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Podium:

War die Nachrüstung 1983 notwendig und die Friedensbewegung hysterisch?

"Frieden" war ein Zauberwort zu Beginn der achtziger Jahre - in Deutschland Ost und West: Die Bedrohung durch die Kernwaffenarsenale der Supermächte schien übermächtig zu sein. Als die NATO beschloß, Raketen gegen die sowjetische Übermacht zu stationieren, spaltete sich daher die Gesellschaft. Waren die Proteste der Friedensbewegung "hysterische Angstbekundungen", wie Hans-Ulrich Wehler meint? Hat die Raketenstationierung den Fall des Kommunismus bewirkt?

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Beiträge

Hans-Ulrich Wehler
15.09.2008 | 14:47 Uhr

Hans-Ulrich Wehler: Sammel-Replik

Fahrmeier fabuliert eine empirisch nicht haltbare Gegenposition zu meiner vermutlich allzu kurzen Behandlung der Nachrüstung und des Doppelbeschlusses samt ihren Folgen. Demgegenüber bezieht Scholtysek eine rundum einleuchtende Position; nicht zuletzt trifft seine Schlussbemerkung ins Schwarze, da die Protestbewegung der 80er Jahre sich als Folge ihrer verdienten Niederlage von einer realistischen Auseinandersetzung mit der Außenpolitik abgewendet hat. Bis heute stemmen sich ihre Erben vom Afghanistan-Einsatz, d.h. aber von einem Bündnis ab, das fast 60 Jahre mit geholfen hat, auch Deutschland den Frieden zu erhalten. Rödders Kritik trifft, da er viel sachkundiger ist, als ich es bin, öfters zu. Aber grundsätzlich wäre der Begriff der "Achse" weit genug, um unter dem Stichwort der "Politischen Herrschaft" auch diese Außen- und sicherheitspolitischen Dimensionen präziser mit einzubeziehen. Man muss dazu nur mehr Interesse an der internationalen Politik mitbringen.

Noltes Betonung des Umstandes, dass panische Furcht und hysterische Angst (das Wort avancierte damals in den internationalen Sprachschatz) in der deutschen Friedensbewegung besonders ausgeprägt waren, lenkt noch einmal auf die von mir nicht hinreichend geklärten Ursachen dieser kurzlebigen Massenstimmung hin. Früher hatte er im Lesesaal darin auch ein Erbe des deutschen Protestantismus vermutet. Das leuchtet mir noch immer ein. Ganz so wie Diners prägnantes Bild von der "gedächtnisgeschichtlichen Endmoräne" des Zweiten Weltkriegs und natürlich auch sein Urteil, dass die Geschichte unter dem Strich den Kritikern der Friedensbewegung Recht gegeben hat.

Kielmansegg abwägenden Überlegungen, die mein Plädoyer für eine enge Kooperation mit den eher systematisch argumentierenden Nachbarwissenschaften unterstützen, kann ich nur zustimmen, zumal er auf die langlebigen positiven Folgen des deutschen Bestehens auf Doppelbeschluß und Nachrüstung abhebt.

Wirsching dagegen betont, guter Historismus, die Offenheit der Entscheidungssituation ungleich stärker, da zwei konträre, aus dem Weltkriegstrauma herrührende Einstellungen und Erfahrungen aufeinander prallen. Meines Erachtens bleibt das Interessenkalkül, das damals schon die Zeitgenossen anstellen konnten, der zentrale Bezugspunkt, und da bleiben die sorgfältig aufgeführten Argumente von Kielmansegg und Scholtysek schlüssiger als die realitätsfernen apokalyptischen Angstausbrüche einer Massenbewegung. Auch indirekt hat die Friedensbewegung ihr Ziel nicht erreicht. Die historische Figur Gorbatschows, die eklatante Lernunfähigkeit des Sowjetsystems, seine Überanstrengung im neuen Rüstungswettlauf, seine Kräfteverpulverung in Afghanistan, die Dissidentenbewegungen im Satellitengürtel – all das hat sie nicht heraufgeführt, geschweige denn, dass sie es war, die bis 1989/91 die atomare Strategie deligitimiert hätte.

