Auszug aus: "Ein liebender Mann"
Folge 9:
Für Goethe war Catty von Gravenegg jetzt zweifach ausgezeichnet beziehungsweise attraktiv: durch den bayerischen Ton und durch die Fleischlosigkeit. Für Ausdruckswirkungen durfte er sich als Experte fühlen. Dieses den eigenen Körper in jeder Bewegung feiernde Mädchen, und dann Vegetarierin. Zu Ulrike hin sagte er, er habe nicht gewusst, dass sie vegetarisch tendiere. Sie zog die Augenbrauen in die Stirn, warf beide Hände hoch in die Luft und sagte: Ich tendiere überhaupt, Exzellenz. Sie nannte ihn von diesem Augenblick an nur noch Exzellenz. Tatsächlich wurden sie dann Zeugen einer Vielfalt von Geschmäckern, die von keinem um Fleisch herumgelegten Menu erreicht werden kann. Frau von Levetzow freute sich darüber, dass Dr. Rehbein den Mann von fünfzig Jahren so launig in seine Rede hineingenommen hatte. Und forderte auf, jetzt mit dem von der Loire kommenden Weißwein auf den Mann von fünfzig Jahren zu trinken. Alle, die so nah saßen, dass sie das gehört hatten, tranken dem Dichter herzlich zu. Ulrike aber nicht. Goethe sah’s, sie schüttelte den Kopf und formulierte mit den Lippen ohne Ton: Kein Wein. Überhaupt kein Alkohol. Da setzte er sein Glas ab und sagte, er danke allen, die ihm beziehungsweise seinem Mann von fünfzig Jahren zugetrunken hätten, er selber hätte zu gern mitgetrunken, aber da er zur Zeit nichts tun könne, was Ulrike von Levetzow nicht auch tue, sie aber dem Wein sich noch nicht öffnen wolle, verschließe auch er sich für heute dem Wein. Und morgen, fragte ein junger Mann, der dem Aussehen nach von weit her kam. Goethe sah ihn an. Dann sah er Ulrike an. Dann sagte er: Was morgen ist, kann nur die Edle von Levetzow entscheiden, mein Herr. Darauf würde ich gern trinken, wenn ich darf, Ulrike. Sie warf die Hände in die Luft, in seine Richtung, und rief: Ja, ja, ja, Exzellenz.
Goethe nahm einen großen Schluck.
Dann ging’s hinauf ins Palais Klebelsberg. Empfangen wurden sie unter den Rundungen und rötlichen Farben des Vestibüls vom Hausherrn, der mittags, aus Wien kommend, eingetroffen war. Ein noch schönerer Mann als Dr. Rehbein, Franz Graf von Klebelsberg, der Goethe mit weit geöffneten Armen willkommen hieß und mit einer Stimme, wie sie nur Sänger haben, sagte: Obwohl es der Geheimrat sicher nicht mehr hören könne, er sei im Augenblick genau neunundvierzig, also im Jänner fünfzig, und was ihm dann bevorstehe, habe er in diesem von schönsten Genauigkeiten strotzenden Buch fürchterlich zur Kenntnis genommen. Ohne seine Amalie von Levetzow möchte er vor diesem Datum sowieso an den Nordpol fliehen, in der Hoffnung, dort erfrören alle Daten. Er hatte die Arme, sobald er Goethe in Reichweite nahegekommen war, sinken lassen, hatte sich tief verneigt und nur noch gesagt: Allerhöchste Verehrung, Exzellenz. Franz, sagte die alles beobachtende Ulrike-Mutter, mäßige dich. So kam man in den quer zum Vestibül liegenden Großen Saal.
Der Saal, erst vor einem Jahr vollendet, war ein radikal romantisches Bauwerk mit allen dazu nötigen dekorativen Entgleisungen. Gewaltige Fenster, in die böhmische Glasschleifervirtuosen Blumenmuster von unterschiedlicher Durchsichtigkeit hineingeschliffen hatten. In jeder Ecke und immer zwischen zwei Fenstern Säulenpaare aus rotem Marmor, die nichts zu tragen hatten als Akanthuskapitelle. Ein Saal aus lauter Spielerei und übermütig verträumter Stimmung. Wer zum ersten Mal Gast war, gratulierte dem Grafen. Als die Kurkapelle einsetzte, war man sofort in Wien. Seit dem Kongress tanzte in Europa, wer modern sein, jung sein, schön sein, glücklich sein wollte, Walzer. Frau von Levetzow sah, wie diese Musik auf Goethe wirkte. Herr Geheimrat, sagte sie, für den Mann von fünfzig Jahren kein Problem. Dass Goethe den Körper nie zugunsten der Seele zweitrangig habe werden lassen, habe sie in seinen Schriften immer erlebt. Aber jetzt, im Fünfzigjährigen Mann, die Krönung, der Gipfel, einen Verjüngungsdiener kriegt der Held verpasst, einen kosmetischen Berater, so steht es im Buch, das klingt so sachlich, so hoffnungssicher, kosmetischer Berater, dann auch noch Verjüngungsdiener, Herr Geheimrat, für diese Wortschöpfung möchte ich Sie küssen. Und küsste ihn von der Seite. Er sah nur, dass Ulrike ihre Mutter streng beobachtete. Ihre hohe, runde Stirn zog sie in Falten. Aber die Mutter hatte noch mehr Temperament abzuladen. Die schönste Wortschöpfung, sagte sie, sei der Schönheits-Erhaltungs-Lehrer. Ein geradezu umarmend schöner Wörterstrauß! Da möchte unsereins direkt nach dem autobiographischen Anteil fragen …
Mama, sagte Ulrike jetzt heftig. Und das genügte. Kommen Sie, Exzellenz, sagte sie und stand auf. Es war klar, sie wollte mit Goethe tanzen. Auf Ulrike zeigend, entschuldigte er sich bei der Mutter für seinen jähen Aufbruch, der ihm sehr gelegen kam. Auf dem Weg zur Tanzfläche ging sie eng neben ihm, hängte sich ein, hing an seinem Arm, wie sie es tat, wo auch immer sie mit ihm in Marienbad erschien. Er zog sie fast heftig an sich. Sie sah herüber zu ihm, ihre Augen waren grün, sie sagte: Verzeihen Sie. Frau Amalie von Levetzow, parfois elle est un peu volubile.
