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Podium:

Sind die 68er politisch gescheitert?

Das Jahr 1968 ist immer noch der am heftigsten umkämpfte Moment der deutschen Zeitgeschichte. Für die einen bewirkten die Studentenproteste damals eine notwendige Liberalisierung. Andere sehen vor allem Gewalt und Terror als Produkt linksdogmatischer Utopien. Politisch, so Hans-Ulrich Wehler, sind die 68er rundum gescheitert. Diskutieren Sie über die Bedeutung von 1968.

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Beiträge

Hans-Ulrich Wehler
15.09.2008 | 14:31 Uhr

Hans-Ulrich Wehler: Sammel-Replik

Gegen die Verklärung der 68er Bewegung, gegen die maßlos überschätzte Wirkung ihrer vermeintlichen Reformimpulse vor allem durch ihre in die Jahre gekommenen Protagonisten richtete sich aus wissenschaftspolitischen und allgemeinpolitischen Gründen der knappe Abschnitt in Band V. Dass er die Kontroverse fördern würde, dass sich Generationskonflikte im Text widerspiegeln würden und sollten, lag von Anfang an auf der Hand. Selbstverständlich greife ich einige der Einwände auf.

Herbert erkennt in dem Abschnitt über 68er eine Bilanz, "keine Geschichte". Das mag so wirken. Es ist ein Preis, den man für eine gedrängte Synthese nur zu leicht zahlt, obwohl man dem Charakter des historischen Prozesses nur zu gern gerecht werden möchte. Stattdessen wird er unter dem Druck der Knappheit und der "Reduktion von Komplexität" auf Resultate hin eingefroren. Dieses Ergebnis droht freilich auch anderen Syntheseschreibern.

Die Deutschlandfixierung lässt sich wegen der deutschen Eigentümlichkeiten der 68er-Bewegung verteidigen. Herbert sieht wie andere einen internationalen Großtrend der jugendlichen Protestbewegung. Ich sehe viel eher die Unterschiede: Da war der Protest in Berkeley gegen den Vietnamkrieg und für die Bürgerrechtsbewegung (aber nicht gegen Ordinarien und repräsentative Demokratie), der Protest in Paris gegen den autoritären Patriarchalismus von De Gaulle, der Protest in Tokio gegen die versäumte Diskussion über die Kriegsschuld des Tenno-Reiches und gegen den explosiven Kapitalismus, das nationalpolitische Aufbegehren gegen die sowjetische Hegemonialmacht in ihrem Satellitengürtel usw.

Dan Diner weigert sich daher auch zu Recht, eine globale Gemeinsamkeit anzuerkennen und hält die Interpretationsfigur eines weltweit ablaufenden, relativ homogenen Protestes der Jugendkultur für eher fragwürdig. Eine große Rolle spielten dagegen Gabriel Tardes Imitationseffekte. Es war nach Berkeley nur zu verführerisch, dass dort erfolgreich praktizierte Go-in, Sit-in, Teach-in auch einmal an der FU oder anderswo zu erproben. Umgekehrt fehlt in den USA der dogmatische Neomarxismus des deutschen linken Flügels. Überhaupt ist die Fixierung auf die "Vergangenheitsbewältigung" und den angeblich herandrängenden Faschismus eine deutsche Eigenart, dank der Faschismustheorie und der kommunistischen Denkvarianten so borniert wie nur möglich, analytisch und wissenschaftlich rundum verfehlt, ein romantischer Rückfall in Totalitätsillusionen, begleitet von unzivilisierten Gewaltexzessen (die ich selber in Köln und Berlin nie persönlich erlebt habe, der Diskussionsleidenschaft der Studenten damals trauere ich immer noch nach). Es bleibt als Kritik: Alle wichtigen Reformen laufen vor 1968, seit etwa 1964 an; die 68er waren ein Symptom, nicht die Ursache des Wandels; überzeugende neue Ideen und Institutionen wurden von ihnen nicht entwickelt; Radikalisierung oder pragmatische Anpassung blieben als Reaktion auf das eigene politische Scheitern.

Moses erkennt den frühen Reformbeginn einer dezidiert reformwilligen Bundesrepublik an, die auch keineswegs aus der Finsternis dumpfer, erzkonservativer 50er Jahre auftauchte, sondern eine rapide Modernisierung unter konservativen Vorzeichen erlebt hatte. Das von ihm zu Recht thematisierte fehlende Grundvertrauen gegenüber belastbaren politischen Institutionen war die Folge eines im Grunde doch außerordentlich kurzen Lernprozesses, der gerade einmal ein Dutzend Jahre lang angehalten hatte. Dieses Manko als Antriebskraft der Protestbewegung leuchtet mir unmittelbar ein.

Die von Nolte zu Recht hervorgehobene Entradikalisierung seit den 70er Jahren, der Erfolgszeit der Sozialliberalen Koalition, ist u. a. auch eine Folge der Zunahme des Vertrauens auf die bewährte Problemlösungskapazität des funktionstüchtigen politischen Systems gewesen.

Kielmansegg betont zutreffend den Entwicklungsschub in der Brandt-Ära und wegen der Ölkrise – eine ungleich tiefere Veränderung, als sie die Summe aller 68er "Demos" hervorgebracht hatte. Auch mit der Formel: eher Symptom als Ursache des Wandels stimmt er überein. Aber die vorab von den 68ern mobilisierte Teilnahmebereitschaft, die dann den Grünen, der Friedensbewegung, dem neuen Feminismus (der auch vom Protest gegen die Gleichgültigkeit der 68er-Männer lebte) zugute kam, hätte ich deutlicher anerkennen können. Aber ob die Propagierung eines neuen Lebensstils zur behaupteten Fundamentalliberalisierung wirklich beigetragen hat, bleibt noch eine offene Frage, auch wenn man die von Stolleis angeschnittenen "osmotischen Wirkungen" hervorhebt. Ältere Liberalisierungstendenzen werden dadurch ganz so ignoriert wie völlig andere Ursachen als 68 übersehen.

Anter sieht in einer diskussionswürdigen These in 68 eher Pop als Politik, daher auch die eigentümliche Faszination eines neuartigen Phänomens. Glücklich fand ich die Interpretation, dass 68 jenes Maß an Zweifel und Unordnung verkörperte, das ein funktionstüchtiges System braucht, um seine Verarbeitungskompetenz und Stabilität zu beweisen. Und weniger abstrakt: Wie viele bisher skeptische Bundesbürger haben wegen der maßlos überzogenen Kritik der 68er ihre Republik, deren Lebensbedingungen, Sicherheitsgewähr, freiheitliche Ordnung, Zukunftschancen erst richtig schätzen, zu bejahen gelernt?

