
Hans-Ulrich Wehler: Sammel-Replik
Der Begriff der "Integrationsgesellschaft" wird von mir nicht verwendet. Unstrittig ist die Leistung bei der Aufnahme von Millionen von Flüchtlingen, Vertriebenen, Arbeitsmigranten, Russlanddeutschen, ausländischen Flüchtlingen, da die Bundesrepublik in ihren ersten 50 Jahren die relativ höchste Zuwanderungsquote der westlichen Welt aufwies, selbst die USA übertraf. Das war die Leistung eines Landes, das sich lange Zeit ja noch immer nicht als Einwanderungsland verstand – was es seit den 1890er Jahren de facto aber war.
Mit der Zuwanderung ausländischer Migranten sind jedoch gravierende Probleme verbunden, denen sich Fahrmeier in seinem ungerechtfertigten Integrationsoptimismus und Leistungsstolz nicht stellt. Die erdrückende Mehrheit der ausländischen Zuwanderer, welche zurzeit die große Basis im Block der Bundesbewohner mit "Migrationshintergrund" bilden, bestand aus ungelernten Arbeitskräften, denn nach ihnen gab es jahrzehntelang eine Nachfrage. Abelshauser hat ja unlängst die These verfochten, dass der Sockel von Millionen ungelernten und jetzt arbeitslosen ausländischen Arbeitskräften das eigentliche Dilemma der deutschen Dauerarbeitslosigkeit darstellt.
Jetzt regiert wieder die klassische Formulierung: Erst Privatisierung der Gewinne (welche die Unternehmen, aber auch die Stadtverwaltungen mit diesem Arbeitskräftepotential gemacht haben), jetzt Sozialisierung der Verluste (da die Integration noch immer weithin stockt und die Gesellschaft endlich die horrenden Kosten für Vorschulerziehung, Begleitpersonal, Ganztagsförderung usw. aufbringen muss, um im Sinne einer wirklichen Integration und Assimilation den Sprengstoff ausländischer Submilieus wie in Berlin entgegenzuwirken). Wer hält die soeben wieder in Berlin ermittelte Bilanz für einen Grund zu Integrationsoptimismus? Wird doch mehr als die Hälfte der türkischen Erwerbsfähigen in der Stadt als arbeitslos erfasst, sie leben von den Transferleistungen des Staates und ihrer Familie; drei Viertel der Jugendlichen aus diesem Milieu können und wollen einen Hauptschulabschluß nicht gewinnen; die Verbände opponieren gegen die Vorherrschaft der deutschen Sprache auf dem Schulhof und im Schulgebäude, obwohl die vernünftigen Schüler aus Migrantenfamilien dafür eintreten. Ich erwähne das nicht nur als Vorwurf gegen die Bildungsferne zahlreicher analphabetischer Zuwanderer, sondern auch als Appell an die Politik, diesen potentiellen Gefahrenherd endlich durch eine intensivierte Eingliederungspolitik zu entschärfen. Dass die Russlanddeutschen und andere Minderheitengruppen vergleichbare Probleme aufwerfen, ist schwer bestreitbar. Angesichts der offenen Probleme treten die unleugbaren Assimilierungserfolge doch deutlich zurück.
Fahrmeier sollte eine Kerze stiften, dass kein aus Deutschland stammender Attentäter ausländischer Herkunft – wie in Köln und im Sauerland geplant – ganz so zuschlägt wie in England und Spanien. Am Abend danach würde die Welt hierzulande anders aussehen, Schäubles Sicherheitsforderungen würden über Nacht akzeptiert. Wegen eines solchen denkbaren Szenarios halte ich die staatlich forcierte, finanziell großzügige, aber auch mit Sanktionsmitteln bewaffnete Assimilierungspolitik für ein Gebot der Stunde.
Kossert kommt noch einmal auf sein Dauerthema, die aus Hartherzigkeit und Egoismus verweigerte großzügige Aufnahme der Flüchtlinge und Vertriebenen in die westdeutsche Gesellschaft zu sprechen. Seine Anklage fällt, so berechtigt manche Kritik auch sein mag, viel zu negativ aus. Es hängt von den Erfolgskriterien und dem Zeitpunkt ab, zu dem man urteilt, wie die Charakterisierung der neuen Bundesbürger ausfällt. Dass aber einem derart geschundenen Land, wie der Bundesrepublik mit ihrer Eingliederung, mit dem Lastenausgleich, mit der Bewährung auf dem Arbeitsmarkt und der Teilhabe am wirtschaftlichen Aufschwung, nicht zuletzt mit der frühzeitigen Vermischung der Heiratskreise eine imponierende Leistung gelungen ist, drängt sich noch immer als Bilanz auf. Die Welt, sie ist nicht so, dass 12 Millionen vertriebene und acht Millionen ausländische Zuwanderer von jedermann umstandslos als willkommener Zuwachs begrüßt werden. Auf diese Meßlatte sollte Kossert verzichten.
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