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Podium:

Adenauer, Brandt, Kohl: Was wurde aus dem Charisma nach Hitler?

Hitler besaß es, Obama besitzt es: jenes Charisma, das die Menschen nur wenigen Politikern zuschreiben. Gehören Adenauer und Brandt auch dazu? Zum Glück nicht, so Hans-Ulrich Wehler: Denn charismatische Führer tauchen nur in großen Krisen auf - und solche Krisen blieben der Bundesrepublik erspart. Doch was faszinierte die Deutschen an ihren Kanzlern? Diskutieren Sie über politische Persönlichkeiten, von Adenauer bis Kohl.

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Beiträge

29.08.2008 | 10:17 Uhr

Klaus Harpprecht: Getrost charismatisch

Hans-Ulrich Wehler akzeptierte, als er die Realitäten der "Kanzler-Demokratie" des Bonner Staates absteckte, mit verständlicher Erleichterung, dass "der Bundesrepublik der Ruf nach einem neuen Charismatiker, erst recht nach seinem Herrschaftssystem" (wie es Max Weber skizzierte) "erspart" geblieben sei. Applaus. Ausdrücklich bescheinigt er dem ersten Kanzler, Konrad Adenauer, dass "dieser rheinische Demokrat mit seinen gelegentlich autoritären Neigungen" niemals "die unverwechselbare Statur eines Charismatikers" besessen habe. "Wenigstens diese positive Wirkung" habe das "Debakel des ‘Dritten Reiches’ auf lange Zeit gehabt."

Freilich legt Wehler den Begriff des Charismas mit einer Strenge aus, die der zeitgenössischen Gewohnheit einer eher lockeren Zuschreibung der Talente des (laut "Encyclopaedia Britannica") "außerordentlichen, magnetischen Führers" nicht mehr gemäß ist. Das amerikanische Lexikon will den ursprünglichen Sinn des Wortes freilich nur "phänomenalen Persönlichkeiten wie Jesus oder Napoleon" zuerkennen. Was für eine Paarung ! - (bei der wir als drittes Exempel den verkrachten Kunstmaler aus Braunau am Inn vermissen).

Es ist wahr: der greise Staatsmann Adenauer schien geradezu den Anti-Typus des Charismatikers zu verkörpern. Man könnte die durchaus magnetische Wirkung des Patriarchen auf seine Landsleute aber auch als ein "Charisma der Nüchternheit" charakterisieren, das seine Kraft aus der ruhigen, ja kargen Autorität geschöpft hat, die den Deutschen den Übergang von der Diktatur zum einem liberal geordneten Staatswesen leichter gemacht hat – übrigens in einer glücklichen Ergänzung durch den ersten (sehr wohl liberalen) Bundespräsidenten Theodor Heuß, der uns späte Spötter dazu einlädt, geradezu von einem Charisma der Gemütlichkeit zu reden.

In Adenauer fanden die Bürger der zweiten deutschen Republik eine Leitfigur, die sich dank ihrer Stetigkeit, ihrer Gelassenheit, ihres Instinktes für das rechte Maß, ihres Gespürs fürs Opportune, ihrer Verbindung von Selbstbewusstsein und Bescheidung ins Legendäre verklärte. Der zweite Kanzler, der die Phantasie der Deutschen auf grundverschiedene Weise, doch gleichermaßen effektvoll an sich band, war der Sozialdemokrat Willy Brandt, den heute – fast ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod – die gesamte Gesellschaft der Deutschen, die einst so feindseligen, ja hasserfüllten Konservativen nicht ausgenommen, als einen ihrer Großen feiert: auch seine Persönlichkeit ins Legendäre entrückt. Wenn es denn je in der deutschen Nachkriegsgeschichte einen Augenblick gab, in dem sich das "Cha-risma" in einer demütigen und darum grandiosen Geste zu erkennen gab, dann war es Brandts Kniefall vor dem Monument am Warschauer Ghetto: ein Bild, das den Völkern den Atem verschlug.

Im Unterschied zur Republik von Weimar – in der weder Friedrich Ebert noch Gustav Stresemann Einlass ins Gemüt des Volkes fanden - wurden der Bundesrepublik zwei Persönlichkeiten beschert, an denen sich ein demokratisch geprägtes Geschichtsbewusstsein aufzurichten vermag. Glücksfälle, die Wehler womöglich unterschätzt. Man darf sie getrost "charismatisch" nennen.