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08.09.2008 | 10:14 Uhr

Peter Graf Kielmansegg: Bestandene Bewährungsprobe

War die Nachrüstung notwendig? Die Gegenfrage lautet natürlich: notwendig für wen oder was? Damals hat man geantwortet: für das strategische Gleichgewicht zwischen Ost und West. Das Konzept des atomaren Abschreckungsgleichgewichts hat sich im Lauf der Jahre und Jahrzehnte in den Diskussionen der Experten zu einem immer komplexeren Gespinst entwickelt. Ob wirklich die Subtilitäten dieses Expertengleichgewichts für die friedensbewahrende Wirkung der wechselseitigen Abschreckung entscheidend waren oder nicht vielmehr das einfache, unkalkulierbare Risiko, dass jeder direkte gewaltsame Zusammenstoß zwischen den beiden Lagern in einer atomaren Katastrophe enden konnte, darf man fragen.

Plausibler als der Hinweis auf das Gleichgewicht ist das Argument, dass die Nachrüstung notwendig war, um der Sowjetunion zu zeigen, dass das westliche Bündnis auf demonstrative Herausforderungen zu antworten willens und imstande sei. Alles andere wäre eine Einladung an die Sowjetunion gewesen, auf dem eingeschlagenen Weg weiter zu gehen.

Für die Bundesrepublik im Besonderen ging es darum, ihre Bündnisfähigkeit gegen stärksten inneren Widerstand zu behaupten. Hätte die Bundesrepublik den gemeinsam im Bündnis gefassten Doppelbeschluss aufgekündigt, weil sie sich nicht mehr zutraute, ihn gegen die Welle des Protestes im eigenen Land durchzuhalten, so hätte sie ihren Rang und ihren Wert als Bündnispartner definitiv verspielt. Die Folgen wären unabsehbar gewesen. Die Sowjetunion hätte mit ihrer Vor-Rüstung den denkbar größten politischen Erfolg erzielt. Kohl hat die bündnispolitische Bedeutung der Nachrüstung verstanden. Dass er den Mut hatte, seiner Einsicht gemäß zu handeln, gehört zu den herausragenden Leistungen seiner Kanzlerschaft.

Ob die Nachrüstung in der Vorgeschichte der Wiedervereinigung einen Platz hat, können wir nicht mit völliger Sicherheit wissen, weil wir nicht wissen, welche Schlussfolgerungen man im Kreml aus dem Scheitern der eigenen Rüstungsstrategie zog. Was Gorbatschow später zu diesem Thema gesagt hat, darf man nicht auf die Goldwaage legen. Aber die Vermutung ist plausibel, dass das Scheitern der Nachrüstung an Deutschland in Moskau ganz andere Kräfte ermutigt und gestärkt hätte als die, die sich dann in Gestalt von Gorbatschow in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre durchsetzten.

Was die westliche Seite angeht, so gilt: Dass die Bundesrepublik zum Doppelbeschluss stand, hatte Schlüsselbedeutung für das Vertrauen der USA in den Bündnispartner Deutschland. Dass die USA Deutschland und Kohl im Besonderen vertrauten, war entscheidend für ihre vorbehaltlose Unterstützung der Kohl’schen Wiedervereinigungspolitik 1998/90. Und diese Unterstützung wiederum war für den Erfolg der Politik Kohls ausschlaggebend. So gibt es wohl doch einen – wenn auch nicht gradlinigen – Wirkungszusammenhang zwischen der Nachrüstung und der Wiedervereinigung, auf der westlichen Seite deutlicher sichtbar als auf der östlichen.

Hysterie ist ein hartes Wort – wer hätte nicht Verständnis für Friedensengagement im atomaren Zeitalter? Aber es ist schwer zu bestreiten, dass die für jedes Argument unzugängliche Gewissheit der Friedensbewegung, gerade die Aufstellung westlicher Mittelstreckenraketen in Europa werde die Apokalypse heraufbeschwören, so wie sie sich öffentlich inszenierte, Züge einer kollektiven Hysterie trug. Blindheiten – hier die völlige Blindheit für das, was in der Sowjetunion geschah – sind typischer Weise Teil eines hysterischen Zustandes. Freilich darf man über dieser Diagnose nicht vergessen, dass, wie wir heute wissen und man damals schon hätte wissen können, der Osten seine Hand ganz massiv im Spiel hatte. Er hat die Hysterie geschürt und gesteuert.

Alles in allem wird man sagen dürfen: Der Nachrüstungsstreit der frühen achtziger Jahre ist eine der bestandenen politischen Bewährungsproben der Republik. Sie konnte freilich nur bestanden werden, weil die Wähler 1983 so entschieden, wie sie entschieden. Die Hysterie ist glücklicherweise nicht epidemisch geworden.

