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FAZ.NET
Donnerstag, 28. Februar 2008

Auszug aus: "Ein liebender Mann"

Folge 5:

Ulrike: Aber eben unvorgreiflich.
Goethe: Genau.
Ulrike: Ein wunderbares Wort. Ich werde die Mutter heute bitten, nicht schon wieder das grelle Blaue anzuziehen, mein unvorgreiflicher Vorschlag wäre: das Hellbeige.
Goethe: Und sie wird gehorchen.
Ulrike: Also ist unvorgreiflich eine Art Befehl.
Goethe: Die höflichste Art, etwas dringend zu wünschen.
Ulrike: Und noch wichtiger, es ist ein Kompliment, der andere fühlt sich inbegriffen. Ich traue ihm zu, dass er mich ganz und gar versteht. Das schmeichelt ihm. Der Herr Geheimrat
ist raffiniert.
John, wir hören für heute auf.
John ging. Goethe setzte sich neben Ulrike aufs Sofa und sagte, er möchte alles, was er je zu ihr sage, unvorgreiflich nennen. Das werde ihm den Mut geben, mehr zu sagen, als er dürfe. Darf ich Sie unvorgreiflich einen Augenblick zur Königlichen Hoheit machen?
Ich bin in einem nachrevolutionären Internat erzogen worden, sagte Ulrike, Königliche Hoheit sind gespannt.
Goethe sprang auf, ging vortragend hin und her: Eine geziemend treue Bitte wäre noch übrig. Möchten Höchst Dieselben mich mit fortdauernder Huld beglücken, meiner wohlwollendst gedenken und mir bei nächster Zukunft Gelegenheit zu mannigfaltigster Mitteilung gnädigst gewähren.
Er stand vor ihr, wäre gern auf die Knie gesunken, wusste aber, dass das Aufstehen misslingen konnte. Sie reichte ihm ihre Hand zum Handkuss. Er hielt ihre Hand ungebührlich lange, berührte aber den Handrücken mit seinen Lippen nur ganz wenig. Fast nicht.
Ulrike sprang auf. Ach, Exzellenz, sagte sie, was so eine Revolution alles kaputt macht.
Und er zurück im Umgangston: Ganz unvorgreiflich möchte ich jetzt sagen, dass ich meine Zeit nur noch mit Ihnen verbringen möchte.
Noch wüsste ich nicht, sagte sie, was ich dagegen haben sollte.
Ihre Art, mit mir zu reden, sagte er, weckt in mir etwas. Ich kann es, will es, kaum dass es sich rührt und regt, nicht gleich benennen. Aber es fühlt sich belebend an. Sie müsse hinüber, sagte sie, um der Mutter den unvorgreiflichen Vorschlag zu machen.
Gehen Sie. Jede Sekunde Ihrer Gegenwart ist … eine … Revolution. Ich habe Angst.
Sie sah ihn an, sagte nichts.
Jetzt sind Ihre Augen grün, sagte er. Rein grün.
Ich finde Angst nicht schlimm, sagte sie in einem lauten, harmlosen, nichtsnutzigen Umgangston.
Und er: Es wäre schön, einen Menschen zu haben, der genau die Angst empfindet, die man selber hat. Das wäre Nähe. Das wäre die Nähe selbst.
Oh, sagte sie, das ist wieder so ein Satz von Ihnen. Einen Menschen haben, der genau die Angst empfindet, die man selbst hat. Exzellenz, darf ich sagen, was ich denke?
Wer mir nicht sagt, was er denkt, beleidigt mich, sagte er. Schon wieder so ein Satz. Von Ihnen. Ihre Sätze wirken auf mich immer so endgültig. Kein Nachdenken mehr möglich oder nötig. Es ist, wie es ist beziehungsweise wie Sie es gesagt haben. Ich finde den Physik- und Chemieunterricht immer am spannendsten, weil da etwas passiert. Es kommt etwas heraus. Durch eine Versuchsanordnung. Wenn wir, natürlich nur Sie und ich, mit Ihren Sätzen oder überhaupt mit Sätzen, die diesen Geltungston haben, experimentieren würden, wäre das unerlaubt oder interessant?
Und er: Je unerlaubter, um so interessanter.
Schon wieder so eine Satzhoheit, sagte Ulrike, lachte aber ganz fröhlich. Also, sagte sie dann, bevor Sie weitere Erlasse erlassen, vielleicht waren Sie zu lange Staatsminister, komme ich jetzt und sage: Alle diese Sätze sind, wenn man sie umdreht, genau so wahr.
Goethe konnte nicht weniger fröhlich sagen, dass Ulrikes Satz an Gesetzhaftigkeitsdrang seine Sätze bei weitem übertreffe.
Aber, sagte Ulrike, ich trete sofort den Beweis an, dass das Gegenteil genau so wahr klingt. Ich sage nicht, ist, sondern klingt.
Ich bitte darum, sagte er.
Sie: Es wäre schön, einen Menschen zu haben, der genau die Angst nicht hat, unter der man selber leidet.
Er: Weiter!