Kommentare

Hans-Ulrich Wehler03.09.2008 | 13:58 Uhr
Hans-Ulrich Wehler schreibt: Replik

Offensichtlich ist die Abwesenheit eines Charismatikers in der alten Bundesrepublik unstrittig. Auch Harpprechts Urteil über die "Glücksfälle" Adenauer und Brandt teile ich, ihr Erfolgsnimbus machte sie noch nicht zu Charismatikern.

Hoffentlich hat Dan Diner Recht, dass in einer existentiellen Krisensituation nicht doch wieder ein Charismatiker als Heilsbringer auftaucht, der Wunder durch seine Problemlösung verspricht und dafür Anhang findet. Der Abschied von Hitler fiel übrigens, da hat Ulrike Jureit ganz Recht, den Westdeutschen nicht so leicht. Noch sechs Jahre nach dem Krieg rangierte er in Meinungsumfragen als deutscher Spitzenpolitiker ganz oben, ehe ihn endlich Adenauer ablöste.



29.08.2008 | 10:15 Uhr

Dirk van Laak: Vernebeltes Charisma

im "Dritten Reich" gehörte Hitlers Charisma zum System - übrigens auch, um Opferbereitschaft und Leistungsfanatismus zu entfesseln. In der Bundesrepublik und in der DDR fehlten alle Voraussetzungen für Charisma - was heute wiederum ein anderes Extrem zur Folge hat: die Stromlinienförmigkeit politischen Persönlichkeiten in der Gegenwart.

Im vierten Band seiner Gesellschaftsgeschichte setzte sich Hans-Ulrich Wehler ausführlich mit der "charismatischen Herrschaft" Hitlers auseinander, weil der "Führer" zweifellos so etwas wie eine strukturbildende Kraft besaß. Das lässt sich für die Bundesrepublik allenfalls ansatzweise für die "Kanzlerdemokratie" Adenauers konstatieren. Im heutigen Verständnis besitzt der "Charismatiker" etwas so Unspezifisches wie persönliche Ausstrahlung. Die konnte einem Willy Brandt zweifellos attestiert werden, in eingeschränktem Maße auch Franz Josef Strauß oder Joschka Fischer. Andere Politiker wie Helmut Kohl haben gar nicht erst versucht, den Glanz ihrer Persönlichkeit in den Mittelpunkt der Machtausübung zu rücken. Wieder andere pflegten einen ausdrücklich nüchternen, gleichsam anti-charismatischen Pragmatismus, insbesondere Helmut Schmidt. In dessen Zigarettendunst mischt sich heute wohl gerade deswegen so viel Weihrauch, weil er noch in tiefstem Nebel stets einen klaren Kopf behält.

In der frühen Nachkriegszeit unterlagen einzelne Figuren dem Verdacht, das Potenzial zu einer charismatischen Führungsrolle zu besitzen, etwa Otto Ernst Remer, der Verfolger des 20. Juli und "Helden" der bundesdeutschen Revisionisten. Dass solchen "Verführern" ein Erfolg versagt blieb, lag an der Präsenz der Besatzungsmächte sowie der Entstehung einer kritischen und kontrollierenden Öffentlichkeit. Im übrigen fehlten der Bundesrepublik nahezu alle Voraussetzungen für die Entstehung einer charismatischen Herrschaft: 1. eine überzeugend (oder überwältigend) auftretende Person, die von ihrer Mission auf geradezu fanatische Weise durchdrungen ist, 2. die erfolgreiche Mythologisierung von Person und Mission, 3. die "charismatische Situation" einer als existenziell empfundenen Krise, 4. die Bereitschaft einer gesellschaftlichen Mehrheit, einer solchen Person mehr oder weniger bedingungslos zu folgen sowie 5. die verstärkende Wirkung einer medialen Propaganda.

Hinzu kam die abschreckende Wirkung des Personenkults um Stalin. Als Ulbricht ihn zu kopieren versuchte, kam kein "großer Gesang" (Gerd Koenen) dabei heraus, sondern ein unfreiwillig komisches Gekrächze, weil der sächsische Tischler eben nicht einmal Ausstrahlung besaß. In Westdeutschland pflegte man dagegen seit 1945 ein ausgeprägtes Misstrauen gegen "Charismatiker" aller politischen Couleur. Ungeteilte Begeisterung konnten allenfalls einzelne Stars der Populärkultur oder des Sports auf sich ziehen.
Heute ist die Frage, ob nicht eher das Gegenteil einer "charismatischen Herrschaft" droht. Die fortwährende , oft am Unterhaltungswert ausgerichtete Infrage-Stellung des politischen Personals – auch Wehler nimmt sich ja heraus, den amtierenden SPD-Vorsitzenden als "Pfälzer Waldschrat" zu bezeichnen – führt letztlich zu einer Stromlinienform der politischen Persönlichkeit, die dann paradoxerweise ebenso ausgiebig beklagt wird wie ihre Mediokrität.

