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Podium:

Welche Generationen prägten die Bundesrepublik?

Alt und jung sehen mit verschiedenen Augen auf ihre Epoche. Die einen haben im Kopf jene Erlebnisse, die die anderen nur aus Geschichtsbüchern kennen - auch in Deutschland nach 1945. Jene, die in ihrer Jugend noch den Zweiten Weltkrieg durchlitten hatten, wurden danach zu einer bis heute mächtigen Generation, die die Mentalität des Landes formte. Wie unterscheiden sich die Generationen der Bundesrepublik?

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Beiträge

Hans-Ulrich Wehler
15.09.2008 | 14:40 Uhr

Hans-Ulrich Wehler: Sammel-Replik

Die Kommentare von Bude, Rödder, Merseburger, jeder auf seine Art ein vorzüglicher Kenner der bundesdeutschen Generationenproblematik, empfinde ich als Bereicherung, ohne dass sie besonders strittige Einwände aufwerfen, wie das meines Erachtens der irreführende Beitrag von Gumbrecht tut, der durch eine schief charakterisierte Globalgruppe die Differenzierung nach Generationen ersetzen will.

Was die Überlegungen von Nolte, Fahrmeier und Hettling betrifft, bleibt doch wieder die Frage nach den überlegenen methodischen Alternativen, die dem zurzeit modischen Trend der Interpretation von Generationen entgegengesetzt werden können. Dieser Begriff ist ja auch bei mir kein Passepartout, sondern zielt auf plausible Erfahrungsgemeinschaften mit gemeinsamen Charakteristika der politischen Mentalität. Ein Musterbeispiel ist Christina von Hodenbergs neue Studie über die Entstehung einer kritischen Öffentlichkeit in der jungen Bundesrepublik, befördert durch eine spezifische Journalistengeneration. Selbst wenn der Generationenbegriff auf Grenzen stößt, lenkt er doch die Aufmerksamkeit auf manifeste und latente Unterschiede hin. Bude hat ja Recht, dass es klassenübergreifende Generationserfahrungen gibt. Auf manche Generationen wirken die Kräfte der Klassenbildung prägend ein und lenken daher wieder auf Kontinuitätslinien hin (z. B. die soziale Zusammensetzung der Studentenschaft 1945/1965). Ein Ersatz für Klassen sind sie keineswegs.

Die Generationsexpertin Jureit hält diese generationellen Verbände primär für "gefühlte Gemeinschaften" mit einer zeitbedingten Selbstdefinition, die in unserem Fall angeblich darauf hinaus läuft, die Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik für sich zu beanspruchen. Aber sie sind mehr als das: auch analytische Instrumente, die wir von außen an die Welt der Politik und Ungleichheit herantragen, wo sie sich bewähren müssen oder scheitern. That’s all there is to it. Da diese Instrumente mit Fragen nach der Mentalität und Klassenlage verbunden werden können, ist die (ironisch empfohlene?) Alterskohorte keine attraktive Alternative.

Falsch liegt Doering-Manteuffel erneut mit seiner Deutung der Generationstypen als autobiographische Skizze. Mit diesem Ansatz vermeidet er jede Argumentation über unterschiedliche Tatbestände, die auch so geschildert worden sind. Es geht doch, siehe Bude und Merseburger, durchaus um mehrere handlungsfähige Generationen: erst die "Alten" wie Adenauer, Heuss, Meier, Kaisen, dann die Kriegsgeneration á la Schmidt, die Jungsoldaten, die Flakhelfer und Pimpfe usw., zuletzt um die 68er.

Die Altersgruppe der zwischen 1928 und 1940 Geborenen ist keineswegs in toto, als "strategische Clique" (am besten dazu Dirk Moses’ Buch) präsentiert worden, das wäre bei den Hunderttausenden dieser Altersgruppen abstrus, sondern innerhalb einer riesigen Kohorte gab es diese "Clique" von vielleicht 2,3 Dutzend Köpfen mit einem schwer bestreitbaren Einfluss. Sie besaßen kein Meinungsmonopol, wer hätte das auch behaupten wollen? Aber doch mit dauerhafterem Einfluss als Einzelgänger wie Hennis oder Nolte. Erstaunlich irreführend ist das Urteil über die Überlegenheit der akademischen Eliten in Frankreich und England. Aron war als Publizist und historisch geschulter Sozialwissenschaftler eine legendäre Ausnahmeerscheinung in Frankreich, Furet und Ladurie etwa haben sich auf gelegentliche Rezensionen im Rundfunk und seltene Fernsehauftritte beschränkt – nirgendwo taucht über 50 Jahre hinweg eine französische Generation von "politischen Intellektuellen" im Sinne der deutschen "45er Generation" auf. Taylor blieb in England ein klassischer Maverick, nie war er Repräsentant einer politischen Generation.

Allenfalls könnte für einige Zeit der öffentliche Einfluss der bekannten englischen Neomarxisten, der Hobsbawm, Thompson, Dobb, Hilton, Gallagher usw. angeführt werden, aber auf ihre kurzlebige politische Sonderstellung geht Doering-Manteuffel auch nicht ein. Den Vergleich mit den englischen Zeitschriften können bei uns "DIE ZEIT", die FAZ, der "Merkur" durchaus aufnehmen, und nicht nur sie wurden von der deutschen Vergleichsgruppe erreicht, sondern Rundfunk und Fernsehen ebenfalls. Überdies ist nirgendwo die Rede davon, dass ich ausgerechnet meine Altersgruppe im engeren Sinn als die "prägende Generation der Bundesrepublik" inszeniert hätte. Die "45er" (bei ihm falsch, bei Moses richtig datiert) habe ich deshalb vorgestellt, weil sie mir im Vergleich als ein interessantes Unikat erschien. Wer die Bundesrepublik nach 1990 geprägt hat, konnte mich nun wirklich nicht mehr interessieren, bis zu dieser Zeitmarke gab es genug zu diskutieren. Man darf gespannt sein, wie Doering-Manteuffel, der sich als vorzüglicher Kenner der Bundesrepublik erwiesen hat, in seiner seit langem angekündigten Geschichte der Bundesrepublik mit solchen Fragen auf innovative Weise umgehen wird.