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08.09.2008 | 10:08 Uhr

Andreas Wirsching: Zwei konträre Erfahrungen

Selten scheint das historische Urteil einfacher zu sein: Ist es nicht kristallklar, daß die Friedensbewegung der frühen achtziger Jahre gescheitert ist, politisch auf der falschen Seite stand, irrational und in manchen Zuspitzungen auch "hysterisch" war? Und wer wollte heute umgekehrt die strategische Notwendigkeit der Nachrüstung leugnen und zugleich nicht zugestehen, daß sie zumindest ein Stück weit zum Ende der Sowjetunion und damit zum historischen Freiheitsgewinn Europas beitrug?

In seinen knappen Ausführungen hält sich Wehler ganz an diese hegemoniale Deutung und stellt darüber hinaus keine weiteren Fragen. Das ist bedauerlich, denn über die gesellschaftlichen Bedingungen für die wohl größte politische Massenbewegung in der bundesrepublikanischen Geschichte erfahren wir kaum etwas. Zumindest eine Frage hätte Wehler aber auf jeden Fall stellen sollen: inwieweit nämlich das Urteil seine Eindeutigkeit aus der bloßen Perspektive ex post gewinnt?

Leicht läßt sich nämlich die politische Geschichte der achtziger Jahre zu einer linear verkürzten großen Erzählung reduzieren. Deren Stationen lauten: Nachrüstung, Wiedervereinigung, europäische Integration, und zusammengenommen ergeben sie einen zielgerichteten historischen Sinn – so steht es zum Beispiel in den Erinnerungen Helmut Kohls. Nimmt man dagegen, wie es dem Historiker geziemt, die Reichhaltigkeit und Vieldeutigkeit der achtziger Jahre ernst, hilft letztlich nur ein dialektischer Ansatz, der sich mit seinem ebenso komplexen wie widersprüchlichen Gegenstand "verstehend" auseinandersetzt. Das gilt auch und gerade für die Geschichte von Nachrüstung und Friedensbewegung.

Tatsächlich prallten zu Beginn der achtziger Jahre zwei konträre historische Erfahrungen aufeinander, in denen sich auf je unterschiedliche Weise das Weltkriegstrauma äußerte: Die Anwälte der Nachrüstung konnten mit Recht auf die Lehre der Geschichte verweisen, wonach gegenüber Diktaturen nur eine entschlossene Haltung angezeigt sei. Demgegenüber konnten die Gegner der Nachrüstung die ebenfalls valide Erkenntnis ins Feld führen, daß in der Vergangenheit einmal geschmiedete Waffen in aller Regel auch irgendwann eingesetzt worden waren.

Erst die nachfolgende Zeit hat in diesen Konflikt eine Klarheit der Anschauung gebracht, die den Zeitgenossen nicht zur Verfügung stand. Zwar läßt sie keinen Zweifel daran, daß die Friedensbewegung gemessen an ihren kurzfristigen Intentionen gescheitert ist. Zugleich aber sollte man nicht unterschätzen, welche erhebliche Diskursmacht sie gewann. Es gelang der Friedensbewegung, die prekäre Rationalität des atomaren Gleichgewichts nachhaltig zu erschüttern und das öffentliche Reden über atomare Strategien weitgehend zu delegitimieren. So hat sie indirekt dazu beigetragen, daß ihre Ziele erreicht wurden. Freilich geschah dies auf die denkbar überraschendste Weise, nämlich unter der Ägide jener politischen Gegner, die 1982/83 noch mit großer Härte attackiert worden waren. Unter den vielen Paradoxien der jüngsten deutschen Geschichte ist dies nicht die geringste.

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08.09.2008 | 08:02 Uhr

Andreas Fahrmeir: Schlechte Historiographie

Man könnte die Geschichte auch anders erzählen - ebenso apodiktisch, ebenso einseitig:

"1977 beschloß die Sowjetunion ein gigantomanisches Aufrüstungsprogramm, das angesichts der Tatsache, daß beide Supermächte das Potential hatten, den Gegner auf Knopfdruck nicht nur einmal, sondern mehrfach zu vernichten, das Gleichgewicht des Schreckens kaum verändern konnte und daher eine sinnlose Verschwendung von ohnehin knappen Ressourcen darstellte. Aus einer deutschen Perspektive änderte sich durch die Stationierung neuer Raketen überhaupt nichts: in jedem atomaren Konflikts wäre aus dem Land sofort eine atomare Wüste geworden. Jede weitere Aufrüstung bot daher keinen Schutz, sondern steigerte das Risiko der atomaren Vernichtung.

