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Freitag, 29. Februar 2008

Auszug aus: "Ein liebender Mann"

Folge 6:

Er führte sich und Ulrike als ein diskutierendes Paar vor, als ein immer von irgend etwas schwärmendes Paar, als ein Paar, das sich mehr zu sagen hatte als alle anderen Paare der Welt. Dass dieses Paar, das so im Gespräch in einander verhakt war, nicht gestört werden durfte, musste jedem klar sein, der, sein Glas in der Hand, auf der Promenade jemanden suchte, mit dem er schwätzen könnte. Goethe musste aber nicht nur ihre Unstörbarkeit demonstrieren, sondern auch aufpassen, ob unter den Spazierenden jemand auftauche, den er Ulriken servieren konnte, einfach weil der so bedeutend, so berühmt war, dass es für Goethe spräche, Ulrike eine solche Berühmtheit zu servieren. Im vergangenen Sommer hatte er das mit der Gräfin Strachwitz praktiziert, als Spiel, hatte ihr gesagt, sie und er würden sich jetzt promenierend so von einander hingerissen unterhalten, dass kein gelangweilter Promenierer sie zu stören traue. Das war ein Spiel. Jetzt war es ernst.
Da sie, die Straßburger Internatsschülerin, an allem Französischen interessiert war, öffnete er ihre Situation, wenn er den Grafen Saint-Leu kommen sah. Das war Napoleons Bruder Louis Bonaparte, zuerst noch König von Holland, dann mit dem Bruder zerstritten, dann Graf Saint-Leu und Goethe seit Jahren zugetan, weil er Gedichte machte und jeden Sommer darauf wartete, wie Goethe die neuesten Gedichte finde. Goethe fand sie gar nicht so schlecht, also ließ er den Grafen jetzt zu und sagte ihm etwas Freundliches über die Gedichte und bat um die Erlaubnis, sie auch bald dem Fräulein von Levetzow zeigen zu dürfen, die als Internats-Straßburgerin mit der französischen Literatur mehr sympathisiere als mit der deutschen. Aber Goethe sorgte auch dafür, dass solche zugelassenen
Eindringlinge nicht bleiben durften. Als sie sich vom Grafen Saint-Leu verabschiedet hatten, sagte er zu Ulrike, sein Schreiber John sei gerade damit beschäftigt, für den Grafen eine Liste aller Goethe-Schriften seit 1769 zu produzieren, die er dann ins Französische übersetzen lasse. Wozu ihr Urteil ihm sehr willkommen wäre. Natürlich wollte Ulrike über Napoleon selbst mehr wissen als über den Gedichte schreibenden ehemaligen König von Holland. Da konnte Goethe dienen. Am Tag der Völkerschlacht von Leipzig fiel in seinem Arbeitszimmer in Weimar das Napoleonbild, ein Gipsrelief, vom Nagel, einfach so. Und Napoleons Augen, das wollte er erwähnen, Napoleons Blick, vor dem jeder sich fürchtete. Durchdringend scharf, stechend sei dieser Blick, hieß es. Goethe fand das bei seinen drei Begegnungen mit dem Korsen überhaupt nicht. Er hatte einen steten Blick, sagte Goethe und schaute Ulrike an. Er zwinkerte nicht, nie. Als wären die Augenlider aus Stein. Das ist bei Ihnen sicher nicht so, Ulrike, aber diesen steten Blick haben Sie auch. Sie zwinkern nie. Und es gibt aus dem Altertum eine Meldung, dass man daran Götter und Menschen unterscheiden kann. Menschen zwinkern, Götter nicht. Und sah sie an, und sie sah ihn an. Das auf der Promenade, hundert Schritte vom Kreuzbrunnen. Sie brach den Bann. Sie sagte: Aber zu Ihnen war er eben immer freundlich.
Ja, sagte Goethe. Angeblich habe er den Werther siebenmal gelesen. Natürlich hatte er eine Stelle gefunden, die er kritisieren musste.
Jetzt bin ich aber gespannt, sagte Ulrike.
Dass ich die Motive, sagte Goethe, damit eins das andere steigere, vermischt habe. Werther liebt nicht nur unglücklich, er wird auch noch in seinem Karriere-Ehrgeiz gekränkt. Da steigert ein Unglück das andere. Das, fand Napoleon, sei ein Fehler. Das fand er nicht naturgemäß. Das schwäche die Figur des Werther, der ja doch als Liebender unglücklich werden müsse. Die Liebe, die unglückliche Liebe hätte der einzige Grund für seinen Untergang bleiben müssen.
Stimmt, sagte Ulrike.
Er habe auch Napoleon nicht nur widersprochen, habe aber doch sagen müssen, dass es dem Künstler um den Effekt gehen müsse, und da sei eben Steigerung, Übertreibung geboten.
Aber Napoleon hat doch recht, sagte Ulrike. Dass Werther auch durch den Beruf unglücklich wird, heißt doch, nur als unglücklich Liebender war er nicht so unglücklich, dass er sich deswegen hätte töten müssen. Das macht ihn kleiner, alltäglicher, uninteressanter.
Aber glaubhafter, sagte Goethe. Man kann sich mehr identifizieren mit ihm.