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05.09.2008 | 12:46 Uhr

Hans Ulrich Gumbrecht: Zwischen "gerade noch" und "gerade schon"

Wehler geht wohl zu weit in den Genauigkeit, mit der er unmittelbare (vor allem: west-deutsche) "Nachkriegsgenerationen" unterscheiden moechte. Zwar trifft es zu, dass eine erhebliche Erfahrungsdifferenz die Jahrgänge der "Flakhelfer" von jenen nur etwas Älteren getrennt haben muss, die an den letzten "Fronteinsätzen" teilnahmen – doch es sind solche Kontraste, welche vor dem Hintergrund geteilter Erfahrungen die interne Dynamik jeweiliger Generationen hervorbringen.

Die einschlägige Passage in Wehlers Buch gewänne erheblich an Prägnanz, wenn er, statt vier frühe Nachkriegsgenerationen voneinander abzusetzen, sie alle als eine - intern dynamische - Generation (etwa: die "Generation von 1929") beschriebe und dann von jener Generation absetzte, welche die sogenannte "Studentenrevolution" der späten sechziger Jahre trug. Aber das ist ein eher nominalistisches - im wissenschaftlichen Deutschland würde man sagen: ein "methodologisches" - Problem.

Worin liegt die – von Wehler noch nicht prägnant genug beschriebene – Einheit oder, besser: die "Geste" der "Generation von 1929"? Ich glaube, sie beruht auf einer in der Tat "für West-Deutschland eigentümlichen Ambivalenz: auf einem Changieren zwischen Aspekten des "gerade noch" und des "gerade schon." 1945 waren die Ende des Zwanziger Jahren Geborenen gerade schon alt genug, um noch zur Kriegsteilnahme gezwungen zu werden, aber auch gerade noch jung genug, um in den grossen "Feldzügen" nicht mehr verblutet zu sein. 1968 waren sie gerade schon alt genug, um sich von den angeblichen "Exzessen" der Studentenrevolte mit einem Seriositätsanspruch distanzieren zu können und gerade noch jung genug, um einen Teil der später positiv bewerteten Dynamik für sich in Anspruch zu nehmen. Vor allem aber waren die 1929er im Jahr 1989, beim ersten Moment der Wiedervereinigung, gerade schon alt genug, um sich als "elder statesmen" zu inszenieren, und gerade noch jung genug, um von einer aktiven Beteiligung an der Politik des neuen, "vereinten" Deutschland nicht durch Pensionierung ausgeschlossen zu sein. So ist zur Signatur dieser Generation ihr enorm gutes Gewissen geworden; sie konnte stets den Bonus historischer Zeitzeugenschaft in Anspruch nehmen, ohne sich je für die negativen Aspekte dessen, was sie erfuhr, verantwortlich fühlen zu müssen.

Als "Generation des guten Gewissens" haben die westdeutschen 1929er die ihnen nachfolgende Generation der Studentenrevolte – habituell sozusagen – schulmeisterlich und mit Herablassung behandelt. Das geschah oft zurecht, sollte aber nicht vergessen machen, dass die von Wehler angeführten Heroen der 1929er Generation – mit der einen Ausnahme Jürgen Habermas – Helden einer sehr lokalen Szenerie geblieben sind. Möglicherweise hat diese Generation auch die Szenerien ihrer nationalen Öffentlichkeit – in problematischer Weise – für die später Geborenen blockiert. Denn noch heute, an der Schwelle zu ihren neunten Lebensjahrzehnt, geben sich viele 1929er ja so, als seien sie "vernünftige junge Männer."

Das genau mag Wehlers – milde gesagt: erstaunliche – These erklären, dass es nach der Generation der Studentenrevolution, den 1968ern, keine "politische Generation" in Deutschland mehr gegeben haben soll. Natürlich hat es nach den 1968ern und wird es nach ihnen weiterhin sich erneuernde politische Generationen geben, was immer ihr Profil sein mag. Diese Konsequenz muss annehmen, wer sich einmal auf den Generationenbegriff einlässt. Aber es ist natürlich typisch für eine "Generation des guten Gewissens" und ihre Autoren, dass sie nach sich selbst - genauer gesagt: nach sich selbst und ihren nicht ganz ernstgenommenen Nachfolgern - schon bald den Beginn der Wüste vermutet.

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04.09.2008 | 13:01 Uhr

Heinz Bude: Klassenübergreifende Schicksalsgemeinschaft

"Lies die Fahrpläne, mein Sohn, die sind genauer", dieses lyrische Diktum von Hans Magnus Enzensberger könnte auch für Hans-Ulrich Wehler gelten. Wenn man den letzten Band seiner deutschen Gesellschaftsgeschichte auch als Generationendokument liest, dann bekommt der bewusst nicht-narrative Stil eine eigene Dignität. Für Wehler und seine Generation ist es eine existenzielle Erfahrung gewesen, dass der, wie er auf Seite 186 seines Werkes schreibt, "Zufall der Geburtszeit von lebenslang anhaltender Bedeutung sein kann". In diesem lapidaren Satz steckt womöglich der geheime Begriff seiner Rekonstruktion der deutschen Geschichte nach 1945.