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01.09.2008 | 15:05 Uhr

Ulrich Herbert: Eine Bilanz, keine Geschichte

Wehlers Urteil über das Wirken der "68er" mag man teilen oder nicht, jedenfalls begründet er diese Bilanz ausführlich und mit nachvollziehbaren Argumenten. Nur ist es eben, wie bei seinen Ausführungen über die DDR, eine Bilanz: keine Geschichte. Die Frage, wie es denn kam, dass seit Mitte der 1960er Jahre ein doch offenbar erheblicher Anteil der bürgerlichen Jugend dem "Erfolgsmodell" Bundesrepublik zunehmend kritisch gegenüber stand, gerät hier gar nicht in den Blick. Wehler konstatiert Ergebnisse, er untersucht keine Prozesse.

Und wiederum, wie fast durchweg, ist das gezeichnete Bild zu stark allein auf Westdeutschland gerichtet; das verschiebt die Konturen. Denn wie ist es zu erklären, dass in nahezu allen westlichen Ländern (und als Echo auch im Osten Europas) die Spannungen der Jugend dieser Jahre zur jeweils vorfindlichen Kriegsgeneration so ausgeprägt waren - bei denkbar unterschiedlichen Voraussetzungen und Vergangenheiten? Wie konnte es sein, dass die Ermordung des Bürgerrechtlers Martin Luther King, des Präsidentschaftskandidaten Bobby Kennedy und des deutschen Studenten Benno Ohnesorg, die blutige Niederschlagung des Prager Aufstands und der mexikanischen Studentenrebellion in einem Zusammenhang wahrgenommen wurden: als Gewaltausbrüche der Reaktion, des Establishments, der Herrschenden?

Die Bedeutung der von den angelsächsischen Ländern ausgehenden und sich dann bald weltweit verbreitenden Jugend- und Popkultur, die die 68er Bewegung kulturell von den linken Vorläuferbewegungen schroff trennte, bleibt außen vor. Zudem suggeriert die Theorie vom "Scheitern" der 68er eine einheitliche Gruppe oder doch einen Akteur mit Zielen und Absichten – nichts trifft diese Melange aus Romantik und Radikalismus, Politik und Adoleszenz, Konsum und Individualismus weniger: ein kurzes Aufflackern, zwei Jahre des Protests, dann der Zerfall in ganz unterschiedliche Formen und Richtungen.

Auch das ist kein deutscher Sonderfall - in fast allen europäischen Ländern sind in diesen Jahren starke Elemente von Partizipations- und Liberalisierungsprozessen mit neuen Politikformen zu beobachten, und es ist durchaus nicht ausgemacht, ob die oppositionellen und sich zum Teil radikalisierenden Jugendbewegungen eher Akteur oder eher Ausdruck dieser Entwicklungen waren. Denn offenbar fand die erdteilüberspannende Jugendprotestbewegung an einem Scheitelpunkt langfristiger gesellschaftlicher Prozesse statt, die das Ende des Industrialismus und der tradierten Formen des Verhältnisses von Kapital und Arbeit, von Bürger und Staat, von Industrie- und Entwicklungsstaaten markierten. Wie hängt das zusammen? Hier liegen die interessantesten Fragen für Historiker. Ob man die "68er" nun mag oder nicht, ist dabei eher unerheblich.

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01.09.2008 | 14:30 Uhr

Gerd Koenen: Kein Triumph, kein Debakel

Hans-Ulrich Wehlers Frage "Triumph oder Debakel?" der 68-er Bewegung zielt als solche schon daneben. Tatsächlich konnte diese Bewegung weder siegen noch "auf der ganzen Linie scheitern", in der Bundesrepublik so wenig wie irgendwo sonst auf der Welt. Nimmt man die Außerparlamentarische Opposition (APO) zu ihrem Nennwert, Eins zu Eins, so als wäre sie je ein klar umrissener, nach der Macht greifender politischer Oppositionsblock gewesen, wird das Wesentliche vollkommen verfehlt: ihr Charakter einer primär lebenskulturell gespeisten, radikalen Jugendbewegung.

Vielen Einzeldiagnosen Wehlers lässt sich ja durchaus zustimmen. Die bundesdeutsche Gesellschaft war schon Jahre vor 1968 "wach und in Bewegung". Ein Schub von Reformgesetzen war auf den Weg gebracht, einschließlich einer weitgehenden Bildungsreform. Und für entscheidende Zukunftsfragen wie die Frauenemanzipation oder die Ökologie hatten die politischen Kerntruppen der 68er noch kaum einen Sinn. Alles nicht falsch.

Nur zeigen die beiden letzteren Feststellungen exemplarisch, wo Wehlers Argumentation ins Leere läuft. Denn auch wenn die Frauenbewegung 1968 mit Tomatenwürfen auf die machistischen Matadore des SDS und mit einer energischen Sezession vom hyperpolitisierten Bewegungskern begann – ohne den Primärimpuls dieser brodelnden Jugendszene wäre sie nicht denkbar gewesen. Und so sektiererisch der neue Feminismus der siebziger Jahre in seinen originären Großtheorien und frühen Bewegungsformen noch immer war: er hat die Physiognomie dieser Gesellschaft fraglos mit verändert. Nicht einmal die CDU-Frauen würden das heute wahrscheinlich leugnen.

Auch der Einbruch der Grünen Partei in die festgefahrene bundesdeutsche Parteienlandschaft zehn Jahre nach 1968 ist ohne den generationellen Push einer noch so gescheiterten radikalen Linken schwerlich zu verstehen. Und so sehr auch die frühen, ökologischen Großtheorien noch dem Größen- und Gestaltungswahn der 68er-Zeit entsprungen waren und das grüne Gegenmilieu der 80er Jahre noch einmal einem schon eher mimetischen Radikalismus huldigte – was am Ende zählt, ist der energetische, sachliche und faktische Impuls selbst, der sehr notwendig war. Moderne, demokratische Gesellschaften erweisen sich genau darin als modern, demokratisch und entwicklungsfähig, dass sie in der Lage sind, solche Impulse aufzunehmen.