Und das ist schade, sagte Ulrike. Ein krasses Unglückswunder sollte er sein durch nichts als Liebe.
Das hat, sagte er, in ganz Europa in fünfzig Jahren niemand gesehen außer Ulrike von Levetzow und Napoleon I.
Napoleon war eben eine unbedingte Natur, sagte sie. Lieber kein Effekt als ein berechenbarer.
Goethe sagte, um seine Bedeutung für Napoleon aufzuwerten, der habe immerhin bei ihm eine Brutus-Tragödie bestellt. Wahrscheinlich versprach er sich von ihm eine gründliche Verhässlichung des Königsmörders.
Er selber, sagte sie, ist auf Sankt Helena ohne Brutus hinausgekommen.
Goethe musste noch anbringen, dass Napoleon ihn zum Officier de la Légion d’Honneur ernannt habe, das sei ihm damals von den braven Deutschen übel genommen worden.
Ulrike wollte wissen, warum er seine Orden nie trage.
Soll ich, fragte er zurück.
Nein, sagte sie.
Solche Übereinstimmungen wurden immer durch den Blicktausch wortlos besiegelt. Er fühlte es, mit keinem zweiten Menschen in dieser Welt konnte er eine solche Übereinstimmung erleben. Weil gerade ein Graubart vorüberkam und grüßte, sagte Goethe, der sei Quartiermeister in der Champagne gewesen, und fügte, weil Ulrike ihren Blick samt Stirn fragend machte, dazu: Feldzug 1792. Als er merkte, dass das für sie keine empfindbare Mitteilung war, sagte er noch dazu, den ganzen Frankreichfeldzug über habe es geregnet. Das war auch noch nichts. Also: Er selber habe sich hauptsächlich mit seinem Tagebuch beschäftigt. Manchmal gelingt einem einfach nichts. Nachdem er sich in zwei weiteren Sätzen als einen Günstling des Schicksals bezeichnet hatte, das aber auch übertrieben fand, hörte er sich übergangslos sagen, er habe niemals Gegner gehabt, Widersacher viele. Sämtliche zeitgenössischen Physiker lehnten seine Farbenlehre ab, seien Nachbeter Newtons. Und musste ihr gleich vortragen, dass seine Widersacher Licht und Auge zergliedern, obwohl in Wirklichkeit das doch nicht zergliedert vorkommt. Er habe Licht und Auge als Voraussetzung seiner Farbenlehre bestehen lassen. Da
er am ersten Tag auf der Promenade Ulrikes Augen gefeiert hatte, dachte er, sie könne noch gewonnen werden für seine Ansichten. Andererseits wusste er, wenn er sich über seine Farbenlehre-Misere klagen hörte, dass er sich keinen größeren Schaden zufügen konnte als durch diese querulierenden Redensarten über die Ungerechtigkeit der Welt.
Zum Glück ging dann ein Gewitter nieder, also erfuhr sie von ihm, dass bei Seneca stehe, die vom Blitz Getroffenen lägen immer mit dem Gesicht nach oben auf der Erde. Als Ulrike staunte, weil er so viel wisse, sagte er, das über die Blitztoten habe er vom Kriminalrat Grüner in Eger, den er jedes Jahr auf der Fahrt von Weimar nach Böhmen und auf der Rückfahrt besuche. Mit ihm habe er so gut wie alle Kuppen, Hügel und Berge hier herum bestiegen und nach merkwürdigen Steinen abgeklopft. Von wem, wenn nicht von diesem Kriminalrat, hätte er erfahren können, dass unter Ludwig XIV. die Schalmei verboten war, weil die Schweizer vor Heimweh daran starben. Und wenn er eintritt bei Grüner, ist immer der erste Satz: Jetzt, mein Guter, was sind Ihre neuesten Akquisitionen! Dann Grüner: Für Eure Exzellenz steht alles zu Diensten, ich habe Ihnen ja alles zu verdanken. Ach ja, Ulrike, wenn man doch nur noch mit Menschen zu tun hätte, die einem alles zu verdanken haben.
Und Ulrike: Was hätte man davon?
Man könnte sagen, sagte Goethe, wer mir dankbar ist, dem bin ich dafür, dass er mir dankbar ist, so dankbar, wie er mir gar nicht sein kann.
Sie wollen immer alle übertreffen, sagte Ulrike.
Nur, weil ich nicht übertroffen werden will, sagte er.
Nur, weil Sie wissen, dass Sie immer alle übertreffen. Ulrike, sagte er, wie ich mit Ihnen hier reden kann und Sie mit mir, erinnern Sie sich noch, letztes Jahr und das vorletzte im steil eingeschnittenen Karlsbad, haben wir da je so reden können miteinander?
Marienbad hat etwas Amerikanisches, sagte sie.
Er begriff nicht gleich.

Fortsetzung folgt

Auszug aus
Martin Walser, „Ein liebender Mann"
Copyright © 2008 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

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Gemäß unserer Vereinbarung mit dem Rowohlt Verlag veröffentlichen wir auf unseren Internet-Seiten immer nur 20 Walser-Folgen in Summe: die ersten zehn (darunter sieben Folgen mit Autoren-Lesung) sowie die jüngsten zehn.

Audio-Streams mit freundlicher Genehmigung von:
NDR-Kultur


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