Home
Lesesaal
FAZ.NET
Samstag, 06. September 2008
Seite weiterempfehlen

Empfehlen Sie den Lesesaal Freunden und Bekannten!

Bitte geben Sie den Sicherheitscode ein

absenden
Lesezeichen:
yigg delicious link webnews digg wong Furl Oneview

Podium:

Wie westlich, wie amerikanisch sind die Deutschen?

Aus Amerika kam die Verheißung: viele Deutsche und weltweit Millionen Menschen haben das im vergangenen Jahrhundert so erlebt. Gehörten die Deutschen politisch-kulturell schon immer zur westlichen Welt, wie Hans-Ulrich Wehler meint - mit Ausnahme der Zeit zwischen 1914 bis 1945? Ist der Siegeszug der amerikanischen Ökonomie und Popkultur Glück oder Unglück? Wie verwandelte sich dabei die deutsche Gesellschaft?

zum Textauszug

Beiträge

Hans-Ulrich Wehler
15.09.2008 | 14:45 Uhr

Hans-Ulrich Wehler: Sammel-Replik

Doering-Manteuffel schneidet ein lohnendes methodisches Problem an, ob das Strukturierungsschema der Gesellschaftsgeschichte zu starr ist, um einen "Kulturtransfer" realitätsangemessen zu erfassen. In der Tat ist es mit einigen Schwierigkeiten verbunden, könnte aber unter der Rubrik Kultur von jemand, der daran mehr Interesse hat als ich, wahrscheinlich doch erfasst werden. Mir ging es nur um den Transfer der amerikanischen Populärkultur, politischen Vorbilder und Stilelemente, erst ziemlich spät der Wirtschaftsorganisation und –mentalität. Einen Kulturaustausch vermag ich noch nicht als lohnendes Thema anzusehen, da ich in den USA, in England, Frankreich keine nennenswerten Einflüsse des deutschen politischen Lebens nach 1949, der deutschen Alltags- und Hochkultur, der Wirtschaft erkennen kann. Die Amerikanisierung bleibt dagegen eine ziemlich klare Einbahnstrasse, deren Erörterung nicht der nationalhistorischen Perspektive geopfert worden ist.

Harpprechts wichtiges Plädoyer für die Anerkennung einer umfassenden Amerikanisierung bereitet mir keine Kopfschmerzen. Aber ist die These von der Zugehörigkeit Deutschlands zur westlichen Welt wirklich "verwegen"? Lassen nicht Wissenschaftsentwicklung, deutsche Aufklärung, christliche Amtskirchen, Urbanisierung, Industrialisierung, Literatur usw., mithin viele (nicht lückenlos alle den Westen charakterisierende) Phänomene Deutschland vor 1914 als genuinen Teil der westlichen Welt erscheinen? Zahlreichen Besucher und Kenner aus dieser Welt erschien das bis 1914 so. Auf die Sonderbedingungen der deutschen Geschichte habe ich ja wiederholt und ausreichend genug hingewiesen. Ohne sie kann man, dabei bleibe ich, die Ära 1914 bis 1945 nicht erklären. Nach 1945 führte ein mächtiger Schub Westdeutschland wieder in den europäisch-amerikanischen Westen zurück, sei 1990 auch Ostdeutschland, denn die deutschen Kommunisten hatten u. a. eine anachronistische Variante antiwestlicher Dogmatik kultiviert.

Diese Antwort passt auch auf Noltes ersten Einwand. Natürlich ist die Rückkehr nach Westen nach 1945 keine simple Wiederaufnahme der "eigenen Spur". Doch insgesamt war die Bundesrepublik wegen ihrer westlichen Traditionsbestände kein Irak, der eben so geschwind verwestlicht werden soll. Auch geht es nicht nur um diese Rückkehr, denn die Bundesrepublik musste zahlreiche neue Veränderungen akzeptieren, doch ein aktivierbarer Sockel war vorhanden. Was denn als "deutsch" überlebte – die Neigung zum Etatismus, das extreme Sicherheitsbedürfnis, der perfektionistische Sozialstaat, der stabile Korporativismus? – diese Frage hätte am Schluss, da hat Nolte Recht, eine spekulative Erörterung verdient.