Im Zusammenhang mit der Leistungs-Debatte sei ergänzt, dass für die Entfesselung des "Leistungsfanatismus" im Dritten Reich die charismatische Herrschaft unabdingbar war. Erst die Opferbereitschaft für die Person des "Führers", seine vermeintlich historische Mission und die Vision einer egalitären "Volksgemeinschaft" setzte die spezifische gesellschaftliche Dynamik der NS-Zeit frei. Ob sich hier umstandslos eine "entnazifizierte" Nachkriegs-Variante anschloss, erscheint auch mir eher zweifelhaft. Schließlich richtete sich diese Leistungsbereitschaft nicht nur auf den Aufbau des "Großgermanischen Reiches" mit all seinen Verheißungen, sondern auch, darauf wiesen Michael Wildt und Andreas Fahrmeir zu Recht hin, auf die effiziente Verdrängung und Vernichtung von "Gemeinschaftsfremden".

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28.08.2008 | 15:57 Uhr

Martin Sabrow: Parteicharisma in der DDR

Ist die Frage überhaupt richtig gestellt? Charisma bezeichnet weniger eine persönliche Eigenschaft als vielmehr eine soziale Beziehung. Charismatische Führungsfiguren gehen nicht aus politischen Talentschuppen hervor, sondern aus Zeiten, in der die Sehnsucht nach einem Messias grassiert, und diese Sehnsucht konnte sich in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg selbst an eine solch hölzerne Figur wie Hindenburg heften.

Wenn Charisma als Bereitschaft zur gläubigen Selbstauslieferung, zur vertrauensvollen Hingabe von Anhängern und Gemeinschaften an eine höhere Macht definiert wird, dann hat im bundesdeutschen "Neustaat", wie Wehler ganz zu Recht argumentiert, zu keiner Zeit eine charismatische Situation bestanden. Im Gegenteil richtete sich die politisch-kulturelle Stimmungslage der Nachkriegszeit in Bonn - wie übrigens auch in Ost-Berlin - auf patriarchale Führungsfiguren, die betonte Schlichtheit mit einem spezifischen Pathos der Vernunft verbanden und für den "Trost der Geborgenheit im Provinziellen" (Adorno) standen. Lediglich die Erschütterungsphase am Ende der Nachkriegszeit mit ihrem konflikthaften Wertewandel hin zur Fundamentalliberalisierung schien zeitweilig abermals das Aufkommen des charismatischen Führungstypus zu begünstigen; neben Willy Brandt wäre hier vor allem an die Achtundsechzigerbewegung und ihre Leitgestalten wie Rudi Dutschke oder Daniel Cohn-Bendit zu denken.

Wie kurzfristig und oberflächlich sich allerdings die politische Kultur der Bundesrepublik charismatisch aufladen ließ, verdeutlichte bereits Brandts Kanzlernachfolger Schmidt, der die heilsgeschichtliche Essenz jedes Führervertrauens mit den Worten entmachtete, wer Visionen habe, solle zum Arzt gehen.

In einem aber würde ich Wehler widersprechen. So seltsam es klingen mag: Gerade in der nach Wehler von der Mediokrität und kleinbürgerlichen Ärmlichkeit ihrer Führungsfiguren geprägten DDR lassen sich durchaus Züge charismatischer Herrschaft ausmachen. Nur war der Träger dieses Charismas eben keine Person, sondern die Partei, deren "Heiligkeit", "Heldenkraft" und "Vorbildlichkeit" (Max Weber) die politische Ordnung der kommunistischen Diktatur legitimieren sollte. Im Parteikult kommunistischer Gesellschaften finden sich alle Züge der "außeralltäglichen Hingabe", die nach Weber charismatische Herrschaft begründet. Gerade die Unterordnung und Anpassungsbereitschaft privilegierenden Auslesemechanismen der SED-Eliten mit ihrer Egalitätsästhetik und ihrem Konformitätsdruck unterstreichen nur die charismatische Aufladung der Einheitspartei.