Dass Wehler seiner Bilanz vom "Scheitern auf der ganzen Linie" an anderer Stelle glatt widerspricht, macht die Sache keineswegs besser, nur die Konfusion größer. Irgendwie sollen diese neolithischen 68er-Marxisten mit ihren "auf eine kommunistische Entwicklungsdiktatur zielenden Ideen" dann doch mitgewirkt haben, "die Restbestände einer obrigkeitlichen Mentalität weiter abzubauen", "Kritikfreudigkeit und … das politische Engagement" zu ermuntern und den "zivilgesellschaftlichen Partizipationswillen" zu unterstützen. Ja, sie sollen sogar "durch ihre Kritik an überlieferten Normen und Verhaltensweisen wider Willen zur Liberalisierung der westdeutschen Gesellschaft" beigetragen haben. Am Ende (das ist Wehlers letztes Wort zum leidigen Thema) soll allerdings von all ihren "politischen Zielen nur eine einzige Forderung: freie Bahn für den Individualisierungsdrang im Verein mit einem unbeschwerten Lebens- und Konsumgenuß, übrig geblieben" sein. Aber wie hängt dieser angebliche, zügellose Hedonismus der 68er jetzt wieder mit ihrer "geradezu kultischen Verehrung für kommunistische Diktatoren" zusammen, etwa für den "Kubaner Che Guevara", der erstens Argentinier war und zweitens alles andere als ein Advokat "unbeschwerten Lebens- und Konsumgenusses"?

Man kann sich des Eindrucks leider nur schwer erwehren, dass da aus einer Position des generationellen Ressentiments geurteilt wird. Für Wehler liegt der Kern der Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik in einer "neuen Politischen Kultur" (in Großbuchstaben), die sie wesentlich der in einem langen "Lernprozess" erworbenen Fähigkeit zur "lebendigen Selbstkritik" verdanke. Diese wiederum verdanke sich aber nicht dem "überbewerteten 1968", sondern einem "ausschlaggebenden Generationswechsel" zwischen 1958 und 1964, in der sich bereits der "Aufbruch in eine neuartige ‚Zeitkritik’" vollzogen habe, wobei ganz besonders die Historiker eine ungewöhnlich große Rolle "als Vertreter einer öffentlichen Deutungsmacht" gespielt hätten.

Wieder ist man geneigt zu sagen: Alles durchaus richtig, aber warum ist es nötig, sich in dieser eifersüchtigen Weise im Gegenzug selbst zum Nabel der Entwicklung zu machen? Über die Art und Weise, wie aus dem emotionalen, ideologischen und lebensweltlichen Potlatsch von 1968 nach allerhand Irrungen und Wirrungen noch einige vernünftige, notwendige und überfällige gesellschaftliche Initiativen hervorgegangen sind, lässt sich nüchtern reden. Wer ein Bundesverdienstkreuz dafür möchte, dass er 1968 einen Pflasterstein auf einen Wasserwerfer geworfen hat, darf unter homerischem Gelächter nachhause gehen. Und was kann der arme Rudi Dutschke dafür, dass man jetzt schon eine Straße nach ihm benannt und einen Säulenheiligen aus ihm gemacht hat?

Aber um wie viel riskanter sind Wehlers Betrachtungen über die "Generation 45" und jene "strategische Clique", der er selbst sich (unausgesprochen) zurechnet: Eine gesellschaftsbildende Kerngruppe, die sich, durchaus geprägt vom nationalsozialistischen Leistungsfanatismus, "mit Entschlossenheit auf die berufliche Ausbildung, danach auf den Karriereweg in einer Wachstumsgesellschaft … konzentriert" habe; die, einer Diagnose Ralf Dahrendorfs folgend, "eine neue politische Mentalität entwickeln konnte", weil "der Nationalsozialismus das traditionell demokratiefeindliche deutsche Elitenkartell gesprengt und damit wider Willen der …Demokratie den Weg gebahnt hatte".

Gegenüber den zivil-heroischen Tugenden dieser "Aufbaugeneration" (wie Helmut Kohl gesagt hätte, den Wehler freilich hartnäckig aus seiner Generationskohorte ausschließen möchte) sollen die 68er sich vor allem durch "die Verächtlichmachung des Leistungsdenkens" versündigt haben, die "mit dem Ergebnis der Pisa-Studien seine drastische Quittung erhielt". Das ist freilich fast schon auf dem Niveau der Diagnosen des BILD-Chefredakteurs Kai Diekmann. Das kurzlebige Wörtchen vom "Leistungsterror", das 1968 die Runde machte, kann schwerlich als empirischer Beleg dienen, so wenig wie mir die angebliche Forderung nach "unbeschwertem Lebens- und Konsumgenuss" aus jenen Jahren erinnerlich wäre. Fast im Gegenteil! Aber das ist schon eine andere Geschichte, die (ich für meinen Teil) an anderer Stelle erzählt habe.

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01.09.2008 | 13:00 Uhr

Dan Diner: Von der Latenz zur Präsenz

Eine Ausflugsgesellschaft ist im Wald unterwegs. Nach Stunden befällt sie das untrügliche Gefühl, sich verlaufen zu haben. Erschreckt beschleunigt sie ihre Schritte. So in etwa liesse sich die Radikalisierung der Protestbewegung in Gefolge von "68" fassen.

Das, was mit der Zeitikone "68" gemeinhin in Verbindung gebracht wird, hatte weltweit unterschiedliche Ursachen. Vor allem die von den Märzereignissen in Polen oder vom Prager Frühling ausgehenden Vorgängen hatten wenig, genauer: nichts mit dem zu tun, was etwa zeitgleich in der Bundesrepublik oder in Paris geschah. Zwar lassen sich übergreifende Zusammenhänge ausmachen – Konditionen, die sich gleichsam überall auswirkten, etwa die Folgen des Tauwetters einer globalen politischen Erwärmung durch die unmittelbar nach der Kuba-Krise 1962 sich einstellenden détente zwischen Ost und West. Auch der alsbald losbrechende Vietnam-Krieg läßt sich paradoxerweise als Folge der weltweiten Entspannung verstehen. Nachdem die Welt gerade noch an der nuklearen Apokalypse vorbei geschrammt war, setzte Kennedy auf die Strategie einer vermeintlichen low intensity.

