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Montag, 21. April 2008

Auszug aus: "Ein liebender Mann"

Folge 48:

John, der neben der Sekretärs-Arbeit und der Schreiberei immer auch den Spezialauftrag der Wetterbeobachtung, sogar der schriftlichen Fixierung des Wettergeschehens hatte, wurde beauftragt, aus Thermometer, Barometer und Wolkenbeobachtung alle möglichen Schlüsse zu ziehen. John meldete, dass ein für diese Jahreszeit untypischer Wärmeeinbruch bevorstehe. Von dem bisschen bisher gefallenen Schnee werde nichts übrig bleiben. Er meldete das mit Bedauern, da der Geheimrat als ein Genießer des harten Winterwetters galt. Goethe beherrschte sich. Ließ Stadelmann kommen, zeigte ihm sofort, dass er in der heitersten Stimmung war, weil, lieber Stadelmann, vielleicht eine rasante Fahrt nach Dresden fällig wird. Wozu haben wir die schnellste Chaise des Landes und den besten Kutscher der Welt, Stadelmann. Stadelmann sagte: Ich freue mich, gnädiger Herr. Täglich gab es jetzt kleinere Ausfahrten in die Umgebung. Dresden! Schon Madame de Staël hatte ihn vor Jahren verführerisch dringend eingeladen, sie in Dresden zu besuchen. Die Anziehungskraft hatte nicht ganz ausgereicht. Die Dame war großartig, verehrungswürdig und gescheit genug auch, aber ihm war sie zu ehrgeizig. Hingezogen fühlte er sich, so oft er ihr begegnet war. So wie sie ihn kennt, kann einen nur eine Frau kennen. Sie hatte ihm die Formel geliefert für seine Art Männlichkeit: Il vous faut de la séduction. Er war kein Eroberer, sondern ein Eroberter. Ulrike, die Erste, die sich geweigert hatte, ihn zu erobern. Trotzdem, deswegen würde er fahren. Nach Dresden. S w s w. Am 28. Dezember ließ er wieder einspannen für eine Spazierfahrt. Arbeiten konnte er in diesen Tagen nicht mehr. Er schämte sich vor sich selbst. Aber es nützte nichts. So vehement wie noch nie schob er alles, was ihn hemmen wollte, beiseite. Für Bedenken war er nicht mehr zu haben. Mochte das heißen, was es wollte! Was ging das ihn an! Diese ewige Benoterei! Das Leben will nicht benotet, es will gelebt werden!

Dann also, am Mittwoch, dem 28. Dezember, geschah Folgendes: Wie immer, wenn sie stadtauswärts fuhren, kamen sie über den Marktplatz, hielten sich auf der rechten Seite des Platzes, um dann durch die Schlossgasse zur Kegelbrücke zu kommen und auf ihr die Ilm zu überqueren. An diesem 28. Dezember sah er drüben vor der Posthalterei neben dem Erbprinzen einen Wagen stehen, der gerade wieder bespannt wurde. Und vor dem Erbprinzen standen vier Personen, offenbar im Gespräch mit dem Posthalter. Die Wagenform zeigte auch ihm, dem Kurzsichtigen, dass es sich da nicht um Ordinairpost-Passagiere handelte. Die vier Personen: unterschiedlich groß. Alle in Pelzmänteln, die sie, weil es nicht besonders kalt war, offen trugen. Statt dicke Pelzmützen Kopftücher. Die Stimmung, in der er seit dem blauen Billet war, wollte es, dass er in den vier Reisenden vier Levetzows sah. So wie man die Namen von Berggipfeln kennt, die unter einem Namen zusammengehören, so glaubte er doch in den Größenverhältnissen die heilige Familie - so hatte er gelegentlich in reinem Spaß die Levetzows genannt - erkannt zu haben. Stadelmann musste sofort nach der nächsten Hausecke in die Kollegiengasse abbiegen und zurück durch die Seifengasse zum Frauenplan und schnell hinein in den Innenhof. Zu Stadelmann sagte er, dies sei der ernsthafteste Auftrag, den er je von ihm bekommen habe: Dort so nah vorbeizufahren, als nötig sei, um die vier Reisenden zu erkennen oder nicht zu erkennen. Er selber dürfe aber nicht erkannt werden. Dann rannte er seine Sechszimmerbahn hin und her, schneller, als er wollte. Trüge er, wie alle Kurzsichtigen, eine Brille, hätte er gesehen, ob sie's waren oder nicht. Feldherr, du gehörst erschossen. Und gerade noch, ja, keine Woche ist es her, dass er die Brillenstelle in den Wanderjahren voller Wohlgefallen noch einmal überarbeitet hatte. O diese Strafe! Seinen Brillengegner Wilhelm hat er da sagen lassen: Wer durch Brillen sieht, hält sich für klüger, als er ist. Die Brille, keine sittlich günstige Wirkung. Ich sehe mehr, als ich sehen sollte. O Wilhelm, Wilhelm! Goethe trommelte mit den Fäusten gegen seine Brust, nicht heftig, aber schnell. Die Schlacht war noch nicht verloren. Wenn es Levetzows sind, dann werden sie nicht durch Weimar fahren, ohne ihn zu besuchen. Oder ist man schon spät dran? Wartet in Dresden schon jemand? Still! Kein Mucks jetzt. Er schenkte sich ein Glas Portwein ein und trank es in einem Zug aus. Und noch ein Glas. Und noch ein drittes. Sein Atem ging wieder, wie er sollte. Er konnte nur noch herumtappen und Dresden-Silvester-Ulrike-Silvester-Dresden denken. Sein Herz klopfte in der Brust, wie der Gefangene, der sich zu Unrecht eingekerkert sieht, gegen die Zellentür klopft. Das Herz will sich blutig klopfen. Es fühlt sich misshandelt. Er kann ihm nichts anbieten. Dass Ulrike überhaupt dieses Billet geschickt hatte, hatte ihn gewundert. Gut, die abgemachte Formel K V d O o M, aber dann die förmliche Einladung. Das war nicht Ulrikes Stil. Das war die Mutter. Die wollte ihn als Trophäe auf ihrem und Klebelsbergs Ball. Dass er da fürs Renommee sorge. Ihm egal. Hauptsache, er sieht Ulrike ...