Man sollte den Gedanken nicht überstrapazieren; der kommunistische Parteikult ist nicht mit der DDR-Gesellschaft gleichzusetzen, und er ritualisierte sich im Zuge seiner Veralltäglichung im übrigen immer mehr. Aber welche Legitimationskraft dem kommunistischen Institutionscharisma mit seinen sakralisierenden Zügen und auratischen Parteibuchriten innewohnen konnte, zeigte sich noch im Untergang des SED-Regimes, als parallel zur Maueröffnung auf der letzten ZK-Tagung Parteivertreter reihenweise ans Mikrofon stürzten und ihr Leben für zerstört erklärten, weil die Partei, an die sie ihr Leben lang geglaubt hätten, sie belogen und im Stich gelassen habe.

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28.08.2008 | 14:15 Uhr

Manfred Hettling: Manager des Normalzustandes

Unglücklich das Land, das Helden braucht, hat Brecht geschrieben. Aber zum Glück für die Deutschen in Ost und West waren die Bedingungen nach 1945 nicht so, dass Charismatiker hätten die Bühne betreten können. Denn nach den Krisen, Katastrophen und der Verherrlichung des Ausnahmezustandes im Dritten Reich gründete die Bundesrepublik auf einer Etablierung und - ebenso wichtig - einer inneren Akzeptanz der Normalisierung, einer Absage an alles Heroische und alles Außeralltäglichen. Gefragt und gesucht war das kleine Glück im hier und jetzt, im Banalen.

Wehler ist voll und ganz zuzustimmen, dass weder Adenauer noch Brandt - und ebenso weder Strauß noch Schmidt - Charismatiker sein konnten oder wollten. Weder hatten sie außeralltägliche Situationen zu meistern - was ja nicht dagegen spricht, dass sie ungewöhnliche Herausforderungen bewältigten. Noch sprach man ihnen außeralltägliche Fähigkeiten zu, standen sie doch jeweils für Bekanntes und Geschätztes. Ihre Qualität lag gerade darin, der Forderung des Tages gerecht werden zu können.

Sie waren effiziente und populäre Manager des Normalzustandes. Wie erfolgreich das sein konnte, hat niemand ausdrucksstärker verkörpert als Helmut Kohl, die Inkarnation wiedergewonnener bundesdeutscher Gewöhnlichkeit. Die errungene Alltäglichkeit und vor allem das Akzeptieren der damit verbundenen Mittelmäßigkeit hat Hans Magnus Enzensberger in den siebziger Jahren in einem polemisch-spitzzüngigen Essay als "erlösend" beschrieben. Und wer erlöst ist, sucht keinen Charismatiker.

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28.08.2008 | 14:49 Uhr
Dominic Nellessen schreibt: Der ganz "normale" Wahnsinn?

"...in Ost und West waren die Bedingungen nach 1945 nicht so, dass Charismatiker hätten die Bühne betreten können" - Das ist glücklicherweise der Fall, aber man sollte davon Abstand nehmen, den genannten politischen Akteuren der deutschen Nachkriegsgeschichte ihre Fähigkeit abzusprechen, Charismatiker zu sein. Wie Herr Hettling eingangs treffend beschreibt, brauchte und wollte Deutschland keinen Charismatiker. Das bedeutet aber nicht im Umkehrschluss, dass bei ersten Anzeichen einer aufkeimenden, neuen Akzeptanz für außergewöhnliche Führungsqualitäten sich nicht genau diese Individuen (ich spreche vor allem von Strauß, wir erinnern uns gerne?) auf der politischen Bühne neu "positioniert" hätten. Was Herr Hettling ungewöhnliche Herausforderungen nennt muss wohl erst noch erfunden werden, aber darum geht es nicht. Lebte ich zu Schmidts Zeiten, hätte ich ihm jedenfalls zumindest "außeralltägliche" Fähigkeiten zugestanden.



28.08.2008 | 12:45 Uhr

Andreas Anter: Europa ohne Charismatiker

Das Fehlen charismatischer Figuren gehört zu den oft registrierten Phänomenen der bundesdeutschen Politik. Vor allem in der langen Regierungszeit Helmut Kohls wurde der Mangel an charismatischem Personal beklagt. "Charisma" wurde zu einem Zauberwort mit leicht oppositionellem Klang. In der politischen Semantik hat der Begriff seit langem eine äußerst positive Konnotation, er steht für Ausstrahlung, Emotion, Identifikation, Führung, Erlösung – kurz, für fast alles, wonach sich die Deutschen sehnen.