Statt gegenüber der sowjetischen Provokation mit strategischer Gelassenheit zu reagieren und damit den ersten Schritt zur Entspannung zu unternehmen, entschieden US-Kongreß und Präsident unter dem Druck der Rüstungslobby, sich an dem sinnlosen Wettrüsten zu beteiligen und den Rüstungskonglomeraten Milliarden zuzuschieben - was zu den desaströsen Reagonomics führte.

Unbelehrbaren Kalten Kriegern in der Bundesrepublik leuchtete dies sofort ein, obgleich kritische, weitsichtige Intellektuelle auf die vielfältigen Absurditäten der Argumentation und die erheblichen Gefahren der Aufrüstung hinwiesen. Im Gegensatz zur Teils nicht mehr
kritikfähigen, teils in einer sklavischen Abhängigkeit von den USA befangenen politischen Elite wehrte sich eine sozial übergreifende Friedensbewegung friedlich gegen die Stationierung neuer Massenvernichtungswaffen auf deutschem Boden. Obgleich große Teile der SPD-Basis, der Tradition der Partei als friedenserhaltenden und gesellschaftlich progressiven, demokratischen Bewegung verpflichtet, diese Stationierung ebenfalls ablehnten, zwang Helmut Schmidt die Partei durch die Drohung mit dem Machtverlust dazu, seinen harten Kurs zu dulden. Daß die SPD ihre Seele verkaufte, hat ihr nichts genutzt:
der Machtverlust folgte, dank des Opportunismus der FDP, trotzdem; die Chance einer Entspannung zwischen Ost und West wurde für zehn Jahre vertan; die SPD verlor die Unterstützung eines Teils der jüngeren und kritischeren Wählerinnen und Wähler, welche nur noch bei den sich neu formierenden Grünen eine politische Heimat sehen konnten."

Dieses Zerrbild soll deutlich machen, warum Wehlers Passage schlechte Historiographie ist. Er postuliert eine Position, ohne mögliche Gegenargumente rational zu entkräften und damit seine Erzählung zu plausibilisieren. Insofern ist die Passage zum Doppelbeschluß nur als Ausdruck von Wehlers politischer Position interessant, nicht aber als Geschichte des Wechselspiels von SPD, Friedensbewegung, Rüstungspolitik, Bürgerbewegung und politischer Kultur der Bundesrepublik.

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09.09.2008 | 00:52 Uhr
thomas schulz schreibt: Der NATO Doppelbeschluss war eine Initiative der deutschen Regierung

Ich bin erstaunt, daß es immer noch Personen wie Herrn Fahrmeir gibt, die die Parolen der Friedensbewegung Ende der 70er Jahre vertreten, obgleich die Geschichte sie widerlegt hat.

Die Initiative kam nicht aus den Vereinigten Staaten, sondern von der Regierung Helmut Schmidt. Die paar hundert SS 20 waren, militärisch gesehen, peanuts für Washington, für die europäischen Bündnispartner allerdings war es der erneute Versuch der Sowjetunion, einen Keil zwischen Westeuropa und die Vereinigten Staaten zu treiben. Die Nachrüstung war militärisch irrelevant, aber trotzdem beschlossen worden, da es nur darum ging, der Sowjetunion zu signalisieren, daß ihr Plan abermals gescheitert ist. Die Entspannungspolitik Willy Brandts hat die Sowjetunion nicht davon abgehalten, eine aggressive Außenpolitik zu verfolgen (SS 20/Afghanistan/Polen). Wie ignorant muß man sein, immer noch zu behaupten, Entspannung und Abrüstung hätten bei der damaligen Sowjetunion irgend etwas bewirkt.