Es geht um eine Gesellschaft der Kontingenz, deren Geschichte, wie sein von ihm wenig geliebter Generationsgenosse Luhmann gesagt hat, so aber auch ganz anders hätte verlaufen können. Es waren schmale Zeitzonen, die über das Lebensschicksal von Kohorten in der Endphase des Zweiten Weltkriegs entschieden haben: ob man als Angehöriger des Jahrgangs 1926 noch zur Wehrmacht oder zur Waffen SS einberufen wurde und dem "Kriegsgeschehen mit permanenter Lebensgefahr und Massentod, Verwundung und Gefangenschaft aufgesetzt" war oder ob man als Angehöriger des Jahrgangs 1928 als letztes Aufgebot in den deutschen Städten an die Flak-Batterien, die auf die alliierten Luftflotten gerichtet waren, gerufen wurde.

Für die Flakhelfer dominierte, wie Wehler aus der Autorität des gelebten Lebens schreibt, eher die "Angst vor der Gefahrensituation anstelle der unmittelbar akuten Lebensbedrohung im Alltag des Frontsoldaten". Für die Flakhelfer und ihre "Blitzmädchen", die an den Scheinwerfern standen oder als Nachrichtenhelferinnen ihren Dienst versahen, ging es nach 1945 wundergleich voran. Nicht eine verkapselte nationalsozialistische Gesinnung, sondern eine geradezu ängstliche Identifikationsscheu, was charismatische Figuren oder ideologische Progamme angeht, wurde zum Signum dieser Generation.

Wehler ist ein Vertreter des lakonischen Stils dieser Generation, von der eine kleine Minderheit die erste Studentenpopulation nach dem Kriege stellte, aus der aber vor allem die vielen jungen Facharbeiter, Büroangestellten und Handwerker stammten, die das später so genannte Modell Deutschland als ihre Chance ergriffen. Das Gefühl dieser klassenübergreifenden "Schicksalsgemeinschaft" mag auch ein Grund dafür sein, sich eine Geschichte ohne große Männer und einsame Entscheidungen vorzustellen. Der Begriff der Struktur hat den Klang einer bestimmten Lebenserfahrung, die einen in einer bestimmten Kriegs- und Kriegsfolgenbetroffenheit mit Generationsgenossen und –genossinnen gleichmachte, die ganz andere Wege gegangen waren. Struktur ist ein Begriff lebensgeschichtlich erfahrener Gleichheit, die den Blick für die Realität von Zahlen, Daten und stummen Verhältnissen schärft.

Wenn heute Wehler mehr oder minder unverhohlen vorgehalten wird, dass man seine Gesellschaftsgeschichte nicht mit in den Urlaub nehmen mag, dann zeugt es auch von dem größer gewordenen Unverständnis für die Lebenstechnik dieser Generation. Es handelt sich um einen klinischen Stil, der die Dinge so beim Namen nennen will, wie sie für die meisten Leute wirken. Nicht einzeln herausgehobene Figuren bestimmen unsere Lebensverhältnisse, sondern die massive Faktizität bestimmter Ereignisse und Gegebenheiten. Schon allein die Formulierung von der "Gnade der späten Geburt" ist für Wehler viel zu musikalisch, um die Lebenssituation zu treffen, aus der heraus er schreibt und aus der heraus die Perspektive zu verstehen ist, mit der er dieses eigentümliche Gesellschaftsgebilde ohne höheren Daseinszweck zu fassen sucht.

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04.09.2008 | 12:28 Uhr

Dirk Moses: Weniger Erlebnis, mehr Erfahrung

Zu Recht ist Wehler der Auffassung, das Generationskonzept sei ein "nützliches analytisches Instrument" für die Entschlüsselung des sozialen und kulturellen Wandels, insbesondere in Gesellschaften wie Deutschland, die viele politische Brüche erfahren haben. Nun ist der Inhalt dieses Konzept alles andere als selbstverständlich.

Wehler glaubt, dass Generationen durch gravierende, gar traumatische Jugenderlebnisse entstehen. Aus diesem Grund möchte er die jüngsten Soldaten der Wehrmacht und Waffen-SS als "klar erkennbare politische Generation" darstellen, und von den Jahrgängen 1927-1930 (die "Flakhelfer") unterscheiden. Während die Soldaten im "Ernstfall" um ihr Leben kämpfen mussten, hatten die Flakhelfer eher "Angst vor der Gefahrensituation." Darauf folgt die nächste Generation, die 1930 bis 1935 Geborenen, die durch Bombardierung und Kinderlandverschickung geformt wurden — und natürlich auch in der HJ und im BDM. Jene wurden eben nicht junge Nazis, sondern Skeptiker, wie Helmut Schelsky diese Generation der "45er" gelobt hat: Durch ihre Prägung bekamen sie eine "lebensgeschichtlich bedingte Immunisierung gegenüber jedweder ideologischen Verheißung". Darüber hinaus möchte Wehler die Jahrgänge 1929 bis 1941 besonders hervorheben, da sie eine außergewöhnliche Anzahl von engagierten Intellektuellen hervorbrachten — so wie ihn selbst, geboren 1931.

