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Podium:

Wie bürgerlich ist die deutsche Gesellschaft?

Mit der bürgerlichen Idylle schien es nach dem Zweiten Weltkrieg endgültig vorbei: Nationalsozialismus und Krieg hatten die Werte und die Macht des Bürgertums unterhöhlt. In der DDR wurden die bürgerlichen Schichten systematisch in Nischen oder in den Westen gedrängt. Umstritten ist die Lage in der Bundesrepublik: Gibt es einen ewigen Niedergang des Bürgertums und seiner Normen? Oder hat sich Bürgerlichkeit trotz aller Wandlungen als zäh und überlebensfähig erwiesen - in Politik, Gesellschaft und Kultur?

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Beiträge

Hans-Ulrich Wehler
15.09.2008 | 14:49 Uhr

Hans-Ulrich Wehler: Sammel-Replik

Hier hatte ich noch lebhafteren Protest gegen meine These von der Renaissance des deutschen Bürgertums nach 1945, erst Recht gegen die Behauptung sozialhistorischer Kontinuität erwartet. Nicht wenige Sozialwissenschaftler und Historiker haben mir diese Kontinuität über 1914/1933/1945 hinaus bestritten. Meine Interpretation des bürgerlichen Wiederaufstiegs wie Phönix aus der Asche lief nicht auf die gleichbleibende Identität, sondern auf einen Formwandel unter den Bedingungen erstaunlicher sozialer und mentaler Kontinuität hinaus.

Selbstverständlich ist heute der Studienrat nicht mehr wie 1914 an zwei bis drei Dienstmädchen und der Verweigerung des Grußes an den hutlosen Arbeiter zu erkennen. Doch in der akademischen Intelligenz, die weithin aus dem Bildungsbürgertum hervorgegangen ist, laufen zahlreiche Kontinuitätslinien weiter. Dasselbe gilt für das höhere Wirtschafts- und Kleinbürgertum. Auch vom bürgerlichen Wertehimmel hat sich auffällig viel erhalten. Trotz der Verwirbelungen der deutschen Gesellschaft insbesondere seit 1933/1945 und dank der enormen Wohlfahrtssteigerung mit ihrem allgemeinen Fahrstuhleffekt haben sich bürgerliche Sozialformationen erhalten, die sich vor allem kraft der Distinktionsmacht der "feinen Unterschiede" ohne die älteren scharfen Klassenantagonismen weiter halten, zumal die traditionellen Feindlager des Adels und des Proletariats die bürgerliche Welt nicht mehr weithin konstituieren.

Deshalb vermag ich Budes These von der "formgebenden Diskontinuität" nicht zu folgen. Es geht keineswegs primär um den Konsumstil. Für Bourdieu, dem ich öfters folge, ist der Kampf um kulturelle Distinktion immer auch zugleich eine Dimension des Kampfes um Herrschaftschancen, um das Obenbleiben. Das lässt sich am Bildungsverhalten, am Arbeitsethos, überhaupt am Wertekanon, am Heiratsmarkt usw. überzeugend, wie ich finde, verfolgen.

Aus solchen Gründen halte ich auch die erneut vorgetragene Verteidigung von Wildts Konsumbürger für zu einseitig. Zugegeben, in der Konsumgesellschaft agieren auch Bürgerliche als wache Konsumenten. Doch ihr Bildungsverhalten, ihr Wertehimmel, ihr Heiratsmarkt. Sie dienen doch keineswegs primär der gesicherten Teilnahme am Konsum. Das Dilemma meiner These bleibt freilich, dass sich die gegenwärtigen bürgerlichen Formationen schwer politisch koordinieren lassen. Der bürgerliche Politikblock bleibt ein Wunschtraum. Die staatsbürgerliche und sozialstaatliche Demokratie wird zu selten als bürgerliche Leistung, die sie ja auch ist, in Anspruch genommen.

Hettling hat Recht, dass eine bürgerliche Zielutopie heutzutage auf erhebliche Schwierigkeiten trifft. Die sozialhistorische Welt der bürgerlichen Formationen, ihr Wertekanon, ihre Mentalität, zumal angesichts der verbürgerlichten Angestelltenschaft und der kräftigen Verbürgerlichungstendenzen in der Arbeiterschaft, um einen solchen Entwurf zu bereichern, müsste eigentlich ein auch parteipolitisch lohnendes Projekt sein.

