Klaus Harpprecht: Getrost charismatisch
Hans-Ulrich Wehler akzeptierte, als er die Realitäten der "Kanzler-Demokratie" des Bonner Staates absteckte, mit verständlicher Erleichterung, dass "der Bundesrepublik der Ruf nach einem neuen Charismatiker, erst recht nach seinem Herrschaftssystem" (wie es Max Weber skizzierte) "erspart" geblieben sei. Applaus. Ausdrücklich bescheinigt er dem ersten Kanzler, Konrad Adenauer, dass "dieser rheinische Demokrat mit seinen gelegentlich autoritären Neigungen" niemals "die unverwechselbare Statur eines Charismatikers" besessen habe. "Wenigstens diese positive Wirkung" habe das "Debakel des ‘Dritten Reiches’ auf lange Zeit gehabt."
Freilich legt Wehler den Begriff des Charismas mit einer Strenge aus, die der zeitgenössischen Gewohnheit einer eher lockeren Zuschreibung der Talente des (laut "Encyclopaedia Britannica") "außerordentlichen, magnetischen Führers" nicht mehr gemäß ist. Das amerikanische Lexikon will den ursprünglichen Sinn des Wortes freilich nur "phänomenalen Persönlichkeiten wie Jesus oder Napoleon" zuerkennen. Was für eine Paarung ! - (bei der wir als drittes Exempel den verkrachten Kunstmaler aus Braunau am Inn vermissen).
Es ist wahr: der greise Staatsmann Adenauer schien geradezu den Anti-Typus des Charismatikers zu verkörpern. Man könnte die durchaus magnetische Wirkung des Patriarchen auf seine Landsleute aber auch als ein "Charisma der Nüchternheit" charakterisieren, das seine Kraft aus der ruhigen, ja kargen Autorität geschöpft hat, die den Deutschen den Übergang von der Diktatur zum einem liberal geordneten Staatswesen leichter gemacht hat – übrigens in einer glücklichen Ergänzung durch den ersten (sehr wohl liberalen) Bundespräsidenten Theodor Heuß, der uns späte Spötter dazu einlädt, geradezu von einem Charisma der Gemütlichkeit zu reden.
In Adenauer fanden die Bürger der zweiten deutschen Republik eine Leitfigur, die sich dank ihrer Stetigkeit, ihrer Gelassenheit, ihres Instinktes für das rechte Maß, ihres Gespürs fürs Opportune, ihrer Verbindung von Selbstbewusstsein und Bescheidung ins Legendäre verklärte. Der zweite Kanzler, der die Phantasie der Deutschen auf grundverschiedene Weise, doch gleichermaßen effektvoll an sich band, war der Sozialdemokrat Willy Brandt, den heute – fast ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod – die gesamte Gesellschaft der Deutschen, die einst so feindseligen, ja hasserfüllten Konservativen nicht ausgenommen, als einen ihrer Großen feiert: auch seine Persönlichkeit ins Legendäre entrückt. Wenn es denn je in der deutschen Nachkriegsgeschichte einen Augenblick gab, in dem sich das "Cha-risma" in einer demütigen und darum grandiosen Geste zu erkennen gab, dann war es Brandts Kniefall vor dem Monument am Warschauer Ghetto: ein Bild, das den Völkern den Atem verschlug.
Im Unterschied zur Republik von Weimar – in der weder Friedrich Ebert noch Gustav Stresemann Einlass ins Gemüt des Volkes fanden - wurden der Bundesrepublik zwei Persönlichkeiten beschert, an denen sich ein demokratisch geprägtes Geschichtsbewusstsein aufzurichten vermag. Glücksfälle, die Wehler womöglich unterschätzt. Man darf sie getrost "charismatisch" nennen.


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Hans-Ulrich Wehler schreibt: Replik
Offensichtlich ist die Abwesenheit eines Charismatikers in der alten Bundesrepublik unstrittig. Auch Harpprechts Urteil über die "Glücksfälle" Adenauer und Brandt teile ich, ihr Erfolgsnimbus machte sie noch nicht zu Charismatikern.
Hoffentlich hat Dan Diner Recht, dass in einer existentiellen Krisensituation nicht doch wieder ein Charismatiker als Heilsbringer auftaucht, der Wunder durch seine Problemlösung verspricht und dafür Anhang findet. Der Abschied von Hitler fiel übrigens, da hat Ulrike Jureit ganz Recht, den Westdeutschen nicht so leicht. Noch sechs Jahre nach dem Krieg rangierte er in Meinungsumfragen als deutscher Spitzenpolitiker ganz oben, ehe ihn endlich Adenauer ablöste.