Einige Nuancierungen sollten an dem von Wehler gezeichneten Bild vorgenommen werden. Zunächst basiert diese Anwendung des Generationsbegriffes auf einem unvollständigen Verständnis von gemeinsamer Bewusstseinsbildung. Generationen sind mehr als nur Alterskohorten. Sie zeichnen sich auch dadurch aus, dass sie von einem gemeinsamen Bewusstsein, manchmal auch einer "Berufung" gekennzeichnet sind. Wehler geht nur auf die Erlebnisebene ein. Aber eine Generation, vor allem eine politische Generation ist auch durch die Verarbeitung ihrer Erlebnisse gebildet. So tritt die Erfahrungsdimension an die Stelle der Erlebnisse.

Wenn wir dann diesen Jahrgängen mit dem Begriff der "Erfahrung" begegnen, anstatt nur Erlebnisse zu betrachten, kommen andere Muster zum Vorschein. Vor allem die Erlebnisse von Mädchen und Frauen, die Wehler beinahe völlig ignoriert, unterschieden sich natürlich wesentlich von denen der Soldaten und Flakhelfern. Doch kamen die jungen Frauen und Männer unmittelbar nach dem Krieg in den Universitäten zusammen und haben ihre unterschiedlichen Erlebnisse mit den vorhandenen politischen Sprachen interpretiert. Erst dadurch sind politische Generationen gebildet worden, die eben mehr auf intellektuellen und politischen Gemeinsamkeiten, als auf spezifischen Kriegserlebnissen beruhen. Wehler hat schließlich mehr mit Linksliberalen wie Hartmut von Hentig (Jg. 1925) und Erhard Eppler (Jg. 1926) gemeinsam, als mit Konservativen wie Johannes Gross (Jg. 1932) oder Bernard Willms (Jg. 1931), die beide in seinem Alter sind.

Auch die von Wehler hervorgehobene Trägergruppe der Bundesrepublik, seine eigene Kohorte, kann und muss differenziert werden. Warum werden nicht die 1923 Geborenen in Betracht gezogen, zum Beispiel Wilhelm Hennis, Ernst Nolte, Ludwig von Friedeburg und Walter Jens? Oder Hildegard Hamm-Brücher (Jg. 1921)? Und waren auch alle aus Wehlers Kohorte wirklich so skeptisch? Ulrike Meinhof ist nur drei Jahre jünger als er. Erst wenn wir die politischen Sprachen untersuchen, durch die diese jungen Deutschen damals ihre Erlebnisse zu Erfahrungen verarbeitet haben, werden wir dem Bewusstseinselement des Generationskonzeptes gerecht.

Man könnte aber auch behaupten, dass die Generation, welche die Bundesrepublik zumindest am Anfang wesentlich geprägt hat, genau die war, die auch in der Weimarer Republik versagt hat: die Generation von Carlo Schmid und Konrad Adenauer. Ihre autoritäre und zum Teil klerikale Auffassung des "German way of life" war bis weit in die 60er Jahre wegweisend, auch wenn Wehler zu Recht die Verdienste der "45er" bei der Liberalisierung dieser Zustände würdigt. Aber diese Liberalisierung war zu wenig und kam zu spät, um eine jüngere Generation — die 68er — zu erreichen.

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04.09.2008 | 10:39 Uhr

Andreas Rödder: Erfahrungsbasierte Ernsthaftigkeit

Am Konzept der "Generationen" zeigt sich die Produktivität eines undogmatisch-pragmatischen Gebrauchs von theoretischen Konzepten. Wie auch immer man die Grenzen im einzelnen zieht - die Einteilung in Kriegsteilnehmer (geboren bis 1928), "skeptische Generation" oder "Generation 45" (geboren 1929-41) und "68er Generation" (frühe vierziger bis mittlere fünfziger Geburtsjahrgänge), der eine weitere, weniger eindeutig sozialisierte Kohorte folgt, erfasst allgemeine sozialstrukturelle und sozialkulturelle Faktoren, etwa im Hinblick auf prägende Sozialisationserfahrungen oder auf berufliche Positionierungs- und Aufstiegsmöglichkeiten. Sie machen manches plausibel, wobei in solch allgemeinen Plausibilitäten auch die Grenzen dieses Ansatzes liegen.

Wehlers eigene "Generation 45" (einschließlich des obligaten Studienjahrs im westlichen Ausland) stellt in der Tat ein bundesdeutsches Spezifikum dar - bis heute merkt man ihren Vertretern ja, nicht zuletzt Wehler selbst, eine besondere, erfahrungsbasierte Ernsthaftigkeit im Engagement für Demokratie und Politik an. Darin unterscheidet sie sich von anderen Generationen, wobei auch die darauffolgende Kohorte, von "1968" ganz abgesehen, die Bundesrepublik und ihre Eliten im Wertewandel und im Übergang in die Postmoderne in hohem Maße geprägt hat. Wie keine andere Generation mit der steten Aufwärtsentwicklung der 'alten Bundesrepublik' und ihrer Prosperität verbunden, tut sich dabei eine besondere deutsche Diskrepanz auf: es sind nämlich ebenjene um 1940 Geborenen, die auf ostdeutscher Seite zunächst von der gehemmten Aufstiegsmobilität der spätsozialistischen Gesellschaft behindert wurden, die dann die 'friedliche Revolution' in der DDR trugen und schließlich - zu jung für den Vorruhestand, zu alt für eine Neuorientierung - zur Verlierergeneration der deutschen Einheit wurden.

