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Podium:

War die DDR eine linkstotalitäre Diktatur und eine "sowjetische Satrapie"?

Alle eingemauert, alles beobachtend: Der Sozialismus in den Farben der DDR zeigte allzu oft sein hässliches Antlitz. War die DDR seit 1949 eine linkstotalitäre Diktatur der "deutschen Bolschewiki", wie Hans-Ulrich Wehler die SED nennt? Wie abhängig war das östliche Deutschland vom "großen Bruder" Sowjetunion? Diskutieren Sie über die DDR-Geschichte.

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Beiträge

Hans-Ulrich Wehler
03.09.2008 | 14:00 Uhr

Hans-Ulrich Wehler: Sammel-Replik

Die herrschaftstypologischen Kennzeichen als Satrapie und System des Sultanismus á la Weber habe ich schon verteidigt. Weshalb sind diese Begriffe so strittig, wo doch Alternativen wie linkstotalitäre Diktatur oder SED-Diktatur auf diese Weise ergänzt werden können, zumal sie sich mühelos eben so gut, wenn nicht besser für den Vergleich eignen?

Mit seinem Einwand, dass mich die DDR nicht dauerhaft interessiert, zumal mir die rote Diktatur ganz so gräulich ist wie die braune, hat Kielmansegg recht. Aber ist das zum Sultanismus gehörende Element der Willkür, keineswegs nur im Orient vorhanden, nicht an der DDR-Spitze zu greifen? Hat Honecker mit Mittag und Mielke nicht jahrelang im Dreiergespann am Politbüro, dem Sekretariat, dem Zentralkommitee vorbei regiert? Hat er nicht den Gewinn aus Schalk-Golodkowskis dubiosen Verkäufen in eine Sonderkasse gelenkt, über die er nach gusto verfügte?

Kielmansegg hat in der Zeit, als die Totalitarismustheorie als Kampfinstrument des Kalten Krieges verfemt wurde, an ihrem analytischen Nutzen für den Vergleich moderner Diktaturialsysteme festgehalten. Ich habe ihm zugestimmt und deshalb auch kein Problem, von rechts- und linkstotalitären Systemen zu sprechen. Deshalb bin ich auch nicht von Sabrows Postulat überzeugt, man müsse bei der DDR-Analyse die "westliche Brille" ablegen. Mit dem durchaus westlichen Arsenal Weberscher Begriffe kann man die Soziale Ungleichheit in der DDR durchaus erfassen und braucht zum Beispiel keineswegs hausgemachte DDR-Begriffe zu übernehmen. Auf die empirische Beweisführung, ob der vorgeschlagene Herrschaftstypus "Teleologische Herrschaft" sich bewähren kann, bin ich gespannt, besonders auf die normativen Grundlagen seiner Legitimationsbasis. Also: Auf ins Gefecht, die DDR-Geschichte kann die Debatte um diesen neuen Ansatz durchaus vertragen.

Dass es im DDR-System auch Zonen relativer Autonomie gab, daran erinnert Pollack zu Recht. Aber sie gab es auch im "Dritten Reich", das für 80 Millionen Menschen 9 000 Gestapo-Häscher besaß, während die DDR für 16 Millionen auf 100.000 Stasi-Agenten kam. Immerhin war die Autonomie nicht so weit ausgeprägt, dass es zu einer mehr als winzigen Dissidentenbewegung gekommen wäre. Lebenspraktische Überlebenspraktiken im Kampf um gewisse Spielräume bilden sich in allen autoritären Systemen heraus. War es wirklich schwer, den "menschenverachtenden Charakter" des Systems unter Honecker zu erkennen? Jeder Bus mit den im modernen Sklavenhandel freigekauften Häftlingen (die Studenten, mit denen ich zu tun hatte, haben 50.000 DM gekostet) gab darüber Auskunft. War das ein sich "humanisierender Staat"?

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29.08.2008 | 15:55 Uhr

Wolfgang Schuller: Sultänchen, keine Sultane

Die DDR macht es einem schwierig, sie genau zu charakterisieren - und Wehler verfällt, wohl aufgrund geringer Vertrautheit, auf übertrieben barsche Begriffe. Die DDR blieb zwar immer ein Geschöpf der Sowjetunion, doch es gab zahlreiche interessante Facetten, die diese deutsche Diktatur heute erzählbar machen.

Wenn Wehler die DDR poetischerweise eine Satrapie nennt und dazu das noch poetischere Wort Sultanismus verwendet, dann ist das zunächst einmal insofern eine erfreuliche Sache, als er dadurch von der vor 1989 im Schwange befindlichen Mode abkommt, die DDR als etwas "anderes" zu bezeichnen, auf das man auf gar keinen Fall "unsere" oder "westliche" Kriterien anwenden dürfe. Was dieses "andere" aber sei, darüber schwieg man sich aus. Jetzt wird sie richtigerweise von allen als eine Diktatur angesehen, eine spezifische Parteidiktatur, und diese Bezeichnung würde fast genügen. Fast - denn dadurch kommt nicht zum Ausdruck, daß die DDR ein Geschöpf der UdSSR und in letzter Instanz ein Teil des sowjetischen Herrschaftssystems war. Die Sowjetunion beherrschte in wenn auch vermittelter Weise die DDR, das interne Herrschaftssystem der DDR war dem sowjetischen bis auf wenige Ausnahmen komplett nachgebildet, sie war ein sowjetisches Implantat in Deutschland.

Insofern könnte man etwas weniger poetisch von Fremdherrschaft sprechen, aber auch das trifft die Sachlage nicht. Die ganz konkrete unmittelbare Herrschaft übten Deutsche aus, die deutschen Kommunisten, und gegen sie richtete sich die Herbstrevolution. Die vermittelnden Instanzen der Herrschaft waren so groß, präsent und gewichtig, dass die "letzte Instanz" der Herrschaft immer seltener und zum Schluß überhaupt nicht mehr zum Zuge kam; gewiss nicht aus Menschenfreundlichkeit, sondern weil die UdSSR selbst in sich instabil geworden war. Und Sultanismus? Gewiß übten die verschiedenen Sorten von Sekretären, vom Generalsekretär angefangen bis hinunter zu den Ersten Kreissekretären eine oft unumschränkte Herrschaft in ihrem jeweiligen Bereich aus, herrschten nach Gutdünken, schanzten sich allerlei persönliche Vorteile zu, knallten auf den von ihnen mit Leidenschaft betriebenen Jagden ihnen zugetriebenes Wild reihenweise ab – aber Sultane stellt man sich anders vor. Kleine Sultänchen mögen es gewesen sein.