08.09.2008 | 08:01 Uhr

Joachim Scholtyseck: Ohne Alternative

Hans-Ulrich Wehler schätzt den "Nachrüstungsbeschluß" richtig ein. Angesichts der völlig untransparenten sowjetischen Aufrüstungspolitik, die keinen Einblick in die Motivation ihrer Führung ermöglichte – war es nur eine allgemein übliche Modernisierung des sowjetischen Arsenals, wie in Moskau behauptet wurde oder war es ein Zeichen von Aggressivität im Schatten amerikanischer Schwäche nach dem Vietnam-Debakel? –, war die Aufstellung von Pershing II und Marschflugkörpern der einzig richtige politisch-militärische Schritt. Die "Nachrüstung" wird daher eine der größten Leistungen Helmut Schmidts in seiner Zeit als Bundeskanzler bleiben.

Der Entspannungspolitik war, so ließ sich schon damals erkennen, keine Zukunft beschieden. Das, was als Détente bezeichnet wurde, war nichts anderes als die Fortsetzung des Kalten Krieges mit anderen Mitteln. Dem westlichen Bündnis blieb gar nichts anderes übrig, als in "worst case"-Szenarien zu denken und entsprechend auf die sowjetischen Maßnahmen und diejenigen ihrer willfährigen Satelliten zu reagieren. Der von Hannes Adomeit akribisch herausgearbeitete "imperial overstretch" der Sowjetunion war damals noch niemandem im Westen wirklich bewusst. Die Bemühungen Breschnews, Andropows und Tschernenkos, ihre militärische Macht in politischen Einfluß umzumünzen, scheiterten dank der Reaktion des Westens. Das "neue Denken" unter Gorbatschow war eine der wichtigsten Konsequenzen dieser Niederlage.

Aus diesem Grund ist auch Wehlers harsche Kritik an der westdeutschen Friedensbewegung berechtigt. Seine Bewertung, die Teilnehmer an den Protestveranstaltungen seien "außerstande (gewesen), die gebotene machtpolitische Antwort auf die neue sowjetische Bedrohung zu verstehen" und der Protest sei "in hysterischen Angstbekundungen" untergegangen, ist auch richtig. Die westliche Friedensbewegung wollte auch nicht zur Kenntnis nehmen, daß die SED-Diktatur die Stationierung der SS-20 widerspruchslos akzeptierte. Ost-Berlin polemisierte einerseits gegen die westliche Nachrüstung, hielt aber andererseits an der Maxime fest, "Friede und Fortschritt in der Welt" seien nicht ohne militärische Überlegenheit auf östlicher Seite durchzusetzen.

Die gesellschaftlichen Träger der Protestbewegungen haben sich als Konsequenz aus ihrer Niederlage in der Nachrüstungsauseinandersetzung von den Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik abgewandt. Auf dieses Phänomen hat zuletzt Andreas Rödder aufmerksam gemacht. Dieser Rückzug von Themen der Außen- und Sicherheitspolitik und ihren existentiellen Grundfragen von Krieg und Frieden ist eine der problematischeren Folgen der damaligen "hysterischen Angstbekundungen" für die heutige Bundesrepublik.

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08.09.2008 | 08:00 Uhr

Paul Nolte: Politik der Furcht als bundesdeutsches Merkmal

Zweifellos ist damit einer der schwersten gesellschaftlichen und kulturellen Konflikte angesprochen, den die "alte Bundesrepublik" erlebt hat – eine Auseinandersetzung von viel größerer Dimension als etwa der "Historikerstreit", dem, aus naheliegenden Gründen, Historiker in ihren Darstellungen jetzt oft einen so prominenten Platz einräumen. Mit anderen Worten: Die Darstellung der Nachrüstungskontroverse und der Friedensbewegung ist Wehler arg knapp geraten. Die 68er-Bewegung wird im Vergleich dazu geradezu großzügig gewürdigt; mit den Protestbewegungen und Neuen Sozialen Bewegungen im Jahrzehnt von 1975 bis 1985 kann er offenbar wenig anfangen.

Dabei bieten sich vielfache Anknüpfungspunkte für eine Gesellschaftsgeschichte: Es geht um Mobilisierung und sozialen Protest, um Generationenverhältnisse, und nicht zuletzt um ein verändertes Verständnis von Demokratie. Auch den Demokratie- und Partizipationskonzepten, erst recht dem Staatsverständnis der Neuen Sozialen Bewegungen wohnte viel Utopisches, Irreales, Uneinlösbares inne. Aber der Unterschied zu den 68ern und ihrem Systemhass ist doch offenkundig. Die Handlungsformen der Bürgerinitiativen, der Umwelt- und Friedensbewegung haben die parlamentarische Demokratie nachhaltig um neue Dimensionen erweitert.