Wehler ist zuzustimmen, wenn er den Refomschub der späten 60er und frühen 70er Jahre auf die Phase vor der Studentenbewegung zurückführt. Ihm ist auch zuzustimmen, wenn er die realitätsferne und exaltierte politische Rhetorik vom drohenden Faschismus und anderen, den Unbilden der Vergangenheit geschuldeten Gefahren und Gefährdungen in der Bundesrepublik als hysterisch zurückweist. Aber dem Phänomen einer weltweiten Protestbewegung, einer sich explosiv Bahn brechenden energetischen Jugendkultur, ihren politischen und scheinpolitischen Formen vermag er indes nicht auf die Spur zu kommen. Dabei könnten gerade die von Wehler extensiv behandelten unmittelbare Nachkriegszeit einiges an Erklärung bereithalten. Schließlich lässt sich die etwa zwanzig Jahre lange Phase nach dem Zweiten Weltkrieg durchaus als eine historische Phase der Latenz, einer Art von historischer black box verstehen, die immer noch ihrer Dechiffrierung harrt. In etwa von den frühen 60er Jahre an, beginnend mit der Phase der détenten, verwandelten sich Latenzen in Präsenzen. Man könnte durchaus bei der Überlegung anlangen, dass sich etwas zeitverzögert und mit einer ungestümen Wucht Bahn brach, was in der Zeit zuvor angestaut gewesen war.

Was dies gewesen sein mochte, dürfte Land für Land verschieden gewesen sein – ausser eben jenem umfassenden Umstand, dass diese sich verschieden äußernden und zeitverzögert an die Oberfläche drängenden Reaktionsbildungen mit dem Großereignis des Zweiten Weltkrieges und den auf ihm folgenden sozialen und kulturellen Umwälzungen im Westen in Verbindung stehen. Dies gilt in erster Linie für die Vereinigten Staaten, in denen der Zweite Weltkrieg und die Zeit danach gewaltige Veränderungen mit sich brachte. Für die Bundesrepublik mochten zwar andere Parameter gegolten haben (Niederlage, territoriale Amputation, Integration der Flüchtlinge, Lastenausgleich etc.) – der damit verbundene Wandel indes war gewaltig.

Wie wurde er kulturell bewältigt? Wohin haben sich Verluste, Demütigungen und einschneidender Wandel, genauer: die damit verbundenen Gefühle verflüchtigt? Oder harrten sie ihres Ausbruches – verschoben, verkehrt und in allen nur möglichen Legierungen codiert? Eines der (bundes-)deutschen Phänomene war eine kontraphobische Reaktionsbildung auf die nationalsozialistische Vergangenheit. Indem man sich dem vermeintlichen Gegenteil des Nazismus verschrieb und in der Demokratie antifaschistisch agierte, gar einem militanten nachholenden Widerstand nachging, suchte man eine befürchtete, womöglich familiar indizierte Nähe zum NS zu exorzieren. Die als dumpf erachtete Zeit der fünfziger und frühen sechziger Jahre könnte sich bei einer entsprechenden gedächtnisgeschichtlichen Dechiffrierung als überaus interessant erweisen. Jedenfalls als eine Zeit des Aufschubs und der Latenz für jene noch unverstandenen, in vieler Hinsicht auch skurrielen Präsenzen der späten sechziger und frühen siebziger Jahre. Dass die Ausflugsgesellschaft bei einer solchen Orientierungslosigkeit in die falsche Richtung hastet, wäre ihr nicht einmal zu verdenken.

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01.09.2008 | 10:12 Uhr

Dirk Moses: 1968 als Problem der politischen Kultur

Wenn man Hans-Ulrich Wehlers Bemerkungung zu 68 liest, ist man an Klaus Hildebrands Abhandlung der Thematik in seinem Band "Von Erhard zur Großen Koalition 1963 – 1969" (1984) erinnert: Alles lief glatt in der Bundesrepublik bis dahin; Wirtschaft und staatliche Institutionen wurden wiederhergestellt, Reformen lagen alsbald auf dem Tisch — bis aufgebrachte Studenten und Ideologen die politische Kultur unnötigerweise polarisierten, die Universitäten mit ihren unausgegorenen "Reform"-Plänen verhunzten und sich danach als Helden zelebrierten.

Alles, was Wehler hier zur Bildungsreform und über die subtilen Verbindungen zwischen 68 und Terrorismus schreibt, wurde damals von seinen Kollegen im "Bund Freiheit der Wisseschaft" gesagt, inklusive des "zutiefst inhumanen Psychoterrors" gegen liberale Professoren. Das bedeutet nicht, das Wehler falsch liegt. Immerhin hat ein liberaler Geist wie Dolf Sternberger in dieser Zeitung 1970 einen Leitartikel geschrieben mit dem Titel: "Darf man heute konservativ sein?" Es bedeutet jedoch, dass Slogans für nuancierte historische Urteile nicht ausreichen.

Diejenigen, die 68 mit Sympathie betrachten, haben vesucht, die Bewegung zu historisieren: als "Laboratorium der nachindustriellen Gesellschaft" (Claus Leggewie) oder als Komponente der "Fundamental-Liberalisierung der Bundesrepublik " (Jürgen Habermas). Solche Positionen versuchen 68 als breite Reformbewegung zu definieren, allerdings mit einem radikalen Flügel. Die Kritiker - Konservative und jetzt Wehler - reduzieren 68 genau auf diesen radikalen Flügel.

Es ist offensichtlich, wie schwer es den Zeitzeugen fällt, sich von den aufregenden Ereignissen und Einschätzungen der Zeit für die historische Analyse frei zu machen. Wehler spricht für seine Generation — die 45er —, in dem er ihre Reformleistungen seit den späten fünfziger Jahren als den eigentlichen "Breakthrough" einschätzt: eben die Leistung, die dann von den revolutionären Bestrebungen der jüngeren Generation überflutet wurden. Einige seiner Generationsgenossen wurden "Protest-Geschädigte".

Zugleich möchte der Sozialhistoriker in Wehler bedeutende soziale Veränderungen auf breitere, tiefer liegende Faktoren zurückführen. Mit Recht erkennt er, dass ähnliche Prozesse des Werte- und Kultur-Wandels in anderen industriellen Gesellschaften in den sechziger und siebziger Jahren stattgefunden haben.