Woher mögen diese übertrieben barschen und unangemessenen Ausdrücke kommen? Wenn man die ebenfalls unangemessene Bezeichnung der DDR als etwas "anderes", das man nicht kritisieren dürfe, richtigerweise vermeiden will, gäbe es moderatere und zutreffendere Ausdrücke, die die Vermitteltheit der Herrschaft besser ausdrückten. Sollte etwa eine geringere Vertrautheit mit dem Gegenstand die Ursache sein? Dafür könnten zahlreiche Detailfehler sprechen, nur einige wenige Beispiele. Was Wehler "informelle" Mitarbeiter der Staatssicherheit nennt, waren in Wirklichkeit "inoffizielle"; die Kasernierte Volkspolizei gab es nicht schon seit 1950, sondern erst seit 1952; Kurt Hager, der die Veränderungen in der Sowjetunion mit dem Wechseln von Tapeten verglich, war Mitglied des Politbüros und nicht bloß des Zentralkomitees. Immerhin ein Unterschied.

Vor allem aber verwundert eine verblüffend falsche Einordnung der Herbstrevolution 1989. Sie wird, man lese und staune, unter der Überschrift "1989 / 90: Die Fusion der beiden deutschen Neustaaten" als dreizehnter und letzter Unterabschnitt in dem Kapitel beschrieben, das von den Entwicklungsprozessen der politischen Herrschaft in der Bundesrepublik handelt. Die DDR-Revolution als Teil der bundesrepublikanischen Geschichte – ist es zu fassen? Welch wunderbaren Schluß hätte dieses in der ganzen deutschen Geschichte erstmalige Ereignis abgegeben! Eine riesenhafte Massenbewegung, Träger der Revolution einfache Leute aller Gesellschaftsschichten, kaum Revolutionsführer, Wochen und Monate lang im ganzen Land, bis ins kleinste Dorf, Sturz einer der härtesten und unerschütterlichsten Diktaturen in kürzester Zeit, diszipliniertes Einmünden in die parlamentarische Demokratie und hochgemute, aber ruhige nationale Einigung, kein einziger Tropfen Blut, und alles unter dem wunderbaren – und zutreffenden! – Ruf: "Wir sind das Volk!" Warum läßt sich eine "Deutsche Gesellschaftsgeschichte" dieses Finale entgehen?

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29.08.2008 | 15:35 Uhr

Gerd Koenen: Landschaft ohne Menschen

Über die Gesellschaftsgeschichte der DDR erfährt man bei Wehler nicht viel: fremdbestimmt ist dieses Gebilde, ohne Mentalitäten, ohne Kultur. Es bleibt seltsam statisch und ohne Wandel. All die ostmitteleuorpäischen Bewegungen gegen die kommunistischen Regime, die auf die DDR abstrahlten, kommen nicht vor in dieser fast rein nationalgeschichtlichen Ereigniskette. Wehler hat eine schwarz-weiße Röntgenaufnahme und keine farbige Tomographie geliefert.

Harsche Generalurteile haben für professionelle Historiker wie für interessierte Laien bei aller Problematik zuweilen etwas Angenehmes: Man weiß, woran man sich reiben kann, um die eigenen Ansichten zu schärfen. Wenn solche Urteile freilich ihren Gegenstand selbst unter sich begraben, werden sie eher kontraproduktiv. Das gilt etwa für die Art und Weise, in der Hans-Ulrich Wehler die DDR als die andere deutsche Nachkriegsgesellschaft gleich eingangs in die Tonne tritt: "Das war die totalitäre Parteidiktatur eines Kollaborationsregimes auf der Basis eines Okkupationskommunismus, der in dieser Satrapie im westlichen Vorfeld des sowjetischen Imperiums mit allen Mitteln einer kolonialen Neugründung durchgesetzt wurde." Durch die schiere Häufung "vernichtender" Urteile wird signalisiert, dass ein solches, auch als "Sultanismus", "Krakenstaat" etc. abgefertigtes Gebilde eine gesellschaftsgeschichtliche Nachbetrachtung im Grunde gar nicht erst verdient.
Dabei verrät doch selbst das melancholische Wort Stefan Heyms von der DDR als "Fußnote der Weltgeschichte" – was ja hieß: als wieder einmal gescheiterter Traum eines besseren Anderen – noch etwas von der zähen Bindekraft der ideologisch-mentalen Grundelemente des "realen Sozialismus", über ihren historischen Abgang hinaus. Man muss dieser Nostalgie nicht auf den Leim gehen, um sich über das zugrunde liegende Phänomen Rechenschaft zu geben.

Dass das SED-Regime sich, wie Wehler diagnostiziert, von Beginn an nicht aus eigener Legitimation und Kraft hätte behaupten können und auf Bajonette stützen musste; dass sein Planungsfetischismus an seinen eigenen Voraussetzungen scheiterte; dass die Wirtschaftsleistung der DDR und damit auch ihre sozialen Versprechen in jeder Hinsicht im Vergleich zur Bundesrepublik und den Ländern der westlich-kapitalistischen Welt abfielen; dass dieses Regime aus der Substanz lebte und am Ende Staatsbankrott anmelden musste – das alles ist sicher wahr, aber trifft so oder ähnlich auch auf alle übrigen kommunistischen Staatsgründungen im 20. Jahrhundert zu. Und das bedeutet nicht, dass es keine inneren, aktiven oder passiven, minoritären oder majoritären Kräfte und Motive gegeben hätte, die diese Gesellschaften und Staatsgründungen über eine Strecke von immerhin mehreren Jahrzehnten getragen haben.