Sie: Wer mir sagt, was er denkt, beleidigt mich. Bitte, Exzellenz, nicht jetzt prüfen, ob das mit Ihrer Erfahrung sich decke, nur, ob es genau so wahr klinge wie das Gegenteil.
Ulrike, sagte er, Sie werden mir auf die erwünschteste Weise gefährlich. Bitte, drehen Sie diesen Satz nicht um. Für heute reicht es.
Grollen Sie jetzt, Exzellenz?
Ulrike, sagte er, im Augenblick wäre ich imstand, mein Leben für verpfuscht zu halten, weil ich Sie nicht hatte.
Ulrike sagte, das klinge, ohne dass es wahr sein müsse, herzerwärmend.
Goethe dachte daran, dass er vor zwei Jahren Ulrike den gerade erschienenen Wanderjahre-Roman nach Marienbad mitgebracht und hineingeschrieben hatte: ihr zu freundlichem Andenken des Augusts 1821. Und man hatte sich letztes Jahr hier getroffen, traf sich in diesem Jahr wieder, sie hat das Buch nie auch nur erwähnt. Er weiß, was das heißt, aber er will es nicht buchstabieren. Aber es buchstabiert sich in ihm. Die Wanderjahre sind für Ulrike nicht lesbar. Und wenn sie für Ulrike nicht lesbar sind, sind sie überhaupt nicht lesbar. Das muss er denken können.
Ulrike sagte, sie habe noch etwas Unaufschiebbares. Als seine Leserin wisse sie, dass er Situationen nicht passieren lasse, ohne sie pädagogisch ausgebeutet zu haben, deshalb wolle sie ihn imitieren und ihm zum Spaß etwas Belehrendes anbieten.
Er machte eine einladende Handbewegung.
Gestern, sagte sie, habe ihre immer lebhafte Schwester Amalie den Fehler gemacht, ihn zu fragen, wie ihm ihr Kleid gefalle.
Ja, sagte Goethe, und ich habe gesagt: Sehr hübsch.
Und Ulrike: Aber Ulrikes ist hübscher, haben Sie noch dazugesagt.
Und Goethe: Darauf sagte die Schwester, das hätte ich gar nicht erst fragen müssen, an Ulrike ist ja immer alles hübscher.
Das war nicht nötig, sagte Ulrike.
Aber wahr, sagte Goethe. Wahr, das ist keine Entschuldigung für eine Peinlichkeit.
Schon wieder eine Satzhoheit! Rief er.
Ich habe vorausgeschickt, dass ich Sie imitiere. Wenn Sie mich jetzt kritisieren, kritisieren Sie sich selbst.
Ich kapituliere, sagte er.
Bitte, sagte sie, bedenken Sie, Amalie ist sechzehn.
Erst oder schon, fragte Goethe.
Erst und schon, sagte Ulrike.
Und er: Ulrike, ich muss Sie bewundern.
Was man nicht alles muss, sagte sie, aber es freut mich. Natürlich. Sehr. Adieu. Und ging.
Er sah ihr, an den Vorhang geschmiegt, nach, wie sie hinüberging. Wie sie ging. Sie schien bei jedem Schritt abheben zu wollen. Sie ging, als gehe sie aufwärts. Aber völlig mühelos. Sie war ungeheuer leicht. Weil er ihr nicht nachrufen konnte, was er empfand, holte er das Gedicht heraus, das er ihr vor ein paar Tagen geschrieben hatte, weil sie einander auf der Promenade verpasst hatten. Als er es ihr hatte geben wollen, sagte sie, sie möchte es zuerst von ihm vorgelesen hören. Das tat er.
Am heißen Quell verbringst du deine Tage, Das regt mich auf zu innerm Zwist;
Denn wie ich dich so ganz im Herzen trage, Begreif’ ich nicht wie du wo anders bist.
Schön, hatte sie gesagt.
Und er: Ja?
Und sie: So angeredet zu werden ist schön.
Er war mit ihr per Du in dem Gedicht.
Dann hatte sie gesagt: Wir müssen uns öfter verpassen.
Jetzt setzte er sich an den Schreibtisch und schrieb hin: Die lieblichste der lieblichsten Gestalten. Und hatte das wohltuende Gefühl, sich wieder einmal übertroffen zu haben.


III.

Jetzt sah man ihn nie mehr ohne sie. Und sie nie mehr ohne ihn. Das sahen alle. Und Goethe sah es, dass ihn alle sahen. Mit Ulrike am Arm. Er genoss die Blicke, die zum
Getuschel geneigten Köpfe, und er sorgte immer dafür, dass Ulrike und er mit einander sprachen.

Fortsetzung folgt

Auszug aus
Martin Walser, „Ein liebender Mann"
Copyright © 2008 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

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Gemäß unserer Vereinbarung mit dem Rowohlt Verlag veröffentlichen wir auf unseren Internet-Seiten immer nur 20 Walser-Folgen in Summe: die ersten zehn (darunter sieben Folgen mit Autoren-Lesung) sowie die jüngsten zehn.

Audio-Streams mit freundlicher Genehmigung von:
NDR-Kultur


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