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04.09.2008 | 10:28 Uhr

Paul Nolte: Vorsicht vor perspektivischem Irrtum

Generationen? Ja! Wie an unzähligen anderen Stellen des Werkes schließt Wehler sich damit einer in den letzten Jahren immer klarer profilierten Interpretation der Bundesrepublik - und des ganzen 20. Jahrhunderts - an. Überhaupt: Wer überwiegend den Deutungs-Renegaten Hans-Ulrich Wehler sieht (und kritisiert), der übersieht, welches Gespür die Gesellschaftsgeschichte für die Bündelung geschichtswissenschaftlicher Erkenntnisse und Erklärungstrends hat, die dann freilich zugespitzt werden – so auch hier.

Die "45er" vor allem, daneben noch die "68er" standen in den letzten zehn Jahren immer wieder im Zentrum der Aufmerksamkeit für die Nachkriegsgeschichte. Wehler, selber ein 45er par excellence, schließt sich an und rückt damit seine eigene Generation an die Scharnierstelle der Bundesrepublik. Die Kriegs- und Nachkriegserfahrungen der Jahrgänge seit 1927 werden fein unterschieden. Ostfront oder nur noch Flakhelfer oder nicht einmal mehr das: Darin unterscheiden sich für Wehler gleich drei "politische Generationen", die nur vier Geburtsjahre auseinander sein konnten. Für ihre spätere, lebenslange Wirkungsgeschichte – und diese, nicht die jugendliche Initialzündung, steht im Mittelpunkt des Generationskonzepts – können Sie aber mit gutem Recht als "45er" zusammengefasst werden.

Anderen Generationen dagegen wird die Berechtigung abgesprochen, oder sie kommen erst gar nicht in den Blick. Nicht nur bei Wehler führt die Konzentration auf die 45er zu einer Vernachlässigung der Älteren, die bis in die frühen 70er Jahre hinein die Bundesrepublik (und die DDR) gründeten und entscheidend formten. Dazu gehörten "Wilhelminer" wie Adenauer, aber auch jene enttäuschte und radikalisierte Generation der zwischen 1900 und 1910 Geborenen, aus der wesentliche Führungseliten des "Dritten Reiches" stammten und die sich nun, verlogen oder lernbereit, der neuen Demokratie zur Verfügung stellten.

Auch in die andere Richtung lohnt es sich zu fragen, also nach den Jüngeren, den Nach-68er-Generationen. Es ist richtig, dass für sie einschneidende kollektivbiographische Zäsuren wie Krieg, Tod, Zerstörung fehlen. Aber an gemeinsamen Erfahrungen und Werthaltungen fehlt es ihnen nicht. Insgesamt kann man die Nach-68er als neue Generationen der Nüchternheit, der Skepsis, des Pragmatismus beschreiben; die Jahrgänge um 1955 – Generation Angela Merkel – gewinnt ein unterscheidbares Profil ebenso wie die Baby-Boomer-Generationen aus den 1960er-Geburtsjahrgängen. Und Vorsicht vor perspektivischem Irrtum: Wenn eine Generation, wie jetzt die "45er", auf acht Lebensjahrzehnte zurückblickt, nimmt sie sich naturgemäß eindrucksvoller aus als die jetzt Vierzigjährigen. Hat irgend jemand im Jahre 1970 Habermas und Dahrendorf, Grass und Lepsius und Wehler als 45er-Heroen beschrieben?

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04.09.2008 | 10:06 Uhr

Andreas Fahrmeir: Subjektive Erfahrung

Über die Frage, ob es sinnvoll ist, Geburtsjahrgänge zu Generationen zusammenzufassen, die gemeinsam durch zentrale Ereignisse geprägt sind, ist viel gestritten worden, nicht zuletzt, weil die Zuordnung von Geburtsjahrgängen zu bestimmten Generationen nicht immer nachvollziehbar ist.

Hier gilt das für das Verhältnis zwischen "Frage des Tages" und Wehlers Text. In der angegebenen Passage bei Wehler ist nicht von den Generationen, welche die Bundesrepublik prägten, die Rede - dann wäre seine Entscheidung, mit dem Geburtsjahrgang 1926 zu beginnen, schlichtweg absurd. Die Bundesrepublik wurde von Männern und Frauen geprägt, die zum Teil im Kaiserreich, mindestens aber in der Weimarer Republik sozialisiert wurden, die das Dritte Reich, sei es in Deutschland, sei es im Exil, im besten Alter erlebten und dann in der frühen Bundesrepublik führende Positionen einnahmen. Um beim Buchstaben A zu bleiben: die Generationen von Adenauer (*1876), Abs (*1901) oder Andersch (*1914).

Wehlers Überschrift bezeichnet Generationserfahrung als "Weichenstellung zur Ungleichheit". Was damit genau gemeint ist, erschließt sich nur mühsam, denn in der "alten" Bundesrepublik erfuhren ja auch die Geburtsjahrgänge bis 1971 den Weg in ein ungleiches Berufsleben, während Wehler bei der Studentengeneration von 1968 (* um 1948) den Schlußstrich zieht, und die von ihm behandelte Gruppe in Leistungsstarke, Halbstarke und Hedonisten unterteilt.

Wehler geht es scheinbar vor allem um die Position der Generation, der er selbst zuzurechnen wäre; er gehört zur "strategischen Clique", die er auf S. 189 durch andere Namen charakterisiert. Die Erfahrung von Diktatur, Krieg, "Niederlage und Holocaust" habe die Geisteswissenschaftler der Generation in einer einzigartigen Weise zu Wissenschaftlern und politischen Publizisten gemacht, die zeitlebens aktiv an politischen Debatten teilnahmen und damit die politische Kultur der Bundesrepublik entscheidend und positiv prägten. Abgesehen davon, daß die Generation den Mord an den europäischen Juden unmittelbar nach dem Krieg nicht als "Holocaust" erfuhr (das Wort kam in den USA erst in den späteren 1960er Jahren in den allgemeinen Gebrauch, in Deutschland noch später - das ist keine triviale Frage des Vokabulars, sondern hängt intensiv mit der Neuinterpretation des NS-Unrechts in jenen Jahren zusammen), spricht Wehlers Zeitzeugenschaft dafür, diesen Zusammenhang zumindest als subjektive Erfahrung gelten zu lassen.