Das gilt auch für die DDR, ob als bloße "Satrapie" oder eigenständiges Staatswesen. Indem Wehler sie als einen schieren Fremdkörper aus der deutschen Geschichte herausstellt, so als hätte dieses sozialistische Ostelbien gar keine traditionalen Elemente deutscher Kleinstaaterei, antiwestlicher, kulturpessimistischer Affekte oder auch östlich-russophiler Sentimente mit aufgenommen, wird sie zu einem reinen Produkt der Weltmachtpläne Stalins und der Machtgier einer Satrapen-Clique "deutscher Bolschewiki" – eine merkwürdig anachronistische Bezeichnung mehr, die für Ulbricht, Pieck oder Mielke noch hingehen mochte, für Honecker, Mittag oder Krenz und ihr ganzes, graues Funktionärskorps aber in fast belustigender Weise fehlgeht.

Indem Wehler die Geschichte der DDR gleichzeitig auch noch völlig aus den Entwicklungen des "sozialistischen Lagers" im Ganzen und der übrigen mittelosteuropäischen "Volksdemokratien" im Besonderen heraus isoliert, wird sie abermals aller inneren Geschichte entkleidet. Nichts ist hier zu hören von den frühen Dramen der "Entstalinisierung" und "sozialistischen Erneuerung" von 1956 oder 1968 in Polen, Ungarn, der DDR oder der UdSSR selbst; nichts von der umwälzenden polnischen Arbeiter- und Bürgerrechtsbewegung "Solidarność" 1980/81 mit ihren Forderungen nach universeller "Selbstverwaltung", deren ostdeutsche Resonanzen dazu führten, dass die SED nicht nur seinen östlichen Nachbarn, sondern das eigene Land unter Rundum-Quarantäne stellen musste. Auch die Friedens-, Umwelt- oder Bürgerrechts-Aktivisten der DDR erscheinen in Wehlers Urteil als ein Häuflein weltfremder Träumer, die sich 1989 in einem "anarchistisch-rätedemokratischen … Runde-Tisch-Utopismus" verrannt hätten. Über die gesamte geistige und künstlerische Produktion der DDR wird unter dem Obertitel "Pathologisches Lernen" ein pauschal abfälliges Urteil gefällt, weil sie dem Kriterium eines "kritischen Denkens" (Wehlers Gral) nicht genügt habe.

Ausschlaggebend seien am Ende denn auch der handfeste "Materialismus und Nationalismus" der Massen gewesen, der sich früh schon am 17. Juni 1953 und später dann in der anschwellenden Bewegung der Ausreisewilligen geäußert habe – und schließlich in den Leipziger Montagsdemonstrationen vom Oktober 1989. Und auf der anderen Seite: das Erscheinen des aufgeklärten "Obersultans" Gorbatschow, der unverhofft aus den Kulissen der sowjetischen Politbürokratie trat und die elementare Lebensunfähigkeit seiner ostdeutschen "Satrapie" anerkannte – nur um mit deren großzügiger Freigabe den Zusammenbruch des eigenen Imperiums einzuleiten.

So wird aus einem epochalen historischen Epos (dem Aufstieg und Fall der kommunistischen Bewegungen) und aus einem gesamteuropäischen oder gar globalen Dammbruch – der in Wirklichkeit ja mit dem "Runden Tisch" in Polen mehr als ein halbes Jahr vor dem Berliner Mauerfall und dem Wahlsieg der "Solidarność" im Juni 1989 begonnen hatte, parallel zu den Studenten-Demonstrationen in Beijing – in Wehlers Darstellung eine fast rein nationalgeschichtliche Ereigniskette, die unter der überraschend umsichtigen Regie des sonst "provinziellen" und nicht weiter erwähnenswerten Helmut Kohl dann zum Gegenstand weltpolitischer Verhandlungen und Neuordnungen geworden sei.

Nichts an diesem Bild ist für sich genommen falsch. Wehlers Methode der sozialwissenschaftlich informierten, vergleichenden Durchleuchtung der beiden deutschen Staats- und Gemeinwesen auf ihre "harten", ausschlaggebenden Faktoren und Strukturen fördert viel Erhellendes zu Tage und hat in der legendären Striktheit ihrer Weberschen Kriterien gewiss ihre Vorzüge. Und doch erinnert das in diesem letzten Band einer "Deutschen Gesellschaftsgeschichte" entfaltete, recht statische Gesamtbild – um einen Vergleich aus einer anderen Sphäre zu gebrauchen – eher an eine schwarz-weiße Röntgenaufnahme als an eine plastisch-bunte, mehrdimensionale Tomographie. Es fehlen nicht nur die weicheren, vom Autor als "modisch-kulturalistisch" abgewehrten Faktoren, wie Veränderungen der Lebensstile, Sozialisationsformen, Weltbilder, Lebensentwürfe usw. Es fehlen eigentlich die Menschen selbst mit all ihren verworrenen, "falschen" und paradoxen Aktionen und Interaktionen, die gleichwohl Entwicklungen vorbereiten oder in Gang setzen können, die sie selbst weder überschauen noch eigentlich gewollt haben. Dabei ist das doch vielleicht das eigentliche Medium von Geschichte und die Chemie, aus der sich unter modernen Verhältnissen so etwas wie Gesellschaft bildet.

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29.08.2008 | 14:15 Uhr

Paul Nolte: Wehlers ferner Orient?

Für Adenauer begann jenseits der Elbe die asiatische Steppe - für Wehler der ferne, fremde Orient. Sultanismus und Satrapie beschreiben klassischerweise Welten weitab von Europa. Doch die DDR war nicht Libyen oder Nordkorea: Sie war in vielem europäisch und höchst deutsch. Dagegen war die SED ziemlich sowjetisch - die Bezeichnung "deutsche Bolschewiki" ist also weitaus präziser.

Man muss die DDR nicht in Watte packen – aber ganz glücklich wird man mit den süffigen Begriffen Wehlers nicht. Sie bleiben oft hinter seinen eigenen Ansprüchen an eine Weberianische Kategorienbildung zurück, selbst wenn sie nach Weber-Revival klingen. Scharfe Definitionen, historisch-komparativ begründete Formulierungen von Idealtypen – so wie Max Weber das versucht hätte – sucht man in den Abschnitten über die DDR meist vergebens. Wehlers DDR-Labels, ganz auf die äußere Organisation der Herrschaft bezogen, lassen zudem gesellschaftsgeschichtlichen Konzepten wie der "durchherrschten Gesellschaft" oder der "Fürsorgediktatur" überraschend wenig Raum.

