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Freitag, 18. April 2008

Auszug aus: "Ein liebender Mann"

Folge 47:

Die Feindseligkeit einsetzen wie ein Instrument, wie einen Hebel, mit dem man die eigene, nicht ausreichende Kraft vergrößert. Aber wie eine für ihn selbst glaubhafte Feindseligkeit gegen dieses Mädchen entwickeln? Hass? Er war ein Leben lang ohne Hass ausgekommen. Leiden ist die einzige Möglichkeit, ihr, die dich leiden macht, weh zu tun. Aber wenn du einsiehst, dass alles, was du leidest, von dir selbst angerichtet wurde? Wenn etwas furchtbar ist, und du musst zugeben, dass dir recht geschieht? Wenn du sagen kannst, dir werde unrecht getan, kannst du dich wehren. Wenn du sagen musst, du bist es selbst, der dir das tut, woran du leidest, wenn du niemandem etwas vorzuwerfen hast, musst du dich gegen dich wenden. Ekel? Ja! Zunehmend. Zunehmend Ekel verursachten ihm alle Kleider, die er in Marienbad und Karlsbad getragen hatte. Er hätte längst tätig werden müssen.
Und rief Stadelmann und trug ihm auf, alles, was er im Sommer in Böhmen getragen hatte, sofort in einer Kiste zu verstauen. Das Werther-Kostüm, den Sommermantel mit dem roten Samtkragen, alle Leinen- und Baumwollhemden, die er dort gekauft hatte. Die schwarz-seidene und die weiß-seidene Weste, den weiß-flanellenen Schlafrock, das weiß-batistene Halstuch samt Vorstecknadel, die Strümpfe, die Socken. Stadelmann, du hast wieder Haare verkauft in Böhmen. Ich hätte dich entlassen müssen. Ich muss dich entlassen, wenn du jetzt versagst. Alles in eine Kiste, dann fährst du hinaus ins Webicht, fährst noch über die Fasanerie hinaus, nimmst Torf mit und Papier. Ein Feuer, das nichts übrig lässt. Stadelmann, haben wir uns verstanden?
Der Riese Stadelmann, der, als der Haarverkauf erwähnt wurde, förmlich schrumpfte, richtete sich wieder auf und sagte feierlich: Jawohl, gnädigster Herr.
Goethe sah, dass er sich jetzt auf Stadelmann verlassen konnte. Wenn ich noch ein einziges Mal einem Schnupftuch oder einem Schal begegne, der im Sommer dabei war, bist du entlassen. Verstanden?!
Ja, gnädigster Herr, sagte Stadelmann und ging.
Ottilie war schon in Berlin. Das Manöver konnte gelingen. Er atmete auf. Und rannte hinüber in das Schrankzimmer, in dem die Papiere verwahrt wurden. Die Reiseabrechnung, geführt und unterschrieben von Johann Wilhelm Stadelmann. Wunderbare Papierformate in Stadelmanns Schrift, die so schwunghaft schön war wie sein Fahrstil. Und las sich noch einmal fest in den Wörtern und Daten dieses Sommers. Das Moorbad, täglich 30 Kreuzer, das tägliche Öl 15, die 4 Semmeln 8, die täglichen Wachslichter 1.40, jeden Gulden, jeden Kreuzer hat Stadelmann notiert, Bier, Wäsche, Logis, Pappier, mit zwei p, Trinkgeld, in die Armenbüchse, Tintenpulver, an der Tafel des Barons von Broesigke 3 Gulden 20, das tat ihm noch gut, dass er immer bezahlt hatte, wenn er drüben im Palais am Tisch von Frau von Levetzows Vater mitdiniert hatte. Das konnte er alles selber verbrennen. Alles. Auch die Rechnung der Brunneninspektion über die ins Haus gelieferten Kisten mit 36 Krügen Kreuzbrunnen samt Korken. Die hatten ihn gerettet. Diese Rechnung musste er noch einmal lesen:
Nur nach bestbeschaffener im vorgeschriebenen Gewichte und zu bestimmter Zeit geschehenen Überlieferung des Gutes belieben Sie dem Fuhrmann die Fracht zu zahlen.
Nein, diese Rechnung würde er nicht verbrennen. Die sollte übrig bleiben als das Monument einer Rechtschaffenheit, die es einmal nicht mehr geben wird. Und legte die Rechnung zurück in eine der Schubladen für Aufzubewahrendes.
Aber das Bild? Wenn er es ernst meint, muss er es verbrennen. Aber er kann kein Bild verbrennen. Noch nicht. Und die Schatulle mit dem Handschuh vom 28. August 1823 und das Schlüsselchen, das er am Kettchen immer noch um den Hals trägt … Alles, was nicht verbrannt werden konnte, musste vergraben werden. Zuerst einmal weg von ihm, Kettchen und Schlüsselchen, nur weg damit jetzt.
Er atmete leichter. Als hätte dieser Entschluss ihn überhaupt handlungsfähiger gemacht, wurde es ihm plötzlich klar: Seine ganze Entsagung-Schau, sein komisches Verzichttheater, seine kulturelle Kulissenschieberei, das war nichts als eine groteske Überschätzung der Umwelt, der Gesellschaft.
Ottilie hatte recht, wenn sie ihn Tartuffe schimpfte und ihm vorrechnete, wie er in seiner Literatur propagiere, je bitterer der Kelch, desto süßer die Miene, mit der man ihn leere, und in Wirklichkeit sei er haltlos, anstandslos, charakterlos wie der ruinierteste Opiumsüchtige im Londoner Slum. So konnte sie einbrüllen auf ihn, recht hatte sie.
