
Hans-Ulrich Wehler: Sammel-Replik
Hier hatte ich noch lebhafteren Protest gegen meine These von der Renaissance des deutschen Bürgertums nach 1945, erst Recht gegen die Behauptung sozialhistorischer Kontinuität erwartet. Nicht wenige Sozialwissenschaftler und Historiker haben mir diese Kontinuität über 1914/1933/1945 hinaus bestritten. Meine Interpretation des bürgerlichen Wiederaufstiegs wie Phönix aus der Asche lief nicht auf die gleichbleibende Identität, sondern auf einen Formwandel unter den Bedingungen erstaunlicher sozialer und mentaler Kontinuität hinaus.
Selbstverständlich ist heute der Studienrat nicht mehr wie 1914 an zwei bis drei Dienstmädchen und der Verweigerung des Grußes an den hutlosen Arbeiter zu erkennen. Doch in der akademischen Intelligenz, die weithin aus dem Bildungsbürgertum hervorgegangen ist, laufen zahlreiche Kontinuitätslinien weiter. Dasselbe gilt für das höhere Wirtschafts- und Kleinbürgertum. Auch vom bürgerlichen Wertehimmel hat sich auffällig viel erhalten. Trotz der Verwirbelungen der deutschen Gesellschaft insbesondere seit 1933/1945 und dank der enormen Wohlfahrtssteigerung mit ihrem allgemeinen Fahrstuhleffekt haben sich bürgerliche Sozialformationen erhalten, die sich vor allem kraft der Distinktionsmacht der "feinen Unterschiede" ohne die älteren scharfen Klassenantagonismen weiter halten, zumal die traditionellen Feindlager des Adels und des Proletariats die bürgerliche Welt nicht mehr weithin konstituieren.
Deshalb vermag ich Budes These von der "formgebenden Diskontinuität" nicht zu folgen. Es geht keineswegs primär um den Konsumstil. Für Bourdieu, dem ich öfters folge, ist der Kampf um kulturelle Distinktion immer auch zugleich eine Dimension des Kampfes um Herrschaftschancen, um das Obenbleiben. Das lässt sich am Bildungsverhalten, am Arbeitsethos, überhaupt am Wertekanon, am Heiratsmarkt usw. überzeugend, wie ich finde, verfolgen.
Aus solchen Gründen halte ich auch die erneut vorgetragene Verteidigung von Wildts Konsumbürger für zu einseitig. Zugegeben, in der Konsumgesellschaft agieren auch Bürgerliche als wache Konsumenten. Doch ihr Bildungsverhalten, ihr Wertehimmel, ihr Heiratsmarkt. Sie dienen doch keineswegs primär der gesicherten Teilnahme am Konsum. Das Dilemma meiner These bleibt freilich, dass sich die gegenwärtigen bürgerlichen Formationen schwer politisch koordinieren lassen. Der bürgerliche Politikblock bleibt ein Wunschtraum. Die staatsbürgerliche und sozialstaatliche Demokratie wird zu selten als bürgerliche Leistung, die sie ja auch ist, in Anspruch genommen.
Hettling hat Recht, dass eine bürgerliche Zielutopie heutzutage auf erhebliche Schwierigkeiten trifft. Die sozialhistorische Welt der bürgerlichen Formationen, ihr Wertekanon, ihre Mentalität, zumal angesichts der verbürgerlichten Angestelltenschaft und der kräftigen Verbürgerlichungstendenzen in der Arbeiterschaft, um einen solchen Entwurf zu bereichern, müsste eigentlich ein auch parteipolitisch lohnendes Projekt sein.
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