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Freitag, 18. April 2008

Auszug aus: "Ein liebender Mann"

Folge 46:

Dann waren sie drin in der von tausend Kerzen festlich erleuchteten Kirche. Sie war so überfüllt wie an dem Tag, als Christiane hier beerdigt worden war. Ulrike lachte, sobald sie in der Kirche waren, lachte dem und jenem zu. Die lachten zurück. Ulrike kannte alle, alle kannten Ulrike. Dann küssten sie einander. Er und sie. In Wirklichkeit hatten sie einander auf dem Rückweg am Waldrand zum letzten, zum allerletzten Mal geküsst. Aber während sie einander im Traum küssten, drehte sie ihr Gesicht, ohne das Küssen zu beenden, so, dass sie an ihm vorbeischauen konnte, dass sie einem jungen Mann, deutlich einem Orientalen, nachschauen konnte, der an ihnen vorbei zur Tür ging und sich, bevor er durch die Tür verschwand, noch einmal umdrehte für einen Blickwechsel mit ihr.
Als er aus diesem Traum aufwachte, war er sofort aufgestanden. Er fürchtete, wenn er wieder einschlafe, müsse er wieder einen solchen Traum erleben. Diese Ohnmacht gegen einen Traum. Was sollte er am Tag tun, um vor solchen Träumen geschützt zu sein? Er wusste es ja. Er sollte sich durchsetzen. Gegen sich. Das Einzige, was bisher geholfen hatte: Arbeit. Er konnte schreiben, was er wollte, über was er wollte, solange er schrieb, war er geschützt. Das war geübt. Das hatte er intus. Schreibend war er nicht von dieser Welt, sondern in einer eigenen. Aber wenn er dann ermüdete und aufhören musste, überfiel ihn die Vergangenheit mit gesteigerter Wucht, so als habe sie sich, weil er sich von ihr weggewandt hatte, aufgeladen, gestaut und sei jetzt vielmal so mächtig, wie sie davor gewesen war. Er holte Hufelands Buch und las die Stelle, die er, als er krank war, gelesen und angestrichen hatte. Er las das jetzt noch einmal:
Boerhave erzählt von sich selbst, daß er, nachdem er einige Tage und Nächte immer über den nämlichen Gegenstand nachgedacht hatte, plötzlich in einen solchen Zustand von Ermattung und Abspannung verfallen wäre, daß er eine geraume Zeit in einem fühllosen und totenähnlichen Zustand gelegen habe.
Warum verfiel er nicht, da er doch nur an Ulrike dachte, in diesen erwünschten fühllosen und totenähnlichen Zustand? Warum war er nie darauf gekommen, Ulrike aus ihrer Schmuckverweigerung zu befreien? Weil er ihren Zustand achtete. Weil er sie zu sehr verehrte. Weil er sie anbetete, so wie sie war. Am letzten Abend in Karlsbad hatte er ihr dieses goldene Gingko-Blättchen geschenkt, absolut lächerlich. Sie hatte es nicht einmal an diesem Abend getragen. Ihm aber hing das goldene Schlüsselchen, das zu ihrem Handschuh führte, Tag und Nacht um den Hals. Sie existierten in einer grausamen Ungleichheit.
Jenem Herrn Zeuner ließ er von John die diktierte Empfehlung an Humboldt überreichen, ohne ihn zu empfangen. Das vermochte er, weil er sich an der gestelzten Sprache rächen wollte. Dann also, fast ersehnt, der Kanzler von Müller und Julie von Egloffstein. Er und der Kanzler wetteiferten, seit die süße Julie, so wurde sie mit Recht genannt, ins Haus kam, um ihre Gunst. Julie genoss es. Heute aber kamen beide mit Verschwörer-Gesichtern. Der Kanzler trug ein in eine Decke gehülltes Bild. Bitte, Platz zu nehmen, Exzellenz, und wegschauen. Er gehorchte. Als er wieder hinschauen durfte, hing das Bild an der Wand, an der immer Bilder zur Präsentation hingen. Es war Ulrike von Levetzow. Beide freuten sich über seine Sprachlosigkeit.
Julie sagte, es sei ein Weihnachtsgeschenk für ihn. Von ihr. Da sie aber nicht sicher gewusst habe, ob es unter dem familiären Weihnachtsbaum willkommen sei, bringe sie es ihm jetzt schon.
Dramaturgie, dachte Goethe. Der allerhöchste Regisseur. Oder Teufels Großmutter. Dass das Wort Zufall nur ein Verlegenheitswort für Ignoranten war, hatte er immer gewusst.
Exzell-e-enz, rief Julie so doppelsilbig wie sonst nur Ulrike.
Das wurde bedrohlich. Aufstehen konnte er nicht. Er musste jetzt eine Haltung zeigen, die die beiden Gutwilligen verstehen und, falls sie gefragt würden, weitersagen konnten. Wie kommt es zu diesem Bild, Julie? Diese Frage klang intensiv, aber nicht fassungslos.
Auf diese Frage hatte Julie gewartet. Und sprudelte los. Julie hat in Dresden ein Fräulein Fölkersam kennengelernt, die in Dresden Kunst studiert. Sobald das Fräulein Fölkersam, eine Kurländerin, hört, dass Julie in Weimar daheim ist, rennt die Kurländerin und holt ihr Goethe-Porträt und will wissen, ob es gut sei, und Julie, Goethe parodierend, sagt: Höchst kongruent! Die ist glücklich, plaudert aus, dass sie von ihrer Freundin Ulrike von Levetzow viel über Goethe und Marienbad gehört habe, auch habe sie Ulrike gezeichnet. Julie erwarb die Zeichnung und führte sie aus zum Bild: halb Gouache, halb Aquarell, halb Kreide, halb Öl. Das Tollste: Ulrikes Gesicht in so vielen Farben! Er erinnerte sich: So sah sie im Traum aus. Ach, Julie! Die sagte, jetzt bitte sie um ein Todes- oder ein Lebensurteil. Goethe sagte: Höchst kongruent. Jetzt lachten die zwei.
Dann seriös zu Kanzler von Müller: Er wisse sicher, dass Ottilie samt Familie morgen abreise nach Berlin. Berlin leuchtet, sagt Ottilie. Und seit sie das gesagt hat, sagen es alle. Und alle wollen die Saison in Berlin verbringen, sich amüsieren. Aber nicht alle können. Wir Armen, die den Glücklichen nur trauernd hinterherschauen können, wollen aber für uns sorgen dürfen. Dazu gehört als Erstes: Dieses Bild wird der Künstlerin abgekauft, Herr Kanzler, Sie zahlen dafür jeden Preis, dann kommt es in meine Räume, meine Schränke, verschwindet für immer, wir wissen nichts von einem solchen Bild! Kein Geschwätz, kein Gerücht, wir sind geübte Entsagende, uns ficht nichts mehr an. Herr Kanzler, liebe Julie, ich sehe, ihr seid von Herzen einverstanden. Und ließ das Bild sofort abhängen und zu sich hinüberschaffen. Das besorgte Stadelmann. Der Abend war gerettet.
Als er dann spät in seine Räume kam, sah er einen Zettel vom weisen Stadelmann, der mitteilte, in welchen Schrank er das Bild getan hatte.
Er saß im Stuhl der Mutter Egloffstein und ließ seine Hände zittern. Es gab nicht die geringste Gefahr, dass seine Hände im Beisein anderer Leute zu zittern anfingen, aber wenn er allein war, tat es ihm fast gut, sie zittern zu lassen. Er musste dann gar nichts tun, sie zitterten anstrengungslos, sozusagen von selbst. Er sah zu. Sah seine Hände an. Die Fingernägel. In Marienbad von Stadelmann geputzt, poliert. Wahrscheinlich wird Juan Adam de Ror, wenn die echten Diamanten mit den nachgemachten nicht mehr konkurrieren können, mit seinen Orientbeziehungen im Kaffeehandel der Größte werden. Die Zukunft heißt Mocca.