Kommentare


06.09.2008 | 08:02 Uhr

Anselm Doering-Manteuffel: Ein ideengeschichtlicher Prozeß

Die These von der Amerikanisierung deutscher Industrieunternehmen im wirtschaftlichen Wiederaufbau der 1950er und 1960er Jahre wurde vor 20 Jahren diskutiert und ist inzwischen mit tragfähigen Argumenten weitgehend widerlegt worden. Wehler beschreibt sowohl die Sachverhalte als auch die Diskussion mit knappen Strichen völlig zutreffend, aber er sagt nicht, was unter Amerikanisierung eigentlich zu verstehen sei. Im Kapitel über politische Herrschaft schreibt er dann über die Westintegration der Bundesrepublik und kommt auf die Parallelbegriffe Amerikanisierung und Westernisierung zu sprechen, mit denen er nichts anfangen kann. Das liegt nicht zuletzt an seinem Konzept.

Die Achsen von Wehlers Gesellschaftsgeschichte erweisen sich als zu starr, um einem Phänomen gerecht zu werden, das mit der Analysekategorie "politische Herrschaft" gar nicht erfaßt werden kann. Amerikanisierung und Westernisierung sind Begriffe, die Formen von Kulturtransfer entschlüsseln. Die eine Spielart, Amerikanisierung, bezeichnet den Transfer von Kulturmustern in einer und nur einer Richtung – aus den USA in andere Teile der Welt, sei es in Form von Blue Jeans, Selbstbedienungsläden oder McDonalds. Westernisierung ist der Begriff für einen kontinuierlichen Kulturaustausch zwischen Europa und Nordamerika, und dieses Phänomen wurde infolge von Faschismus, Nationalsozialismus, Zweitem Weltkrieg und Kaltem Krieg im Wiederaufbau Westeuropas besonders wichtig. Für die Bundesrepublik galt das in höherem Maß als für Frankreich, Italien und die Beneluxländer, aber im Prinzip betraf es die Länder im späteren "Europa der Sechs" allesamt.

Im Kern ging es darum, angesichts der kommunistischen Bedrohung die Gewerkschaften und die sozialistischen bzw. sozialdemokratischen Parteien Westeuropas für die Marktwirtschaft zu gewinnen und sie von ihrer kapitalismuskritischen, planwirtschaftlichen Programmatik abzubringen. Marktwirtschaft, kapitalistischer Konsens von Unternehmen, Gewerkschaften und Regierung sowie parlamentarische Demokratie sollten in allen Ländern Westeuropa zum Ordnungssystem der Nachkriegszeit werden. Das hat auch funktioniert, nur hat es mit "politischer Herrschaft" im Anfang wenig zu tun.

Am Projekt der Westernisierung Westdeutschlands und Westeuropas haben Emigranten wie Willy Brandt, Ernst Reuter, Franz Leopold Neumann, Ernst Fraenkel oder Richard Löwenthal mitgewirkt. Ihnen allen ging es darum, die Sozialdemokratie gegen den Kommunismus zu immunisieren und sie deshalb mit der Marktwirtschaft zu versöhnen. Sie haben maßgeblich dazu beigetragen, das Bewußtsein vom Klassengegensatz zu reduzieren, das nach 1949 von bürgerlicher wie von sozialdemokratischer Seite reaktiviert worden war.