Ob die Nachrüstung "notwendig" war – diese Frage bleibt unentscheidbar und für viele auf absehbare Zeit eine Glaubens- und Gewissensfrage. Aber Wehlers Urteil spiegelt durchaus den Mainstream der Forschung, der lautet: Der von der NATO mit dem "Doppelbeschluss" auf die Sowjetunion ausgeübte Druck hat sich als ein effektives Instrument erwiesen, schließlich zu Verhandlungen über den beiderseitigen Abzug von atomaren Mittelstreckenwaffen zu kommen. Aber auch der öffentliche Druck der Bewegung hat dabei eine Rolle gespielt, und die Bedeutung der Friedensbewegung als ein politisch-soziales Phänomen sui generis wird durch die Einsicht, dass das orthodox-kommunistische Milieu sich in ihr zu profilieren versuchte, nicht grundsätzlich gemindert.

Und Hysterie? Natürlich ist das wieder so ein Holzhammer aus der westfälischen Steppe. Aber man kann ihn unbefangen aufgreifen und in der Tat darüber nachdenken, warum fast alle Protestbewegungen in der Geschichte der Bundesrepublik seit den 60er Jahren in einem ganz hohen Maße "defensive" Bewegungen gewesen sind, die sich in der übersteigerten Furcht, in der Abwehr eines apokalyptischen Schreckensszenarios konstituierten. Für die 68er war es die paranoide Vorstellung von der Bundesrepublik als neuem faschistischem Staat, dann kam die existentielle Angst vor der Umwelt- und vor der atomaren Katastrophe.

Dieses Muster setzt sich bis heute, in die Protestbewegung der Linkspartei und ihre Weltsicht einer drohenden Sozialkatastrophe, einer Sozialabbauverschwörung usw. fort. Kein Zweifel, dass ein rationaler Kern der Sorge in dieser langen Reihe von "Hysterien" immer gegeben war und sogar wichtige Weichenstellungen, zumal in der Umweltpolitik, bewirkt hat. Aber pointiert kann man doch mit Wehler sagen: Die emotional übersteigerte, oft fast panische Furcht ist auch im internationalen Vergleich eine Besonderheit der Bundesrepublik. Warum das so ist: diese Frage beantwortet das Buch allerdings nicht.

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08.09.2008 | 08:00 Uhr

Andreas Rödder: Ohne internationale Dimension

Die Debatte um den NATO-Doppelbeschluss beziehungslos in ein arg kurzes und thematisch obendrein um den gesamten Integrationsschub der achtziger Jahre verkürztes Kapitel über die Europapolitik einzuzwängen, zeugt von Wehlers mangelndem Verständnis für die außenpolitische und internationale Dimension (so ist seiner enormen Belesenheit, ausweislich der obligaten Sammelfußnote, auch die gesamte reichhaltige Forschung der internationalen Cold War History entgangen).

War schon die These vom "Sozialimperialismus" deutlich meinungsstärker als kenntnisreich ausgefallen, so stellen auch die kurzen Ausführungen zum NATO-Doppelbeschluss in erster Linie ein politisches Bekenntnis dar – was nicht bedeutet, dass daran nicht manches richtig wäre: zum Beispiel, dass Gorbatschows äußere Politik mit ihrer welthistorischen Bedeutung wider Willen mehr mit dem Doppelbeschluss von Brüssel 1979 als mit der Schlussakte von Helsinki 1975 zu tun hatte.

Aber so einfach, wie es bei Wehler klingt, waren die Dinge dann doch nicht. Über die sowjetischen Intentionen zwischen regulärer Modernisierung und bewusster Offensive wissen wir verlässlich letztlich wenig (jedenfalls weniger, als Wehler schreibt), zumal es Hinweise gibt, dass die sowjetische Expansion in der dekolonisierten ‚Dritten Welt’ viel eher offensiv motiviert war als die europäische Raketenrüstung.

Und der NATO-Doppelbeschluss hatte seine eigenen Probleme, nicht zuletzt grundlegende Zielkonflikte und innere Widersprüchlichkeiten zwischen lange geplanter Modernisierung (die auf eine Stationierung zusätzlicher westlicher Mittelstreckenraketen hinauslief) und Rüstungskontrolle (die auf die Verhinderung der Stationierung zielte). Entscheidend aber war etwas anderes: dass nämlich die NATO nach dem Debakel um die Neutronenbombe 1977 in eine tiefe innere Krise geraten war und es nun um den Zusammenhalt des Bündnisses nach innen sowie die Aufrechterhaltung seiner Glaubwürdigkeit nach außen ging. Daher dominierte in der Kontroverse um den Doppelbeschluss der äußere Systemzwang über sachliche Bedenken und über innergesellschaftlichen Protest.