Zur Satrapie hätte man früher "Satellitenstaat" gesagt, daran bleibt vieles richtig, auch wenn es die DDR bei weitem nicht erklärt. Satrapie und Sultanismus: In postkolonialen Zeiten muss man über diese Orientalisierung der DDR schmunzeln. Ich sagte früher schon einmal: die DDR wird beschrieben wie aus der deutschen Geschichte herausgefallen. Für Adenauer begann jenseits der Elbe Asien, für Wehler war jenseits der Mauer der rätselhafte, ferne, fremde Orient, der sich mit dem Arsenal der westlichen Herrschaftsformen gar nicht mehr erfassen lässt. Das führt in die Irre, denn die DDR war weder Libyen noch Nordkorea, sondern höchst europäisch und in vielem auch sehr deutsch.

"Deutsche Bolschewiki": diese Kennzeichnung der SED-Kommunisten scheint mir dagegen bedenkenswert und historisch erklärungskräftig. Sie weist auf die deutsche Adaption des sowjetischen Vorbildes hin. Und sie knüpft an die Herkunft und das Selbstverständnis der ostdeutschen Kommunisten, der Nachfolger Ernst Thälmanns an. Die DDR war tatsächlich in vieler Hinsicht der Versuch – und davon ist bei Wehler wenigstens ansatzweise die Rede –, das Programm der Weimarer KPD in einen Staat zu gießen. Und es ist keine üble Polemik, sondern Historikerkonsens festzuhalten, dass die KPD seit den späten 1920er Jahren "bolschewisiert" wurde; zu einer Kaderpartei nach sowjetischem Vorbild umgerüstet und ideologisch radikalisiert. Das war eine wichtige Wurzel der DDR. – "Linkstotalitär"? Ich bin da leidenschaftslos. Ja sicher – ohne dass es alles erklärt. Über die Totalitarismustheorie kann man keine Glaubenskriege mehr führen.

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29.08.2008 | 10:26 Uhr

Dirk van Laak: Für Studenten kaum geeignet

Eigentlich war die Sozialgeschichte einst mit neuer Nüchternheit gegen altes Pathos angetreten. Bei Wehler hingegen durchziehen den gesamten Text Verdikte, Wertungen und vorschnelle, in die Irre führende Begriffe, die den wissenschaftlichen Wert seiner Darstellung unterhöhlen - gerade in Bezug auf die DDR-Geschichte.

Alle bisherigen Kommentare zum fünften Band bestätigen den Befund: Wehler lässt an DDR kein gutes Haar, in keinem Bereich, für keinen Agenten oder Akteur. Seine einzigen Anflüge von Empathie gelten der Dreifachbelastung der berufstätigen DDR-Frauen sowie den Begründungszwängen, in die Partei-Dogmatiker durch die Einrichtung von Intershops gebracht wurden. Oder sollte mir hier nur die Ironie entgangen sein?

Nun empört sich Wehler gegen die DDR mit einer ganzen Anzahl guter Gründe. Aber wird die Art und Weise dieser Kritik dem Anspruch einer "Deutschen Gesellschaftsgeschichte" gerecht? Kann ich Studenten guten Gewissens ein Buch empfehlen, das einseitige Wertungen durchhält und auf unzweideutige Weise Lieblings-Gegner pflegt? Denn die Wehlerschen Verdikte treffen ja beileibe nicht nur die DDR, sondern auch etwa die westdeutsche Agrar-Lobby, die 68er, den fundamentalistischen Islam oder die Schuhmacher-SPD. Kann man bei einer solchen Disposition wirklich sicher sein, dass die Zahlenkolonnen, auf deren Überzeugungskraft das Buch weitgehend beruht, nicht auch mit einer Wertungsabsicht ausgewählt wurden?

Man kann sich nur wundern: War die Sozialgeschichte nicht angetreten, die affirmative Nationalgeschichtsschreibung á la Gerhard Ritter durch nüchterne Fakten gegen zu gewichten? Und gingen nicht Wehlers Angriffe auf die Alltagsgeschichte in den 1980er Jahren auf deren vermeintlichen Subjektivismus aus? Dass die Zahlen, auch die wörtlichen Zitate, nur summarisch am Ende einzelner Abschnitte belegt werden, mag man als Entscheidung des Verlags noch akzeptieren. Und zweifellos hält das Buch differenzierende Analysen auf für die DDR bereit, etwa zu den "pathologischen Lernprozessen" (S. 347-354) oder zur "doppelten Diktaturerfahrung" (S. 414-419). Dass die Befunde jedoch auch dort, wo die Zahlen Ostdeutschland eine eher günstige Entwicklung attestieren, von Wehler durchweg ins Negative umgewertet werden (vgl. etwa S. 26f. zur Entnazifizierung), macht den Anschein jeder Ausgewogenheit zunichte.

Martin Sabrow hat zur fortdauernden Relevanz der DDR-Geschichte bereits Wesentliches gesagt. Die von Wehler verwandten Begriffe wie "Satrapie" führen analytisch nicht weiter. Auch werden sie im Buch nirgends definiert und setzen die Kenntnis auch entlegener Schriften Max Webers wie selbstverständlich voraus. Unbeachtet bleibt zudem, dass eine Entwicklung vom repressiven, aber noch unvollständig durchgesetzten Herrschaftssystem der 1950er/1960er Jahre zu einer "durchherrschten", wenngleich sich tendenziell abmildernden Diktatur in den 1970er/1980er Jahren stattfand. Trotz des aufgeblähten Stasi-Apparats und des jedem Rechtsstaat Hohn sprechenden Umgangs mit vermuteten Abweichlern aller Art war sie, wie der Begriff "Sultanismus" suggeriert, durchaus nicht von reiner Willkür gekennzeichnet, sondern von allen Schattierungen zwischen Anpassung und Auflehnung. Auch die Bezeichnung "Gerontokratie" trifft allenfalls den Zustand der späten DDR. Und selbst die berechtigte Frage, was die DDR 40 Jahre hat überleben lassen, wird von Wehler vollständig auf externe Faktoren zurückgeführt (S. 106f.).