Bezeichnenderweise kommt das Godesberger Programm der SPD von 1959 als eines der zentralen Merkdaten der Westernisierung des bundesdeutschen Ordnungsgefüges in Wehlers Abschnitt über die Westintegration gar nicht vor. Und wenn er meint, politische Westorientierung sei ohnehin Bestandteil der seit 1900 kontinuierlich zunehmenden Amerikanisierung, dann vereinfacht er einen hoch komplexen Zusammenhang. Denn die Emigranten und Remigranten, die nach 1948/50 zusammen mit amerikanischen, französischen und italienischen Intellektuellen gegen den Kommunismus und für ein einheitlich westliches Verständnis von Freiheit kämpften, gehörten ja keineswegs alle in die USA. Westliche Exilländer wie Skandinavien, Großbritannien und Amerika hatten die Erfahrung ermöglicht, die Funktionsfähigkeit von Demokratie, Marktwirtschaft und sozialem Konsens kennenzulernen. Daraus entstand die Absicht, dieses Ordnungsmodell des liberalen Konsenses anstelle des früheren Klassengegensatzes in Westeuropa zur Geltung zu bringen. Der planierende Effekt der NS-Volksgemeinschaft förderte dieses Anliegen im deutschen Fall.

Als wichtiger Antriebsriemen für die Durchsetzung in Westeuropa wirkte der Marshallplan von 1947, der das Modell des liberalen kapitalistischen Konsenses aus dem US-amerikanischen New Deal zur politökonomischen Vorgabe für die Europäer machte, wenn sie von der Wiederaufbauhilfe im Rahmen der OEEC profitieren wollten. Als Hegemonialmacht waren die USA im Spiel, aber die Westernisierung der deutschen politischen Kultur integrierte Erfahrungsmuster aus verschiedenen europäischen Ländern ebenso wie aus den USA zu einem kohärenten Ordnungssystem, das die westdeutsche und die westeuropäischen Gesellschaften bis etwa 1970 transformiert und zu Teilen auch homogenisiert hat.

Wehlers nationalhistorisch begrenzter Blickwinkel und das starre Konzept seiner Achsen hindern ihn daran, einen ideengeschichtlichen Prozeß zu verstehen, der Politik, Wirtschaft und politische Kultur umgreift und von Anbeginn transnational verlaufen ist.

Kommentare


06.09.2008 | 08:00 Uhr

Klaus Harpprecht: Erst nach 1945 westlich geworden

Wehler berührte im Epilog seines Werkes – in einer Art Geistergespräch mit Max Weber – die selbstverständliche Einsicht, dass "Gesellschaftsgeschichte" natürlich zugleich eine Geschichte der Politik und Wirtschaft sein muss – ja, dass sie in Wahrheit die Kulturgeschichte umfassen sollte, die ein merkwürdiges Eigenleben neben der anderen Grundströmen der Historie führt. Nirgendwo wird diese notwendige Integration aller Hauptelemente der Gechichtsschreibung deutlicher als in den Abschnitten, die von der "Amerikanisierung" Deutschlands handeln.

Der Einfluss des amerikanischen Vorbilds in den Organisationsformen der Industrie, der Finanzwelt, der Technik hat, kein Zweifel, die Existenz der Deutschen (und ihrer europäischen Nachbarn) entscheidend geprägt. Wie seltsam, dass Wehler in diesem Zusammenhang nicht von dem immensen (und segensreichen) Einfluß amerikanischer Gewerkschaftsführer wie den Brüdern Reuther (von der Automobil-Gewerkschaft in Detroit) berichtet, die beim Aufbau des neuen Gewerkschaftslebens in der amerikanischen Zone, ja in ganz Westdeutschland strikt darauf achteten, dass die Grundfehler des eigenen Systems – nämlich die konkurrierende Existenz vieler Lokalgewerkschaften oder das Nebeneinander von gegnerischen "Richtungsgewerkschaften" - vermieden wurden. Überdies war der Gewerkschaftsmann Irving Brown eine Schlüsselfigur für die Organisation der Abwehr kommunistischen Expansion in der Arbeitswelt, zum Beispiel bei den so wichtigen Berliner Gewerkschaftswahlen 1946 – wie hernach in Frankreich, wo er mit der Gründung der sozialistischen Force Ouvrière den Widerstand gegen den Marshall-Plan brach.

