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Donnerstag, 17. April 2008

Auszug aus: "Ein liebender Mann"

Folge 45:

Er sei doch ihr großer Gesprächsmeister gewesen, 49 Tage lang – ja, sie habe, wenn er gestatte, mitgezählt –, 49 Glückstage hindurch habe sie, wie andere reiten lernen, sprechen gelernt, bei ihm, und es sei ihr bis jetzt noch nichts, was sie gelernt habe, so schön geworden und so wichtig, so erfüllend, sie so ganz und gar ergreifend, sie steigernd. Was das Reiten angeht, zu Hause auf Schloss Trschiblitz wartet mein Brauner auf mich, dass wir über Hecken und Gräber setzen und uns fühlen wie der Herbststurm selbst, also reiten habe ich können, lang ehe ich lesen können wollte. Jetzt könne sie also reiten und sprechen. Sie fühle sich ausgezeichnet. Als man dann die Mitternachtsgrenze passierte, habe Herr de Ror tatsächlich einen zweiten Vornamen angeboten, wieder einen, den sie keinem Menschen weitersagen dürfe, bevor sie nicht bei öffentlichstem Tageslicht seinen ganzen Namen trage. Da habe sie Halt gerufen, habe sich geweigert, einen Vertrag zu erfüllen, den sie nicht geschlossen habe, der ihr auferlegt werde ohne ihre Zustimmung. Da habe er gewirkt, als treffe ihn das. Vertrauen gegen Vertrauen, habe er gerufen. Und so weiter und so weiter. Exzellenz, das ganze Vornamenstheater sei so inhaltsarm und eigentlich bedeutungslos, dass sie davon gar nicht hätte anfangen sollen. Aber der Schmuckapostel, der sich dann zum Lebensapostel aufgeschwungen habe, habe sie, obwohl sie rechtzeitig Einspruch angemeldet habe, durch seinen Vornamen-Zauber in eine Lage gebracht, aus der sie sich befreien möchte. Aber wie? Tatsächlich fühle sie sich jetzt durch das sogenannte Vertrauen, in das er sie, ohne sie vorher zu fragen, gezogen habe, gebunden. Zumal er ziemlich mitgenommen wieder von einer Enttäuschung sprach, die er habe durchleben müssen, die ihn fast das Leben gekostet habe. Ein zweites Mal könne er so etwas nicht durchmachen. Es sei ein Vertrauensbruch gewesen, der ihn an den Rand seiner Existenz gebracht habe. Und so weiter und so weiter. Jetzt wisse Exzellenz sicher schon mehr als sie, da ja Exzellenz vollkommen klug und von weit her alles viel ruhiger zur Kenntnis nehmen könne als sie, die vom Wirbelsturm Zerzauste. Ja, zerzaust komme sie sich schon vor. Wenn das das sogenannte Leben sei, wisse sie noch nicht, ob sie daran teilnehmen wolle. Obwohl eine Art Abenteuerstimmung auch entstanden sei, und die sei, wenn sie das recht fühle, nicht nur unangenehm. Den Smaragd habe sie noch nicht öffentlich getragen. Probiert schon, aber nur, wenn sie allein war. Sie könne noch nichts sagen. Auf jeden Fall sei der Stein in Farbe, Größe und Fassung diskret. Aber er sei im Stil, so der Schmuckapostel, vergleichbar mit dem Smaragd, den die Herzogin von Devonshire trage. Dass die ganze Schmuckattacke von der Mutter und dem Grafen Klebelsberg geplant worden ist, sei ihr klargeworden. Klebelsberg hat der Mutter gerade eine viermal um den Hals reichende Kette geschenkt, böhmischer Granat, mehr schwarz als rot, dazu zwei genauso schwere, genauso schwarzrote Granatketten als Armbänder und genauso düstere Ohrgehänge, der Graf ist irgendwie beteiligt an diesem Vorkommen in Brux. Er hat gedroht, sie auch unter so einer Schmucklast zu begraben. Zur Verlobung vielleicht. Sie begreift ja, die Mutter will heiraten, aber nicht mit einer erwachsenen Tochter im Gefolge. Also weg mit der. Schmuck drauf und hin auf den Debütantinnen-Ball. Das ist sicher dem Grafen eingefallen. Und Herr de Ror ist beste Qualität. Eine Zukunft mit Goldrand. Jetzt aber Schluss. Und zwar Schluss in der Hoffnung, dass er höre, sie rufe wie schon des öfteren Exzell-e-enz. Dann wieder: Ihre ergebene Freundin Ulrike.
Sofort wusste er, jetzt war der Gruß nichts mehr wert. Mit dieser Schmuck-Suada hatte sie alles entwertet. Jetzt war nichts mehr. Jetzt war er dahin verwiesen, wo er hingehörte, von wo er sich nie hätte wegbewegen lassen dürfen. Aber wie hätte er das in den tausend Augenblicken wissen sollen, dass das alles immer nichts war. Nichts als . . . Nichts als was? Hör auf. Es gibt nichts zu erkennen. Nicht noch einmal alles durchhecheln, was war falsch, von wann an . . . Wegwerfen, alles wegwerfen, auch dich selbst, keine Redensarten, denken nur, was du dann auch tun kannst, alles bloß Wörtliche, weg damit, Geheimhaltung, sonst nichts, du bist in Feindesland, zu produzieren ist eine vollkommene Unvermutbarkeit, du bist der Entsagende wie noch nie, du musst nichts ausstrahlen als das Entsagen! Nicht laut, ganz leise, ganz weise, wie es sich gehört, der große Entsagende, die edelste Kulturfassade Deutschlands, Europas, der