
Hans-Ulrich Wehler: Sammel-Replik
Gegen die Verklärung der 68er Bewegung, gegen die maßlos überschätzte Wirkung ihrer vermeintlichen Reformimpulse vor allem durch ihre in die Jahre gekommenen Protagonisten richtete sich aus wissenschaftspolitischen und allgemeinpolitischen Gründen der knappe Abschnitt in Band V. Dass er die Kontroverse fördern würde, dass sich Generationskonflikte im Text widerspiegeln würden und sollten, lag von Anfang an auf der Hand. Selbstverständlich greife ich einige der Einwände auf.
Herbert erkennt in dem Abschnitt über 68er eine Bilanz, "keine Geschichte". Das mag so wirken. Es ist ein Preis, den man für eine gedrängte Synthese nur zu leicht zahlt, obwohl man dem Charakter des historischen Prozesses nur zu gern gerecht werden möchte. Stattdessen wird er unter dem Druck der Knappheit und der "Reduktion von Komplexität" auf Resultate hin eingefroren. Dieses Ergebnis droht freilich auch anderen Syntheseschreibern.
Die Deutschlandfixierung lässt sich wegen der deutschen Eigentümlichkeiten der 68er-Bewegung verteidigen. Herbert sieht wie andere einen internationalen Großtrend der jugendlichen Protestbewegung. Ich sehe viel eher die Unterschiede: Da war der Protest in Berkeley gegen den Vietnamkrieg und für die Bürgerrechtsbewegung (aber nicht gegen Ordinarien und repräsentative Demokratie), der Protest in Paris gegen den autoritären Patriarchalismus von De Gaulle, der Protest in Tokio gegen die versäumte Diskussion über die Kriegsschuld des Tenno-Reiches und gegen den explosiven Kapitalismus, das nationalpolitische Aufbegehren gegen die sowjetische Hegemonialmacht in ihrem Satellitengürtel usw.
Dan Diner weigert sich daher auch zu Recht, eine globale Gemeinsamkeit anzuerkennen und hält die Interpretationsfigur eines weltweit ablaufenden, relativ homogenen Protestes der Jugendkultur für eher fragwürdig. Eine große Rolle spielten dagegen Gabriel Tardes Imitationseffekte. Es war nach Berkeley nur zu verführerisch, dass dort erfolgreich praktizierte Go-in, Sit-in, Teach-in auch einmal an der FU oder anderswo zu erproben. Umgekehrt fehlt in den USA der dogmatische Neomarxismus des deutschen linken Flügels. Überhaupt ist die Fixierung auf die "Vergangenheitsbewältigung" und den angeblich herandrängenden Faschismus eine deutsche Eigenart, dank der Faschismustheorie und der kommunistischen Denkvarianten so borniert wie nur möglich, analytisch und wissenschaftlich rundum verfehlt, ein romantischer Rückfall in Totalitätsillusionen, begleitet von unzivilisierten Gewaltexzessen (die ich selber in Köln und Berlin nie persönlich erlebt habe, der Diskussionsleidenschaft der Studenten damals trauere ich immer noch nach). Es bleibt als Kritik: Alle wichtigen Reformen laufen vor 1968, seit etwa 1964 an; die 68er waren ein Symptom, nicht die Ursache des Wandels; überzeugende neue Ideen und Institutionen wurden von ihnen nicht entwickelt; Radikalisierung oder pragmatische Anpassung blieben als Reaktion auf das eigene politische Scheitern.
Moses erkennt den frühen Reformbeginn einer dezidiert reformwilligen Bundesrepublik an, die auch keineswegs aus der Finsternis dumpfer, erzkonservativer 50er Jahre auftauchte, sondern eine rapide Modernisierung unter konservativen Vorzeichen erlebt hatte. Das von ihm zu Recht thematisierte fehlende Grundvertrauen gegenüber belastbaren politischen Institutionen war die Folge eines im Grunde doch außerordentlich kurzen Lernprozesses, der gerade einmal ein Dutzend Jahre lang angehalten hatte. Dieses Manko als Antriebskraft der Protestbewegung leuchtet mir unmittelbar ein.
Die von Nolte zu Recht hervorgehobene Entradikalisierung seit den 70er Jahren, der Erfolgszeit der Sozialliberalen Koalition, ist u. a. auch eine Folge der Zunahme des Vertrauens auf die bewährte Problemlösungskapazität des funktionstüchtigen politischen Systems gewesen.
Kielmansegg betont zutreffend den Entwicklungsschub in der Brandt-Ära und wegen der Ölkrise – eine ungleich tiefere Veränderung, als sie die Summe aller 68er "Demos" hervorgebracht hatte. Auch mit der Formel: eher Symptom als Ursache des Wandels stimmt er überein. Aber die vorab von den 68ern mobilisierte Teilnahmebereitschaft, die dann den Grünen, der Friedensbewegung, dem neuen Feminismus (der auch vom Protest gegen die Gleichgültigkeit der 68er-Männer lebte) zugute kam, hätte ich deutlicher anerkennen können. Aber ob die Propagierung eines neuen Lebensstils zur behaupteten Fundamentalliberalisierung wirklich beigetragen hat, bleibt noch eine offene Frage, auch wenn man die von Stolleis angeschnittenen "osmotischen Wirkungen" hervorhebt. Ältere Liberalisierungstendenzen werden dadurch ganz so ignoriert wie völlig andere Ursachen als 68 übersehen.
Anter sieht in einer diskussionswürdigen These in 68 eher Pop als Politik, daher auch die eigentümliche Faszination eines neuartigen Phänomens. Glücklich fand ich die Interpretation, dass 68 jenes Maß an Zweifel und Unordnung verkörperte, das ein funktionstüchtiges System braucht, um seine Verarbeitungskompetenz und Stabilität zu beweisen. Und weniger abstrakt: Wie viele bisher skeptische Bundesbürger haben wegen der maßlos überzogenen Kritik der 68er ihre Republik, deren Lebensbedingungen, Sicherheitsgewähr, freiheitliche Ordnung, Zukunftschancen erst richtig schätzen, zu bejahen gelernt?
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