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Montag, 03. März 2008

Auszug aus: "Ein liebender Mann"

Folge 8:

Er jetzt, irgendwie hingerissen, auf jeden Fall weniger beherrscht, als es Zeit und Ort ihrer Unterhaltung empfahlen: Mit Ihnen nach Eger, Ulrike, das wär’s. Ohne Publikum. Mit Ihnen von Eger nach Westen, nach Haslau, hinter Haslau an der Berglehne entlang. Dann empfinge uns der Wald, der Himmelreich heißt, und da, an der Chaussee, der gewaltige Quarzfels, auf dem ich mich immer platziere zu nichts als zum Schauen. Und das mit Ihnen, Ulrike! Verzeihen Sie, wenn meine Wünsche einmal ins Maßlose tendieren. Und stand plötzlich auf, ging, drehte sich aber noch einmal um und sagte: Bis abends, meine Verehrte. Dazu jene sanfte, mehr angedeutete als wirkliche Verbeugung. Und ging hinüber in seine Goldene Traube. Er ging, so gut er konnte. Gehschwierigkeiten kannte er nur vom Hörensagen. Aber dass Ulrike ihm jetzt vielleicht nachschaute, machte seinen Gang unsicher. Also betonte er die Sicherheit eines jeden Schritts. Das allerdings konnte komisch aussehen. Als er drüben durch die Tür ging, schaute er sozusagen heimlich zurück. Die Terrasse war leer. Ulrike hatte ihm nicht nachgeschaut. Das war ihm auch nicht recht.
Er wusste, er musste jetzt schreiben. Und weil er sich stark genug fühlte, Ulrike in diesem Augenblick auch der abgeneigtesten Welt zu präsentieren, schrieb er an Ottilie. Ulrike konnte da nicht vorkommen, aber alle Sätze, aus denen seine Stärke strömte, waren Sätze voller Ulrike. Ihm war bei aller empfundenen Stärke nach Friedensstiftung zumute. Frieden mit Ottilie! Ein Brief zur Einlullung aller durch Nachricht und Gerücht erzeugten Kriegsstimmungen. Alles ist mir über Wissen und Wollen hinaus gut gelungen, befriedigend für Herz, Geist und Sinn, wie man sonst zu sagen pflegt …
Es war nicht sein Stil, aber Ottilie, wie er sie kannte, wird ohnehin nicht das lesen, was da steht, sondern das, was er verschweigt. Sie hatte seine Gefühle für Ulrike von Levetzow gewittert, bevor er sie selber richtig erlebte. Als er vor zwei Jahren aus dem böhmischen Sommer in den Weimarer Herbst zurücksuchte, war Ottilie schon mit Gerüchten gerüstet, die damals wirklich nichts als Gerüchte waren. Den Mut, ihm ins Gesicht zu sagen, was Caroline von X und Caroline von Y ihr berichtet hatten, hatte sie nicht, aber auf einem Papier, auf dem sie ihn über aktuell Geschäftliches informierte, fügte sie, ganz im Geschäftston bleibend, hinzu, dass er sich bitte nicht mehr in diese Art von Verbindung einlasse, deren gewissenhafte Erfüllung ihm sein hohes Alter verbiete. Er hatte Ottilie ausgelacht. Damals.