In den letzten Jahren hatte Goethe Tanztees und Bälle gemieden. Seit dem Kongress wurde der Dreiviertel-Takt zum Bekenntnis. Ihn interessierte es natürlich, was sich da ausdrückte und wie. Er hatte sich schon vor Jahren die Schritte zeigen lassen. In seinem Quartier. Von einem Tanzlehrer. Für alle Fälle. Dieser Fall war nun eingetreten. Eine Lizenz von früher hatte sich erhalten. Das Abklatschen. Frauen und Männer durften Paare durch Abklatschen auseinanderreißen. Er war immer ein Tänzer gewesen. Irgendwann früher hatte er, wenn die Nächte nachgiebig geworden waren, sich oft von jeder Partnerin gelöst und hatte als Solist verrückt gespielt und war es wohl auch. Jetzt mit Ulrike. Sie war sofort ein Teil von ihm. Sie war so leicht, lag ihm in den Händen und Armen, sie wurde durch die Drehungen hinausgebogen, sie waren ein Körper, er hatte kein bisschen Angst, dass etwas passieren könnte. Ihre Blicke waren so fest ineinander, weder ihr noch ihm wurde es schwindlig. Aber er wurde abgeklatscht. Und zwar von dem jungen Mann, der drunten im Traiteur-Haus gefragt hatte: Und morgen. Goethe hätte sich jetzt bei einem anderen Paar eine Tänzerin erklatschen sollen. Aber er konnte nur mit Ulrike tanzen. Das sollte die ganze Welt verstehen. Zurück am Tisch wurde seine Tanzkunst und -kondition bestaunt. Das fand er beleidigend. Und sagte es auch.
Er fragte Frau von Levetzow, wer der sei, der ihn da abgeklatscht hatte.
Herr de Ror sei das. Vielleicht ein Grieche, sicher kein Türke. Im Orienthandel reich geworden. Sagenhaft reich. Und handelt nur mit den feinsten Sachen. Keine Gewürze, sondern Schmuck. Keine Königin, Fürstin, Gräfin in Europa, der er nicht etwas umgehängt oder aufgesetzt hat. Die Damen in Paris kennen ihn genau so wie die in London und Wien. Daneben übersetzt er noch. Gedichte. Aus vielen Sprachen, vorzüglich des Orients. Er spreche, heißt es, siebzehn Sprachen.
Woher sie das alles wisse, fragte er.
Von Franz. Der hat ihn überhaupt eingeladen heute. Er wohnt hier im Haus. In der zweitgrößten Suite. Womit sie sagen wollte, dass in der größten der Großherzog wohne. Bemerkenswert ist, dass er ein Mensch ohne Vornamen ist. Darüber wird spekuliert.
Auf Ulrikes frei gewordenen Platz setzte sich mit dem Satz: Ich gestatte mir, einen Augenblick bei Ihnen Platz zu nehmen, Graf Leuchtenberg. Wir sind verabredet, begann er.
Ich weiß, sagte Goethe.
Dann ist es ja gut, sagte der, dann bin ich doch nicht umsonst von Rom nach Marienbad gekutscht. Dass Sie sich erinnern, Herr Geheimrat, lässt mich hoffen. Unser Gespräch, ziemlich genau vor einem Jahr, in diesem Haus, wir haben uns noch übers Handwerkerhämmern beschwert, und jetzt, alles fertig, ein Märchenquartier. Der Klebelsberg ist schon ein Bursch. Gnä’ Frau, ich gratulier … also dass Sie sich erinnern, Herr Geheimrat, sagt mir, wir machen weiter, der Rhein-Donau-Kanal wird gebaut! Ich bin Österreicher, bitte, ein angeheirateter Bayer, Sie und ich, Herr von Goethe, gebären die Idee, bauen sollen’s andere …
Goethe unterbrach den Redefreudigen. So unhöflich es sei, aber ihm bleibe nichts anderes übrig, er müsse in diesem Augenblick zuschauen, wie hier auf Wiener Kommando getanzt werde. In Weimar wird nämlich noch dem Ancien Régime nachgetanzt. Er fühle sich als Weimarer Staatsminister a. D. verpflichtet, hier als Kundschafter tätig zu sein. Während er das sagte, hatte er Ulrike und Herrn de Ror keine Sekunde lang aus den Augen gelassen. Graf Leuchtenberg blieb nichts anderes übrig, als sich jetzt auch für die Tanzenden zu interessieren. Goethe spielte weiter den Pädagogen. Er halte es für töricht, eine angebotene Gelegenheit, etwas zu lernen, aus nicht anerkennenswerten Gründen nicht zu nutzen. Da, schauen Sie doch.
Fortsetzung folgt
Auszug aus
Martin Walser, „Ein liebender Mann"
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