Problematischer ist der Anspruch, diese Gruppe sei ein "Unikat" (S. 188) gewesen. Um ihn zu prüfen, müßte man genau verstehen, welche Eigenarten der Gruppe gemeint sind - und das gibt der Text nicht klar zu erkennen. Nur in dieser Generation habe es eine (dann doch
überschaubare) Gruppe gegeben, die hohes wissenschaftliches Ansehen mit politischer Publizistik verband? Das kann Wehler angesichts der politischen Professoren aller Fachrichtungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts nicht meinen. In Deutschland habe sich erst diese Generation wissenschaftlich wie politisch mit dem Krieg auseinandergesetzt? Das trifft - siehe Fritz Fischer, Gerhard Ritter, Friedrich Meinecke - auch nicht zu. Nur in Deutschland habe diese Generation viele wissenschaftlich anerkannte "Public Intellectuals" hervorgebracht, die andernorts fehlten? Nun ja, in England sah es auch nicht so schlecht aus: Neben E.P. Thomson und Eric Hobsbawm, die Wehler nennt, führt ein kurzes Blättern im eigenen Gedächtnis und im Oxford Dictionary of National Biography auch noch auf George und Zara Steiner, Ernest Gellner, Francis Haskell, Tim Mason, Conrad Russell, Elie Kedourie, Sidney Pollard, Jonathan Steinberg, Colin Turnbull usw. usw.

Entging nur die deutsche "Generation 1945" dem Reiz des Neomarxismus? Gewiß, ein Michel Foucault, der seine Entscheidung für die KPF nicht in Wehlers Sinne "korrigierte", Thompson und Hobsbawm waren nicht zu der Ansicht zu bekehren, Max Weber sei der größte Intellektuelle aller Zeiten - aber waren alle französischen und englischen "public intellectuals" der Nachkriegsjahre deswegen gleich "Neo-Marxisten"? Die obige Liste legt die Annahme nicht nahe. Gemeinsam hatten sie allenfalls, daß sie sich - ganz ähnlich wie Wehler - intensiv mit Fragen der Wechselwirkungen zwischen ökonomischen und politischen Strukturen beschäftigten, ohne zu ähnlichen methodischen oder inhaltlichen Antworten zu gelangen.

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04.09.2008 | 11:02 Uhr
Hiltraud van Beek schreibt: NS-Zeit nicht verdrängt, sondern aufgearbeitet

Ich gehöre zum Jg. 1931, Düsseldorfer, war begeisterter Pimpf gegen den Willen meiner Eltern, die mir nie eine HJ.-Uniform beschafften, nie Soldat, Erbe einer NS-Geschädigten-Ausgleichszahlung (meine Großmutter wurde wegen eines NS-kritischen Witzes zwei Jahre ins Zuchthaus gesperrt; meine Eltern sagten mir, sie sei schwer krank im Krankenhaus).

Mein Vater sprach von den Nazis als "Verbrecherbande". Die Schrecken der Bombenangriffe steckten mir Jahrzehnte in den Knochen (als Angstträume!). Von den Verbrechen z. B. an den Juden, erfuhr ich erst nach dem Krieg. Die Bedeutung der "Reichskristallnacht" hatte ich nicht begriffen. Habe mich später mit manchen Alterskameraden politisch voll engagiert für "unsere" Demokratie. Es wurde von der NS-Herrschaft nichts verdrängt, sondern aufgearbeitet und als Warnung verstanden, dass dergleichen nie wieder passieren darf.



04.09.2008 | 10:01 Uhr

Manfred Hettling: Klassenlage und Generation

Generation ist ein populärer Begriff. Er fasst Lebensgefühl, Gemeinschaftserfahrung und biographischen Aufbruch ins Erwachsenenalter und schmilzt Selbstdeutungen in kollektive Muster um. An Wehlers Verwendung des Begriffes paßt nicht recht, daß er Generationen als Weichensteller zur sozialen Ungleichheit einführt, sich dann aber ganz auf politische Sozialisationen beschränkt.

Diese werden reduziert auf diejenigen, die im NS zu jung waren, um sich durch Täterschaft im Dritten Reich zu desavouieren für erfolgreiche Karrieren in der Bundesrepublik, und auf die 68er.

Zweierlei fehlt mir an seinem Loblied auf die eigenen Alterskohorten und an seiner Schelte der 68er. Erstens die Frage, ob nicht politische Prägungen schon als Filter für spezifische Erfahrungen wirkten. "Die 68er" waren ja nur ein Teil der damaligen Jugend, und nicht alle ehemaligen jugendlichen Mitglieder der Waffen-SS fanden im schnellen Krebsgang ins linksliberale Milieu der neuen Republik. Zweitens verzichtet Wehler völlig darauf, den "Übergang ... in die Arena der sozialen Ungleichheit", als welche er den Begriff Generation nutzen will, mit der von ihm zuvor privilegierten kritischen Folie der Klassenlage zu überprüfen oder auch nur zu kontrastieren. Gibt es gar keine Relation zwischen Klassenlage und Generation? Oder sollte man daraus schließen, daß nach 1945 eine wie auch immer zu bestimmende generationelle Erfahrung wichtiger wurde für politische Orientierungen der Bundesdeutschen als die bei Wehler so ausführlich analysierten Klassenlagen? Die Grundannahmen der Gesellschaftsgeschichte wären damit allerdings massiv relativiert.

