
Hans-Ulrich Wehler: Sammel-Replik
Bei der Schilderung des zusehends perfektionierten westdeutschen Sozialstaats gehe ich zum einen in der Tat, wie Stolleis festhält, von der Pfadabhängigkeit ihres sozialpolitischen Systems, zum anderen von dem immensen Sicherheitsbedürfnis nach der Weltwirtschaftskrise 1929, der NS-Diktatur, dem zweiten totalen Krieg und der erbärmlichen Nachkriegszeit aus.
Am Ende dieser Krisenzeit den Aufbau eines neuen Systems sozialer Sicherheit zu riskieren – etwa mit einer aus staatlichen Steuermitteln stammenden Grundrente erst von 500, dann von 1000 DM und Privatversicherungen für alle darüber hinausgehenden Ansprüche – lag meines Erachtens außerhalb des Erfahrungs- und Denkhorizontes der damaligen Entscheidungsträger.
Rödders Argument, dass die erstaunlich schnell erreichte und durchgehaltene innere Pazifizierung mit dem hohen Preis einer untragbaren Finanzbelastung und einer (wie auch Wirsching betont) hoch gezüchteten etatistischen Anspruchshaltung erkauft wurde, stimme ich rundum zu. Ob aber das letzte Drittel des 20. Jahrhunderts im Zeichen einer "Spätblüte" des Sozial- oder Wohlfahrtsstaates steht, scheint mir angesichts der Reformen, die in Schweden, Holland, England, Neuseeland erfolgreicher und härter als in der Bundesrepublik durchgesetzt worden sind, noch fragwürdig zu sein. Der Sozialstaat bleibt eine der großen Leistungen der europäischen politischen Kultur, um die zahlreichen Disparitäten des Modernisierungsprozesses abzufedern, und trotz aller exzessiven Perfektionierung ist eine wahrhaft überlegene Alternative noch nicht zu erkennen, so sehr die nicht mehr finanzierbaren Übertreibungen zurückgeschnitten, die Impulse der individuellen Selbstverantwortung gefördert werden müssen.
Plumpes Einwand, dass Sozialstaatsgeschichte in seinem Sinn erst "wirkliche Gesellschaftsgeschichte" sei, vermag ich nicht einzusehen. Im Mittelpunkt einer Gesellschaftsgeschichte, die diesen Namen verdient, sollte doch immer die Hierarchie der Sozialen Ungleichheit stehen. Dass diese seit dem 19. Jahrhundert durch staatliche Intervention und staatliche organisierte Transferleistungen beeinflusst wird, liegt auf der Hand, rechtfertigt aber noch keinen Primat des Sozialstaats. Überdies: Eine "ausschweifende Klassenrhetorik" haben sachkundige Leser des Manuskripts nicht entdecken können. Trotz aller Aufmerksamkeit gegenüber stilistischer Wiederholung war sie mir auch nicht aufgefallen. Allerdings halte ich an der Weberschen Begrifflichkeit fest, um derart amorphe Begriffe wie Gruppen, Schichten, Mittelstände zu vermeiden – sie alle stellen sich nicht der Prägekraft moderner Marktgesellschaften.
Stolleis, Rödder, Abelshauser mahnen Überlegungen über einen neuen Pfad deutscher Sozialpolitik an. Aber ich saß ja nicht an dem politischen Appell an die zweite Große Koalition, sich endlich der Umwandlung des traditionellen sozialpolitischen Systems zu stellen, sondern an einem knappen historischen Überblick seiner Entwicklung bis 1990.
Kosserts Kritik an meinem Lob des Lastenausgleichs und der Vertriebenenintegration als "Mythen" verrät eine edle gesinnungsethische Einstellung, ist aber weit vom realhistorischen Befund entfernt. 180 Milliarden DM an die Flüchtlinge und Vertriebenen zu verteilen ist für ein besiegtes, ausgeblutetes, zertrümmertes, von Zuwanderungsströmen überflutetes Land eine imponierende, alles andere als "magere" Leistung.
Die geforderten Eingriffe in die Substanz des unversehrten Vermögens hätten der Wachstumsmaschine, deren Anspringen Rettung und Aufschwung für Millionen bedeutete, schwer geschadet, dazu die Solidargemeinschaft überfordert. Im Vergleich steht übrigens der Lastenausgleich noch immer einzigartig da – oder hat man aus Japan, Italien, Russland, den sowjetischen Ex-Satelliten, den arabischen Ländern, je von einem ähnlichen Unternehmen gehört? Das schreckliche Schicksal der Vertriebenen und ihre extrem mühselige Existenzsicherung hat doch keiner bezweifelt. Doch sie mit 20 bis 25 Prozent ihres Vermögenswerts wieder auszustatten, zahllose Aufbaukredite zu gewähren und letztlich auch die mühsame Eingliederung in die westdeutsche Stammbevölkerung zu erreichen, das bleibt imponierend und kann durch die Aussage, vor einer vermeintlich "gerechten" Vermögensumverteilung hätten sich die "bad beati possidentis" gedrückt, nicht ernsthaft in Frage gestellt werden. Dass die Vertriebenen mehr als 20 Prozent des westdeutschen Arbeitskräftepotentials, den Aufbau voran trieben, als wertvolles Humankapital die These vom Nutzen eines "unlimited supply of labour" bestätigten und häufig als Agenten der Modernisierung wirkten, habe ich auf der Linie der einschlägigen Forschung, die daran keinen Zweifel aufkommen lässt, entschieden betont. Daher bleibt es in meinen Augen eine reale Erfolgsgeschichte, kein Mythos, dem durch unangemessene Ansprüche der Todesstoß versetzt werden muss.
Dasselbe Lob gilt auch der Rentenreform seit 1957, die für mehrere "goldene Rentnergenerationen", deren Alltagsleben sich aller Wahrscheinlichkeit nach in Zukunft nicht wiederholen wird, die deprimierende Altersarmut beseitigt und sie mit beispiellosen Ressourcen ausgestattet hat. Auch hier hat der historische Prozess eine grundlegende Reform auf die Tagesordnung gesetzt, und die politische Handlungsfähigkeit der Bundesrepublik wird sich auch daran beweisen, ob sie eine solche Reform endlich zustande bringt.
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