Organisierte Verantwortungslosigkeit und überzogene Kontroll- und Machtansprüche kennzeichnen die DDR. Doch Wehlers berechtigt scharfe Urteile ignorieren alle widersprechenden Phänomene: die Zonen von Autonomie und Gegentendenzen sowie Widerständigkeit der DDR-Gesellschaft gegenüber der SED-Herrschaft
Das DDR-System wird von Hans-Ulrich Wehler in seiner "Deutschen Gesellschaftsgeschichte" als eine totalitäre, sich selbst überfordernde Einparteiendiktatur dargestellt, die weder die Fähigkeit zur Selbstkorrektur besaß noch in der Lage war, gesellschaftliche Triebkräfte in ihren Dienst zu stellen. Mit ihrem überzogenen Kontroll- und Steuerungsanspruch schuf sie nicht nur eine Servilität der Gesinnung, sondern auch ein Klima der organisierten Verantwortungslosigkeit schuf. Dies ist ein scharfsinniges, ein hartes, aber berechtigtes Urteil über den verblichenen Arbeiter- und Bauernstaat, das keiner Korrektur bedarf. Aber handelt es sich, so wird man fragen dürfen, bei diesem Urteil auch um eine ausgewogene Bestandsaufnahme der dominanten Merkmale des DDR-Systems? Oder werden in ihm nicht wichtige Aspekte, die die Gesellschaft der DDR kennzeichneten, unterschätzt?
Zwar nimmt Wehler in seinen Bemerkungen über die Herrschaftsprinzipien des DDR-Regimes auf realhistorische Barrieren in der Durchsetzung des Herrschaftsanspruches der SED Bezug, auf Familienzusammenhänge, soziale Milieus, die Kirchen, Nischen und andere Reste relativer sozialer Autonomie. Der Ton seiner Darstellung aber liegt nicht auf dem Aufweis der Grenzen des Machtanspruchs des Parteiapparats, sondern auf dem Nachweis seiner Umsetzung. Eine solche Darstellung entspricht indes nur partiell dem, wie die DDR zu ihren Lebzeiten von innen und außen, etwa in den siebziger und achtziger Jahren, wahrgenommen wurde. In gewisser Weise war es in den Zeiten der moderaten politischen Liberalisierung unter Honecker ausgesprochen schwer, den nach wie vor diktatorischen, bevormundenden und menschenverachtenden Charakter des DDR-Systems zu erkennen.
Einmal abgesehen von den Parteien und Journalisten im Westen, die sich entweder scheuten, die DDR als totalitär zu bezeichnen, oder die Repression in der DDR tatsächlich nicht bemerkten, hatten auch viele DDR-Bürger damals den Eindruck, in einem sich normalisierenden und humanisierenden Staat zu leben, der nur halt wirtschaftlich desorganisiert war. Selbst die wirtschaftliche Ineffektivität sowie die offensichtliche Inkompetenz der Führungseliten und die Lächerlichkeit der offiziell betriebenen Propaganda trugen noch zur Verharmlosung des politischen Repressionssystems bei. Über ein solches ineffizientes Politik- und Wirtschaftssystem konnte man sich schlichtweg erheben und seine Witze machen. Von einem solchen System musste man sich jedenfalls nicht unterdrückt fühlen. In ihm gab es mannigfache Nischen, Rückzugsräume, Sonderwelten, etwa die Welt der Schrebergärten oder des professionellen Spezialistentums.
In ihm konnten sogar Gegenrationalitäten ausgebildet werden, etwa unter dem Dach der Kirche, aber auch in den Klubs der Intelligenz oder in Künstlerkreisen. Und partiell war es auch nicht ausgeschlossen, die eigenen sachlichen Interessen, etwa das Interesse an wirtschaftlichen Rationalität, an guter medizinischer Betreuung oder wissenschaftlicher Erkenntnis, an die politischen Erwartungen anzulagern, so dass man sagen kann, dass es das DDR-System teilweise sogar vermocht hat, gesellschaftliche Triebkräfte für sich zu nutzen. Wenn dies nicht der Fall gewesen wäre, wären der beachtliche Wohlstandsanstieg, die Ausweitung des kulturellen Angebots, die Erhöhung des Bildungsniveaus, der Wandel der Rolle der Frau in Familie und Beruf, die Zunahme individualistischer Orientierungen und andere Modernisierungsprozesse, wie sie sich in der DDR insbesondere seit den sechziger Jahren vollzogen, nicht möglich gewesen.
Natürlich stießen diese Selbstverwirklichungs-, Mobilisierungs- und Autonomisierungstendenzen an die Grenzen der parteistaatlichen Machtausübung. An diesen rieb man sich. Aber innerhalb dieser Grenzen gab es auch Spielräume, die in den Analysen Wehlers nicht angemessen berücksichtigt werden, auch wenn es natürlich richtig ist, dass die Prozesse der politischen Homogenisierung gegenüber den Autonomisierungstendenzen stets dominant waren.
Außerdem erhebt sich gegenüber der Darstellung Wehlers die Frage, ob die Instrumente geschichtswissenschaftlicher Analysemöglichkeiten bereits ausgeschöpft sind, wenn die Durchsetzung eines politischen Herrschaftsanspruches gegen eine widerstrebende Bevölkerung in bestechender Schärfe lediglich festgestellt wird. Müsste an diese Feststellung nicht auch der Versuch angeschlossen werden zu erklären, wie es der SED gelang, ihre Herrschaftsansprüche durchzusetzen, auf welche Widerstände sie dabei stieß, unter Einsatz welcher Instrumente sie in der Lage war, diese Widerstände zu brechen, auf welche Ressourcen sie dabei zurückgreifen konnte und welche Gelegenheitsstrukturen ihr dabei zugute kamen? Müsste man also nicht erzählen, wie etwa die Ideologie des Antifaschismus gebraucht und missbraucht, wohlmeinende Sozialismusgläubige instrumentalisiert, potentielle Verbündete gespalten wurden usw.? Die Analyse der kausalen Mechanismen der Herrschaftsdurchsetzung kommt in der Darstellung Wehlers zu kurz, und dies könnte damit zu tun haben, dass sein Macht- und Herrschaftsbegriff reduktionistisch ausfällt und zu wenig damit rechnet, dass jede Machtausübung auf Gegenkräfte stößt, die es auch dem Ohnmächtige noch erlauben, selbst Macht auszuüben.