Auszug aus: "Ein liebender Mann"
Folge 7:
Sehen Sie doch, um die weite Wiesenwanne, ganz am höchsten Rand der Wanne, da, wo dann der Urwald beginnt, ein Hotel neben dem anderen. Drei, vier gewaltige Hotels, mitten in die grüne Wildnis gesetzt. Denn vor vier Jahren war hier noch grüne Wildnis. Das komme ihr amerikanisch vor.
Das Klebelsberg-Palais, sagte er, ist schon eine Provokation. Hundert Zimmer auf drei Stockwerken, eine Prachtsfassade, fünfzig Meter breit. Kann das gutgehen? Exzellenz, wenn etwas gutgehen muss, geht es gut, sagte sie streng belehrend. Eigentlich in seinem Ton. Goethe staunte. Und fragte, wenn sie so rede, wen er da reden höre.
Mich, sagte sie. Aber so wie er über Gewittertote und Seneca alles von einem Kriminalrat in Eger habe, so habe sie alles, was Marienbad angehe, von ihrem zukünftigen Stiefvater, dem Grafen Klebelsberg, und ihrem Großvater, dem Baron Broesigke. Die beiden sollte der Geheimratabends einmal reden hören. Marienbad, die grünste Einöde Europas, an der Europas Reichste immer vorbeigefahren sind, nach Karlsbad. Die werden jetzt Halt machen in Marienbad. Klebelsberg, im Hauptberuf immerhin österreichischer Finanzminister, und ihr Großvater Broesigke seien Rechner. Der Großvater habe hier mitgebaut. Der sei übrigens, und das sage sie nur, dass Goethe wisse, auch in ihrer Familie komme Höheres als Älteres vor, der Vater ihrer Mutter sei ein Patenkind des großen Preußenkönigs Friedrich.
Ach, sagte Goethe, das ist eine schöne Brücke: vom großen Friedrich ins amerikanische Marienbad. Der Großvater, sagte sie, würde sich freuen, wenn Goethe den Patenbrief einmal sehen wolle, das wisse sie. Und Goethe: Den will ich wirklich sehen. Übrigens habe er einmal am Ende eines Romans seinen Romanhelden, als der wählen kann, wo er, um Geld anzulegen, hin wolle, nach Russland oder nach Amerika, den wählen lassen: nach Amerika.
Exzellenz, rief sie, Themenwechsel!
Und er: Warum jetzt das?
Sie: Da wolle sie ein bisschen groß tun mit Amerika und er, für ihn nichts Neues, hat er längst erledigt! Aber leider nur im Roman, sagte Goethe, und das im melancholischsten Ton.
Ulrike kriegte natürlich mit, dass Goethe stolz darauf war, mit ihr zu promenieren. Sie begriff auch, dass es darauf ankam, durch lebendigstes Gespräch mit allen dazugehörigen Gesten dem Marienbader Publikum zu demonstrieren, dass man einfach nicht gestört werden dürfe. Dass Ulrike jeden Tag in einem anderen Kleid auftrat, genoss Goethe, als habe er diese Kleidungen für Ulrike erfunden. Wahrscheinlich kamen alle ihre Kleider direkt aus Wien, vom Freund der Mutter, dem Grafen Klebelsberg. Alle Levetzow-Frauen waren lebendiger, ja eigentlich gedankenreicher ausstaffiert als die anderen Frauen. Nie ein Kleidungsstück, das die, die es trug, zur Vorführerin des Kleidungsstücks machte. Da könnte sein Schwiegertöchterchen Ottilie etwas lernen. Aber er wusste jetzt schon: Wenn er Samt und Seide, Wolle und Leder der Levetzow-Frauen in Weimar schilderte, reagierte Ottilie mit voller Nervenwucht, das heißt, sie würde krank oder böse. Oder beides. Gerade war von Ottilies Schwester, Ulrike von Pogwisch, ein Brief eingetroffen, der ihm meldete, wie es in Weimar stand. Sie habe gehört, schrieb sie, dass Goethe eine Namensschwester von ihr besonders auszeichne. Dass die Ulrike heiße, sei ihr gar nicht recht. Wenn er dann, zurück in Weimar, diesen Namen höre, werde er immer an die Ferne, Hübsche, Liebenswürdige denken. Er hatte in seiner Post an den Sohn die Familie Levetzow freundlich erwähnt. Ottilie musste er ohnehin behandeln, als wäre sie seine Frau und nicht die des Sohnes August. Dass er und die hiesige Ulrike als Paar zwischen Zürich und Hamburg bekannt waren, als Gerücht, als Briefgeplauder und Tagebuchprosa, wusste er, weil er die Gesellschaft lange genug kannte. Ein solcher Badeort ist ein Kessel, in dem das Gerücht gekocht und dann in alle Welt versendet wird. Er konnte sich vorstellen, welche Damen der Promenade-Welt welchen Damen da und dort über ihn und Ulrike schrieben. Draußen in der Welt werden dann die Gerüchte von den Empfängerinnen verschärft. Bettina von Arnim wird dafür sorgen, dass in Berlin keine nennenswerte Adresseunversorgt bleibt. Goethe, 74, eine von Levetzow, 19, deren Mutter, zweimal Witwe, jetzt hinter einem reichen Wiener Politik-Karrieristen her, der sich auch noch selber am Klavier begleitet. Und eine Spur feiner, aber wirklich nur eine Spur, Caroline von Wolzogen, Schwester der Schillerwitwe von Lengefeld, Autorin durchaus reizender Romane. Sie wird an Freundin Auch-Caroline von Humboldt, des bedeutenden Wilhelm Frau, in ihrer prinzipiellmehrdeutigen Stilistik melden, dass einerseits Goethe nicht mehr ganz richtig im Kopfe sei, andererseits könne es einem auch imponieren, dass er noch so viel intus habe, das zum Sichverlieben reicht. Auf die Frauen sei es bei ihm ja nie angekommen, er habe immer eine gefunden, die er mit seinen Phantasien auftakeln konnte. Von diesen Levetzows wird es in diesen Klatschbriefen heißen, dass sie den Dreh raus haben, sich gewinnbringend in Szene zu setzen. Dann wird diese oder jene sittlich prominent bilanzieren: Jetzt, wo alle im Universalklatsch über Goethe herfallen, sei es origineller, ihn zu schonen. Eine Gewohnheit daraus machen: Goethe schonen. In Frankfurt sieht ihn vielleicht eine als Naturerscheinung, die keinen Charakter hat. Und diese oder jene Caroline wird etwas feiner, aber nicht ganz anders zurück schreiben.
