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Mittwoch, 16. April 2008

Auszug aus: "Ein liebender Mann"

Folge 44:

Wirklich nicht vergessen darf ich, dass ich in Ihrem Brief am längsten auf die letzten vier Wörter hingeschaut habe. Sie haben sich eingebrannt in meine Seele. Sie leuchten Tag und Nacht auf, sobald ich auch nur in Ihre Himmelsrichtung denke: Durch Sie bekommt das Wort Himmelsrichtung wieder Klang: Ihre ergebene Freundin Ulrike.
Das könnte ich mir hundertmal hinschreiben und es hundertmal laut lesen und jedes Mal ganz anders. Kommen Sie, prüfen Sie mich, zählen Sie mit, weil Sie doch im Mitzählen unübertrefflich sind. Aber in was denn nicht! Ihre ergebene Freundin Ulrike. Die Leute, die mich verlachen, weil ich Sie nicht vergessen kann, wissen nichts von Ihnen. Sie glauben, ich habe wegen eines so jungen Menschen den Verstand verloren. Mehr als eine Iffland-Komödie ist es nicht für sie. Weil sie die Contresse Levetzow nicht kennen! Nicht ihren Reichtum im Antworten! Im Widersprechen! Wenn ich an unsere Gespräche denke, weiß ich, dass ich vorher niemals solche Gespräche erlebt habe. Entweder wurde ich angefochten oder angebetet. Sie, Ulrike, Sie, Sie, Sie sind, was mich betrifft, zur Welt gekommen, dass ich mich in einem zweiten Menschen verlieren konnte und erleben, wie er mich mir glücklich zurückgab. Und ich soll Sie nie wiedersehen? Das dürfen wir beide nicht glauben. Herr de Ror hin, Herr de Ror her . . . ich schließe, sonst . . . Ach, Ulrike! Könnten Sie mir, bitte, noch das Gegenteil eines meiner Sprüche liefern: Wer nicht verzweifeln könne, müsse nicht leben. Bitte das Gegenteil, Contresse Levetzow. Heißt das: Wer nicht leben müsse, könne verzweifeln? Contresse, ist das so? So weit war ich gestern. Bei der Verzweiflung. Und merkte, das muss gestanden werden, dass meine Hände zitterten. Und gezittert wird nicht, ohne dass der Vornamenlose vier Schauspieler die Hände hochwerfen und zittern lässt. Und aus meinem Mund hörte ich die kleinen kurzen Schreie. Nicht nur meine Hände zitterten, bis in die Schultern zitterte ich, und von den Schultern griff es nach dem Hals, ich hob die Hände, legte sie auf Stadelmanns Schultern, als müsse es ihnen dort bessergehen. Stadelmann war hereingekommen. Vielleicht waren meine kleinen kurzen Schreie zu groß geraten. Aber ich konnte die Hände dort nicht liegen lassen, fiel Stadelmann um den Hals, sank dem großen Menschen, er ist sicher einssiebenundachtzig, an die Brust, ich weinte. Und hoffte, er bemerke es nicht. Er sagte: Exzellenz. Und führte mich in die Kammer und setzte mich dort in den Egloff’schen Lehnstuhl. Ich musste den Schmerz zerrinnen lassen, der mir jetzt von den Schultern in die Arme und in den Armen abwärtszog, bis in die Hände, in die Fingerspitzen. Es war nicht das Fließen einer Flüssigkeit, sondern ein Ziehen von etwas Immateriellem, das aber deutlichste Empfindungen, nämlich schmerzliche, im Körperlichen produzierte. Es blieb noch, ich weiß nicht, wie lang, in Armen und Händen eine heiße Schwere. Ich fühl’s. Ich schwör’s.
Das zuletzt Gesagte bleibt: Ihre ergebene Freundin Ulrike. Und: Ihr unmöglicher Mensch.
So will ich Ottilie denn glauben, liebste Ulrike, und auch so schließen als Dein unmöglicher Mensch. Wie soll ich denn aufhören, an Dich zu schreiben, Liebste, wenn es außer Dir nichts gibt. Und Dich gibt es nicht. Ecco. Aber einen Neuen Bund gibt es jetzt, den Bund der Elegie. Ihm gehören an Ulrike von Levetzow, Wilhelm von Humboldt, Carl Zelter, Johann Wolfgang Goethe.