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04.09.2008 | 16:06 Uhr
Karl Michael schreibt: mit anderen Worten:

... macht an dem bislang zu Band 5 Diskutierten nicht eine verzwickte Inkommensurabilität zu schaffen zwischen der an Erfahrungen und Erlebnissen orientierten Offenheit von "Generation" (inkl. von deren Verarbeitung in dem Topos "Kinder ihrer Zeit") und der über ganze Zeitalter scheinbar erstarrten Front an der Demarkationslinie von sozialen Klassen und Schichten?

Wie also mündet die fidele Offenheit des einen - regelmäßig und über Generationen hinweg in Deutschland (und wo noch?) - in die granitene, auf Dauer angelegte Geschlossenheit des anderen, zumal wenn man den Blick auf die Oberen Zehntausend richtet?

Michael Karl (nicht Karl Michael)



04.09.2008 | 09:58 Uhr

Ulrike Jureit: Gefühlte Gemeinschaften

Der Generationenbegriff hat ein enormes Verführungspotential. Geschichte lässt sich problemlos strukturieren, wenn man sie nach Generationen sortiert: endlich Ordnung im historischen Durcheinander. Die einzelnen Periodisierungssequenzen werden üblicherweise alle dreißig Jahre gesetzt - braucht man es etwas dichter, lassen sich auch durchaus mal alle zehn Jahre Generationen auffinden.

Darf es vielleicht noch ein paar Jahrgänge mehr sein? Der Beliebigkeit sind da mittlerweile kaum noch Grenzen gesetzt. Zwar würden die meisten Historiker mit Verweis auf Karl Mannheim von sich behaupten, einen theoretisch fundierten Generationenbegriff zu verwenden, in der Praxis entgleitet ihnen die generationelle Ordnung allerdings zu einem "natürlichen" Periodenbau der Geschichte, wie er im 19. Jahrhundert gebräuchlich war.

Generationen sind keine sozialen Gruppen, die als kollektive Handlungsträger die politische Bühne betreten und deren historische Leistungen sich bilanzieren lassen. Generationen sind vielmehr gefühlte Gemeinschaften, die darauf beruhen, dass sich Menschen verwandter Jahrgänge aufgrund ähnlicher Sozialisations- und Prägungszusammenhänge miteinander verbunden glauben. Das parallele Erleben von Geschichte, die als vergleichbar empfundene biographische Erfahrungsaufschichtung sowie die Phantasie, einen gemeinsamen zeitlichen Ursprung zu haben, können für solche alterspezifischen Vergemeinschaftungsprozesse als entscheidend gelten.

Generation ist daher zunächst einmal eine Selbstthematisierungsformel, mit der sich Menschen sozial verorten, mit der sie bestimmte Zugehörigkeiten ausdrücken und die es darüber hinaus ermöglicht, sich in modernen Massengesellschaften nicht so allein zu fühlen. Als individuelle und kollektive Identifikationsangebote sind generationelle Gemeinschaften wissenschaftlich von hohem Interesse, als analytisches Instrumentarium bergen sie die Gefahr, altersspezifische Selbstbeschreibungen unreflektiert zu reproduzieren.

Es ist kaum zu übersehen, dass offenbar gerade die (west-)deutsche Nachkriegsgeschichte dazu anregt, das Erfolgsmodell Bundesrepublik generationell für sich zu beanspruchen. Ob nun Flakhelfer, Jungvolk-Pimpfe oder Kriegskinder, ob 45er oder 68er – ihnen dient die selbsternannte Generationenzugehörigkeit retrospektiv als Nachweis ihrer eigenen historischen Bedeutung. Nur die "Generation des Unbedingten" hat sich nachweislich disqualifiziert und darf nicht mehr mitspielen. Statt diesen (überwiegend) männlichen Inszenierungen auch noch wissenschaftlich den Rücken zu stärken, wäre es sinnvoller danach zu fragen, wer sich eigentlich im 20. Jahrhundert zu welchem Zeitpunkt, unter welchen Bedingungen und mit welchen Interessen als Generation artikulierte. Wem es hingegen zu kompliziert ist, Generationengeschichte in diesem Sinne als Erfahrungsgeschichte zu konzipieren, dem sei der Begriff Alterskohorte empfohlen, der sich allerdings zugegebenermaßen zur medialen Selbstdarstellung weitaus weniger eignet.

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04.09.2008 | 09:54 Uhr

Peter Merseburger: Selbstverständlich deutsch

Prägend war wohl zunächst der Beitrag der alten Weimar-Generation, die ja noch wusste, was Demokratie bedeutet und wie sie funktioniert – jener Altersgruppe also, der Adenauer, Heuss und Schumacher angehörten und welche, die Erfahrungen der ersten deutschen Republik im Kopf, für die neue das Grundgesetz entwarf. Ihr wurde zunächst mit großer Skepsis begegnet, erst die wirtschaftliche Prosperität ließ demokratische Gedanken dann langsam Wurzeln schlagen.

