
Hans-Ulrich Wehler: Sammel-Replik
Die Kommentare von Bude, Rödder, Merseburger, jeder auf seine Art ein vorzüglicher Kenner der bundesdeutschen Generationenproblematik, empfinde ich als Bereicherung, ohne dass sie besonders strittige Einwände aufwerfen, wie das meines Erachtens der irreführende Beitrag von Gumbrecht tut, der durch eine schief charakterisierte Globalgruppe die Differenzierung nach Generationen ersetzen will.
Was die Überlegungen von Nolte, Fahrmeier und Hettling betrifft, bleibt doch wieder die Frage nach den überlegenen methodischen Alternativen, die dem zurzeit modischen Trend der Interpretation von Generationen entgegengesetzt werden können. Dieser Begriff ist ja auch bei mir kein Passepartout, sondern zielt auf plausible Erfahrungsgemeinschaften mit gemeinsamen Charakteristika der politischen Mentalität. Ein Musterbeispiel ist Christina von Hodenbergs neue Studie über die Entstehung einer kritischen Öffentlichkeit in der jungen Bundesrepublik, befördert durch eine spezifische Journalistengeneration. Selbst wenn der Generationenbegriff auf Grenzen stößt, lenkt er doch die Aufmerksamkeit auf manifeste und latente Unterschiede hin. Bude hat ja Recht, dass es klassenübergreifende Generationserfahrungen gibt. Auf manche Generationen wirken die Kräfte der Klassenbildung prägend ein und lenken daher wieder auf Kontinuitätslinien hin (z. B. die soziale Zusammensetzung der Studentenschaft 1945/1965). Ein Ersatz für Klassen sind sie keineswegs.
Die Generationsexpertin Jureit hält diese generationellen Verbände primär für "gefühlte Gemeinschaften" mit einer zeitbedingten Selbstdefinition, die in unserem Fall angeblich darauf hinaus läuft, die Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik für sich zu beanspruchen. Aber sie sind mehr als das: auch analytische Instrumente, die wir von außen an die Welt der Politik und Ungleichheit herantragen, wo sie sich bewähren müssen oder scheitern. That’s all there is to it. Da diese Instrumente mit Fragen nach der Mentalität und Klassenlage verbunden werden können, ist die (ironisch empfohlene?) Alterskohorte keine attraktive Alternative.
Falsch liegt Doering-Manteuffel erneut mit seiner Deutung der Generationstypen als autobiographische Skizze. Mit diesem Ansatz vermeidet er jede Argumentation über unterschiedliche Tatbestände, die auch so geschildert worden sind. Es geht doch, siehe Bude und Merseburger, durchaus um mehrere handlungsfähige Generationen: erst die "Alten" wie Adenauer, Heuss, Meier, Kaisen, dann die Kriegsgeneration á la Schmidt, die Jungsoldaten, die Flakhelfer und Pimpfe usw., zuletzt um die 68er.
Die Altersgruppe der zwischen 1928 und 1940 Geborenen ist keineswegs in toto, als "strategische Clique" (am besten dazu Dirk Moses’ Buch) präsentiert worden, das wäre bei den Hunderttausenden dieser Altersgruppen abstrus, sondern innerhalb einer riesigen Kohorte gab es diese "Clique" von vielleicht 2,3 Dutzend Köpfen mit einem schwer bestreitbaren Einfluss. Sie besaßen kein Meinungsmonopol, wer hätte das auch behaupten wollen? Aber doch mit dauerhafterem Einfluss als Einzelgänger wie Hennis oder Nolte. Erstaunlich irreführend ist das Urteil über die Überlegenheit der akademischen Eliten in Frankreich und England. Aron war als Publizist und historisch geschulter Sozialwissenschaftler eine legendäre Ausnahmeerscheinung in Frankreich, Furet und Ladurie etwa haben sich auf gelegentliche Rezensionen im Rundfunk und seltene Fernsehauftritte beschränkt – nirgendwo taucht über 50 Jahre hinweg eine französische Generation von "politischen Intellektuellen" im Sinne der deutschen "45er Generation" auf. Taylor blieb in England ein klassischer Maverick, nie war er Repräsentant einer politischen Generation.
Allenfalls könnte für einige Zeit der öffentliche Einfluss der bekannten englischen Neomarxisten, der Hobsbawm, Thompson, Dobb, Hilton, Gallagher usw. angeführt werden, aber auf ihre kurzlebige politische Sonderstellung geht Doering-Manteuffel auch nicht ein. Den Vergleich mit den englischen Zeitschriften können bei uns "DIE ZEIT", die FAZ, der "Merkur" durchaus aufnehmen, und nicht nur sie wurden von der deutschen Vergleichsgruppe erreicht, sondern Rundfunk und Fernsehen ebenfalls. Überdies ist nirgendwo die Rede davon, dass ich ausgerechnet meine Altersgruppe im engeren Sinn als die "prägende Generation der Bundesrepublik" inszeniert hätte. Die "45er" (bei ihm falsch, bei Moses richtig datiert) habe ich deshalb vorgestellt, weil sie mir im Vergleich als ein interessantes Unikat erschien. Wer die Bundesrepublik nach 1990 geprägt hat, konnte mich nun wirklich nicht mehr interessieren, bis zu dieser Zeitmarke gab es genug zu diskutieren. Man darf gespannt sein, wie Doering-Manteuffel, der sich als vorzüglicher Kenner der Bundesrepublik erwiesen hat, in seiner seit langem angekündigten Geschichte der Bundesrepublik mit solchen Fragen auf innovative Weise umgehen wird.
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