Wer danach fragt, warum die Bundesrepublik keine charismatischen Figuren hervorgebracht hat, muss zunächst überprüfen, ob dies überhaupt eine deutsche Besonderheit ist. Hier zeigt sich schnell in einem vergleichenden Blick, dass auch die anderen europäischen Länder in den Nachkriegsjahrzehnten kaum einen Charismatiker aufzuweisen hatten, jedenfalls niemanden, der einen Adenauer oder Brandt groß überflügeln würde. Es handelt sich also um eine europaweite Erscheinung.

Um die Ursachen des Phänomens zu ergründen, konsultiert man am besten Max Weber, der im Blick auf die Voraussetzungen und Wirkungen des Charisma immer noch die klarsten Antworten gibt. Für Weber sind charismatische Figuren eine Erscheinung außergewöhnlicher, revolutionärer Situationen. Sobald die revolutionäre Bewegung wieder in die "Bahnen des Alltags" zurückflutet, verflüchtigt sich auch die charismatische Herrschaft. Daher kann ihre Wirkung nie von Dauer sein. Dieser Befund ist in der Geschichte des letzten Jahrhunderts vielfach bestätigt worden.

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28.08.2008 | 13:42 Uhr
Guenter Meilinger schreibt: Was ist Charisma ?

Sind das Politiker die dem Volk populistisch nach dem Mund reden, wie Chavez oder Lafontaine, oder hochintelligente Menschen wie ein Helmut Schmidt mit Idolfunktion.
Hoffentlich sind hier mit Charisma keine Bauernfänger gemeint.



28.08.2008 | 10:29 Uhr

Andreas Rödder: Zwischentöne statt Charisma

Wie leicht ließe sich die Frage, warum die Bundesrepublik keine charismatischen Führungsfiguren hervorgebacht hat, mit dem Verweis auf das funktionierende, stabile Institutionengefüge beantworten, das legale Herrschaft ermöglichte und die charismatische überflüssig machte.

Die Frage ist nur, ob die Frage richtig gestellt ist - oder anders herum: welche Erklärungskraft die Kategorie der charismatischen Herrschaft besitzt, die sich allein von der legalen unterscheidet, weil die traditionale in Hoch- und Postmoderne keine Rolle mehr spielt. Ist das Charisma nicht vielmehr, wie schon im Falle Hitlers und manch anderer inflationär gewordener Zuschreibung, ein Joker für den Fall, dass strukturanalytische Erklärungsmodelle nicht mehr funktionieren - zumal der korrespondierende Charakter eines solchen Herrschaftsverhältnisses die systematische Untersuchung der gesellschaftlichen Rezeption und somit sozialkultureller Phänomene voraussetzt, die der Interpretation im "stahlharten Gehäuse der Moderne" schnell entgehen?

Dass es keine charismatischen Figuren gab, ist mithin nicht eigentlich begründungspflichtig - erkenntnisträchtiger ist vielmehr die differenzierte Analyse von individuellem politischem Führungshandeln im institutionellen Kontext des Parteienstaates, der Veto-Spieler und der Handlungsblockaden, wie ihn Andreas Wirsching für die achtziger Jahre so eindrücklich beschrieben hat. Dann kommen die signifikanten Befunde zum Vorschein: von Adenauers Akzeptanz der Mechanismen der Konsensdemokratie bis ihrer Durchbrechung durch Schröders Agenda-Politik - mit allen Zwischentönen, im entscheidenden Grau in Grau - anstelle der Frage "Charisma oder nicht".

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28.08.2008 | 08:10 Uhr

Ulrike Jureit: Nachwirkende Bindung an Hitler

Hans-Ulrich Wehler macht – und damit bleibt er Max Weber treu – das Fehlen einer sich verfestigenden Krisenwahrnehmung im Nachkriegsdeutschland sowie das kaum durch außeralltägliche Qualitäten hervorstechende politische Personal dafür verantwortlich, dass sich die deutsche Gesellschaft mit Adenauer und Brandt, mit Schmidt und Kohl arrangierte statt neuen Führerfiguren zu folgen.

Zweifellos sind damit entscheidende Faktoren benannt, allerdings verliert eine solche Argumentation aus dem Blick, dass die Nachkriegsgeschichte wohl kaum ohne die vorherige Bindung an Hitler zu verstehen ist.

Vor vierzig Jahren haben Alexander und Margarete Mitscherlich die These vertreten, die Deutschen seien während des Nationalsozialismus mit Hitler hochgradig identifiziert gewesen, hätten aber bei Kriegsende nicht um ihn trauern können und daher begonnen, diesen Teil ihrer Geschichte zu derealisieren. "Die Unfähigkeit zu trauern" avancierte Ende der sechziger Jahre zum populären Schlagwort für den psychischen Gesamtzustand der deutschen Nachkriegsgesellschaft.