Aber es stimmt schon, was Wehler schreibt: Die Generation der jüngsten Soldaten und Flakhelfer, die in der Einschätzung der Alliierten als ideologisch besonders nachhaltig indoktriniert (und deshalb als hochgefährdet und umerziehungsresistent) galt, verdrängte "so schnell wie irgendmöglich" Erinnerungen an die Indoktrination im Dritten Reich und stürzte sich gerade in den Wiederaufbau. Einige Politiker, etwa Kurt Schumacher und Carlo Schmid, wirkten dabei als eine Art Katalysator: Sie betrachteten selbst junge Soldaten der Waffen-SS als Angehörige einer verführten Generation, die nur wegen des Versagens der Älteren in Weimar für Hitler in den Krieg gezogen war. Sie suchten das Gespräch mit HJ-Führern, diskutierten nächtelang mit ihnen und suchten sie von den Vorzügen der Demokratie zu überzeugen.

Bemerkenswert dabei: Diese Generation hatte in den 50er Jahren, anders als später die 68er, noch ein ungebrochenes Verhältnis zum Deutschsein. Das ganze Ausmaß der nationalsozialistischen Verbrechen war den meisten damals unbekannt, erst der Eichmann-Prozeß und dem Auschwitz-Prozeß hoben sie ins kollektive Bewusstsein der Deutschen. Den Amerikanern fühlte man sich unterlegen, man bewunderte ihre Technik und ihren materiellen Überfluß, auch die Briten wurden respektiert. Aber die militärischen Leistungen wirkten nach: Frankreich fühlte man sich überlegen, selbstverständlich den Italienern, und die Sowjets galten ohnehin als zivilisatorisch rückständig. Und diese Einstellung vor allem gegenüber Frankreich und Italien sah man bestätigt durch deren starke kommunistische Parteien und die ständigen Regierungswechsel in Paris und Rom, zumal man sich technisch-industriell moderner wußte und über die bessere Infrastruktur verfügte. Ein wenig von dieser schiefen, aber weitverbreiteten Weltsicht hat sicherlich dazu beigetragen, daß sich diese Generation – die skeptische – mit besonderem Elan in den Wiederaufbau stürzte.

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04.09.2008 | 09:50 Uhr

Anselm Doering-Manteuffel: Wehlers autobiographische Skizze

Den Abschnitt über Jugend-Generationen sollte man als autobiographische Skizze lesen. Wehler schreibt über die Altersgruppe, die vom Krieg geprägt und als Kinder von der NS-Erziehung beeinflußt wurden. Seine eigene Kohorte, die in den 1930er Jahren Geborenen, nennt er eine "strategische Clique". Sie habe in der frühen Bundesrepublik den Typus des "Public Intellectual" ausgebildet, den es weder in anderen Verliererstaaten noch in Siegerstaaten wie England, Frankreich und den USA gegeben habe.

Das ist eine krasse nationale Introspektion, ja mehr noch. Denn sie verinselt nicht nur die Geschichte der alten Bundesrepublik im westlichen Bündnis, sondern hält auch alle Bewegung außerhalb der eigenen "strategischen Clique" für irrelevant. Öffentliche Intellektuelle mit großer Resonanz wie Wilhelm Hennis oder Horst Ehmke, aber auch Einzelgänger wie Ernst Nolte, dem Wehler als Rezensent 1963 selbst Kränze geflochten hat, und Hans Küng sind aus dem geistigen Klima der Bundesrepublik nicht wegzudenken.

Vor allem aber ignoriert Wehler, daß die Bundesrepublik mit Frankreich und Großbritannien überhaupt nicht mithalten konnte, wenn es um öffentliche Urteilsbildung durch die akademischen Eliten ging. Die Radiosendungen von Claude Lévi-Strauss bis hin zur öffentlichen Präsenz von Raymond Aron waren legendär. In England nutzte A. J. P. Taylor als erster das Fernsehen für historisch-politische Kommentare. "The Times Literary Supplement" und "The Times Higher Education Supplement" waren und sind Institutionen in den Bildungsschichten der englischsprachigen Welt, zu denen es in Deutschland kein Pendant gibt. Das sind die Foren nicht für eine strategische Clique, sondern für die intellektuelle Eliten des Landes.

Wehler inszeniert sich und seine Altersgruppe als die eigentlich prägende Generation der alten Bundesrepublik. Den sogenannten "45ern" – den zwischen 1922/23 und 1927/28 Geborenen – begegnet er mit gewissem Respekt. Die Generation der "68er" – geboren zwischen 1943 und 1948 – schätzt er gering, mißt ihr aber doch noch eine "generationenspezifische Erfahrung" zu. Danach gab es keine Generationenprägungen und keine nennenswerten Einflüsse bestimmter Altersgruppen auf das Gemeinwesen mehr. Wie bitte?

Was ist mit der Altersgruppe der um 1950 Geborenen, die von der gesamtwestlichen Lebensstilrevolution der 1970er Jahre geprägt wurde und das politische Klima seit etwa 1975/80 maßgeblich beeinflußt hat? Und was mit den nach 1960 Geborenen, die seit den neunziger Jahren zu öffentlichen Sachwaltern des neoliberalen Ideologietauschs wurden? Kommen Sie nicht vor, weil sie als Nachgeborene in Wehlers autobiographischem Kontext keine Rolle spielen oder weil sie nicht mehr in das Raster national-deutscher Ausschließlichkeit passen, das seine Darstellung bestimmt?

Die in der Nachkriegszeit geborenen Altersgruppen wuchsen in eine westdeutsche Lebenswirklichkeit hinein, die sie als selbstverständlichen Bestandteil des westeuropäisch- atlantischen Zusammenhangs aufzufassen lernten. Ihre Prägungen und der Einfluß, den sie auf Gesellschaft, Wirtschaft und politische Kultur ausübten, lassen sich mit den Kriterien kleindeutscher Nationalhistorie nicht mehr angemessen entschlüsseln.

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