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09.09.2008 | 10:26 Uhr

Heinz Bude: Experimentierfeld Bundesrepublik

Bei diesem klassischen Bielefelder Thema wird deutlich, wie Wehler am Ende seinen Gegenstand verpasst. Er will die Frage nach der Bürgerlichkeit der Bundesrepublik in die lange und wechselvolle Geschichte des deutschen Bürgertums einordnen und verliert vor lauter Belegen für die auffällige Kontinuität den Sinn für die formgebende Diskontinuität in der bundesrepublikanischen Performanz von Bürgerlichkeit.

Die entsprechenden Beobachtungen kommen bei ihm durchaus vor: Was bedeutet es, wenn die Sozialfigur des Bergassessors, wie sie von H.-G. Sohl oder H. Winkhaus verkörpert wurde, durch den Typ des Krisenmanagers à la Cromme oder Rohwedder ersetzt wurde? Wie ist die Transformation des Bildungsbürgertums zur akademischen Intelligenz zu verstehen? Was heißt es für das Selbstverständnis bürgerlichen Schichten, wenn der Bildungsanspruch zum Berechtigungswesen akademischer Diplome degeneriert ist?

In der nüchternen Darlegung der bürgerlichen Klassenlagen nach Maßgabe der Kategorien Max Webers ist Wehler überzeugend; aber das Ständische in den bundesrepublikanischen Sozialökologie, um bei Webers Begriffen zu bleiben, bekommt er nicht zu fassen. Da soll der hierzulande immer noch sehr überschätzte, aber weitgend unverstandene Bourdieu alles erklären.

Dabei muss man sich den Akzentwechsel von Weber zu Bourdieu vor Augen halten: Der Behauptungskampf der bürgerlichen Schichten hat sich von der politischen Herrschaft auf den alltäglichen Konsum verschoben. Die eigentliche Leistung von Bourdieu besteht darin, dass er anschaulich gemacht hat, wie auch das Bürgertum in der "einsamen Masse" um seinen Platz kämpfen muss. Deshalb ist es so wichtig, die Signale von Seinesgleichen zu verstehen, deshalb muss man darauf achten, dass keine fremden Elemente in die eigenen Verkehrs- und Heiratsmärkte eindringen, deshalb sind Dresscode und Geschmacksvarianten wichtiger als politische Überzeugungen und moralische Ansprüche. Bourdieu zeigt ein Bürgertum, das von der Nervösität der Distinktion befallen ist, weil ihm die soziopolitische Konfliktlage zwischen Adel und Proletariat abhanden gekommen ist. Ich fürchte, die starken Punkt bei Bourdieu hat Wehler nicht verstanden.

Das ist nicht nur ein "verändertes Gewand, das die Machtdimension zu verhüllen vermochte", sondern Ausdruck eines inneren Wandels im Bürgertum selbst, das sich seiner Bürgerlichkeit nicht mehr sicher ist. Anders als das von Bourdieu beschriebene Frankreich ist die Bundesrepublik ein bemerkenswertes Experimentierfeld dieses modernen Wandels in der bürgerlichen Performanz. Die Wahlerfolge von Berlusconi in Italien, die tiefe Irritation der Niederlande durch die beiden politischen Morde an Pim Fortuyn und Theo van Gogh kann man als Anzeichen dafür nehmen, dass auch im Nachkriegseuropa das Bürgertum politisch verschwindet. Wie eine Sozialformation, deren Kulturmuster neben dem Leitungsgedanken und dem Selbstsozialisationsideal immer auch die Vorstellung politischer Teilhabe und besonderer Gemeinwohlverpflichtung mit sich geführt hat, sich der Politik entzieht und der Gesellschaft überantwortet - eine Erklärung hierfür wäre die Aufgabe gewesen.

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09.09.2008 | 08:06 Uhr

Manfred Hettling: Solide, kaum strahlend

Marx hat zwischen der Klasse 'an sich' und der Klasse 'für sich' unterschieden. Diese Differenz kann man auf das Bürgertum nach 1945 übertragen. Einerseits bestand eine Vielzahl von sozialen Unterschieden fort. Die Besitz- und Vermögensstrukturen haben die Katastrophen der ersten Jahrhunderthälfte erstaunlich zäh überstanden. Darin ist Wehlers Beschreibung uneingeschränkt zuzustimmen. Auch die kulturellen Güter - das, was das neuhumanistische Bildungsideal und die bürgerliche Kultur des 19. Jahrhunderts geprägt haben - bestanden fort, nicht nur im Theater, im Museum, sondern etwa auch bei den Rotariern.