VI

Er musste endlich aufstehen. Kaum stand er, durchfuhr ihn ihre Abwesenheit. So scharf, frisch, schmerzhaft, als treffe die Nachricht, dass er sie nicht mehr habe, gerade in diesem Augenblick ein. Sofort beherrschte ihn dieses nichts aussparende Gefühl der Verlorenheit. Im Liegen hatte er eine unmessbare Zeit lang geübt, sich ohne sie zu sehen; hatte eingeübt, dass es sie für ihn nicht mehr, nie mehr gebe; er konnte das Gefühl haben, eine Art nichts mehr durchlassende Decke über alles geworfen zu haben. Und jetzt, durch nichts als eine Lageveränderung, war seine ganze Abfindungsarbeit weg, als hätte es sie nicht gegeben. Jedes Mal sticht die Erinnerung zu und trifft einen Wehrlosen. Also, fang wieder an. Die Einübung ins Aussichtslose. Jetzt hatte er Ulrikes Bild, jetzt konnte er in jeder Sekunde hin, konnte ihr Gesicht, in Julies fast wilder Farbfreude gemalt, anschauen und anschauen und ... Und was?
Er durfte dieses Bild nie anschauen. Und wusste, dass er sich das hundertmal vorsagen und dann hinrennen und es herausziehen und dann anschauen würde. Anschauen und anschauen! Eine Gemeinheit der Dramaturgie! Mit diesem Bild ist sie deutlicher da, als wenn es dieses Bild nicht gäbe.
Also erschwert dieses Bild seinen Kampf. Also sollte er es vernichten. Das sollte er, aber ... Er musste etwas tun gegen dieses Bild. Und ging, so schnell er konnte, zum Schreibtisch. Und schrieb. Ein liebender Mann.
Kein Gesicht mehr. Ein Nasenknick, eine Nasenspitze, ein Mündchen, das keine Sekunde zur Ruhe kommt, es zuckt, zappelt, ein trockenes Insekt, will nicht aufgespießt werden von dem spitzen Kinn, das ins Leere ragt. Um diese Teile fludern Haare, die für nichts reichen, am wenigsten für die geschwollenen Ohrläppchen, die glühen wie zwei Laternen an einem Vergnügungslokal. Der magere Hals ist nur durch dicken Schmuck zu retten. Ihre Bewegungen wirken, als gebe es kein Zentrum, von dem aus sie gewollt sind. Ein haltloses Schlenkern. Die Stimme schrill. Ideal für Rechthaberei. Das zappelnde Mündchen entlässt nur Rechthaberei. Nie ein gelöstes Lachen. Immer ein auf i gestimmtes flaches Gekicher. So weit Dein Bild.
Ach, Ulrike, durch Dich wird er zum Zwerg, der den Hochsprung übt. Feindseligkeit. Ohne Feindseligkeit gegen Ulrike kam er nicht los.


Fortsetzung folgt

Auszug aus
Martin Walser, „Ein liebender Mann"
Copyright © 2008 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

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