Um nicht missverstanden zu werden: Niemand sollte dem Buch vorhalten, dass es nicht leistet, was es nicht leisten will: Eine Gesellschaftsgeschichte ist keine Gesamtgeschichte und auch nicht dazu berufen, des Lebens ganze Fülle und Tragik zu erfassen. Dennoch fragt man sich, was in einem gelernten DDR-Bürger vorgehen mag, dem alle sozialhistorisch relevanten Prozesse, die er durchlebt hat, derart einhellig abgewertet werden.

Die DDR nur eine "Fußnote" der Weltgeschichte? Nun: Auch bei Wehler enthalten gerade die bisweilen die aufschlussreichsten Informationen.

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29.08.2008 | 08:15 Uhr

Klaus Harpprecht: Stalinisten statt Bolschewiki

Genauer und klarer als viele jüngere deutsche Historiker beschreibt Hans-Ulrich Wehler den Charakter des SED-Regimes. Doch einiges bleibt unterbelichtet: Der Antifaschismus war ein bloßes Etikett, die Entnazifizierung reichte nicht weit. Und statt "Bolschewiki" hätte Wehler die SED-Genossen lieber ganz klassisch "Stalinisten" nennen sollen.

Nein, keine "Fußnote" in der Geschichte der Bundesrepublik : Hans-Ulrich Wehler hat – entgegen dem eigenen Apercu – die Entwicklung des zweiten deutschen Staates mit harter Klarheit und zugleich sehr viel gründlicher geschildert, als es in der jüngeren Generation der Historiker üblich geworden ist, die sich gelegentlich eine allzu opportune Weichzeichnung jenes Regimes erlaubt, das weit davon entfernt war, der "kommoden Diktatur" zu entsprechen, von der bei Günter Grass die Rede war. Wehler hielt fest (was wir zu rasch zu vergessen geneigt sind), dass in der Ära Honecker nahezu eine halbe Million von "Inoffiziellen Informanten" über ihre Mitbürger wachte: jeder sechzigste Einwohner ein Spitzel. Die "realsozialistische" Obrigkeit kontrollierte ihre Untertanen durch einen beispiellosen Überwachungsapparat, für die der Fall Lothar Biskys, des Ko-Dirigenten der "Linken", keineswegs untypisch ist. Obschon er ein grundloyaler Bürger der DDR und ein meist ziemlich gehorsames Mitglied der Einheitspartei war, ließ ihn die "Stasi" lange Jahre durch die eigene Frau überwachen, während einer der beiden Söhne – damals Offizier der "Nationalen Volksarmee", heute ein ebenso begabter wie angesehener Autor der "Süddeutschen Zeitung" - von einem homoerotischen Freund in Ost-Berlin, dem er völlig vertraute, in den intimsten Bezirken seines Daseins bespitzelt wurde. Das Kontrollsystem erlaubte es den Herrschern in Ostberlin, die Zahl der politischen Gefangenen relativ klein zu halten (jedoch auch nicht zu klein, weil man die Häftlinge zum Zweck der Devisenbeschaffung via Freikauf brauchte).

Die Darstellung der radikalen "Entnazifizierung" der Gesellschaft hätte Wehler vielleicht durch den Hinweis ergänzen müssen, dass als Auffangstation für dieEx-Nazis die "Nationaldemokratische Partei" gegründet wurde, die offen um die Stimmen des Heeres der Mitläufer warb, um sie in das Regime einzubinden, dass die Kommandeure aber auch von Anfang an nicht gezögert hatten, braune "Konvertiten" - und seien es einstige Gestapo-Kommissare gewesen, von Ex-Generälen aus Hitlers Wehrmacht nicht zu reden – in die Arme zu schließen und mit lukrativen Positionen zu belohnen. Wie denn überhaupt eine wahrhaftige Auseinandersetzung mit der nazistischen Vergangenheit, ihren Verbrechen und der Schuldverstrickung – die im deutschen Westen seit einem halben Jahrhundert in Permanenz geführt wird – in Wirklichkeit niemals stattfand. Die DDR klebte das Etikett "Antifaschismus" auf das Staatswappen und behauptete, das Erbe des Dritten Reiches sei in der Bundesrepublik angesiedelt – und damit Schluss der Debatte. Die Folge: eine - im Vergleich mit dem Westen - sehr wohl ausgeprägtere Neo-Nazi-Mentalität in der Ex-DDR, ein latenter Antisemitismus (der vom Regime unter den Vorzeichen des "Antizionismus" zu Zeiten kräftig geschürt wurde) und eine Fremdenfeindlichkeit, die in einem umgekehrten Verhältnis zur minimalen Präsenz von Einwanderern steht. Auch die längst nicht ausgelöschte Feindseligkeit gegenüber den polnischen Nachbarn ist zum guten Teil ein Vermächtnis der DDR, deren Chefs immer voller Verachtung auf die ideologisch so unzuverlässigen Genossen jenseits von Oder und Neiße herabgeschaut hatten – sozusagen mit einer "progressiven" Version der Ressentiments deutsch-nationaler Herkunft.

Aber warum beharrt Wehler darauf, die kommunistischen Obergardisten als "Bolschewiki" zu bezeichnen? Vermutlich im Unterschied zu den Sozialdemokraten, denen er freilich den Titel "Menschewiki" verweigert. Ein Bolschewik aber war Trotzki auch. Warum nennt er Ulbrichts Genossenschaft nicht einfach bei dem Namen, der sie präziser als jeder andere kennzeichnet: Stalinisten? Und ist es nicht ein wenig geschraubt, wenn er Kurt Schumachers Formel von den "roten Faschisten" als einen "totalitarismustheoretischen Vergleich" mit den Nazis definiert? Der Vergleich war doch wohl eher "praxisbezogen", wie der schwer geprüfte Schumacher nur zu gut wußte. Und vollzog sich in der DDR tatsächlich ein "in der deutschen Geschichte vergleichloser Elitenwechsel"? Halten das Jahr 1933 und seine Folgen den Vergleich leider nicht doch aus? Apropos Sprache : es wäre schön, wenn Wehler in der nächsten Auflage, die seinem Werk gewiss ist, solche Monster wie die "existenzverweigernden Parzellen" (die den Landarbeitern bei der Bodenreform zugeteilt wurden) durch den schlichten Satz ersetzen würde, dass jene zugewiesenen Äcker absichtlich so klein gehalten waren, dass von ihrem Ertrag niemand leben konnte – und die Neubauern schon darum zur Kollektivierung gezwungen waren. Kleine Übersetzungsarbeiten da und dort würden die akademische Würde des Unternehmens nicht antasten.