Aber wenn Wehler sich bewusst ist, dass das deutsche Spezifikum an diesen Trends die NS-Vergangenheit ist, hat er dann diese Einsicht in seiner Darstellung ausreichend berücksichtigt? Es ist zu einfach, die Fehleinschätzungen derer, die in den Notstandsgesetzen und NPD-Wahlerfolgen Vorzeichen für einen autoritären Etatismus, gar Faschismus sahen, höhnisch zu belächeln. Es gab auch einen besonnenen Kopf wie Karl Dietrich Bracher, der immerhin so beunruhigt war, dass er 1967 Artikel schrieb unter der besorgten Überschrift "Wird Bonn doch Weimar?" Und Karl Jaspers offenbarte seine Ängste 1966 in seinem Buch "Wohin treibt die Bunderspublik?"

Aber wie erklären wir diesen Mangel an Grundvertrauen in die Institutionen und Kultur der Bundesrepublik? Genau das ist die Aufgabe des Historikers, wenn er jenen Utopie-Glauben und die Radikalität erklären möchte, die im "Roten Jahrzehnt" 1967-1977 auftauchte. Keine Gesellschaft kann ohne ein Grundvertrauen funktionieren, das zum Teil auf einem unausgesprochenen Vertrag zwischen den Generationen basiert. Bürger müssen einander als Bürger in die Augen schauen können: so könnte man etwas pathetisch formulieren. Warum war das während der sechziger Jahre so schwierig? Diese Frage müßte im Zentrum aller 68er-Analysen stehen. Denn politische Kultur ist nicht nur von materiellen Dimensionen getragen oder geprägt. Vielmehr müssen wir dafür mehr wissen über die Verbindung zwichen politische Emotionen, intergenerationellen Familien-Verhältnissen und der symbolischen Dimension von Politik.

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01.09.2008 | 10:00 Uhr

Andreas Wirsching: Beispiellose generationelle Erfolgsgeschichte

Wehlers Darlegungen zu den "68ern" sind etwas grobschlächtig geraten. Vor allem möchte man jenseits der eindeutigen Urteile mehr wissen über die gesellschaftsgeschichtlichen Strukturbedingungen und Entwicklungsprozesse. Aus welchen Gründen konzentrierte sich die Bewegung zunächst auf West-Berlin? Woran scheiterte der gesellschaftliche Brückenschlag zu den Gewerkschaften?

Warum konnten Autoren wie Herbert Marcuse und ein "krasser Hedonismus" ihre Wirkung entfalten? Antworten auf solche Fragen muß man zwischen den Zeilen suchen, so etwa, wenn Wehler von der Bedeutung der Konsumgesellschaft, der "Lebensstilrevolution" und des "Individualisierungsdrangs" der 68er spricht. Unklar bleibt dann aber, warum er an anderer Stelle jene "kulturalistische" Richtung der Soziologie attackiert, die doch eben diesen Bewegkräften entscheidende gesellschaftliche Bedeutung zuweist.

In der politischen Wertung hat Wehler ohne Zweifel recht: Gemessen an ihren eigenen utopischen Vorstellungen sind die 68er gescheitert. Als Alterskohorte dagegen waren sie in höchstem Maße erfolgreich. Ihnen kamen gesellschaftliche und ökonomische Bedingungen zugute, die – wie Wehler zutreffend betont – vor ihnen und ohne sie geschaffen worden waren. Niemand profitierte stärker von der säkularen Expansion des Bildungswesens als die 68er. Keine Generation vor ihnen war in eine vergleichbare ökonomische Prosperität hineingeboren worden. Die Liberalisierung der Gesellschaft verbürgte eine zuvor nie gekannte biographische Wahlfreiheit. Der "Marsch durch die Institutionen" ist erfolgreich vollzogen worden, und am Ende der Laufbahn sind auch die Renten und Pensionen dieser Kohorte tatsächlich noch sicher. Hinzu tritt die Deutungsmacht der Veteranen, deren Mythen die Feuilletons beherrschen.

Von der direkten Weltkriegserfahrung verschont, ging es für diese Alterskohorte im wesentlichen nur bergauf. Wie keine andere verkörpert sie die alte Bundesrepublik. Ihre beispiellose generationelle Erfolgsgeschichte tritt bei Wehler über Gebühr in den Hintergrund.

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01.09.2008 | 08:04 Uhr

Norbert Frei: Lustvoll ungenau

Man liest es mit Erstaunen: Auch Hans-Ulrich Wehler, wiewohl ein Stückchen jünger als der – von ihm damals vehement bekämpfte – harte Kern der akademischen "68er"-Kritiker, die sich Anfang der siebziger Jahre im "Bund Freiheit der Wissenschaft" sammelten, hat unter den Folgen der Studentenrevolte schwer gelitten. Oder wie sonst soll man das Feuerwerk der Invektiven deuten, das er nun unter dem Stichwort "68" abbrennt?

Doch nicht nur der "eklatant" aus dem Ruder gelaufenen Gruppenuniversität mit ihrem "drittelparitätischen Proporzideal" gilt Wehlers nachgetragener Zorn; vom Antiamerikanismus über den Antisemitismus bis hin zur allgemeinen Ruinierung der Leistungsbereitschaft und dem Pisa-Debakel bleibt keines der gegenwärtig populären Klischees über Schuld und Scheitern der "68er" ausgespart. Zugleich scheint Wehler auf den inzwischen wohlbekannten Masochismus dieser Generation zu setzen: In einer Rundfunkdiskussion dieser Tage nach seiner angepeilten Leserschaft befragt, meinte er, "zehn- bis fünfzehntausend westdeutsche Studienräte" sollten es schon sein.

Man mag das kurios finden oder auch sportlich-arrogant – es zeigt sich darin nur einmal mehr, dass die "68er" ihre ausdauerndsten politischen Konflikte nicht mit ihren Eltern, sondern mit der ihnen unmittelbar vorausgehenden Generation der "45er" (Dirk Moses) hatten und haben. Fast jede Zeile in Wehlers Abschnitt über die APO atmet diese Generationenkonkurrenz. So richtig seine Feststellung auch ist, dass die Bundesrepublik bereits "seit den frühen, nicht erst seit den späten 60er Jahren ‚wach und in Bewegung’" war, so irreführend ist doch die auch hier wieder anzutreffende rhetorische Verkürzung der Protestbewegung auf das "rote Jahrzehnt" der Siebziger. Vieles von dem, was Wehler auf engstem Raum zusammenzieht, kommt so lustvoll ungenau daher wie die Insinuation, das Wichtigste an der Revolte sei schon seit 1965/66 die "kultische Verehrung kommunistischer Diktatoren" gewesen. Da wundert es nicht, dass sich die Flüchtigkeitsfehler gerade in diesem Abschnitt häufen: Benno Ohnesorg starb am 2. Juni, nicht am 1. Juli 1967; als Rudi Dutschke am Gründonnerstag 1968 nur knapp dem Tod entging, schrieb man den 11., nicht den 21. April.

