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Der Historikerstreit 1986/87 - eine Bilanz

War Hitler eine deutsche Reaktion auf den sowjetischen Kommunismus? Ahmte der Nationalsozialismus den bolschewistischen Terror nach? Mit den Thesen seines Artikels "Vergangenheit, die nicht vergeht", der 1986 in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" erschien, löste der Historiker Ernst Nolte den heftigsten Streit in der bundesdeutschen Intellektuellengeschichte aus. Welche Bedeutung hatte diese Debatte für die politische Kultur? Was davon ist bis heute umstritten?

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Beiträge

Hans-Ulrich Wehler
06.10.2008 | 20:14 Uhr

Hans-Ulrich Wehler: Replik auf Ernst Nolte

Ernst Nolte blickte in dieser Zeitung auf die knappe Darstellung, die der "Historikerstreit" von 1986/1988 im letzten Band meiner "Gesellschaftsgeschichte" gefunden hat (F.A.Z. vom 17. September). Sein Ziel ist es, die Kontinuität und Konsistenz der Argumentation in seinem "inzwischen vorliegenden Lebenswerk" noch einmal zu verteidigen - wie er das in den letzten beiden Jahren in nicht weniger als drei Büchern bereits getan hat. Das geschichtsphilosophische Konstrukt eines Mega-Duells zwischen Bolschewismus und Nationalsozialismus steht unverändert im Mittelpunkt. Der Antimarxismus bleibt die Speerspitze der Ideologie der Hitler-Bewegung und ihres "Dritten Reiches".

Diese Hass-Lehre hatte Nolte schon in seinem Erfolgsbuch von 1963 ("Der Faschismus in seiner Epoche") nachdrücklich hervorgehoben. Allerdings war vielen Rezensenten und Lesern damals nicht aufgefallen, dass damit schon Noltes zugespitzte Position von 1986 vorweggenommen worden sein soll: der welthistorische Zusammenprall des Bolschewismus - Vorbild und Schreckbild zugleich - mit dem Nationalsozialismus. Zu jener Zeit habe ich das Faschismusbuch auch nicht so verstanden. Als Assistent am Kölner Historischen Seminar hatte ich Nolte 1963 kennengelernt, der jenen Dreiervergleich zwischen Action Française, Faschismus und Nationalsozialismus geschrieben hatte. Nach einem Dutzend Jahren intensiver zeitgeschichtlicher Forschung empfand ich diesen ersten Vergleich als imponierende Leistung eines Außenseiters der Historikerzunft, denn Nolte hatte bei Heidegger seine Ausbildung zum Philosophen erfahren.

Kein Historiker hatte bis dahin - und hat seither - bestritten, dass im Ideenmüll des Nationalsozialismus der Antimarxismus eine wichtige Rolle spielte. Aber war er tatsächlich wichtiger als etwa der Radikalnationalismus, der Hitler als seinen Propheten und die NSDAP zwischen 1930 und 1940 emportrug? Erst recht aber gilt: War er wichtiger als der leidenschaftliche Judenhass, den Hitler selber zusammen mit den aus der völkisch-antisemitischen Strömung stammenden NS-Kadern in Vernichtungsaktion übersetzen wollte?

Zugegeben, die Ermordung von Tausenden von deutschen Kommunisten und Sozialdemokraten ist als Ergebnis des Bürgerkriegs, den die Hitler-Bewegung gegen die "marxistische Linke" führte, jedermann bekannt. An der Verachtung der Slawen, die im Nationalsozialismus als "Untermenschen" galten, herrscht so wenig ein Zweifel wie an der Radikalisierung des antisowjetischen Vernichtungskriegs im Osten. Wer kennt nicht Himmlers "Generalsiedlungsplan", der die Eroberung von "Lebensraum" bis zum Ural vorsah und für dieses Germanisierungsexperiment etwa 33 Millionen Russen kaltblütig opfern wollte?

Löst man sich aber von Noltes obsessiver Fixierung auf das gewaltige Armageddon zwischen Bolschewismus und Nationalsozialismus, bleibt doch - in Übereinstimmung mit der gesamten seriösen Forschung - der "Zivilisationsbruch" in Gestalt des Judengenozids in universalhistorischer Perspektive die für immer Entsetzen erregende fundamentale Untat der nationalsozialistischen Rassenpolitik. Ungleich dominierender als der Antimarxismus, erst recht der Bolschewismus, läuft von Anfang an der extreme Antisemitismus als Kontinuitätslinie durch die Geschichte des Nationalsozialismus.

