
Hans-Ulrich Wehler: Sammel-Replik
Doering-Manteuffel schneidet ein lohnendes methodisches Problem an, ob das Strukturierungsschema der Gesellschaftsgeschichte zu starr ist, um einen "Kulturtransfer" realitätsangemessen zu erfassen. In der Tat ist es mit einigen Schwierigkeiten verbunden, könnte aber unter der Rubrik Kultur von jemand, der daran mehr Interesse hat als ich, wahrscheinlich doch erfasst werden. Mir ging es nur um den Transfer der amerikanischen Populärkultur, politischen Vorbilder und Stilelemente, erst ziemlich spät der Wirtschaftsorganisation und –mentalität. Einen Kulturaustausch vermag ich noch nicht als lohnendes Thema anzusehen, da ich in den USA, in England, Frankreich keine nennenswerten Einflüsse des deutschen politischen Lebens nach 1949, der deutschen Alltags- und Hochkultur, der Wirtschaft erkennen kann. Die Amerikanisierung bleibt dagegen eine ziemlich klare Einbahnstrasse, deren Erörterung nicht der nationalhistorischen Perspektive geopfert worden ist.
Harpprechts wichtiges Plädoyer für die Anerkennung einer umfassenden Amerikanisierung bereitet mir keine Kopfschmerzen. Aber ist die These von der Zugehörigkeit Deutschlands zur westlichen Welt wirklich "verwegen"? Lassen nicht Wissenschaftsentwicklung, deutsche Aufklärung, christliche Amtskirchen, Urbanisierung, Industrialisierung, Literatur usw., mithin viele (nicht lückenlos alle den Westen charakterisierende) Phänomene Deutschland vor 1914 als genuinen Teil der westlichen Welt erscheinen? Zahlreichen Besucher und Kenner aus dieser Welt erschien das bis 1914 so. Auf die Sonderbedingungen der deutschen Geschichte habe ich ja wiederholt und ausreichend genug hingewiesen. Ohne sie kann man, dabei bleibe ich, die Ära 1914 bis 1945 nicht erklären. Nach 1945 führte ein mächtiger Schub Westdeutschland wieder in den europäisch-amerikanischen Westen zurück, sei 1990 auch Ostdeutschland, denn die deutschen Kommunisten hatten u. a. eine anachronistische Variante antiwestlicher Dogmatik kultiviert.
Diese Antwort passt auch auf Noltes ersten Einwand. Natürlich ist die Rückkehr nach Westen nach 1945 keine simple Wiederaufnahme der "eigenen Spur". Doch insgesamt war die Bundesrepublik wegen ihrer westlichen Traditionsbestände kein Irak, der eben so geschwind verwestlicht werden soll. Auch geht es nicht nur um diese Rückkehr, denn die Bundesrepublik musste zahlreiche neue Veränderungen akzeptieren, doch ein aktivierbarer Sockel war vorhanden. Was denn als "deutsch" überlebte – die Neigung zum Etatismus, das extreme Sicherheitsbedürfnis, der perfektionistische Sozialstaat, der stabile Korporativismus? – diese Frage hätte am Schluss, da hat Nolte Recht, eine spekulative Erörterung verdient.
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