Er konnte keinem Menschen sagen, wie wohl er sich fühlte, wenn er die vermutbaren Stimmungen seiner Kreise durchmusterte. Egal, ob in den Kulturquartieren Deutschlands oder hier in der Hitze des böhmischen Zauberkessels, seinetwegen mussten sie sich nicht beherrschen. Laut sollten sie rufen: Skandal! Geschmacklosigkeit! Verruchter Lustgreis! Trauriges Ende einer großen Figur! Alles, was mit Ulrike zusammenhing, beschwingte ihn. Er erlebte sie als Lebenszufuhr. Schon von mehr als einem unbestechlichen Zeugen war ihm jetzt einfach hingesagt worden, ersehe zur Zeit so gut aus, so strahlend, so kräftig, ja wirklichschön. Sollte er bei solchen Wirkungen die Ursache all dieser Wirkungen nicht anbeten! Ja, anbeten! Es gab doch auch genug schlichte Zustimmung, die Ulrike und er ebenso schlicht in sich aufnahmen. Das waren die Wirkungen, die zwischen ihnen besprochen wurden. Haben Sie gesehen, Exzellenz, die behäbige Frau, wie sie ihre drei Kinder auf uns hingewiesen hat und uns selber so lange zugewinkt hat, bis auch ihre Kinder winkten! Es gab sogar Beifall. Fast theatralisch. Allerdings fanden dann andere, das gehe denn doch zu weit, und wandten sich deutlich ab von den Beifallspendenden. So lebendig war die Promenade in Marienbad noch nicht gewesen.
Wenn er Ulrike heimbrachte, nahmen sie oft beide noch Platz auf der erhabenen und blumenumstandenen Palais-Terrasse. Ulrike, die sich für Steine nicht interessieren konnte, wurde von Blumen angezogen wie von einer verlorengegangenen Heimat. An den die Terrasse säumenden Blumen musste sie immer wieder entlanglaufen, den Duft einziehen und dann mit geschlossenen Augen sagen, welcher Duft welche Blume sei. Das sind doch auch Majestäten, sagte sie, als sie sich wieder zu ihm setzte. Meine Lieblingsmajestäten sind die Lupinen, sagte er. Meine die Arnikas, sagte sie.
Und weil er ihr genau gegenübersaß, von ihrem Blickgehalten, sagte er, wegen Amerika in Marienbad brauche er jetzt als Gegenmittel eine weitere Runde ihres Hofzeremonien-Spiels. Sie nickte, schien ihm, erfreut.
Er also: Zuvörderst statte schuldigen Dank ab, dass Höchstdieselben mir Zeugnisse angenehmster Bemerktheit seit mehreren Tagen auf mancherlei erfreuliche Weisehaben zukommen lassen, so dass ungesäumt Hoffnung aufkommen will, jene von mir mit Neigung aus dem geheimen Kern erzogene und noch ganz im Kinderzustand befindliche Blume möge von Höchstdieselben weiter günstig beachtet werden, was einem frohen Wachstum allein förderlich zu sein verspricht.
Und Ulrike: Ein frohes Wachstum wünscht die alles Blühen Liebende und geruht, mit unschätzbarem Maßstab zu messen, was einmal ins Leben berufen ist, so dass einer liebevollen Teilnahme der Trefflichste im echten Sinn sich erfreuen können soll.
Jetzt setzte die Kirche ein mit ihrem Sechsuhrläuten. Diese Kirche stand auf halber Höhe zwischen der Kreuzrunnen-Promenade drunten und dem beginnenden Kranz der Hotelpaläste. Sie wirkte noch zu groß in dieser grünen Einsamkeit. Solange sie ihre Glocken läuten ließ, sprach auf der Terrasse niemand mehr.
Fortsetzung folgt
Auszug aus
Martin Walser, „Ein liebender Mann"
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