Die Revolutionierung der Arbeit zunächst durch das Fließband (das eine Seltenheit geworden ist), später die Automatisierung, durch die Roboter-Technik, durch die Klimatisierung, die Kälte- und Wärmetechnik verdiente ein eigenes Kapitel. Die Massenproduktion von Automobilen und die Expansion des Luftverkehrs verdanken wir amerikanischen Impulsen. Die technische Zivilisation Amerikas ist längst auch die unsere geworden. Sie veränderte unsere Agrar-Industrien, und sie bestimmt unseren Alltag: von der Klimaanlage über die Wasch- und Spülmaschinen bis zu den Supermärkten und Einkaufszentren, ja der Gestaltung unserer Vororte nach dem Vorbild der suburbs. Kein Haushalt, keine Schule, kein Betrieb, kein Arbeitszimmer ohne den Computer: das prominenteste Produkt der neuen Industrien, die im Begriff sind, den klassischen Industrien den Rang abzulaufen.

Man braucht kein Wort darüber zu verlieren, dass Europa seine Renaissance nur im Schutz der pax americana, recte: der Atlantischen Allianz erleben konnte. Doch das vielleicht wichtigste Phänomen ist – Wehler streift dies eher beiläufig – ist die Durchdringung unserer Alltagskultur durch Elemente der amerikanischen Zivilisation, die nicht nicht nur die Welt der Verbündeten, sondern - zunächst auf untergründigen Wegen – auch die der Gegner formte, ja die in jedem Winkel des Erdkreises präsent zu sein scheint: ob durch die Weltmacht der Jeans, durch den Triumph des Hamburger und der "Coke", der Pop-Musik, des Tanzes, freilich auch – in den anspruchsvolleren Existenzformen der Kultur durch den Jazz, durch Hollywood, das ebensoviel Ramsch wie große Kunstwerke produziert, durch die prägenden Formen der amerikanischen Literatur, des Theaters, der Malerei, durch die Erschließung der bildenden Kunst dank der Modernisierung der Museen, das Radio als Dauerunterhaltung, partiell abgelöst durch das Fernsehen, das uns mit Gebirgen von Müll überschüttet, andererseits mit köstlichen Serien amüsiert – von der Informationsflut nicht zu reden, die von Amerika über die Menschheit hereinbrach und in der Tat ein Motor der "Globalisierung" nicht nur unserer sozialen Entwicklungen, sondern unseres Denkens geworden ist.

Man mag über die Anglizismen lächeln, von denen unserer Alltagsjargon durchsetzt ist. Diese Mode, so töricht sie sein mag, zeigt letztlich nur an, dass das amerikanische Englisch die lingua franca des 20. und 21. Jahrhunderts geworden ist: die Geschäftssprache vieler europäischer Konzerne, die Unterrichtssprache der besten Schule und der progressivsten Hochschulen.

Wehler nennt in der Regel die Stichworte, doch hätte dies nicht ein Hauptkapitel seiner Exkurse in die "Verwestlichung" sein müssen? Gesellschaftsgeschichte ist, wenn ich es recht verstehe, au fond Mentalitätsgeschichte.

Übrigens betont Wehler ein ums andere Mal, dass Deutschland bis 1914 Teil der westlichen Welt gewesen sei. Eine verwegene These. Sie mag für das westliche Deutschland und seine kulturelle Prägung zutreffen. Aber für Preußen, das bis zum Ende von Bismarcks Regentschaft stets enger an Russland als an Frankreich oder Großbritannien gebunden war? Friedrich II.' französiche Poeme beweisen nicht das Gegenteil - als einen aufgeklärten Geist wollte sich auch die Zarin Katharina erkennen, die in der Tat Diderots Encyclopädie mitfinanziert hat. Kant ? Westlicher Geist strahlte gelegentlich noch viel tiefer im Osten auf. Auch ist es mehr als fraglich, ob das deutsche Österreich mit seinem osteuropäisch-balkanischen k.u.k.-Imperium der westlichen Welt zugerechnet werden konnte.

In Wirklichkeit vollzog sich die Integration in die westliche Welt für die Deutschen auf eindeutige Weise erst nach 1945 mit unserer Europäisierung – der übrigens die Amerikanisierung unserer Lebensgewohnheiten den Weg geebnet hat.

