Der jüngst erschienene fünfte Band von Hans-Ulrich Wehlers "Deutscher Gesellschaftsgeschichte" enthält auch einen Abschnitt über den sogenannten "Historikerstreit" der Jahre 1986-1988 und dessen "Schlüsselfigur" Ernst Nolte. Es handelt sich, wie zu zeigen sein wird, nicht um eine der zahlreichen Kontroversen zwischen einzelnen Historikern oder Autoren, sondern es kommen die grundlegenden Konzepte der Wehlerschen Geschichtsauffassung ins Spiel, und deshalb kann eine Auseinandersetzung lohnend sein.
Gleich zu Beginn spricht Wehler dieser zweiten Kontroverse der Nachkriegszeit - im Gegensatz zu der ersten, der "Fischer-Kontroverse" der frühen sechziger Jahre - den Charakter der "primär wissenschaftlichen Auseinandersetzung" ab; es habe sich vielmehr um einen "öffentlichen Streit um das Selbstverständnis der Bundesrepublik" gehandelt, der im "dumpfen Klima" der "Wendepolitik" der Regierung Kohl durch die Äußerungen einiger Historiker über die Natur des Nationalsozialismus den Eindruck erweckt habe, diese Wendepolitik solle "durch einen scharfen Kurswechsel in der historischen Deutung der jüngsten deutschen Vergangenheit unterfüttert werden".
Diese wenigen Historiker, die sich gegen einen offenbar längst vorhandenen Konsens in den Dienst einer "neuen Politik" stellten, waren Andreas Hillgruber, Michael Stürmer sowie jene "Schlüsselfigur" namens Nolte, und in einer "fulminanten Attacke" trat ihnen Jürgen Habermas entgegen. Wie Habermas selbst vor mehr als zwanzig Jahren richtet Wehler seine Kritik in erster Linie gegen Nolte, dessen Fehldeutung die gravierendste sei.
Dabei nahm Nolte "stets eine gewisse Außenseiterposition" ein, nachdem ihm durch sein "Erfolgsbuch" von 1963 über den "Faschismus in seiner Epoche" ein beachtliches Maß an Aufmerksamkeit zuteil geworden war. Schon in diesem Buch hatte er den Nationalsozialismus als das Phänomen eines "aktivistischen Antimarxismus" zu begreifen gesucht, "dem er den Antisemitismus als dominierende Antriebskraft durchaus unterordnete". Auf der Grundlage der Vorstudien zu einem neuen Buch über den "Europäischen Bürgerkrieg von 1917-1945" veröffentlichte er im Juni 1986 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen Artikel, "der zum Auslöser des künftigen Streits werden sollte". Darin "reduzierte" er (nach Wehler anscheinend zum ersten Male) den Antimarxismus des Nationalsozialismus auf den Antibolschewismus, und unter diesem Zeichen habe die Hitler-Bewegung, "erfüllt von der existentiellen Angst vor dieser asiatischen Gefahr, vor der Praxis der Klassenvernichtung und vor dem Gulag", ihre Feinde bekämpft. Dadurch habe Nolte den Nationalsozialismus "zu einer durchaus verständlichen Abwehrbewegung stilisiert", und später habe er sogar von Hitler als dem "bürgerlichen Anti-Lenin" gesprochen. Mit einer ganz ähnlichen Stilisierung habe Goebbels das Dritte Reich "zum Verteidiger der europäischen Zivilisation gegen die bolschewistischen Horden" gemacht. Durch die Herstellung eines solchen Nexus zwischen dem früheren und dem späteren Phänomen habe Nolte aber das "weltgeschichtliche Unikat" der nationalsozialistischen Politik, "die angestrebte Vernichtung der europäischen Judenheit", auf auffällige Weise in den Hintergrund gerückt und auf eine Ausrottung "des jüdischen Bolschewisten reduziert". Der gesamte Duktus seiner Argumentation laufe darauf hinaus, im Bolschewismus und in dessen Staat, der Sowjetunion . . . "den ursprünglich Schuldigen" der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik zu sehen, und damit würden deren Ursachen "geradezu klassisch externalisiert". So werde - ob gewollt oder nicht - "der Eindruck einer bizarren Apologetik" erweckt, die das nationalsozialistische Rassenprogramm und die Judenvernichtung "wider alle historischen Kenntnisse" zu Sekundärphänomenen mache, während der Bolschewismus als "Initialzündung des Unheils" erscheine. Als Untergrund dieser Argumentation sei aber "ein unverschnörkelter Nationalismus" sichtbar geworden, der "die Deutschen endlich von der Hauptschuld am Weltkrieg und Judenmord befreien" wollte.
Wenn diese Darstellung richtig ist, stellt die Noltesche Interpretation tatsächlich das schroffste aller möglichen Gegenbilder zu der (nicht erst seit 1986) "politisch korrekten" Auffassung dar, die Wehler, so könnte man sagen, "geradezu klassisch" artikuliert.
