kanzler von Müller, der Einzige, mit dem ich manchmal spät abends bis in die Nähe meines Zustands plaudern kann - obwohl auch er mich dafür bewundert, dass ich so gut über alles weggekommen bin! -, Kanzler von Müller sagt mir manchmal, was in der Sphäre der Vermutung und des Gerüchts noch herumschwirrt. Die Gerüchte werden blasser, sagt er. Er will sagen: Wir können zufrieden sein. Aber was er zuletzt anbrachte, kann ich Ihnen nicht ersparen, weil es mich fast gerührt hat. Caroline von Wolzogen, Schwester der Witwe Schillers, eine der schlimmeren Carolinen, hat in Umlauf zu setzen versucht, wenn Goethe jene junge Levetzow wirklich zu sich nehmen wolle, das aber gegen Ottilie nicht durchsetzen könne, sie, Caroline von Wolzogen, nehme die Levetzow herzlich gern bei sich auf. Dass sie damit das Zentrum des Interesses der gebildeten Welt wäre, würde sie offenbar gern in Kauf nehmen.


Fortsetzung folgt

Auszug aus
Martin Walser, „Ein liebender Mann"
Copyright © 2008 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

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