Dass in der Rezeption der Mitscherlich-These schon bald nicht mehr vom omnipotenten Führer als eigentlichem Trauerobjekt, sondern von den Opfern nationalsozialistischer Vernichtungspolitik die Rede war, ist ein anderes Thema. Festzuhalten bleibt, dass bei aller zutreffenden Kritik an solchen nationaltherapeutischen Diagnosen und einer berechtigten Skepsis gegen massenpsychologisch aufgeladene Erklärungsversuche nicht von der Hand zu weisen ist, dass die zu beobachtende charismatische Abstinenz im Nachkriegsdeutschland wohl zunächst weniger ein Lernerfolg als vielmehr die Konsequenz einer vollständigen und nachhaltigen Deligitimierung der vorherigen Herrschaftsbeziehungen war. Ein solcher individueller wie kollektiver Bedeutungsverlust, wie ihn die deutsche Gesellschaft 1945 erfuhr, hätte sich nicht ohne weiteres durch Ersatzpersonal kompensieren lassen, zumal die Neukonstituierung beider deutscher Staaten unter internationaler Beobachtung stand und eine Neuauflage charismatischer Herrschaft schon deswegen außerhalb des politisch Möglichen lag.

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28.08.2008 | 08:07 Uhr

Paul Nolte: Demokratie der veralltäglichten Routine

Ein Teil der Antwort ist zu offensichtlich und wird auch durch seinen Altersbart nicht falsch: Nach Hitler hatte Deutschland die Charismatiker satt. Es ist einen Moment lang reizvoll, sich einen deutschen Obama vorzustellen, aber im Grunde fühlen wir uns mit Helmut Schmidt und Angela Merkel besser bedient.

So wichtig die Frage nach dem Charisma in den früheren Bänden, für die Analyse des Bismarckreiches und des Nationalsozialismus gewesen ist, so flüchtig streift Wehler sie im fünften Band. Das hat auch damit zu tun, dass politisches Personal für die Zeit seit 1949 kaum Beachtung findet. Wenn man Adenauer und Brandt als Menschen und als politische Typen nicht in den Blick nimmt – es bleibt tatsächlich bei ganz wenigen Zeilen, die noch wie eine lästige Pflichterfüllung wirken –, dann kann man auch dem Charisma und den Bedingungen seiner politischen Wirkung nicht auf die Spur kommen. Das ist schade und überdies, entgegen dem Vorurteil, Wehler interessiere sich eben nur für anonyme Strukturen, gar nicht typisch: Man muss nicht Helmut Kohl mit Bismarck vergleichen – aber Adenauer und Brandt einmal vor der Folie von Hardenberg und Montgelas zu sehen, Wehlers "Helden" der Reformzeit am Beginn des 19. Jahrhunderts, das wäre schon reizvoll gewesen.

Am Ende wäre das Ergebnis aber doch gewesen: Viel Charisma ist da nicht. Und eine charismatische Person macht noch nicht den Strukturtypus charismatischer Herrschaft. Diese, ob bei Bismarck oder Hitler, war in der deutschen Geschichte das Produkt einer Übergangszeit der "Klassischen Moderne", einer Phase der industriellen Massengesellschaft, die sich über ihre politische und soziale Demokratisierung noch nicht im klaren war. Die amerikanische Demokratie ist eine des Pathos, die Charismatikern Raum lässt; die europäische, in deren Mainstream die Bundesrepublik schwimmt, ist eine Demokratie der veralltäglichten Routine. Und meistens: zum Glück.

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28.08.2008 | 15:01 Uhr
Dominic Nellessen schreibt: Ein wahres Wort

"Die amerikanische Demokratie ist eine des Pathos, die Charismatikern Raum lässt; die europäische, in deren Mainstream die Bundesrepublik schwimmt, ist eine Demokratie der veralltäglichten Routine. Und meistens: zum Glück."

Diesem Satz kann ich voll und ganz zustimmen - uns bleiben irrwitzige Monate und Jahre des Wahl- und Vorwahlkampfes, horrende Spendensummen, mit denen man eigentlich alle paar Jahre wunderbare Dinge wie Haushaltskonsolidierung anstellen könnte, eine populistische Schlammschlacht und 180°-Wendungen usw. usw. erspart. Zum Glück.



