
Hans-Ulrich Wehler: Sammel-Replik
Fahrmeier fabuliert eine empirisch nicht haltbare Gegenposition zu meiner vermutlich allzu kurzen Behandlung der Nachrüstung und des Doppelbeschlusses samt ihren Folgen. Demgegenüber bezieht Scholtysek eine rundum einleuchtende Position; nicht zuletzt trifft seine Schlussbemerkung ins Schwarze, da die Protestbewegung der 80er Jahre sich als Folge ihrer verdienten Niederlage von einer realistischen Auseinandersetzung mit der Außenpolitik abgewendet hat. Bis heute stemmen sich ihre Erben vom Afghanistan-Einsatz, d.h. aber von einem Bündnis ab, das fast 60 Jahre mit geholfen hat, auch Deutschland den Frieden zu erhalten. Rödders Kritik trifft, da er viel sachkundiger ist, als ich es bin, öfters zu. Aber grundsätzlich wäre der Begriff der "Achse" weit genug, um unter dem Stichwort der "Politischen Herrschaft" auch diese Außen- und sicherheitspolitischen Dimensionen präziser mit einzubeziehen. Man muss dazu nur mehr Interesse an der internationalen Politik mitbringen.
Noltes Betonung des Umstandes, dass panische Furcht und hysterische Angst (das Wort avancierte damals in den internationalen Sprachschatz) in der deutschen Friedensbewegung besonders ausgeprägt waren, lenkt noch einmal auf die von mir nicht hinreichend geklärten Ursachen dieser kurzlebigen Massenstimmung hin. Früher hatte er im Lesesaal darin auch ein Erbe des deutschen Protestantismus vermutet. Das leuchtet mir noch immer ein. Ganz so wie Diners prägnantes Bild von der "gedächtnisgeschichtlichen Endmoräne" des Zweiten Weltkriegs und natürlich auch sein Urteil, dass die Geschichte unter dem Strich den Kritikern der Friedensbewegung Recht gegeben hat.
Kielmansegg abwägenden Überlegungen, die mein Plädoyer für eine enge Kooperation mit den eher systematisch argumentierenden Nachbarwissenschaften unterstützen, kann ich nur zustimmen, zumal er auf die langlebigen positiven Folgen des deutschen Bestehens auf Doppelbeschluß und Nachrüstung abhebt.
Wirsching dagegen betont, guter Historismus, die Offenheit der Entscheidungssituation ungleich stärker, da zwei konträre, aus dem Weltkriegstrauma herrührende Einstellungen und Erfahrungen aufeinander prallen. Meines Erachtens bleibt das Interessenkalkül, das damals schon die Zeitgenossen anstellen konnten, der zentrale Bezugspunkt, und da bleiben die sorgfältig aufgeführten Argumente von Kielmansegg und Scholtysek schlüssiger als die realitätsfernen apokalyptischen Angstausbrüche einer Massenbewegung. Auch indirekt hat die Friedensbewegung ihr Ziel nicht erreicht. Die historische Figur Gorbatschows, die eklatante Lernunfähigkeit des Sowjetsystems, seine Überanstrengung im neuen Rüstungswettlauf, seine Kräfteverpulverung in Afghanistan, die Dissidentenbewegungen im Satellitengürtel – all das hat sie nicht heraufgeführt, geschweige denn, dass sie es war, die bis 1989/91 die atomare Strategie deligitimiert hätte.
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