Aber gibt es ein positiv besetztes Selbstbild von Bürgerlichkeit, ein emphatisches Bekenntnis, etwa in dem Sinne: Ich bin glücklich, ein Bürger zu sein? Wann hätte Derartiges öffentliche Debatten in der Bundesrepublik geprägt? Gestritten wurde eher um Bekundungen wie: Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein. Bürgerlich zu sein ist im Selbstverständnis der deutschen Gesellschaft etwas Solides, kaum etwas Strahlendes. Umfragen zeigen, daß etwa drei Fünftel der Bundesdeutschen sich darin einig sind, daß Fleiß, Ruhe und Ordnung, Anstand, Vertrauenswürdigkeit, die Verlässlichkeit als Staatsbürger positiv gesehen und als bürgerliche Werte verstanden werden. An der Spitze dieser Skala steht die Qualität, sich für das Wohlergehen der Familie einzusetzen (62 Prozent).

Doch darauf ist keine Zielutopie aufzubauen, in die ökonomische Konkurrenz, politische Verfassung, nationale Tradition, rechtliche Freiheit und kulturelle Identität in einen stimmigen Entwurf integriert werden könnte. Als politische Ordnungsideen dienen bei uns staatsbürgerliche Demokratie und Sozialstaat. Das Bürgerliche hingegen wird heute meist nur als private Ressource verstanden - leider.

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09.09.2008 | 08:00 Uhr

Michael Wildt: Der neue Konsumbürger

Wehlers Überlegungen auf die Frage nach der Kontinuität des Bürgertums über 1945 hinaus sind ausgesprochen aufschlussreich, weil er sie weniger mit sozialstatistischen Daten als mit der Distinktionstheorie des französischen Soziologen Pierre Bourdieu beantwortet. Bürgerlichkeit, so Wehler, werde durch eine bestimmte Form der Lebensführung, durch die Pflege "feiner Unterschiede" demonstriert, die längst die Abgrenzungen zu Adel und Arbeiterschaft abgelöst hätten.

Muss man dann aber nicht Bourdieus Konsequenz folgen, und statt nach Bürgertum nach Habitus und Stil als Differenzkriterium forschen? Oder noch anders: Bringt nicht der Massenkonsum, der nach 1945 zu dem entscheidenden Feld der Distinktion wurde, nicht einen neuen Typus von Bürger hervor: den Konsumbürger, den citizen consumer?
Dieser Konsumbürger unterscheidet sich vom Wirtschafts- wie vom Bildungsbürger vergangener Jahrzehnte. Sein Kapital gründet sich weder auf die Produktion von Waren noch auf den Erwerb symbolischen Gewinns durch Wissenschaft und Kunst, als vielmehr auf das Vermögen, mit einer allgegenwärtigen Warenwelt umzugehen, in ihr einen sozialen Ort wie eine individuelle Identität zu finden.

In der "Konsumgesellschaft" geht es nicht mehr nur darum, wie Pierre Bourdieu schrieb, "sich vom Gewöhnlichen zu unterscheiden, sondern sich auf unterschiedliche Weise zu unterscheiden." Aus der Vielzahl der Konsumoptionen einen distinkten Stil zu entwickeln, wurde zur Hauptaufgabe der Konsumenten.

Dieser Konsumbürger ist nach 1945 zum bestimmenden Typus in den europäischen Massenkonsumgesellschaften geworden: mit allen gleich und doch allein auf sich gestellt; liberté übersetzt sich für ihn als Freiheit der Wahl; Universalität bedeutet ihm die unbeschränkte Käuflichkeit der Welt.

In einer erstaunlich kurzen Zeit und begünstigt durch eine singuläre wirtschaftliche Prosperitätsphase in den Industrieländern nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich die von Krieg und Gewalt verwüsteten Gesellschaften, insbesondere die deutsche "Volksgemeinschaft", die zu kaum vorstellbaren Verbrechen in der Lage gewesen war, zu Zivilgesellschaften entwickelt, woran die Orientierung auf den Konsum ohne Zweifel ihren Anteil hatte. Der Konsumbürger ist eindeutig ein Zivilbürger.

Doch hat die Zivilisierung durch den Massenkonsum ihren Preis: Sie geht mit einer Entpolitisierung einher. Daran gewöhnt, Freiheit mit einer großen Auswahl an Optionen gleichzusetzen, erliegt der Konsumbürger der Versuchung, Demokratie für ein Warenhaus zu halten. Die Einsicht, öffentliches, "verschwenderisches" soziales Engagement ebenso wie globale Verantwortung aufzubringen, ist ihm eher fremd. Der Konsumismus als Politik verkümmert zur individuellen Wahlentscheidung, Öffentlichkeit bleibt den staatlichen Institutionen und Parteien überlassen - die Bundesrepublik Deutschland steht als eine "Konsumdemokratie" da, die ihre wirkliche Belastungsprobe derzeit gerade erst noch zu bestehen hat.

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Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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