28.08.2008 | 08:06 Uhr

Dan Diner: Ziviler Ton, zivile Gestik

Charisma erwächst aus Distanz und Imagination. Heute sind kaum charismatische politische Erscheinungen zu erkennen. Barack Obama soll Charisma verströmen. Aber dies dürfte sich auf Dauer eher als Manko erweisen. In der heutigen Zeit scheint so recht keine Patina des Charismas mehr anwachsen zu wollen. Dies dürfte u. a. der durch die Medien insinuierte Nähe zu den Figuren der Öffentlichkeit und der Politik geschuldet sein, der Aufdringlichkeit der Kameras und der Impertinenz der Mikrophone.

De Gaulle soll von früh an durch Habitus, Gestik und Mimik erreicht haben, gleichsam unnahbar zu werden. Niemand durfte die um ihn herum aufgebaute Distanz von sechs Fuß unterschreiten. In Deutschland dürften indes einige Besonderheiten wirksam gewesen sein – jedenfalls in der politischen Kultur der alten Bundesrepublik, oder auch der DDR. Adenauer als Redner war beileibe nicht mitreißend, eher wortkarg. Ulbrichts (Fistel-)Stimme erregte allenfalls Spott. Das war bei parlamentarischen Debattenrednern wie Erler und Dehler schon anders. Ernst Reuter würde heute peinlich klingen. Das waren rhetorische Weimarer Restbestände. Und diese schleiften sich zunehmend ab.

Rhetorik, vor allem exaltierte Rhetorik im öffentlichen Raum, gilt heute als unschicklich. In der Tat mag das mit dem auf die Krisenjahre der Zwischenkriegs- und der Kriegs- wie Nachkriegszeit festgelegten Schwarz-Weiß der Wochenschau und den aufdringlichen akustischen Lautorgien aus dem Volksempfänger in Verbindung stehen. Die unerträglich laute, sich überschlagende Stimme des Volksredners war wesentlich Ergebnis der Einführung elektrischer Lautsprecher. Der Wandel der elektrischen Verstärkung war dem nach öffentlicher Aufmerksamkeit gierenden Redner entgangen. Bislang war er allein geübt gewesen ohne diese Hilfsmittel zu sprechen – auf Plätzen oder in großen Hallen. Da musste man sein Organ schon anstrengen. Zudem musste man den Körper in Schwingung versetzen, man musste gestikulieren, um überhaupt wahrgenommen zu werden.

Betrachtet man etwa Ausschnitte aus filmischen Dokumentationen der dreißiger Jahre, so macht in ihnen ein Ramsay Mcdonald eine nicht ganz andere Figur (mit Verlaub) als Adolf Hitler. Diese Geräuschkulisse ist den Deutschen in Verbindung mit der Niederlage in die Knochen gefahren. Von Ton und Gestik her war die alte Bundesrepublik bei weitem ziviler, als sie es der Überzeugung nach war. Aber das ist nichts Schlechtes. Ein Wandel, wenn auch kein strukturell tiefgehender, war erst über die Folgen der `68-Bewegung zu verspüre. In gewisser Hinsicht, wenn auch randständiger Hinsicht hat es sich ja auch um eine Mimikry Weimarer Politikvorstellungen gehandelt. Zündende politische Rhetorik kam im Bundestag erst wieder auf, als Joschka Fischer seine Reden hielt. Aber das waren insulare Phänomene. Rhetorik und Charisma sind Phänomene der Vergangenheit.

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28.08.2008 | 11:43 Uhr
Herold Binsack schreibt: Trägheit und Transzendenz

Das eigentlich Skandalöse ist die Behauptung Wehlers, dass Hitler Charisma besessen hätte. Denn abgesehen davon, dass das wohl nur für den Teil der damaligen Gesellschaft galt, der ihn unterstützt hat, stimmt diese Aussage auch in sich nicht. Denn das Charisma eines Hitler war einer Projektion geschuldet. Nämlich der einer verarmten, geblendeten, schlecht gebildeten Masse, der er voll entsprach, sogar durch Herkunft. Einer solchen nämlich, die sich zudem noch nicht ihrer wirklichen Macht bewusst war: der der Trägheit. Jene damalige Masse zehrte noch von den Ausläufern des deutschen Idealismus - und war entsprechend gehemmt, somit mittelmäßig - und ganz und gar nicht von irgendeiner materialistischen Schule, leider auch nicht von der marxistischen. Der Kampf um die Masse wird erst jetzt ausgetragen,wo sie sich entscheiden darf zwischen Mittelmäßigkeit und auf Transzendenz ausgerichtete (Trägheits-)Potenz.