Wer einen Absatz mit der Feststellung beginnt, "Politisch ist die deutsche 68er-Bewegung rundum gescheitert", von dem erwartet man selbst am Ende einer hohntriefenden Beschreibung des Desasters doch einen Moment des historiographischen Innehaltens und wenigstens den Versuch einer nüchtern abwägenden Bilanz. Davon ist Wehler in diesem Abschnitt weit entfernt.

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01.09.2008 | 13:02 Uhr
Karl Michael schreibt: Entspannt-abgeklärter Altmeister

Zur Nebenbemerkung Freis über die Studienräte ist anzumerken, dass es für einen Historiker, der auf die 80 zugeht, doch ein wahres Kunststück ist, auch die Jüngeren in dieser Zielgruppe (und in anderen?) überhaupt zu erreichen. Man muss wohl nicht lange recherchieren, um auf die Ursachen zu stoßen: Nach Jahrzehnten harter Arbeit in der Wissenschaft, in denen Wehler die ihm anvertrauten Geister (und sich selbst) gewiss nicht geschont hat, läuft er nun zu kommunikativer Hochform auf, ist witzig, schlagfertig und präsentiert seine Einsichten in einer Form, die ich jedenfalls sehr unterhaltsam finde. Vielleicht ist das Schulfach ja doch noch zu retten, wenn es gelingt, nicht nur den wissenschaftlichen Bierernst, der an der Forscherfront gewiss unvermeidlich ist, zu vermitteln, sondern auch den in der aktuellen Lebenswelt so wichtigen Spaßfaktor. Der Altmeister aus Bielefeld zeigt auch hier, entspannt und abgeklärt, wie es gehen könnte -diskursiv und konziliant Position beziehen.



01.09.2008 | 08:03 Uhr

Paul Nolte: Paradigma der Deradikalisierung

Natürlich ist das, wieder mal, scharf zugespitzt, aber würde ich von Wehler zum Bekenntnis gefordert gemäß seinem oft zitierten biblischen Motto "Deine Rede sei ja oder nein – die Lauen aber werden ausgespien", hieße die Antwort ohne Zögern: Ja, die 68er sind politsch gescheitert – ich betone: politisch! Und das nicht nur, weil sie ihre politischen Ziele nicht umsetzen konnten, sondern weil sich ihre Ziele als irrational, romantisch, oft sogar antidemokratisch entpuppt haben.

Wohlgemerkt: Dabei ist nicht die Rede von den vielen hunderttausenden, ja Millionen, die mit Willy Brandt sympathisierten, Vorbehalte gegen die Große Koalition hatten oder für Dubcek die Daumen drückten. Die Rede ist von dem Kern der Bewegung, der freilich wohl nicht mehr als einige Zehntausend umfasste. Sie folgten einer fatalen Neigung zum "totalen" Denken, das keine Relativierung zuließ; sie hingen den krudesten Varianten des Marxismus an und hielten, man muss es leider so klar sagen, die parlamentarische Demokratie für abschaffenswürdig. Bestenfalls kann man, auch in historischer Einordnung, von einer abermaligen Renaissance deutscher politischer Romantik sprechen.

Warum das so gewesen ist; warum die 68er sich nicht als eine demokratische Erneuerungsbewegung formiert haben, wie das in den USA ebenso wie in Ostmitteleuropa der Fall war, ist ein trauriges Rätsel. Ein Teil der Lösung führt natürlich in die deutsche Geschichte, in die Fortwirkung und Verarbeitung des "Dritten Reiches". Die Renegaten-These von Götz Aly, nach der die 68er eine neue SA waren, ist damit ausdrücklich nicht gemeint. Im Gegenteil, es war ja eine obsessive, eine paranoide Furcht vor "dem Faschismus", welche die Bewegung antrieb. Als ein subjektives Antriebsmoment würde ich dieses Trauma bei jeder Erklärung sehr ernst nehmen.

Immerhin sind die 68er insofern nicht politisch gescheitert, als die Mehrzahl von ihnen einen oft mühsamen Weg der Anpassung an die liberal-repräsentative Demokratie gefunden hat – im "Marsch durch die Institutionen", im langsamen Verblassen maoistischer Visionen, in der Wiederannäherung an die SPD oder später die Grünen. Damit haben die 68er für die weitere Entwicklung der Bundesrepublik ein Paradigma der Deradikalisierung geschaffen, das der Weimarer Republik noch gefehlt hatte: die Transformation von radikaler Systemopposition in kritische Loyalität und Reformismus. Einen ähnlichen Weg sind seitdem die Grünen gegangen, und viel spricht dafür, dass der Neokommunismus der Linkspartei am Ende ähnlich eingefangen werden wird.

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02.09.2008 | 15:20 Uhr
Herold Binsack schreibt: Historisch aber nicht theoretisch gescheitert

Die 68er sind eine Erscheinung an der Oberfläche einer Bewegung, die in Tat viel tiefer angesiedelt ist. Es ist dies die Bewegung des Kapitals selber. Eines Kapitals, das die Moderne in die sog. Postmoderne beförderte, den Industriekapitalismus in die sog. Finanzindustrie, im Angesicht eines historisch gescheiterten Marxismus.

Gescheitert war dieser Marxismus mit der Entwicklung der Sowjetunion zu einer "Satrapie" (!) des globalen Kapitals, lange vor 89. Dies weil die Revolutionierung dieser Gesellschaft, dort im Osten, längst gestoppt, und eine neue herrschende Kaste an die Macht gelangt war. Theoretisch ist der Marxismus aber mitnichten gescheitert, denn er kann es auch nicht, solange es noch ein Kapital gibt, das den Arbeiter ausbeutet. Nun steht nicht nur das Scheitern des Kapitals auf der Tagesordnung, sondern mit diesem, bei Nichtscheitern, das Subjekt als solches, nicht nur das revolutionäre. - Kommunismus oder Barbarei eben, so Marx.