Dr. Rehbein stellte sich in die Mitte des Saals im gerade noch fertig gewordenen Traiteur-Haus und eröffnete die Feier seiner Verlobung mit Catty von Gravenegg mit Begrüßungen. Der erste Begrüßte war der Großherzog Carl August, der zweite war Goethe. Seine Exzellenz, Geheimrat und Staatsminister Freiherr von Goethe. Darauf lauterer Beifall als bei der Begrüßung des Großherzogs. Goethe, der natürlich mit den Levetzows an einem Tisch saß, Ulrike direkt gegenüber, schaute, als er begrüßt wurde, Ulrike an. Sie applaudierte erst, als sie gemerkt hatte, dass Goethe stärker applaudiert wurde als dem Großherzog. Sie applaudierte dem Applaus. Sah dann auch herüber. Da es im Saal nicht besonders hell war, waren ihre Augen grün. Dr. Rehbein zerfloss ein bisschen vor Herzlichkeit, Dankbarkeit und Glück, weil er begrüßen durfte Napoleons Stiefsohn Eugène de Beauharnais, einmal Italiens Vizekönig, heute Herzog von Leuchtenberg und Fürst zu Eichstädt; Napoleons Bruder, Louis Bonaparte, einmal König von Holland, heute Graf Saint-Leu. Und wie glücklich bin ich, unter uns zu wissen Julie von Hohenzollern. Was draußen in der Welt einander verständnislos begegnet, in Marienbad findet die Geschichte zu sich selbst. Allergrößter Applaus. Dr. Rehbein bat Catty von Gravenegg zu sich. Sie kam. Goethe sah sie zum ersten Mal. Ein gewaltiges Mädchen. Hellblonde Haare bis auf die bloßen Schultern. Haare, die noch nie unter Lockenwicklern und Brennschere zu leiden gehabt hatten. Der mit Spitzen besetzte Ausschnitt ihres schwarzen Kleides lud ein, sich ihre erheblichen Brüste zur Gänze vorzustellen. Goethe tat’s und merkte gleich, wie wirkungslos diese Vorstellung blieb. Spürbar wurde nur, wie er ganz Ulrike gehörte. Wenn er’s ihr doch deutlicher zeigen könnte.
Dr. Rehbein redete, wie nur ein Glücklicher reden kann. Wie hatte er’s geschafft, dieses Mädchen zu gewinnen! Schauen Sie sie an, und schauen Sie mich an. Er gehöre in Goethes Meister-Novelle Der Mann von fünfzig Jahren. Aber Catty ist nicht Hilarie, die zuerst dem Fünfzigjährigen um den Hals fällt, dann aber doch dem wilden Jüngling Flavio verfällt. Catty sagte schnell dazwischen: Ich verfall bloß einmal in mei’m Leben. Das war auch noch bayerisch gefärbt. Großer Beifall. Sie machte keinen Knicks, sondern verbeugte sich wie eine Schauspielerin. Sie standen Hand in Hand. Sie waren ein Prachtspaar. Lockiges Schwarzhaar er, sie eine Woge in Blond. Die beiden strahlten ihr Glück aus.
Goethe beobachtete Ulrike. Er sah sie, weil sie sich zur Saalmitte gedreht hatte, nur von der Seite. Sie wirkte immer sehr aufrecht. Immer so, als könne sie leichter nach oben schauen als geradeaus. Was in ihr vorging? Er hatte nicht daran gedacht, dass der Altersunterschied des Paars zum Thema der Verlobungsfeier werden würde. Er schaute wieder zu dem Paar hin, gebannt, berührt von dieser Vorführung des reinen Glücks. Er fürchtete nicht, beobachtet zu werden. Wäre doch verständlich, wenn plötzlich der ganze Saal sich zu ihm und Ulrike hindrehen würde. Bitte, sollen sie. Was ihn jetzt erfüllte, durfte er höhere Sorglosigkeit nennen. Saß Ulrike ein bisschen zu aufrecht? Ach, wenn sie sich doch schnell einmal ganz herdrehte, dass er sie seine unangreifbare Sorglosigkeit sehen lassen könnte. Sie animieren könnte, genau so sorglos zu sein wie er. Solange sie fast in Reichweite, auf jeden Fall überaus sichtbar vor ihm saß, war er unverwundbar. Ja, die Welt ist immer bereit, dich zu verwunden. Aber hier doch nicht. Marienbad, das war nicht die Welt. Die von Tannen bewachten Höhen, die es umgaben, schützten es vor Weimar, also vor der Welt. Dreh dich doch schnell einmal her, Ulrike, dass ich seh’, wie du teilnimmst, was es heißt für dich, das himmlische Verlobungstheater. Werden wir hier gespielt? Er hoffte, sie verfolge, was in der Saalmitte geschah, mit dem minimalen Lächeln, das immer ihr Ausdruck war dafür, dass sie nichts dagegen hatte. Nicht wahr, Ulrike, wir werden nachher, wenn das Fest droben im Klebelsberg’schen Haus bis in jede Nachtstunde hinein fortgesetzt wird, über jede Sekunde, die wir hier gemeinsam erleben, ausführlich sprechen. Einander fragen: Wie haben Sie das gefunden? Und Sie, wie fanden Sie’s. Er war durch und durch froh, dass er hier einen öffentlichen und seine Bedeutung schön betonenden Vorgang gemeinsam mit Ulrike erlebte. Wunderbar, die stimmungsreichen Sitzungen mit der Familie. Aufs Schönste fesselnd die Dialoge vor der zuschauenden Öffentlichkeit auf der Promenade. Aber endlich musste auch ein gemeinsam zu erlebendes Ereignis passieren! Und dann auch noch eins, das wie für sie oder von ihnen bestellt wirken durfte. Verrechne jetzt nicht die hier maßgebenden Zahlen mit deinen Zahlen. Wenn Ulrike diesen Vorgang genießen kann, kann sie … kann sie … Ach, Ulrike, dreh dich zu mir, nur eine Sekunde.
Als Dr. Rehbein seine lockere und glaubwürdige, weil ganz aus der augenblicklichen Empfindung entspringende Rede beendet hatte, wurde noch einmal heftig geklatscht, und bevor er, Catty an sich pressend, wieder auf seinem Platz ankam, trugen zwei als Zimmerleute kostümierte Diener eine Wiege herein, die bunt überfüllt war mit wahrscheinlich anspielungsreichen Geschenken, und der Großherzog war zur Stelle und gratulierte dem Paar und wies auf die bunt überfüllte Wiege als auf sein Geschenk hin. Dann legte er die Hände des Paars in einander, hob diese vier in einander gelegten Hände hoch wie eine Trophäe – Goethe musste daran denken, dass des Großherzogs Lieblingsjagdziel Enten waren – und rief in den Saal, er sei daran interessiert, dass sein Leibarzt in guten Händen sei. Beifall. Goethe klatschte heftig mit und verlangte seinem Gesicht ein allwissendes Schmunzeln ab. Ulrike drehte sich zum Tisch zurück, Goethe nickte, um ihr zu zeigen, dass hier alles zu seiner vollkommenen Zufriedenheit stattfinde. Dann wurde serviert. Dr. Rehbein bat noch einmal um Aufmerksamkeit. Da seine Verlobte Vegetarierin sei, werde fleischlos gespeist, aber, das könne er versprechen, unser Traiteur Monsieur Charcot habe aus ganz Europa das Allerköstlichste versammelt und zubereitet, wie nur er das könne, selbst Fleischgeschmack komme vor, aber eben ohne Fleisch. Ein paar mutige Bravo-Rufe. Ulrike gehörte zu den Bravo-Rufern.

Fortsetzung folgt - Ende der Hörprobe

Auszug aus
Martin Walser, „Ein liebender Mann"
Copyright © 2008 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

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