28.08.2008 | 11:31 Uhr
Heinz-Dieter Dey schreibt: Charisma ohne Medien?

Charisma reicht nicht aus: Für politische Laufbahnen braucht man Durchsetzungsfähigeit und diverse Machttechniken. Wie kann unter den Bedingungen der heutigen Medienlandschaft überhaupt noch Charisma entstehen?

Ich habe Hitler aus Altergründen nicht bewusst erlebt. Nach den Ton- und Bildaufnahmen ist sein angebliches Charisma heute nicht mehr zu verstehen.

Üblicherweise sind für solche oder ähnliche Laufbahnen der Wille zur Durchsetzung persönlicher Vorstellungen, verbunden mit Überzeugungskraft, Selbstbewusstsein, rhetorischem Geschick, Organisationsvermögen und nicht zuletzt zur Bildung eines Anhängerstammes erforderlich. Ist der Ausdruck "Charisma" dafür vielleicht nicht mehr zeitgemäß oder verfehlt?

Der Hinweis, dass Charisma Distanz brauche, die durch Rundfunk und Fernsehen heute nicht mehr gegeben sei, führt zur Frage, ob es in der heutigen und künftigen Medienlandschaft überhaupt noch charismatische Persönlichkeiten geben kann. Welche Rolle spielen die Medien beim Auf- oder Abbau solcher Menschen heutzutage unter Berücksichtigung des Charisma-Ausprägungswandels? Oder ist Charisma nur in der nichtmedialen Begegnung wahrnehmbar?



27.08.2008 | 14:45 Uhr

Michael Wildt: Ernüchterung, Enttäuschung oder Einsicht?

Ich befürchte, die Frage führt in die Irre, weil sie eine überholte Vorstellung von Charisma nahe legt. Die Pointe von Max Webers Überlegungen, denen auch Hans-Ulrich Wehler folgt, liegt doch darin, dass es nicht darauf ankommt, ob ein Mensch Charisma besitzt, sondern dass es ihm von seinen Anhängern zuerkannt wird. Charisma nicht als Naturgabe, sondern als Zuschreibung. Charisma, so Weber, sei eine "außeralltägliche Qualität", von der es ganz gleichgültig sei, wie sie objektiv zu beurteilen sei. Entscheidend sei ausschließlich, "wie sie tatsächlich von den charismatisch Beherrschten, den ‚Anhängern’, bewertet wird".

Demnach müsste die Frage lauten, warum es im Nachkriegsdeutschland keine "Anhänger" mehr gab, die einem politischen Führer Charisma zuschreiben wollten. Die Perspektive der Analyse würde sich umdrehen von den "Figuren" zu den Vielen, von den "charismatischen Führern" zu den "charismatisch Beherrschten". Und damit wären wir mitten in einer politischen Kulturgeschichte, die für die Bundesrepublik, trotz der hervorragenden Studien von Peter Reichel, Axel Schildt und anderen, noch in den Anfängen steckt. War es Ernüchterung, Enttäuschung oder Einsicht, die zur Abkehr von charismatischen Hoffnungen geführt hat? Wehler selbst, Jahrgang 1931, könnte eigene biographische Hinweise liefern – wie er es ja auch, ein wenig sich selbst versteckend, in den Abschnitten zur HJ- bzw. Flakhelfergeneration und deren Leistung zum Aufbau der Bundesrepublik tut (S. 187-189). Deutsche Nachkriegsgeschichte als Generationengeschichte – eine überaus spannende Perspektive.

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05.09.2008 | 21:30 Uhr
Jörg Beckmann schreibt: Akademische Frage

Eine wirklich eher - wie man so sagt - akademische Frage. Wehler (Jahrgang 31) , Angehöriger der skeptischen Generation, wie ich selbst (Jahrgang 34) drückt sich - sagen wir - vorsichtig aus. (Erhöht den Anspruch an jene, die Charismatiker seien.)

Kein Wunder, wir waren auch zu enttäuscht.
Ich jedenfalls habe nach 45 allen Autoritäten eher misstraut.
Trotzdem habe ich allmählich bei Adenauer, Brandt aber auch bei Wehner, Strauß und auch bei Schmidt so etwas wie Charisma erspürt.
Natürlich schien mir keiner mehr gottgleich oder gar als Allein-Führer, doch dass sie aus der Gruppe der Führenden durch Rednergabe und Tätigkeit herausragten, war für mich ebenso offensichtlich wie trostreich....



Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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