01.09.2008 | 08:02 Uhr

Peter Graf Kielmansegg: Katalysator für gesellschaftlichen Klimawandel

"Politisch ist die deutsche 68er Bewegung rundum gescheitert" – das kann man unterschiedlich lesen. Es kann heißen: Sie hat ihre Ziele nicht erreicht. Und so meint Wehler es wohl auch. Es kann aber auch heißen: Sie hat nichts bewirkt. Das ist eine ganz andere Aussage.

Dass von den vagen und wirren Ideen der Achtundsechziger, soweit sie sich überhaupt als Zielvorstellungen dechiffrieren lassen, so gut wie nichts Wirklichkeit geworden ist, ist offensichtlich. Westdeutschland hat sich weder zur Rätedemokratie noch zur Arbeiterselbstverwaltung, weder zur freien Liebe noch zum Kinderladen bekehrt. Und es hat in der internationalen Politik nicht den antiimperialistischen Kampf zu seiner Sache gemacht. Nicht einmal die Drittelparität an den Universitäten ist auf die Dauer geblieben.

Aber damit ist über die Wirkungen, die von der 68er Bewegung ausgingen, noch nicht viel gesagt. Es gibt eine Zäsur in der Geschichte der Bundesrepublik, die – etwas vereinfacht beschrieben – die ersten beiden Jahrzehnte von den siebziger und achtziger Jahren trennt. 1968 ist da keineswegs das einzige Datum, das zu nennen ist. Aber diese Jahreszahl gehört dazu; 1969, das Jahr des Machtwechsels, natürlich auch und 1973, das Jahr der ersten Ölkrise, ebenso. Auch ist die Zäsur keineswegs vor allem in Ereignissen, also Jahreszahlen zu erfassen. Es handelt sich eher um das Manifest-Werden von Entwicklungsschüben gesellschaftlichen Wandels, um gesellschaftlichen Klimawandel sozusagen. Dieser Wandel trifft in der Hauptsache die hoch entwickelte Industriegesellschaft westlichen Typs – von den USA über Westeuropa bis Japan – als solche, nicht nur Deutschland im Speziellen. Wertewandel, darauf hat sich die Wissenschaft geeinigt, ist das zentrale Stichwort.

Die 68er Bewegung ist in Deutschland eines der Vehikel dieses zivilisatorischen Trends gewesen. Aber sie ist zugleich auch ein sehr deutsches Phänomen. Sie ist in hohem Maße auf die deutsche Vergangenheit fixiert, sie treibt Vergangenheitsbewältigung auf ihre Art. Und vermag sich, indem sie ihre Kritik an den vorgefundenen Verhältnissen als Kampf gegen den fortlebenden oder neu aufkommenden Faschismus ausgibt, vorübergehend eine spezifisch deutsche Legitimität zu verschaffen.

Dieses Amalgam hat eine beträchtliche Wirkkraft entfaltet. Die Protestbewegungen, die in den siebziger Jahren die Bühne betreten, die Antikernkraftbewegung, die Friedensbewegung, die Frauenbewegung haben alle Wurzeln im 68er Protest, die RAF ohnehin. Und alle diese Formationen haben in Deutschland Geschichte geschrieben, nicht zuletzt dadurch, dass sie zum Mutterboden für die Partei der Grünen wurden. Die Antikernkraftbewegung hat ihr Ziel – über die Grünen – erreicht. Und die Friedensbewegung ist ihrem Ziel, die Nachrüstung zu verhindern, sehr nahe gekommen. Die Frage, ob es ohne 1968 so ähnlich gekommen wäre, ist müßig. Im tatsächlichen Gang der Dinge hat 1968 eine katalysatorische Bedeutung gehabt.

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01.09.2008 | 08:02 Uhr

Joachim Scholtyseck: Ein Quentchen Wahn

Der von Hans-Ulrich Wehler vorgenommenen Zertrümmerung des "Mythos von 1968" wird man ohne weiteres beipflichten können. Die eigentliche Zäsur in der Geschichte der Bundesrepublik wird aus guten Gründen in der neueren politischen und wirtschaftsgeschichtlichen Forschung eher mit den Jahren 1973/74 markiert, als Optimismus und Planungseuphorie der 1950er und 1960er ein Ende fanden und danach eine Besinnung auf das "Machbare" stattfand und stattfinden musste.

Anschlußfähig scheint mir auch zu sein, wie Wehler das "bewusst schockierende Verhalten eines zügellosen Pöbels" charakterisiert, "der seinen Methoden zur Vorbereitung der künftigen Revolution eine Pseudorechtfertigung verschafft" habe. Theodor W. Adorno hat schließlich schon 1969 zur Entwicklung der Studentenbewegung bemerkt, dieser sei "ein Quentchen Wahn beigemischt, dem das Totalitäre teleologisch innewohnt".

Weiterführend ist die wohl durchaus abschätzig gemeinte Bemerkung, die Träger der Proteste sei von einem "Segment der Oberklassenjugend" gestellt worden. Viel zu wenig sind ja bisher diejenigen untersucht, die sich bewusst dem entzogen haben, was sich als Teil einer Jugendbewegung empfand.

Dies verweist auf ein grundsätzliches Problem, die der Beantwortung der Frage entgegensteht: Bisher stammt der ganz überwiegende Teil der Darstellungen zu "1968", ob zum "Erfolg" oder zum "Scheitern", aus der Feder von Beteiligten, die notgedrungen auch ihre eigene Rolle im damaligen Geschehen verarbeiten. Dagegen ist natürlich grundsätzlich auch überhaupt nichts einzuwenden: Die beeindruckenden Arbeiten beispielsweise von Wolfgang Kraushaar und Gerd Koenen geben tiefe Einblicke in die geistigen und lebensweltlichen Aspekte jener Jahre. Aber gerade der sicherlich auch bewusst polemisch gedachte Beitrag Götz Alys "Unser Kampf" - und die darauf folgenden vehementen Reaktionen - zeigen einmal mehr, daß es offenbar immer noch zu früh ist für abgewogene Beurteilungen. Beim Thema "1968" gibt es noch zu viel Schönfärberei, Renegatentum, Wundenlecken und Nabelschau. Und, um noch einmal auf das oben Ausgeführte zurückzukommen: Deshalb sollte die Blickrichtung geändert werden. Interessant wäre es, zu erfahren, was die große Zahl derjenigen bewegt hat, die nichts mit "1968" zu tun hatten und nichts mit "1968" zu tun haben wollten. Diese Lücke der sozial- und gesellschaftsgeschichtlichen Forschung sollte schleunigst geschlossen werden.