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29.08.2008 | 15:49 Uhr
Herold Binsack schreibt: Stalinisten?

Jeder, der sich mit Stalin ein wenig befasst hat, selbst auf Grundlage seiner westlichen Quellen, weiß, dass Stalin diese DDR-Bolschewiki nicht ausstehen konnte, er konnte überhaupt keine Leute ertragen, die sich vor ihm fürchteten.

Ich denke, Stalin wäre diese DDR gerne los geworden (so sollte man vielleicht auch sein Angebot an den Westen verstanden haben, damals als er von einem neutralen Deutschland sprach; er meinte das ernst, denn er wollte vor allem dieses Deutschentum neutralisieren, dessen bin ich mir fast sicher). Ansonsten scheint für mich bei Herrn Wehlers Ausführungen eine narzißtische Kränkung der Sozialdemokratie durch.



29.08.2008 | 08:10 Uhr

Detlef Pollack: Zonen der Autonomie

Organisierte Verantwortungslosigkeit und überzogene Kontroll- und Machtansprüche kennzeichnen die DDR. Doch Wehlers berechtigt scharfe Urteile ignorieren alle widersprechenden Phänomene: die Zonen von Autonomie und Gegentendenzen sowie Widerständigkeit der DDR-Gesellschaft gegenüber der SED-Herrschaft

Das DDR-System wird von Hans-Ulrich Wehler in seiner "Deutschen Gesellschaftsgeschichte" als eine totalitäre, sich selbst überfordernde Einparteiendiktatur dargestellt, die weder die Fähigkeit zur Selbstkorrektur besaß noch in der Lage war, gesellschaftliche Triebkräfte in ihren Dienst zu stellen. Mit ihrem überzogenen Kontroll- und Steuerungsanspruch schuf sie nicht nur eine Servilität der Gesinnung, sondern auch ein Klima der organisierten Verantwortungslosigkeit schuf. Dies ist ein scharfsinniges, ein hartes, aber berechtigtes Urteil über den verblichenen Arbeiter- und Bauernstaat, das keiner Korrektur bedarf. Aber handelt es sich, so wird man fragen dürfen, bei diesem Urteil auch um eine ausgewogene Bestandsaufnahme der dominanten Merkmale des DDR-Systems? Oder werden in ihm nicht wichtige Aspekte, die die Gesellschaft der DDR kennzeichneten, unterschätzt?

Zwar nimmt Wehler in seinen Bemerkungen über die Herrschaftsprinzipien des DDR-Regimes auf realhistorische Barrieren in der Durchsetzung des Herrschaftsanspruches der SED Bezug, auf Familienzusammenhänge, soziale Milieus, die Kirchen, Nischen und andere Reste relativer sozialer Autonomie. Der Ton seiner Darstellung aber liegt nicht auf dem Aufweis der Grenzen des Machtanspruchs des Parteiapparats, sondern auf dem Nachweis seiner Umsetzung. Eine solche Darstellung entspricht indes nur partiell dem, wie die DDR zu ihren Lebzeiten von innen und außen, etwa in den siebziger und achtziger Jahren, wahrgenommen wurde. In gewisser Weise war es in den Zeiten der moderaten politischen Liberalisierung unter Honecker ausgesprochen schwer, den nach wie vor diktatorischen, bevormundenden und menschenverachtenden Charakter des DDR-Systems zu erkennen.

Einmal abgesehen von den Parteien und Journalisten im Westen, die sich entweder scheuten, die DDR als totalitär zu bezeichnen, oder die Repression in der DDR tatsächlich nicht bemerkten, hatten auch viele DDR-Bürger damals den Eindruck, in einem sich normalisierenden und humanisierenden Staat zu leben, der nur halt wirtschaftlich desorganisiert war. Selbst die wirtschaftliche Ineffektivität sowie die offensichtliche Inkompetenz der Führungseliten und die Lächerlichkeit der offiziell betriebenen Propaganda trugen noch zur Verharmlosung des politischen Repressionssystems bei. Über ein solches ineffizientes Politik- und Wirtschaftssystem konnte man sich schlichtweg erheben und seine Witze machen. Von einem solchen System musste man sich jedenfalls nicht unterdrückt fühlen. In ihm gab es mannigfache Nischen, Rückzugsräume, Sonderwelten, etwa die Welt der Schrebergärten oder des professionellen Spezialistentums.

In ihm konnten sogar Gegenrationalitäten ausgebildet werden, etwa unter dem Dach der Kirche, aber auch in den Klubs der Intelligenz oder in Künstlerkreisen. Und partiell war es auch nicht ausgeschlossen, die eigenen sachlichen Interessen, etwa das Interesse an wirtschaftlichen Rationalität, an guter medizinischer Betreuung oder wissenschaftlicher Erkenntnis, an die politischen Erwartungen anzulagern, so dass man sagen kann, dass es das DDR-System teilweise sogar vermocht hat, gesellschaftliche Triebkräfte für sich zu nutzen. Wenn dies nicht der Fall gewesen wäre, wären der beachtliche Wohlstandsanstieg, die Ausweitung des kulturellen Angebots, die Erhöhung des Bildungsniveaus, der Wandel der Rolle der Frau in Familie und Beruf, die Zunahme individualistischer Orientierungen und andere Modernisierungsprozesse, wie sie sich in der DDR insbesondere seit den sechziger Jahren vollzogen, nicht möglich gewesen.

Natürlich stießen diese Selbstverwirklichungs-, Mobilisierungs- und Autonomisierungstendenzen an die Grenzen der parteistaatlichen Machtausübung. An diesen rieb man sich. Aber innerhalb dieser Grenzen gab es auch Spielräume, die in den Analysen Wehlers nicht angemessen berücksichtigt werden, auch wenn es natürlich richtig ist, dass die Prozesse der politischen Homogenisierung gegenüber den Autonomisierungstendenzen stets dominant waren.