Kommentare


06.09.2008 | 08:00 Uhr

Peter Merseburger: Der antiautoritäre Westen

Wie westlich oder wie amerikanisch sind die Deutschen? Die einen kamen auf leisen Sohlen, die anderen mit klappernden Hufen der Panjepferdchen. Dazwischen lagen einige Monate, aber das Bild, das beide Siegermächte den Besiegten (und Befreiten, aber das wurden die meisten erst sehr viel später gewahr) in den von den Amerikanern eroberten, dann entsprechend den Vereinbarungen von Jalta geräumten Gebieten boten, hat sich tief in mein Gedächtnis eingeprägt.

Deutsche Stiefel hatten Zwecken unter den Sohlen und machten Lärm, die martialischen Marschtritt-Geräusche sollten den Eindruck von Disziplin und militärischer Entschlosssenheit vermitteln. Die amerikanischen Eroberer trugen Stiefel mit Gummisohlen, und selbst die Ketten ihrer Panzer waren mit Kautschuk belegt, was den Lärm, den die tonnenschweren Ungetüme verursachten, erheblich minderte. Fast hatte man das Gefühl, die Amerikaner schlichen sich in die Stadt, über die sich bald ein neuartige, aber wohlige Geruchswolke von Virginia-Tabak und gutem Benzin legte, das eben besser roch als das aus Braunkohle hydrierte oder die Abgase der Holzgas-Autos, mit denen das letzte deutsche Aufgebot ausgestattet war.

Nach etlichen Wochen dann ein Tag und eine Nacht völliger Stille, die morgens von einem fröhlichen Klappern von Pferdehufen beendet wurde: Die Sowjets zogen ein und übernahmen die von den Amerikanern in Sachsen und Thüringen geräumten Gebiete. Auf den Wagen türmten sich Möbel und Betten, hintendran hingen Geschütze – der technisch-materielle, ja der zivilisatorische Unterschied zwischen den beiden großen Siegermächten konnte nicht größer sein. Der einen Disziplin war der deutschen ähnlich, die anderen, die Amerikaner, ließen die Beine von ihren Jeeps baumeln, wirkten frei wie eben Soldaten einer Armee von Bürgern in Uniform. Es war das betont Antiautoritäre in ihrem Verhalten, das sofort attraktiv erschien. Wenn amerikanische Besatzungspolitik etwas erreicht hat, dann ist es die Infragestellung klassischer obrigkeitlicher Strukturen, die in Deutschland oft genug heilig gehalten wurden.

Als Student in Marburg war die amerikanisch finanzierte Zeitschrift "Der Monat", die Wehler zurecht hervorhebt, eine unerlässliche Lektüre. Von Melvin Lasky herausgegeben und redigiert, war die Zeitschrift nicht nur eine Art intellektuelles Fenster zur westlichen Welt, weil sie Anschluß an die von den Nationalsozialisten verbotene westliche Literatur bot. Sie brachte zugleich Artikel von Orwell oder Koestler, ehemaligen extremen Linken und Kommunisten, die sich gegen den stalinistischen Terror stellten und die demokratische Linke in Deutschland – ganz im Sinne des antitotalitären Gründungskonsenses der Bundesrepublik – mit Argumenten munitionierte. Der "Monat" und der "Kongreß für Kulturelle Freiheit" waren, jedenfalls auf deutschem Boden, die intellektuelle Speerspitze in der Auseinandersetzung des Westens mit dem stalinistischen Osten.