Dass diese gesamte internationale Dimension, die doch die deutsche Nachkriegsgeschichte auf beiden Seiten so nachdrücklich geprägt hat, Wehlers System der "Achsen" ganz grundsätzlich entgeht, zeigt einmal mehr, wie sehr eine dezidiert theoriegeleitete Geschichtsschreibung zum Reduktionismus neigt. Vom ursprünglich erhobenen Anspruch einer "Totalgeschichte", auch als "Richtwert", ist es jedenfalls zu weit entfernt.

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08.09.2008 | 08:00 Uhr

Dan Diner: Gedächtnisgeschichtliche Endmoräne

Kaum eine Geschichte scheint so vergangen zu sein wie die des Kalten Krieges – und dies trotz einer um sich greifenden überbordenden aktuellen Rhetorik, die so etwas wie Wiederholung insinuiert. Wer nach Parallelen und Analogien zur Gegenwart fahndet, der möge besser die historischen Bilderwelten des 19. Jahrhundert bemühen – etwa Konstellationen wie die des Krim-Krieges oder ähnlich gehaltener Lagen. Nein, der Kalte Krieg ist eine verschollene Epoche – und dies im wesentlichen deshalb, weil sich der ihn tragende Gegensatz machtgestützter Ideologien sich gleichsam in Luft aufgelöst hat. Ohne Fortsetzung in die Gegenwart hinein verfällt indes auch das an diese Zeit gebundene Gedächtnis. Es hält sich der Eindruck, diese Zeit hätte es nicht gegeben - eben deshalb das Bild von der verschollenen Epoche.

Was bedeutet dies für eine historische Bewertung der Friedensbewegung? Hans-Ulrich Wehler hat für dieses ausgesprochen bundesrepublikanische, deutsche Phänomen nur knappe zwei Seiten übrig. Und diese sind nicht gerade schmeichelhaft. Nun hat die Geschichte den Kritikern der Friedensbewegung Recht gegeben. Die Stationierung der amerikanischen Mittelstreckenraketen zur Wiederherstellung des Gleichgewichts in Mitteleuropa haben nicht zu einer nuklearen Katastrophe geführt. Mehr noch: sie haben, wenn nicht gar zum Zusammenbruch der Sowjetunion, so doch zur Beschleunigung ihres Niedergangs beigetragen. Aber indem Wehler eben nur urteilend resümiert, mögen ihm so manche subkutane und von der Friedensbewegung an die Oberfläche gespülten Zusammenhänge entgangen sein. Und diese haben mit der gedächtnisgeschichtlichen Endmoräne des Zweiten Weltkrieges zu tun – ein Zusammenhang, der Wehler zwar biographisch hätte nahe kommen können, den er sich indes methodisch, dem Zugriff der Gesellschaftsgeschichte folgend, aber vom Leib hält.

Die Friedensbewegung als Ausdruck eines kollektiv zu Tage getretenes Bewußtseinsphänomens hatte beseite geschobene, mit dem Zweiten Weltkrieg verbundenen Restängste an die Oberfläche getragen. Eine genaue Analyse der politischen Sprache, der exaltierten Rethorik und der in den politischen Raum hinein getragenen Bilderwelten würden aller Wahrscheinlichkeit ein Kaleidoskop der spezifischen, mit dem Zweiten Weltkrieg verbundenen verpuppten deutschen Erfahrungsbestände offenbaren. Hier mischten sich Bestrafungsängste und Wiederholungsphobien. Zudem waren interessante transgenerationelle Übertragungsrituale von den Älteren auf die Jüngeren und die ganz jungen zu beobachten. All dies will nicht heißen, dass die Friedensbewegung allein von irrationalen, der deutschen Geschichte geschuldeten Phobien motiviert gewesen war. Aber der Vergleich mit anderen europäischen Gemeinwesen mag durchaus nahe legen, dass hier ebenjene gedächtnisgeschichtliche Endmoräne des Zweiten Weltkrieges ihre spezifische Wirkung tat.

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Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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