Außerdem erhebt sich gegenüber der Darstellung Wehlers die Frage, ob die Instrumente geschichtswissenschaftlicher Analysemöglichkeiten bereits ausgeschöpft sind, wenn die Durchsetzung eines politischen Herrschaftsanspruches gegen eine widerstrebende Bevölkerung in bestechender Schärfe lediglich festgestellt wird. Müsste an diese Feststellung nicht auch der Versuch angeschlossen werden zu erklären, wie es der SED gelang, ihre Herrschaftsansprüche durchzusetzen, auf welche Widerstände sie dabei stieß, unter Einsatz welcher Instrumente sie in der Lage war, diese Widerstände zu brechen, auf welche Ressourcen sie dabei zurückgreifen konnte und welche Gelegenheitsstrukturen ihr dabei zugute kamen? Müsste man also nicht erzählen, wie etwa die Ideologie des Antifaschismus gebraucht und missbraucht, wohlmeinende Sozialismusgläubige instrumentalisiert, potentielle Verbündete gespalten wurden usw.? Die Analyse der kausalen Mechanismen der Herrschaftsdurchsetzung kommt in der Darstellung Wehlers zu kurz, und dies könnte damit zu tun haben, dass sein Macht- und Herrschaftsbegriff reduktionistisch ausfällt und zu wenig damit rechnet, dass jede Machtausübung auf Gegenkräfte stößt, die es auch dem Ohnmächtige noch erlauben, selbst Macht auszuüben.

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29.08.2008 | 08:10 Uhr

Peter Graf Kielmansegg: Kein Interesse an der DDR

Wehlers Begriffe für die DDR sind unpräzise, weil er von ihnen keine Analyse erwartet, sondern mit wenig Argumentation seine Verachtung für die DDR ausdrücken will. Das reicht für eine historische und theoretisch fundierte Deutung der DDR-Gesellschaft nicht aus.

Wehler – das ist von mehreren Kommentatoren bereits zur Sprache gebracht worden – präsentiert die DDR in wütender Verachtung des vorgestellten Objektes. Man kann seinem Urteil über die DDR in der Sache durchaus zustimmen – ich tue das ausdrücklich – und dennoch finden, dass die Aufgabe des Historikers mehr Disziplin in der Beschreibung und der erklärenden Analyse verlangt. An der Begrifflichkeit, mit der Wehler den Systemtypus charakterisiert, lässt sich zeigen, was gemeint ist.

"Satrapie", "Sultanismus" (das Wort findet sich in Max Webers Herrschaftssoziologie) – das sind Begriffe, die auf den Orient verweisen. Und der Orient steht in der Tradition des europäischen politischen Denkens – Montesquieu ist ein Beispiel – für ein äußerstes Maß an Despotismus. Despotismus wiederum, wenn der Begriff irgendeine analytische Präzision haben soll, meint die durch keine Bindung eingeschränkte, zur Grausamkeit geneigte Willkürherrschaft eines Einzelnen. Stalins Herrschaft mag despotischen Charakter gehabt haben. Für die meisten marxistisch-leninistischen Parteidiktaturen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, auch die DDR, müssen Herrschaftsstrukturen und Herrschaftsinstrumente anders beschrieben werden. Zumindest muss die Antwort auf die Frage, warum man sich für diese und nicht für andere kategoriale Begriffe entschieden hat, aus der Argumentation erschließbar sein. Aus Wehlers Umgang mit herrschaftstypologischen Konzepten kann nichts geschlossen werden. Er erwartet sich von seiner Begrifflichkeit wohl auch nicht ernstlich einen analytischen Ertrag. Er sucht nach Worten, die seiner Verachtung Ausdruck geben.

Bleibt das Etikett "linkstotalitäre Diktatur", das Wehler als eines unter mehreren nutzt. Die erstaunliche Selbstverständlichkeit, mit der das Totalitarismuskonzept – drei Jahrzehnte lang als ein analytisch unbrauchbares politisches Kampfkonzept zuerst attackiert und dann verfemt, freilich auch wieder vornehmlich aus Gründen, die als politisch zu qualifizieren sind – nach 1990 wieder ins analytische Instrumentarium aufgenommen wurde, ist bekannt. Sie wird in Wehlers Buch bestätigt. Wehler bedient sich des Konzeptes nicht ohne gelegentliche Distanzierung, aber er bedient sich seiner ohne Zögern. An seinem analytischen Potential ist er freilich wenig interessiert. Einer Gesellschaftsgeschichte, für die Gesellschaft das primäre und Herrschaft das sekundäre Phänomen ist, drängt das Totalitarismuskonzept die Frage geradezu auf, ob totalitäre Herrschaft diese Rangordnung umzukehren vermag. Und wenn nicht, warum nicht? Das Hauptinteresse einer gesellschaftsgeschichtlichen Totalitarismusanalyse, heißt das, müsste der Spannung zwischen dem Anspruch und Selbstverständnis totalitärer Herrschaft und den strukturellen Hindernissen, auf die dieser Anspruch in einer ganz bestimmten Gesellschaft stößt oder eben nicht stößt, gelten. Aber einen Leitgedanken dieser oder ähnlicher Art sucht der Leser vergeblich. Vielleicht liegt das Problem darin, dass Wehler am Gegenstand DDR eigentlich überhaupt kein Interesse hat.

Kommentare


29.08.2008 | 08:04 Uhr

Martin Sabrow: Viel gesagt, aber nichts erklärt

Das östliche Herrschaftsmodell folgte anderen Regeln als der Westen. Es ist also keineswegs mit der Willkür eines Sultanismus zu vergleichen. Aber um die Logik der SED-Herrschaft zu erkennen, muß man die westliche Brille absetzen. Dann erkennt man merkwürdige Mischungen aus Egalität und Avantgardismus, aus terroristischen Mitteln, Fortschrittsgläubigkeit und Konsenszwang.

Die Diskussion um den Charakter der SED-Diktatur hat viele Benennungsvorschläge hervorgebracht, vor allem aber gelehrt, dass auch kommunistische Herrschaft nicht auf einen Begriff zu bringen ist, sondern gerade aus ihrer konstitutiven Widersprüchlichkeit verstanden werden muss: In der Moderne des 20. Jahrhunderts war auch antidemokratische Herrschaft auf plebiszitäre Elemente angewiesen und insoweit immer zugleich eine Diktatur des Paradoxons.