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01.09.2008 | 08:00 Uhr

Michael Stolleis: Alte Schlachtordnungen

Für mich gehören die zehn Seiten über die "68er-Bewegung" zu den besten in Wehlers Buch. Er hat alles zusammengetragen, was an Ursachen auszumachen ist: den Vietnam-Krieg, die Notstandsgesetze, die NS-Vergangenheit in den eigenen Familien und an den Hochschulen, den Veränderungsdruck im Bildungswesen, die personell und "stimmungsmäßig" auslaufende Adenauer-Zeit, die Springer-Presse.

Er benennt die Akteure, ihre Herkunft, ihre Hoffnungen und ihre Leichtgläubigkeit gegenüber theoretisch aufgeputzten neomarxistischen Phrasen. Er demontiert auch ganz zu Recht den selbst gebastelten Mythos, mit "68" habe die gesellschaftliche Liberalisierung angefangen. Deutlich äußert er sich zum verbrecherischen Irrlauf der RAF. Der hatte sich – da gibt es nichts zu verharmlosen – aus dem angesammelten ideologischen Müll und der nicht akzeptablen Unterscheidung von Gewalt gegen Sachen und Personen genährt.

Dass "die 68er" politisch gescheitert seien, ist eine Feststellung auf Stammtischniveau. Vierzig Jahre danach ödet einen dies an. Natürlich sind sie gescheitert, wenn man sie an ihren großmäuligen Parolen misst, gar an der Hoffnung, Zündfunke einer Weltrevolution sein zu wollen. Das war immer lächerlich, viel fauler Zauber und Imitation - aber wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, war diesen Parolen immer auch Parodie und Selbstironie beigemischt. Doch haben dieselben Leute, die mit Befriedigung feststellen, die "68er" seien politisch gescheitert, angstvoll ihren "Marsch durch die Institutionen" beklagt und alles, was ihnen an der Gegenwart nicht gefiel, auf "68" zurückgeführt. Also kein Scheitern? Was die osmotisch einsickernden Wirkungen angeht, nein. Die Kulturgeschichte mit ihren feineren Instrumenten kann viele Modulationen gesellschaftlichen Verhaltens feststellen, die aus jenen Jahren stammen, etwa in institutionellen Hierarchien, Erziehungsstilen, Höflichkeitsformen sowie generell im zentralen Medium der Gesellschaft, der Sprache. Ob man dies als Befreiungs- oder als Verfallsgeschichte beschreibt, ist eine Frage der eigenen Wert-, oder auch Vorurteile.

Die Debatte über "1968" ist immer noch emotional aufgeladen. Man sollte sie nüchtern historisieren, wie Wehler es auch tut. Es war nicht "viel Lärm um nichts", sondern ein lange vorbereiteter Modernisierungsschub, ein krisenartiger Übergang zur Normalität der Zivilgesellschaft. Die Nachkriegszeit war zu Ende, das Wirtschaftswunder lief aus, es gab einen innenpolitischen Reformstau - und seit Ulmer Einsatzgruppenprozeß, Eichmannprozess und Auschwitzprozess war auch der Deckel vom Topf NS-Vergangenheit gesprungen. Das war alles zusammen ein bisschen viel. Heute könnte man das alles ohne Selbstgerechtigkeit, ohne Häme oder Selbstmitleid analysieren. Aber die alten Schlachtordnungen ziehen sich immer noch durch die Köpfe.

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31.08.2008 | 08:01 Uhr

Andreas Anter: Achtundsechzig war Pop

Die Achtundsechziger haben derzeit keine gute Presse. Im Urteil der bundesdeutschen Zeitgeschichte und Politikwissenschaft stehen sie nicht sonderlich gut da, nämlich als eine Generation von Versagern. Das prägnanteste Urteil fällt Wilhelm Hennis. Er sagt: "Diese ganze Generation ist eine Fehlbesetzung." Demgegenüber nimmt sich Hans-Ulrich Wehlers Urteil, die 68er-Bewegung sei "rundum gescheitert", fast moderat aus.

Interessanterweise wird die 68er-Bewegung heute gleich von zwei Seiten in die Zange genommen: Sie wird nicht nur von der Generation ihrer Vorgänger für gescheitert erklärt, sondern auch weite Teile der Nachfolgergeneration blicken genervt auf die selbsternannten einstigen Rebellen, deren alte Barrikadenkampfgeschichten man in so vielen Uni-Seminaren über sich ergehen lassen musste.

Die Frage, ob die 68er-Generation "gescheitert" ist, ist jedoch eine Frage des Maßstabs. Natürlich ist es peinlich, wenn ausgerechnet jener Teil der Jugend, auf dessen Schulbildung man besondere Mühe verwandt hat, mit Plakaten von Massenmördern und Diktatoren wie Mao Tse Tung durch die Straßen zieht und damit einen Mangel an politischem Urteilsvermögen demonstriert. Aber die Tatsache, dass die Mitglieder dieser Generation nach kurzer Zeit sich umstandslos auf einem Redakteurs-, Lehrer- oder Referentenposten des Systems niederließen, zeigt zugleich das politisch Ephemere der Bewegung. Achtundsechzig war eigentlich nicht Politik. Achtundsechzig war Pop.

Daraus erklärt sich auch die Faszination, die die 68er-Bewegung, neben aller Kritik, nach wie vor ausübt. Es ist eine ästhetische Faszination. Der mediale Hype anlässlich des vierzigjährigen Jubiläums der Bewegung im Frühling dieses Jahres gibt ein klares Bild. Ob Dutschke, Enzensberger oder Fritz Teufel – Pop kann nicht "scheitern". So zieht auch Hans-Ulrich Wehler, trotz seiner scharfen Kritik, am Ende doch eine versöhnliche Bilanz; wenn auch nur im Blick auf unintendierte Folgen: Die 68er-Bewegung habe Kritikfreudigkeit, Engagement, Liberalisierung und, vor allem, die Konsumfreude gefördert.

In der Tat hatte die Bewegung letztlich eine höchst funktionale Wirkung: Sie sorgte für jenes Maß an Unordnung, das eine Ordnung benötigt, um ihre Stabilität und Dynamik langfristig zu erhalten – und trug dazu bei, das System insgesamt um so perfekter zu stabilisieren.

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Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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