V

Seit er einmal einen Brief von Ulrike erhalten hatte, wartete er jeden Tag auf einen Brief von ihr. Das durfte noch weniger bemerkt werden als das übrige Geheimgehaltene. Wenn er Stadelmann oder John mit der Post kommen hörte, nahm er sofort ein Blatt und fing an zu schreiben, dass er den mit der Post Eintretenden nicht beachten musste. Allenfalls deutete er mit einer Handbewegung an, wo die Post hingelegt werden sollte. Das Eismeer zwischen den Menschen. Wir wissen zum Glück nichts voneinander. Er sah, als der Brief dann eingetroffen war, sofort das lavendelblaue Kuvert. Er wusste auch, dass er den Brief nicht öffnen sollte. Er wusste, dass sie ihm nicht das schreiben konnte, was allein er lesen wollte. Er wusste aber auch, dass sie immer alles schreiben würde, was überhaupt möglich war. Alles Schöneguteglückverheißende, Glückersetzende. Ulrike ging immer weiter, als sie durfte. Sie war voller Liebe. Das war sie doch. Dass sie nicht schreiben konnte: Morgen komm ich und falle Dir um den Hals und sag Dir etwas Frechböswunderbares ins Ohr! Daran war sie nicht schuld. Also lass, bitte, nichts auf Ulrike kommen! Vergiss nicht: Ihre ergebene Freundin Ulrike. Wenn eine das Maschinenwesen favorisierende junge Frau so etwas schreibt, dann weiß sie, was sie schreibt. Er hatte sich jeden Tag, wenn er auf den nächsten Brief wartete, vorgestellt, was in einem solchen Brief stehen werde. Er hatte sich vorgemacht, er sei auf alles gefasst. Ein 31. Oktober kommt kein zweites Mal. Das ist einfach nicht des Schicksals Art, einen Schlag zweimal zu senden. Also vor einem zweiten 31. Oktober durfte er sich geschützt fühlen. Und was er seither von Ulrike bekommen hat, war lindernd, heilend. Zumindest von ihr so gemeint. Ihre ergebene Freundin Ulrike.
Obwohl er genau genug wusste, dass man nichts vorher wissen kann und dass die Wirklichkeit immer alles übertreffen wird, auch das, was man nur ahnen konnte, war er wieder vollkommen überrascht. Das, was da mitgeteilt wurde, war nicht zu ahnen gewesen. Ulrike trägt jetzt einen Schmuck. An goldener Kette einen Smaragd. Einen tiefgrünen Smaragd, der ihre Augen wiederholt und dunkel macht. Ein Geschenk. Aber keins, das nur in der de Ror’schen Redensart ein Geschenk war, sondern wirklich eins. Eins, das sie nicht ablehnen konnte, weil er es ihr nicht für immer geschenkt hatte, sondern zur Probe. Sie soll den Stein tragen oder eben probieren, ihn zu tragen, und wenn er dann wieder einmal durch Straßburg kommt, erkundigt er sich nach ihrer Erfahrung. Dann wird man sehen. Warten wir’s ab, dann sehen wir weiter. Was will sie da machen, wenn sie nicht vorsätzlich grob sein will. Und das will sie doch nicht. Das hat er auch gar nicht verdient, der leidenschaftliche Schmuckverbreiter. Er macht wirklich den Eindruck, als sei es ihm peinlich, eine Frau ohne Schmuck anzusehen. Eigentlich müsse in einem Mädchen, spätestens wenn sie zwölf sei, die Lust auf Schmuck erwachen. Aber keine Norm gilt für alle. Allerdings, wenn man auf zwanzig zugeht und die Lust auf Schmuck schläft immer noch, dann sind die Freunde und Nächsten dieser Frau gefordert, diese Abstinenz auf die Probe zu stellen. So wurde geredet. Eine Zeit lang im Beisein der Mutter und des Grafen. Die Mutter hat er, das sei unvergessen, noch extra bezaubert durch sein Mocca-Geschenk. Ja, das sei der echte, reine Mocca-Kaffee, durch seine Verbindungen entwendet direkt aus dem Harem des Paschas von Ägypten, aber noch nicht gemischt und vermischt, sondern Bohne für Bohne ausgelesen. Die Mutter ist, nachdem sie davon getrunken hat, fast in Ohnmacht gefallen vor Entzücken. Dann erbat sich der Schmuckverbreiter noch eine Solo-Audienz. Die wurde ihm, mehr von der Mutter als von ihr, gewährt. Wahrscheinlich weil er gesagt hatte, wenn eine junge Frau ein so übermäßiges Vorbild habe, wie es ihre Mutter, nicht nur was den Schmuck betreffe, nun einmal sei, dann sei eine Art Verspätung des von der Natur vorgesehenen Wunsches nach Schmuck recht verständlich. Geredet habe der nicht laut, eigentlich auch nicht aufdringlich, eher nachdenklich, aber ohne Pause. Es war zu erleben, er kann nicht anders. Er muss das sagen. Um ihretwillen. Er habe sie dabei immer beobachterisch angesehen. Oder auch neugierig. Offenbar bereit, etwas zu entdecken. Zum Beispiel die Wirkung seiner von seiner Beobachtung genährten Rede. Also so viel Fürsorge einfach brüsk zurückzuweisen, etwa mit dem auf der Promenade so wunderbar eingeübten Ruf Themenwechsel, das sei leider nicht möglich gewesen. Ihr nicht möglich gewesen. Das müsse sie zugeben. Aber dass sie den Schmuckapostel beleidige, habe der auch nicht verdient. Er sei wirklich eine Freundlichkeitsbegabung und könne einen spüren lassen, dass er es nur gut meine. Da sei jemand doch schon so gut wie eine Frau, und keine Frau in ihren Kreisen zwischen Konstantinopel und London läuft mit nacktem Hals und bloßen Ohren herum. Auf jeden Fall müsse sie, wenn sie demnächst beim Debütantinnen-Ball in Wien auftrete, sich eine Antwort überlegen, da sie hundertmal gefragt werde, warum diese Abstinenz. Und so weiter und so weiter. Ich habe so an Sie gedacht, Exzellenz. Das heißt, ihm zuhörend war ich bei Ihnen.


Fortsetzung folgt

Auszug aus
Martin Walser, „Ein liebender Mann"
Copyright © 2008 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

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