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Die Jahre, die ihr kennt
Eine Einführung von Frank Schirrmacher
Wir wollen in der Zeitung und im Internet über das diskutieren, was uns gemacht hat: die Geschichte der Jahre neunundvierzig bis neunzig. Nicht um, wie Ebay das neuerdings anbietet, sich mit altem Spielzeug seine Vergangenheit wieder zusammenzukaufen, obwohl auch das ein Zeichen für die historischen Räume ist, die das Internet eröffnet. Wir wollen herausfinden, wie sehr die Bundesrepublik, die wir kannten, Geschichte geworden ist und was von ihr noch heute unsere Erwartungen und Hoffnungen bestimmt.
Der Anlass ist ein Buch. In wenigen Tagen erscheint der fünfte und letzte Band von Hans-Ulrich Wehlers Gesellschaftsgeschichte. Titel: "Bundesrepublik Deutschland und DDR 1949–1990". Das Werk, dessen erster Band 1987 erschien, ist selbst ein Objekt historischer Beschleunigungsprozesse. Damals schien Bonn die letzte Ausfahrt deutscher Geschichte zu sein, die DDR hatte Ewigkeitscharakter, und der beliebteste Weg zum schnellen Datenaustausch war das Faxgerät.
Die saturierte Gutmütigkeit
Der Untersuchungsgegenstand hat sich verändert. Und auch die Untersuchten, die Deutschen selbst. Viel stärker, wie vielen scheint, als in den Jahrzehnten vor 1990. Wehlers Werk endet mit der Wiedervereinigung. Die Mehrheit der heute lebenden Deutschen hatte bis zu diesem Tag die Phase ihrer mentalen, psychologischen und sozialen Grundprägung bereits durchlaufen. Sozialstaatliche Garantien sind in der Bundesrepublik in den siebziger Jahren gleichsam auf jeden Lebenslauf gestempelt worden. Das Gefühl, dass eine vernünftige soziale Marktwirtschaft allen nutzt und niemanden fallenlässt, war einst ein "Wunder" und von den siebziger Jahren an Lebensgefühl der nachwachsenden Generation. Diese Menschen, die ihre Erfahrungen in der wenn auch saturierten Gutmütigkeit der alten Bundesrepublik gemacht haben, bilden auch heute noch die Mehrheit des Landes.
Die Bürger der DDR hatten Abschied zu nehmen von einer Lebensform, tauschten sie aber gegen eine neue, die in allen Details vorgebildet war: die des Bundesbürgers des Jahres 1988. Heute ahnen wir, dass dieser Bundesbürger eine historische und ökonomische Ausnahmeerscheinung war. Deshalb haben manche ihrer früheren Bewohner heute das Gefühl, in Versprechungen eingewilligt zu haben, die sich als Bluff erwiesen haben. Viel dramatischer, weil unscheinbarer und dauerhafter erfasst dieses Gefühl der Kränkung längst auch die Bewohner Westdeutschlands. Nicht nur die Bevölkerung der Ex-DDR, auch die der alten Bundesrepublik befindet sich seit 1990 in einer Phase traumatisierender Abschiede von Garantien, auf denen ganze Lebensläufe aufbauen. Wer das Deutschland des Jahres 2008 verstehen will, muss begreifen, dass es weniger in Ost und West geteilt ist als in zwei Zeitzonen: in die Zeit vor 1990 und in die Zeit danach.
Was wir verloren haben
Deshalb ist das Erscheinen von Wehlers Buch weit mehr als ein wissenschaftsgeschichtliches Datum. Es gibt die Möglichkeit, herauszufinden, was es ist, das wir verloren haben. Mehr noch: Es eröffnet die Chance, nicht nur Wehlers Deutung, sondern auch die alte Republik einer Revision zu unterziehen. Und damit sich der Frage anzunähern, welche unserer Erwartungen und Hoffnungen sich nur daraus speisen, dass in unserem Unterbewusstsein immer noch Heinz-Oskar Vetter und Helmut Schmidt konferieren.
Wehlers Buch ist kontrovers. Seine Deutung der DDR als Fußnote der Geschichte wird ebenso Widerspruch erregen wie sein Hinweis auf den islamischen Fundamentalismus als "politische Pest" der Gegenwart. Man kann in Internetzeiten ein solches Buch des Präzeptors einer kritischen Geschichtswissenschaft in demokratisierender Absicht nicht nur rezensieren oder unter Fachgesichtspunkten diskutieren. Zwar werden Wissenschaftler und Publizisten im Lesesaal der F.A.Z. im Internet auf die Positionen Wehlers reagieren. Gleichzeitig aber werden unsere Leser mitwirken, jeder als historisches Subjekt, das seine eigene zeitgeschichtliche Erfahrung mitteilt.
Was geben wir preis?
Deshalb bitten wir die Leser, am Zeitfaden der Debatte ihre eigenen zeitgeschichtlichen Erinnerungen, Deutungen und Erfahrungen der Jahre bis 1990 mitzuteilen. Wie sehen wir heute das, was viele von uns erlebt haben? Was muss man, als Historiograph seines eigenen Lebens und seiner Anschauungen, im Nachhinein revidieren? Und was ist es, was wir im Begriff sind, preiszugeben? "Die Jahre, die ihr kennt" lautet ein melancholischer Buchtitel von Peter Rühmkorf aus dem Jahre 1972.
Viele Historiker werden sich in unserem Lesesaal äußern, aber das Feld wird ihnen nicht allein gehören: Meinungen sind erwünscht, aber auch Erinnerungen, Dokumente, Hinweise. Der Bruch mit der Vergangenheit kleidet sich manchmal in alltägliche Formeln. Die Wendung der alten Bundesrepublik, wenn es um sozialstaatliche und gesellschaftspolitische Entwicklungen ging, lautete stets: "Es wird nie passieren, dass..." Heute lautet sie: "Man hätte nie gedacht, dass..." Das kennzeichnet aber nicht mehr die historische Sensation, die einst der unerwartete Fall der Mauer bedeutete, sondern den Widerstand, den man verspürt, weil einem neue, unerwünschte Lebensformen aufgezwungen werden sollen.
Der berechtigte Triumph der SPD
Die Debatte, die wir von Montag an in der Zeitung und im Internet führen werden, dreht sich also auch darum, welche Ansprüche wir erworben haben, Ansprüche, die wir womöglich längst vergessen haben wie beispielsweise die katholische Soziallehre, auf die wir uns aber im Zeichen neoliberaler Globalisierungsideologien berufen können.
Wehlers Buch erscheint ein Jahr vor dem zwanzigjährigen Jubiläum des Mauerfalls. Zwanzig Jahre Mauerfall, das ist bereits die Hälfte der Lebenszeit der alten Bundesrepublik. So lang bereits lebt die Nation in dem neuen Zustand. Und es mag reine Zahlenmagie sein, aber 1969 kennzeichnet genau den Zeitpunkt, an dem die alte Republik ihre erste große Transformation erlebte: den historischen und berechtigten Triumph einer SPD, die in Willy Brandt und ein paar Jahre später in Helmut Schmidt ihre überzeugendsten Repräsentanten hatte. Wer Augen hat zu sehen, spürt, dass wir erneut vor einer Zäsur stehen. Man soll die nicht tadeln, die durch einen Blick in die Geschichte herausfinden wollen, warum ihnen dabei so ungut ist.


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