Aber nicht vergessen werden sollte auch, daß die amerikanische Besatzungsmacht die Heimkehr von Horkheimer und Adorno nach Frankfurt zu einer Zeit möglich machte, in der die Rückkehr von Emigranten nach Deutschland noch nicht selbstverständlich war. Sie bereitete damit der Neugründung der Frankfurter Schule den Weg, die Siegmund Freud und ein aufgeklärtes, von aller Orthodoxie befreites Verständnis von Marx nach 12 Jahren des Dritten Reiches in Westdeutschland rehabilitierte. Es war Adorno, der sagte, daß alles, was gesellschaftlich und wirtschaftlich in Amerika geschieht, zeitversetzt nach Europa und nach Deutschland überschwappt. Und so sind wir heute letztlich alle amerikanisiert. Selbst die sich gelegentlich ach so heidelatschendeutsch gebenden Grünen haben – man denke nur an Petra Kelly – ihre Wurzeln letztlich in Kalifornien. Der antiautoritäre Einfluß der amerikanischen Besatzer hat wesentlich zur westdeutschen Mentalität beigetragen. Und doch zeigen wir gesellschaftspolitisch beachtliche Immunkräfte gegen das amerikanische Beispiel, die zu begrüßen sind – etwa wenn es um soziale Absicherung oder um eine gesetzlich vorgeschriebene Krankenversicherung geht.

Kommentare


06.09.2008 | 08:00 Uhr

Paul Nolte: Der Westen - Realität und Konstrukt

Da gibt es eine doppelte Spannung in dem Buch, und eine Verschiebung der Perspektive gegenüber den früheren Bänden – das ist inzwischen schon öfters bemerkt worden. Band 1 startete mit deutschen Sonderbedingungen, etwa mit dem frühen Ausschluss Mitteleuropas aus der globalen Expansion des atlantisch-europäischen Westens (England, Frankreich, Holland, Spanien, Portugal) in der Frühen Neuzeit. Band 5 endet mit der Feststellung, Deutschland sei immer schon im Westen gewesen und habe sich nur in einer Phase des Absturzes, 1914 bis 1945, von ihm verabschiedet. Wehler will sich dezidiert von Heinrich August Winklers zweibändiger Meistererzählung "Der lange Weg nach Westen" unterscheiden – das geht auf Kosten eines Teils seiner eigenen Prämissen.

Spannung Nummer zwei: Wenn die Bundesrepublik nur in die eigene Spur des Westens zurückfindet, wie erklärt man dann die teils radikalen Veränderungen von Mentalität und politischer Kultur, von Ökonomie und Lebensstil? Sie werden, wenn auch knapp, beschrieben, finden aber nicht eigentlich ihren interpretatorischen Ort. – Übrigens: Auch auf die komplementäre Frage, wie "deutsch" die Bundesrepublik war und blieb, erhält man nicht die klar geschnittene Antwort, die man von Wehler erwarten kann.

War Deutschland, mit "Wehler 5", "seit jeher ein Teil des Westens" oder machte es sich mit Winkler auf den "langen Weg" dorthin? In jedem Fall erscheint der Westen dabei als etwas statisches, fix und fertiges, als eine ziemlich unhistorische Kategorie. Dieser spezifische Blick auf den Westen, das wird immer deutlicher, ist aber selber ein Produkt einer spezifischen Epoche, vor allem der Ära zwischen 1945 und 1990. War das Heilige Römische Reich im 18. Jahrhundert Teil des Westens oder auf dem Weg dahin? Schon die Frage ist schief. Mit anderen Worten: Als eine politische Realität wie als ein kulturelles Konstrukt hat der Westen in dieser Zeit scharfe Konturen gewonnen, die er zuvor so nicht besaß. Spannend wäre es also gewesen, nicht nur den unbestreitbaren Verwestlichungsprozessen und Amerikanisierungsschüben der Bundesrepublik nachzugehen, sondern auch zu analysieren, auf welche Weise nach 1945 der Westen zu einem zentralen Identitätscode wurde – und welche Rolle der westdeutsche Frontstaat im globalen bzw. nordatlantischen Entwurf des Westens spielte; vermutlich eine sehr zentrale. Ohne die Bundesrepublik wären also auch Frankreich oder Dänemark oder sogar die USA selber nicht so "westlich" geworden, wie sie sich in der Zeit des Kalten Krieges empfanden.

Kommentare


Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

F.A.Z. Electronic Media GmbH 2001 - 2008