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Porträt Hans-Ulrich Wehler
von Alexander Cammann
Der einstige Mittelstreckenläufer Hans-Ulrich Wehler war schon immer ein intellektueller Triathlet: Ausdauernd arbeitete er als Historiker an seinen Werken, durchsetzungsstark machte er seinen Einfluss unter Fachkollegen geltend, und kraftvoll meldete er sich immer dann in der deutschen Öffentlichkeit zu Wort, wenn die Lage im Land es zu erfordern schien. Auf die Frage, wer oder was er hätte sein mögen, antwortete er vor zwanzig Jahren im Fragebogen des F.A.Z-Magazins in beneidenswerter Übereinstimmung mit sich selbst: "Was ich bin."
Kraftvoll, durchsetzungsstark, ausdauernd: so ist er – und zugleich sind das daher nicht ohne Grund häufige Vokabeln im wissenschaftlichen Werk Wehlers. Dass er bestimmte Eigenheiten seines Stils und seiner Persönlichkeit über die Jahre hin bis zur ironischen Selbstparodie zu steigern vermochte, mögen manche belächeln. T-Shirt und Turnschuhe gehören seit langem zur sportlichen Erscheinung dieses 1931 geborenen Gelehrten. Am Ende zählt jedoch etwas anderes:
Er hat über die Jahrzehnte hinweg ein vielfach umstrittenes, gleichwohl bedeutendes Lebenswerk geschaffen. Wie bei deutschen Historikern traditionell üblich, vermengen sich bei ihm die Deutung der Vergangenheit mit seiner Meinung über die eigene Gegenwart. Wehlers Werk ist unauflösbar mit seiner Zeit, der Geschichte der alten Bundesrepublik und deren heftigen Konflikten verwoben – wer dies noch bezweifelt, darf sich vom abschließenden fünften Band seiner monumentalen "Deutschen Gesellschaftsgeschichte" belehren lassen. Je ferner jene Zeit uns wird, desto fremder mag auch Wehlers Werk anmuten. Aber aus der Distanz lassen sich bestimmte Eigenheiten immer besser erkennen. Aus der Vogelperspektive – ein anderes Wehler-Lieblingswort – wird deutlich, dass Hans-Ulrich Wehler mehr als zwanzig Jahre lang an einer klassischen Nationalgeschichte der Deutschen geschrieben hat: aus bundesrepublikanischer Perspektive zwar, aber dennoch in einem durchaus altmodischen Sinne. Auch wenn sie längst überholt sein wird, dürfte man sich auch dann noch an ihr abarbeiten.
Viele Blindstellen, mancherlei Ignoranz, erstaunliche Einseitigkeit und sonstige Mängel kann man dem Autor vorwerfen; sie sorgen seit jeher bei Wehler-Lesern für Kopfschütteln. Doch umso massiver stellt sich die Frage, warum von den Nachwachsenden kaum jemand mehr den Versuch wagt, eine umfassende Interpretation des 19. und 20. Jahrhunderts vorzulegen. Momentan erscheint der 76jährige Wehler jedenfalls als einer der letzten seiner Art.
War der wie sein Schulfreund Jürgen Habermas in Gummersbach aufgewachsene Kaufmannssohn Wehler geboren für die Erforschung der Vergangenheit? Als Junge im Nationalsozialismus hitlergläubig bis zuletzt, blieben Wehler auch später die Prägungen jener Kindheit stets deutlich bewusst. Amerika brachte wie bei vielen rasch auch die geistige Befreiung mit sich: G.I.s, Jazz und nach dem Abitur Anfang der 50er Jahre schließlich ein mehrmonatiger Aufenthalt in den Vereinigten Staaten. Er studierte anschließend in Bonn und Köln Geschichte und Soziologie; seine Lehrer waren der Soziologe René König und der Historiker Theodor Schieder, bei dem er 1960 promovierte.
Lust an der Provokation verspürte Wehler schon damals: Er gab die Schriften eines historischen Außenseiters der Weimarer Republik, Eckart Kehr, heraus. Der Titel wurde zum Programm: Dem "Primat der Innenpolitik" folgt der Historiker bis heute. Seine Habilitation in Köln über Bismarck glückte 1968 gegen viele Widerstände nur knapp. Seit 1971 lehrte er Allgemeine Geschichte an der soeben neu gegründeten Universität Bielefeld, die er zum Mekka für alle Sozialhistoriker machte. Die alsbald einflussreiche, so genannte "Bielefelder Schule" erforschte mit sozialgeschichtlichen Methoden vor allem das 19. Jahrhundert. Im Unterschied zu eher traditionellen Historikern ging es Wehler um "kritische" Geschichtsschreibung– wobei unklar blieb, was genau das besagte. Wehlers Verdienste um eine Modernisierung der Geschichtswissenschaft hierzulande sind dennoch beträchtlich: neue Fragen konnten gestellt, neue Themen und Theorien erprobt werden. Heftig waren Wehlers Auseinandersetzungen mit seinen wissenschaftlichen Kontrahenten, wobei vor allem der in München lehrende Thomas Nipperdey zum Antipoden wurde. Seine sozialliberalen Präferenzen verleugnete Wehler nicht. Politisch kämpfte er stets lustvoll an zwei Fronten: gegen Konservative und Linksradikale. So polemisierte er 1986 im Historiker-Streit an der Seite von Habermas heftig gegen Ernst Nolte und dessen konservativen Verteidiger. Heute hört sich das bei Wehler sanfter an, als es damals war. Für seine Attacken gegen den politischen Islamismus oder gegen einen EU-Beitritt der Türkei in den letzten Jahren gilt das allerdings kaum.
Anfang der achtziger Jahre begann Hans-Ulrich Wehler mit der Konzeption einer "Deutschen Gesellschaftsgeschichte" seit 1700, deren erster Band 1987 erschien. Jetzt hat er sie nach zwanzig Jahren und 4.500 Seiten mit Band 5 vollendet: eine titanische, bewundernswerte Leistung, um ein weiteres oft zitiertes Lieblingswort Wehlers zu verwenden. Auf FAZ.NET werden Leser und Experten in den kommenden Wochen über dieses Buch diskutieren und dabei jener Lieblingstugend Hans-Ulrich Wehlers folgen, die er vor zwei Jahrzehnten im Fragebogen des FAZ-Magazins benannte: Offenheit.
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Rolf Jonasson schreibt: Reaktion auf das Wehler-Video, Teil 2
.. insbesondere hinsichtlich der Frage, warum die SPD völlig darauf verzichtet, sich argumentativ mit der SED-Nachfolge-Partei auseinander zu setzen. Jedoch fürchte ich, dass die Antwort hierauf eher banal, gleichwohl erschreckend ist: Die SPD verfügt heute schlicht nicht mehr über das Personal, das eine solche Debatte erfolgreich führen könnte oder auch nur wollte. Die eine Hälfte macht es wie Ypsilanti: Wahlbetrug hin oder her - ich will an die Fleischtöpfe, basta. Der Rest des "Führungspersonals", nehmen wir beispielhaft Frau Nahles, ist doch inhaltlich auf einer Linie mit der Linken - da braucht man doch nur ins Programm der SPD zu sehen. Es ist doch kein Zufall, dass auch hier der Sozialismus wieder als "Staatsziel" proklamiert wird?! Steinmeier, Steinbrück und Co stehen da wie Saurier auf verlorenem Posten (von Clement ganz zu schweigen) und müssen aufpassen, dass sie sich nicht vor einen Karren spannen lassen, der ihren Überzeugungen diamitral zuwiderläuft!