Stadelmann trat ein, das ganze Gesicht eine einzige Fröhlichkeit. Ja, gnädiger Herr, ja! Sie sind's. Sie haben mich nicht gesehen. Aber sie sind's. Alle vier.

Danke, Stadelmann, sagte der Feldherr, abtreten. Dazu eine Militär-Geste. Stadelmann schlug die Hacken zusammen, Kehrtwendung und raus. Goethe musste noch einen Portwein trinken. Und noch einen. Das war doch gar nicht auszuhalten. Nach zwei Stunden hatte er zwei Flaschen Portwein leer getrunken. Gehen konnte er kaum noch, aber sitzen. Und denken. Jetzt war er froh, dass er der Feldherr war. Feigheit war vorgekommen. Feigheit vor dem Freund. Die Levetzows hatten sich davongestohlen. Sie erwarteten ihn erst am 31. Dezember. Dass er ihr Renommee vergrößere. Aber doch nicht schon heute. Heute hatten sie ... egal, was sie heute hatten. Mit ihm hatten sie nichts. Nichts mehr. Nie mehr. Jetzt war er froh, dass er versucht hatte, dem Gefühl nachzugeben, das sich in den letzten Tagen in ihm bilden wollte: Scham. Jetzt war an diesem Gefühl nicht mehr zu zweifeln. Er schämte sich vor sich selbst. Und das in einer Heftigkeit, die sonst nichts mehr übrig ließ in ihm. Erst jetzt, nach dieser neuesten Erfahrung, war er sich dieser Scham ganz gewiss. Die sagte: Du bist weg davon. Das Brillen-Vorurteil seines Romanhelden, jetzt verdammte er es nicht mehr. Hättest du eine Brille getragen, hättest du die Familie erkannt, sie hätten zu dir kommen müssen, und das haben sie doch gar nicht gewollt. Irgendwo, er wusste nicht mehr, wo, hatte er geschrieben, ein Tier kennt keine Apparate, es nimmt nur wahr, was die Natur uns ermöglicht. Und was ermöglicht sie nicht alles. Jetzt konnte er ergänzen: Und verhindert das Unmögliche. Das Unmögliche war verhindert worden. War das eine Leichtigkeit jetzt? Eine Leichtigkeit, die er noch nicht empfunden hatte. Die hieß Lieblosigkeit. Ja. Nie gekannt. Nie erlebt. Aber anders konnte er dieses Gefühl nicht buchstabieren. Er war frei. Kein Zweifel möglich, er war lieblos. Lieblosigkeit, spürbar, eine Geräumigkeit wie noch nie, bitte, sei's Leere, eine Nichtempfindung, die alle Empfindungen übertraf, er ist erlöst, frei, das ist überhaupt Freiheit, lieblos sein, lieblos, freudlos, leblos, schmerzlos, ihn wird nie mehr jemand quälen können. Auch er selbst nicht. Die Kreatur ist erlöst. Was Moses, vom Aufstieg auf den Gesetzgebungsberg erschöpft, überhört hatte, das allererste Gebot, tragödienträchtiges Versäumnis für alle Zeit, er, auf seinem eigenen Sinai angekommen, erschöpft auch, aber kein bisschen schwerhörig, hellhörig wie noch nie, hat er das Gebot gehört und begriffen: Du sollst nicht lieben.

Er legte sich ins Bett. Keine Gedanken mehr, gegen die er sich erfolglos hätte wehren müssen. Er spürte nur noch sich. Außer ihm nichts. Als fülle er die Welt aus. Die ganze Welt war er. Prall vor Leichtigkeit. Eine göttliche Schwere. Leichtigkeitsschwere. Endlich. Das verlorene Gleichgewicht? War es das? Dachte er. Schlief ein. Schlief ohne Unterbrechung weit in den nächsten Tag hinein.

Als er aufwachte, hatte er sein Teil in der Hand, und das war steif. Da wusste er, von wem er geträumt hatte. S w s w.

Letzte Nachricht
Frau Marie Schäfer, die dem Edelfräulein von Levetzow 16 Jahre als Kammerzofe diente, berichtet über den 12. November 1900:

Als Ulrike von Levetzow sich am Vorabend zu Bette begab, netzte ein kalter Schweiß ihr Antlitz, und im Vorgefühle ihres nahen Endes gebot sie, ein Päckchen Briefe, deren Inhalt niemanden bekannt geworden, auf einer silbernen Platte zu verbrennen. Die Asche wurde in einer silbernen Kapsel verschlossen, mit dem Wunsche, dass nach ihrem Ableben dieses für sie unschätzbare Andenken in den Sarg gelegt werde. Dies ist auch geschehen. Um vier Uhr morgens erwachte sie mit Husten, und um sechs Uhr entschlief sie sanft.

Laut schriftlicher Mitteilung ihrer Großnichte sollen es Briefe Goethes gewesen sein.


Ende

Auszug aus
Martin Walser, „Ein liebender Mann"
Copyright © 2008 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

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Gemäß unserer Vereinbarung mit dem Rowohlt Verlag veröffentlichen wir auf unseren Internet-Seiten immer nur 20 Walser-Folgen in Summe: die ersten zehn (darunter sieben Folgen mit Autoren-Lesung) sowie die jüngsten zehn.

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