Die von Wehler vorgeschlagenen Charakterisierungen sind politische Delegitimationsformeln, gut geeignet, um das SED-Regime mit dezentem Anklang an asiatische Barbarei auf den Kehrichthaufen der Geschichte zu werfen. Als analytische Kategorien allerdings helfen sie in meinen Augen allesamt nicht weiter. Der Begriff des "Linkstotalitarismus" bleibt in seiner typisierenden Unterscheidung vom "Rechtstotalitarismus" unscharf und schleppt alle totalitarismustheoretischen Probleme wie den normative Bezug zum rechtsstaatlichen Referenzmodell, die die Differenz von Herrschaftsanspruch und -wirklichkeit verkürzende Top-down-Perspektive und die Schwäche in der Erklärung des historischen Wandels und der Erosion totalitärer Herrschaft weiter mit.

Gegen die Annahme, dass die DDR als "sowjetische Satrapie" seit 1949 "auf russischen Bajonetten ruhte" (S. 323), hätte schon Talleyrand einwenden können, dass man mit Bajonetten vieles tun kann, nicht aber auf ihnen sitzen. Die SED-Herrschaft auf den Gewaltcharakter eines "Okkupationskommunismus" zu reduzieren, verstellt genau die Frage, auf deren Antwort es doch eigentlich ankommen sollte: wie nämlich ein von außen als bloße Grauzone erscheinendes System, das ohne nationalstaatliche, demokratische oder gar wirtschaftliche Legitimationspotenzen existierte, sich ungeachtet der permanenten Konkurrenz zum bundesdeutschen Parallelstaat zwischen 1953 und 1989 so sehr veralltäglichen konnte, dass sein Zusammenbruch im Herbst 1989 alle Welt überraschte.

Auch mit dem Rückgriff auf Webers Typenbegriff des Sultanismus wird viel gesagt, aber nichts erklärt. Weber verstand unter Sultanismus eine Extremform patrimonialer Herrschaft, die sich von jeder Form rationaler Herrschaft durch die ins Extrem entwickelte Sphäre der freien Willkür und Gnade unterscheidet. Nichts davon trifft für die DDR zu, die nur durch die normative Brille westlichen Politikverständnisses als eine regellose Willkürherrschaft erscheinen kann.

Wird diese Brille aber abgesetzt, so zeigt sich, dass auch kommunistische Herrschaft von beschreibbaren Regeln bestimmt war. Nur folgten sie anderen Rationalitätsstandards als denen des liberalen Rechtsstaats. Zu den Grundprinzipien kommunistischer Herrschaft zählt etwa das unbedingte Machbarkeitspathos, das in seiner Plangläubigkeit von der vollständigen Steuerbarkeit aller politischer Prozesse ausging, keine moralischen oder rechtlichen Grenzen des materiellen Eingriffs respektierte und Rückschläge regelmäßig nur als Sabotage deuten konnte. Gleiches gilt für die Apotheose des historischen Fortschritts und die Entmachtung der Vergangenheit zugunsten der Zukunft oder die eigenartig selbstwidersprüchliche Verbindung von Egalität und Avantgardismus. Kommunistische Herrschaft war weiterhin durch ihren merkwürdigen und den Einsatz terroristischer Mittel nicht scheuenden Konsenszwang geprägt, der sich in der stalinistischen Praxis der Geständniserpressung ebenso zeigt wie in den ermüdenden Akklamationsritualen oder den notorischen Wahlfälschungen oder der angestrebten Fusion von Politik und Wissenschaft. Immer wieder andere Regeln, aber keine Regellosigkeit –am 18. Oktober 1989 hob auch Honecker die Hand, um seiner eigenen Entmachtung zuzustimmen; der Einmütigkeitszwang blieb auch in der Agonie des Regimes noch lebendig.

In einem aber hat Wehler recht: Keine der drei Typen politischer Herrschaft im Sinne Webers beschreibt den Fall kommunistischer Herrschaft angemessen, so sehr ihr auch etwa parteicharismatische oder patrimoniale Elemente beigemischt gewesen sein mochten. Hier lohnt es sich weiter nachzudenken, und vielleicht könnte sich die Konzipierung eines Gegentypus zur traditionalen Herrschaft als fruchtbar erweisen, der die kommunistische Trias von Avantgardismus, Konsenszwang und Fortschrittsfetischismus als eigenständigen Typus "teleologischer Herrschaft" fasst.

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29.08.2008 | 08:03 Uhr

Gerd Roellecke: Das Erbe von Karl Marx

Die frühere DDR als linkstotalitäre Diktatur, sowjetische Satrapie oder System des Sultanismus zu beschreiben, ist im Rahmen einer politischen Auseinandersetzung verständlich, verschweigt aber, dass viele und gerade Intellektuelle im Westen bis weit nach dem Krieg die Sowjetunion als echte Alternative zur verderbten kapitalistischen Parlamentsherrschaft angesehen haben.

Die Erklärung liegt in der Anziehungskraft der marxistischen Theorie. Lenin und Stalin haben Marx durchaus verständig interpretiert. Marx hat in seiner Darstellung der Pariser Kommune, also der Organisation des Aufstandes in Paris nach der Niederlage Frankreichs im deutsch-französischen Krieg 1870/71, das Modell einer politischen Organisation entworfen, in dem die sowjetische Organisation leicht wiederzuerkennen ist.

Außerdem war die DDR in manchen Fragen, die als modern gelten, moderner als die Bundesrepublik: Abtreibung, Berufstätigkeit der Frau, Gleichheit der Ausbildung und der Löhne. Das kann man mit der Unterscheidung Souveränität/Abhängigkeit nicht erklären. Auch die moralische Empörung über die SED-Verbrechen klärt nicht auf. In seiner Adresse über den Bürgerkrieg in Frankreich 1871 hat Marx dieser Moral bereits die Luft abgelassen: "Paris (Kommune) ganz Wahrheit, Versailles (Regierung) ganz Lüge, losgelassen durch den Mund Thiers'." Obwohl unter der Kommune zwei Generale füsiliert und einige Dutzend Geiseln erschossen worden sind, blieb sie nach Marx "rein von allen Gewalttaten".

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