Er spürte eine Entfernung zur Konversationswelt wie noch nie. Musste er seine feinsten Energien darauf verwenden, dass die notorische Fälscherin Bettina von Arnim, dass alle diese Carolinen und Charlotten so über ihn redeten, wie er es gern hätte? Er hätte Ulrike nicht vor denen verheimlichen müssen, sondern vor sich. Er hätte seine Kraft nicht in einem Affentheater der Entsagungsschau vergeuden dürfen, sondern im Kampf gegen Ulrikes Gegenwart in ihm selber. Den Kampf hatte er geführt. Aber nicht im Ernst. Nicht so ernst, wie dieser Kampf geführt gehört. Er hatte den Kampf geführt in dem Bewusstsein, ihn nicht gewinnen zu können, ihn nicht gewinnen zu wollen. In seiner aufs Positive versessenen Lebensroutine hatte er sich keine Prüfung auferlegt, von der er wusste, er würde sie nicht bestehen. Sich schlechte Lebensnoten zu verpassen musste vermieden werden. Sobald er glaubte, Ulrike mit dem größtmöglichen Ernst in sich zum Verschwinden zu bringen, sah er sie vor sich im Park, unterm kreuzweise mit gelben Bändern überspannten Strohhut steht sie am Teich und füttert den Schwan. Davor, vor diesen Erinnerungsschlägen musste er sich schützen. Sich! Sich! Sich! Jetzt ist gefragt: eine Mitleidlosigkeit sich selbst gegenüber. Oder du verreckst an einem Mädchen, das von dir einiges weiß, aber nichts ahnt. Was er jetzt spürte, war alles andere als eine Kraft. Er glaubte, er könne sich genieren. Schämen. Nicht vor irgendeiner Welt oder Moral, vor keiner Sitte, keinem Anstand. Vor sich selbst. Er spürte, es bildete sich die Fähigkeit, sich vor sich selbst zu schämen. Dass er so hing, taumelte, stotterte, sich selber belog, wie er noch nie jemanden belogen hatte, wie er einen krassen Feind nicht belügen könnte. Aber sich, sich, sich belügt er mit jedem Gedanken, in dem das Mädchen auftaucht, ihn beherrscht und mit ihm macht, was sie will. Aber es ist nicht sie, er ist’s, der den Wahnsinn blühen lässt wie etwas zartschön Liebliches. Aber dieser dein Wahnsinn ist … Sag dir nichts voraus. Gib einfach nach, lass dieses Gefühl wachsen, dass du dich schämst. Verlang nichts von diesem Gefühl. Lass es wachsen. Bis es dich zu etwas bringt, was du jetzt nicht ermessen musst. Nur die Empfindlichkeit, die dazu geführt hat, dass du die Kulissenschieberei nicht mehr erträgst, diese Empfindlichkeit lass wachsen. Mitleidlos. Mal sehen, nicht wahr.
Aber weil alles, was wiegt, sein Gegengewicht weckt, wollte ihm ein Gefühl weismachen, die Zeit, in der er seine Abhängigkeit von Ulrike geheim halten musste, sei eine selige Zeit gewesen. Draußen die ganze nicht in Frage kommende Welt, und er in der täglich heller leuchtenden Erinnerungshöhle mit ihren unverbrauchbaren Schätzen. Jetzt musste er die Erinnerungen vernichten. Verbergen, vor sich verbergen, das eben ging nicht … Da traf ein, o heilige Dramaturgie, ein lavendelblaues Kuvert, darin ein ebenso blaues Billet, darauf stand: K V d O o M. Wir wollen Silvester in Dresden feiern. Falls Sie das auch wollen, freut sich Ihre ergebene Freundin Ulrike.
Er dachte: Also doch ein Iffland-Stück. Stadelmann meldete von der Tür her die gelungene Verbrennung von allem Böhmischen. Goethe stand auf, ging hin, gab ihm die Hand, drückte ihm die Hand und sagte: Du kannst in Zukunft Haare verkaufen, wo und wann du willst. Stadelmann sagte: Gnädigster Herr, es war doch immer nur, wenn die Leute so betteln. Die Mädchen und so.
Stadelmann war draußen, Goethe saß und kam sich vor wie ein Feldherr in einer Schlacht. Die Reiter sprengen heran, melden das, melden das, er muss entscheiden, befehlen, was zu tun ist. Er war aber kein Feldherr. Wäre er einer gewesen, dann einer, der glaubt, die Soldaten müssen selber sehen, was geht und was nicht. Er war Alcides und Antinous in einer Person, so sehr, wie es der schottische Kapitän nicht sein kann. Zu lange hatte er gezögert und dann hastig alles falsch gemacht: die Verbrennung der Marienbader Stücke im Webicht!
Er befahl sich Waffenruhe. Seit er das Silvester-Billet hatte, konnte er seine Anwesenheitspflicht ohne Ungeduld und Reizbarkeit erfüllen. Er ließ Kanzler von Müller entscheiden, wer, wie lange und wie empfangen werden sollte. Scherzte so innig herzlich wie noch nie mit Adele Schopenhauer, Julie und Linchen von Egloffstein, nannte Adele seine Lieblingin, was sie weitersagte, also musste er Julie berauschen wie noch nie und war seinen Männern ein geduldiger Kumpan.


Schluss folgt

Auszug aus
Martin Walser, „Ein liebender Mann"
Copyright © 2008 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

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