Aber es gibt von vornherein einen Tatbestand, der ernste Zweifel hinsichtlich der Richtigkeit weckt. Als jenes "Erfolgsbuch", "Der Faschismus in seiner Epoche", erschienen war, da war unter den vielen positiven Rezensionen keine zu finden, die so positiv, ja geradezu enthusiastisch war wie diejenige, die der junge Hans-Ulrich Wehler in einer soziologischen Zeitschrift publizierte, und wenn der Verfasser unzweifelhaft ein von der Philosophie herkommender "Quereinsteiger" war, so sah Wehler in ihm dennoch keinen "Außenseiter", denn ein bloßer Außenseiter oder Dilettant hätte nicht das Buch schreiben können, das Wehler für "das bedeutendste Buch" erklärte, "das der deutschen Geschichtsschreibung seit mehr als zwei Jahrzehnten zugewachsen ist". Sofern man nicht annimmt, dass Wehler damals ein ausgeprägter "Rechter" gewesen sei, nahm er also zu diesem Zeitpunkt keine "bizarre Apologetik", keine Herabsetzung der Bedeutung des Antisemitismus, keine Stilisierung des Nationalsozialismus zur "bloßen Abwehrbewegung" und keine Ähnlichkeit mit der Goebbels-Propaganda wahr.
Bevor er sich jetzt zu einer so scharfen Kritik entschloss, hätte er sich also eine naheliegende Vorfrage stellen müssen, nämlich: Was waren die Ursachen des Irrwegs, den Nolte irgendwann um 1970 eingeschlagen haben musste, und die aus einem Internationalisten einen Nationalisten, aus einem Faschismuskritiker einen Philofaschisten, aus einem Philosemiten einen Antisemiten gemacht hatten? Und hatte nicht noch 1985 ein israelischer Historiker in der "Historischen Zeitschrift" den Beginn der wünschenswerten, aber doch nicht stattgefundenen Wendung in der deutschen Geschichtswissenschaft hinsichtlich der zentralen Bedeutung des Holocaust ausgerechnet diesem Autor zugeschrieben, und war in jenem Erfolgsbuch nicht zu lesen, die vorliegende Interpretation gebe den Millionen von Hitlers Opfern "die höchste aller Ehren, nämlich dass sie nicht als Opfer eines widerwärtigen Verbrechens starben, sondern als Stellvertreter bei dem verzweifeltsten Angriff, der je gegen das menschliche Wesen und die Transzendenz in ihm geführt wurde"?
Oder war jener Irrweg doch schon in der ersten Definition des Faschismus enthalten, die Wehler unmöglich überlesen haben konnte: Faschismus sei "Antimarxismus, der den Gegner durch die Ausbildung einer radikal entgegengesetzten und doch benachbarten Ideologie und die Anwendung von nahezu identischen und doch charakteristisch umgeprägten Methoden zu vernichten" trachte. Dann müsste er sich eingestehen, in seiner Jugend blind gewesen zu sein. Oder ist jede der beiden Denkweisen unzureichend, um ein inzwischen vorliegendes Lebenswerk auf angemessene Weise zu kennzeichnen?
Vielleicht gibt gerade der fünfte Band der Wehlerschen Gesellschaftsgeschichte darauf wenigstens den Anfang einer Antwort. Dieser ist ja keineswegs nur die Analyse der "Gesellschaft" der Bundesrepublik. Sie ist auch der Umriss und die Analyse einer primär politischen Geschichte, nämlich der Geschichte der DDR.
Diese ist nach Wehler das Werk der "deutschen Bolschewiki", die im Gefolge der siegreichen sowjetischen Besatzungsmacht ihren Staat als "totalitäre Parteidiktatur eines Okkupationskommunismus" schufen. Sie errichteten den "deutschen Gulag", in dem "mindestens 70 000 Menschen starben". Sie zerstörten durch ihre Kollektivierung der Landwirtschaft "die selbstbewusste bäuerliche Existenz"; sie vernichtete die "Sozialfigur des selbständigen Unternehmers", diese "Inkarnation des Klassenfeindes", und zwar offenbar als zwingende Konsequenz ihrer Ideologie; sie installierten sich selbst als eine "neue, durch und durch politisch konstituierte Machtbesitzerklasse", die lediglich auf propagandistische Weise das Proletariat als welthistorisches Subjekt heroisierte, welches den Übergang "in den säkularisierten Garten Eden der kommunistischen Zukunftsgesellschaft bewirken sollte". Nie vor dem Jahr 1933 hatte es in der deutschen Geschichte etwas auch nur entfernt Vergleichbares gegeben. Wehler attestiert jedoch wohl auch deshalb den Kommunisten der DDR ein vollständiges Scheitern und reduziert ihren Staat auf eine "Fußnote der Geschichte".
