
Hans-Ulrich Wehler: Sammel-Replik
Hat das Thema der christlichen Amtskirchen nach 1945 weniger Reizeffekte als 68 ausgelöst? Mitnichten. Auf die NS-Zeiten möchte ich wegen der Konzentration auf den 1949 einsetzenden Band V nicht mehr eingehen. Trotzdem zu Harpprechts Kommentar: Das "Martyrium" von 100, ja 1000 protestantischen Pfarrern ist mir bisher unbekannt geblieben, und so leidenschaftlich scheint mir der christliche Glaube "als entscheidendes Motiv" des Widerstands auch nicht durchweg gewesen zu sein. Die Mobilisierung durch die Kirchentage habe ich wohl unterschätzt, die Gleichgültigkeit gegenüber konfessionellen Schranken, als ökumenische Öffnung vermutlich doch missverstanden, offenbar auch. Die Feminisierung des protestantischen Pfarrertums habe ich dagegen ausdrücklich hervorgehoben, und im Hinblick auf die fatal erfolgreiche "Entchristlichung" der ostdeutschen Gesellschaft unter dem DDR-Regime stimmen wir überein.
Fahrmeier hat mit dem Einwand Recht, dass ich die Ursachen der spezifisch europäischen Säkularisierung nicht pointiert genug hervorgehoben hätte, und die Vernachlässigung der kleinen jüdischen Gemeinden kritisiert er auch mit guten Gründen. Ich habe diesen Komplex leider übersehen. Im Übrigen verlockt ein bis 1990 führender Text offenbar dazu, von ihm Prognosen zu erwarten. Aber die Historiker bleiben nun einmal rückwärts gewandte Propheten, deshalb war ich bei Prognosen eher zurückhaltend. Nur im Hinblick auf die künftige Verschärfung Sozialer Ungleichheit konnte ich die Bremse nicht betätigen.
Graf als protestantischer Theologe und Historiker geht mit mir ordentlich ins Gericht. Wie bei so vielen Diskussionen mit ihm muss ich seine überlegene Sachkunde bereitwillig einräumen. Trotzdem: Ist es nur ein "protestantisches Moralisieren", wenn ich nach 1945 das Eingeständnis von Schuld und Bußfertigkeit erwarte? Oder entspringt diese Forderung nicht einem legitimen Wunsch? Haben nicht, wie Graf konzediert, "nur kleine Gruppen" und fromme Einzelne den gespendeten Widerstandsbonus verdient? Die Unterschätzung der Konfession als "sozialkulturellen Faktor" zieht sich nicht nur durch den V. Band hindurch. Vermutlich steckt die Säkularisierungsthese noch zu tief in mir. Die protestantische Elitenkontinuität habe ich jedoch im Abschnitt über die Eliten der Bundesrepublik hervorgehoben, erst in der Ära Kohl setzte sich da der Wandel durch. Andererseits hat Graf wiederum Recht, dass die demokratiefördernde Einstellung der EKD zu kurz kommt. Die Frage nach dem Finanzpotential, nach den politischen Machtchancen, der Intervention in politischen Konfliktsituationen wird nicht explizit geklärt. Kurzum: Gerade dieser Abschnitt über den westdeutschen Protestantismus wirkt im Licht der Grafschen Kritik überarbeitungsbedürftig.
Wie steht es mit dem ostdeutschen Protestantismus, der vom DDR-Regime so radikal und "erfolgreich" reduziert wurde. Monika Maron lenkt den Blick auf die Bereitschaft des "Zeitgeistes", sich entkirchlichen zu lassen. Gewiß, aber wie massiv wurde doch von Staats wegen nachgeholfen: bei der brutalen Diskriminierung der "Jungen Gemeinden", der Blockierung des Studiums, bei der mit ultimativer Drohung durchgesetzten Jugendweihe. Andererseits: Wer widerstehen wollte, wie die Katholiken im Eichsfeld und die Herrenhuter Brüdergemeine, konnte das schon.
Einem Insider wie Pollack, der in der DDR Theologie studiert hat, ehe er nach der Wende zum Sozialwissenschaftler und Autor aufschlussreicher DDR-Analysen wurde, muss die Kritik am ostdeutschen Protestantismus unter die Haut gehen. Aber die monierte Charakterisierung beruht auf Zitaten aus Friedrich Wilhelm Grafs pointierter Analyse, der ich zugestimmt habe. Soweit ich bisher zu sehen vermag (und die Literatur über die DDR wird ja fast täglich ergänzt), ist Grafs Urteil noch nicht widerlegt worden. Da Pollack die Vorzüge des Insiders, der jetzt als Outsider argumentiert, genießt, mag sein Plädoyer für die Anerkennung der Weltoffenheit des ostdeutschen Protestantismus, aber gegen die nationalprotestantische Kontinuitätslinie, die ich betont habe, manches für sich haben. Wenn man sich die irritierende Zählebigkeit des westdeutschen Nationalprotestantismus bis in die 60er Jahre hinein vergegenwärtigt, ist der behauptete Bruch in Ostdeutschland, wo sich die Kirche von der vereinten Nation nur Vorteile erhoffen durfte, noch nicht plausibel. Pollacks Verteidigung der evangelischen Kirche in der DDR sollte sich in einer Veröffentlichung niederschlagen, damit man in der Diskussion prüfen kann, ob er oder Graf näher an die Realität herankommt. Aber selbst wenn Pollack Recht behielte, änderte das doch nichts an dem Gesamturteil, dass die DDR in der Weltgeschichte eine Fußnote darstellt.
Noltes Forderung, die religiösen Prägungen in der westdeutschen Gesellschaft ausführlicher zu untersuchen, finde ich einleuchtend. Die Wechselwirkungen zwischen den beiden Konfessionen und der politischen Sphäre verdienen eine genauere Untersuchung. Die Affinität zum Protestantismus, die an der sozialliberalen Reformprogrammatik, bei den Umwelt-, Friedens- und Grünen-Bewegung festgestellt werden kann, trat in der Tat nicht nur in den "Derivaten politischer Schuld- und Erlösungsvorstellungen" zutage. Diese Aspekte der Gesellschaftsgeschichte sollten einmal geschildert werden, d’accord, ein westdeutscher Pastorensohn würde sich dafür vorzüglich eignen.
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