ganzen Welt, das Entsagungsbeispiel für kommende Zeiten, alle Unglücklichen sollen aufschauen zu dir wie zu einem Sternbild: So geht man um mit einem großen Schmerz, siehst du, so dass der Schmerz keiner mehr ist, nicht mehr weh tut, ein Lächeln, eine dein Gesicht schöner machende Kulturgrimasse, der Schmerz ein Gelegenheitsgedicht, nicht zu leicht, aber doch viel leichter als die Elegie, die Elegie bleibt im Safe, dass es weh getan hat, gehört dazu, jetzt, da es vorbei ist, ganz und gar vorbei, kannst du zugeben, dass es weh getan hat, da es ganz vorbei ist, darf es sogar sehr weh getan haben, es kommt nur darauf an, dass es vorbei ist, vorbei, vorbei, vorbei. Vor allem: Du musst dafür sorgen, dass sie erreicht wird! Sie muss sehen, dass du kein dich windender Wurm bist. Es soll ihr wohler werden, wenn sie sieht, der Alte hat’s geschafft. Ihr wart zusammen ein Sommertheater, ihm hat’s weh getan, ist ja sehr hübsch, dass es ihm weh getan hat, wäre ja noch schöner, aber er ist drüber weg, er hat entsagt, schreibt sogar seinen Wanderjahre-Roman um, wieder mit dem Untertitel "Die Entsagenden", jetzt aber so, dass jeder sieht, wie das geht, das Entsagen, edel sei der Mensch, hilfreich und gut, und wenn es ihm schlechtgeht, gibt ihm ein Gott zu sagen, was er verschweigt, halt, eben das nicht . . .
Von draußen drang Pferdegetrappel herein. Dieses schöne Geräusch frisch gehärteter Hufe auf dem harten Platz. Acht Hufe im gelassensten Rhythmus der Welt. Und lenkte ihn nach Karlsbad, wo man in der Alten Wiesenstraße keine fünfzig Meter von der Brücke über die Tepl gewohnt hatte. Ulrike hatte, weil die Hufe auf der Holzbrücke dröhnten, gesagt: Die Geisterreiter. Es war ja abends, als sie vor dem Goldenen Strauß saßen und den Mond aufgehen ließen über dem Dreikreuzberg. Und er mit ihr am Sprudel, wortlos zusehend dem hochzuckenden Wasserstrahl, der ja nicht monoton immerfort gleich hochschießt, dann stünde er ja nur wie eine Wassersäule in die Höhe, sondern er zuckt hoch, schießt hinauf, verhält sich eine Viertelsekunde, als hole er wieder Atem und Kraft, dann zuckt er, schießt wieder in die Höhe. Wenn er mit Ulrike und all den anderen Badegästen stand, wusste er nicht, woran die alle dachten, wenn sie sich dem Anschauen dieses hochzuckenden Wasserwunders hingaben. Und er fand, es sei doch alles falsch gelaufen! Warum konnte man, durfte man, was man da deutlich genug empfand, nicht ausdrücken?! Er spürte den Rhythmus in seinem Teil, das so gern das Ganze wäre. Und Ulrike? Und alle anderen? Wenn Ulrike ihn dann auf dem Rückweg ein wenig berührte, fühlte er sich vollkommen glücklich. Nie wieder würde er mit Ulrike den Sprudel zucken sehen. Dieses "Nie wieder" hatte eine Wucht. Eine vernichtende Wucht. Er spürte, dass er die Starre, die sich in ihm ausbreiten wollte, nicht zulassen durfte. Jetzt war wie noch nie Geheimhaltung verlangt. Verbergen. Wenn das, was ihn jetzt beherrschte, hinauskäme aus ihm, würde ein Orkan der Teilnahme und des Triumphs losbrechen, untergehen würde er in den Wogen der moralisch-ästhetischen Rechthaberei, die anrollen würde als fürchterliches Bedauern. Instinktiv griff er nach der Liste mit dem Programm des Tages. Zusammen werden erscheinen der Kanzler von Müller mit Julie von Egloffstein. Präsentation eines erstaunlichen Bildes, stand da. Das erst um fünf. Um sechs Riemer, will seine satirischen Sonette gegen die Sprachreiniger vortragen. Dann Line mit Soret, Rehbein, Adele Sch., dem Kanzler, Riemer, Ottilie und Meyer und dem Generalsuperintendenten Röhr. Aber vorher um fünf noch ein Herr Zeuner, der in gestelzter Sprache um eine Empfehlung an W. von Humboldt bitten will. Seinerseits sehr empfohlen von Kanzler von Müller.
Sie hat die Vergangenheit gegen die Zukunft eingetauscht. Das würde jeder Mensch, der noch zurechnungsfähig ist, so machen. In Gesellschaft darf dir das Wort Zurechnungsfähigkeit nicht aus dem Mund kommen. Sich löschen können wie das Licht. Geträumt hast du schon alles. Bloß am Tag nicht zugeben, dass der Traum recht hat. Mit ihr in der Kirche in Karlsbad, hast du geträumt, es war die Jakobskirche aus Weimar. Jetzt stand sie in Karlsbad. Hoch über der Stadt am Waldrand, am Weg zur Diana-Hütte, wo er mit ihr die vier Du-Stunden erlebt hatte.
Sie waren im Traum den steilen Weg hinaufgegangen, ohne zu sprechen. In Wirklichkeit hatte Ulrike schon während dieses steilen Anstiegs Werthers Trauer über die Nussbäume vorgetragen. Als sie schon fast am Waldrand angekommen waren, entdeckte sie plötzlich diese Kirche, die er als die Jakobskirche erkannte.


Fortsetzung folgt

Auszug aus
Martin Walser, „Ein liebender Mann"
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