Aber es handelt sich doch um eine sonderbare Fußnote. Die Kommunisten der DDR steigerten ja zum Beispiel in den Universitäten den Anteil der Professoren aus Arbeiter- und Angestelltenfamilien von vier auf 42 Prozent, und das war doch nach alten Wehlerschen Begriffen "progressiv". Ja, müsste Wehler nicht sich selbst trotz aller negativen und herabsetzenden Urteile eine gewisse Sympathie mit den Grundbestrebungen der DDR zuschreiben, da er den Begriff der "Sozialen Ungleichheit" zu einem Zentralbegriff macht und nicht nur mit den konkreten Kämpfen gegen bestimmte Formen der sozialen Ungleichheit sympathisiert, sondern nicht ganz selten den Eindruck erweckt, letzten Endes gehe es ihm um die "Abschaffung" der Ungleichheit?
Und wenn es für die Kommunisten einen "Primärschuldigen" gibt, nämlich "den Kapitalismus", findet diese Auffassung nicht heute auch unter Nichtkommunisten viel an Zustimmung? Gehörte der Bolschewismus nicht zu jenen "großen Ideologien", die willens und imstande sind, die Welt wesentlich zu verändern, und deren Größe der Schrecklichkeit nahe benachbart, ja manchmal damit identisch ist?
Man liest bei Wehler jedoch auch eigenartige und schwerlich ganz "korrekte" Aussagen über den Nationalsozialismus. Dieser war eine charismatische Führerdiktatur, er erkannte in gewissen Grenzen Privateigentum an und steigerte das Leistungsprinzip, er vollzog die für den Kommunismus kennzeichnende und "jeder politischen Modernisierung hohnsprechende Entdifferenzierung" allenfalls in geringem Maße: Er blieb also in seinem Alltagsbild der westlichen Welt erheblich näher als der Bolschewismus. Er war eine Extremform des gemeineuropäischen Massennationalismus und befand sich mithin nicht etwa außerhalb des übergreifenden Demokratisierungsprozesses.
Aber Wehler bleibt in seinem Denken wie gelähmt, weil er nur den im Grunde absurden Vergleich zwischen der Bundesrepublik und der DDR anstellt und nicht den Schritt zu dem "großen" und adäquaten Vergleich zwischen den Originalphänomenen, dem sowjetischen Bolschewismus und dem deutschen Nationalsozialismus, tut. Dann nämlich wäre sofort klargeworden, dass es Abstufungen zwischen diesen Originalphänomenen gibt und dass der Begriff des "Klassenkampfes" (oder des "Krieges zwischen den Armen und den Reichen", von dem Friedrich Engels sprach) der ältere und tiefer verwurzelte ist. Daher stellte der moderne Begriff des "Rassenkampfes" als Defensivangriff von Seiten der Reichen und vorläufig noch Überlegenen, so klar ausgeprägt er gerade in der Vormacht der Modernität, den Vereinigten Staaten, etwa in Äußerungen des Präsidenten Theodore Roosevelt ohne Zweifel war, eine späte und künstliche Antwort dar. Auch der Nationalsozialismus muss eine "große und zugleich schreckliche" Ideologie genannt werden, aber das ernste Nachdenken fängt erst in dem Augenblick an, wo die Frage gestellt wird, weshalb und wieso die jüngere und als "Reaktion" zu kennzeichnende Ideologie trotzdem oder auch gerade deshalb schrecklicher war und worin eine qualitative Differenz zwischen der kommunistischen "Bürgervernichtung" und der nationalsozialistischen "Judenvernichtung" besteht.
Wenn Wehler diesen Schritt vollzogen hätte, würde er vermutlich dort angekommen sein, wo er schon einmal zu sein glaubte. Aber es ist sein Verdienst, auch die Zukunft in den Blick genommen zu haben, ganz wie seine stupende und freilich sehr "deutsche" Gelehrsamkeit ein bewundernswertes Faktum ist.
Diesen Blick bringt er gleich im Vorwort mit einem Satz zu Wort, der sowohl die Übereinstimmung wie die Differenz zwischen dem "Fachmann" und dem "Außenseiter" erkennen lässt: "Seit den 1990er Jahren verkörpert der militante Islamismus eine politische Pest, wie sie das ,kurze Zwanzigste Jahrhundert' in der Gestalt des Nationalsozialismus und des Bolschewismus erlebt hat." In meinen Augen war weder der Islamismus in seinen sehr verständlichen und märtyrerhaften Anfängen eine "Pest", noch sollten die frühen Phasen des Bolschewismus oder des Nationalsozialismus so gekennzeichnet werden, denn erst die Stöße und Reaktionen der vielfältigen und nicht etwa "guten" historischen Realität konnten ein Resultat hervorbringen, dem man den Namen der schlimmsten Krankheit geben darf. Und für mich handelt es sich nicht um ein bloßes Nebeneinander, sondern in allen drei Fällen um ein Vorspiel der großen gegenwärtigen Auseinandersetzung um den Begriff der "Einheit der Menschheit" zwischen der Verschmelzungsideologie des entschiedenen Egalitarismus und der Konzeption der Selbstbehauptung von Nationen und Kulturen oder, in einer anderen Version, zwischen "Globalisten" und "Antiglobalisten". Vielleicht würde eine Untersuchung über den Islamismus "als dritte radikale Widerstandsbewegung" größere Klarheit schaffen.