Die Steigerung seiner dumpfen Aversion zu einer genozidalen Mentalität, die Hunderttausende von Tätern und Helfershelfern geteilt haben und die dann sechs Millionen Juden das Leben kostete (ein Viertel von ihnen Kinder unter 14) - dieser mörderische Exzess wird in der Tat als eine "Vergangenheit, die nicht vergeht", im Gedächtnis der Menschheit haftenbleiben. Im Vergleich mit diesem industrialisierten Massenmord ist der Antimarxismus, den so viele autoritäre, konservative, bürgerliche Parteien auch geteilt haben, geradezu eine Phobie zweiter Ordnung.

Hätte sich die Souveränität eines Wissenschaftlers im Rückblick auf sein Lebenswerk nicht gerade darin bewiesen, dass er endlich dem Judenmord den Primat unter allen nationalsozialistischen Untaten, weit vor dem militanten Antimarxismus, unmissverständlich zuerkannt hätte? Wie hartnäckig stattdessen Nolte an seinem Interpretationsschema festhält, zeigt auch seine Verurteilung des Vergleichs von Bundesrepublik und DDR als "absurd", da doch dem allein "adäquaten Vergleich" von Bolschewismus und Nationalsozialismus weiterhin der Vorrang gebühre.

Dieser "große Vergleich" ist nicht aufgrund einer Lähmung vermieden worden, vielmehr gehört er nicht in einen Band über die Zeitspanne von 1949 bis 1990. Im Hinblick auf den vorhergehenden vierten Band der "Gesellschaftsgeschichte" über die Epoche von 1914 bis 1945 hätte Nolte diesen Vergleich anmahnen können, wenn ihm dort der Vergleich von Links- und Rechtstotalitarismus nicht zugesagt hätte. Im Übrigen ist es politisch wie wissenschaftspolitisch ganz und gar unvermeidlich, dass die Bundesrepublik und die DDR verglichen werden; die Gesichtspunkte brauche ich nicht noch einmal zu wiederholen. Aber die Erfahrungen mit der sowjetischen Satrapie in Ostdeutschland und ihr schlimmes Erbe werden auf absehbare Zeit den Vergleich geradezu erzwingen. Durch den erstarrten Großvergleich von Bolschewismus und Nationalsozialismus kann die komparative innerdeutsche Geschichte schlechterdings nicht ersetzt werden.

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23.09.2008 | 12:29 Uhr

Ernst Nolte: Nachdenken über den Nationalsozialismus

Der jüngst erschienene fünfte Band von Hans-Ulrich Wehlers "Deutscher Gesellschaftsgeschichte" enthält auch einen Abschnitt über den sogenannten "Historikerstreit" der Jahre 1986-1988 und dessen "Schlüsselfigur" Ernst Nolte. Es handelt sich, wie zu zeigen sein wird, nicht um eine der zahlreichen Kontroversen zwischen einzelnen Historikern oder Autoren, sondern es kommen die grundlegenden Konzepte der Wehlerschen Geschichtsauffassung ins Spiel, und deshalb kann eine Auseinandersetzung lohnend sein.

Gleich zu Beginn spricht Wehler dieser zweiten Kontroverse der Nachkriegszeit - im Gegensatz zu der ersten, der "Fischer-Kontroverse" der frühen sechziger Jahre - den Charakter der "primär wissenschaftlichen Auseinandersetzung" ab; es habe sich vielmehr um einen "öffentlichen Streit um das Selbstverständnis der Bundesrepublik" gehandelt, der im "dumpfen Klima" der "Wendepolitik" der Regierung Kohl durch die Äußerungen einiger Historiker über die Natur des Nationalsozialismus den Eindruck erweckt habe, diese Wendepolitik solle "durch einen scharfen Kurswechsel in der historischen Deutung der jüngsten deutschen Vergangenheit unterfüttert werden".

Diese wenigen Historiker, die sich gegen einen offenbar längst vorhandenen Konsens in den Dienst einer "neuen Politik" stellten, waren Andreas Hillgruber, Michael Stürmer sowie jene "Schlüsselfigur" namens Nolte, und in einer "fulminanten Attacke" trat ihnen Jürgen Habermas entgegen. Wie Habermas selbst vor mehr als zwanzig Jahren richtet Wehler seine Kritik in erster Linie gegen Nolte, dessen Fehldeutung die gravierendste sei.

Dabei nahm Nolte "stets eine gewisse Außenseiterposition" ein, nachdem ihm durch sein "Erfolgsbuch" von 1963 über den "Faschismus in seiner Epoche" ein beachtliches Maß an Aufmerksamkeit zuteil geworden war. Schon in diesem Buch hatte er den Nationalsozialismus als das Phänomen eines "aktivistischen Antimarxismus" zu begreifen gesucht, "dem er den Antisemitismus als dominierende Antriebskraft durchaus unterordnete". Auf der Grundlage der Vorstudien zu einem neuen Buch über den "Europäischen Bürgerkrieg von 1917-1945" veröffentlichte er im Juni 1986 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen Artikel, "der zum Auslöser des künftigen Streits werden sollte". Darin "reduzierte" er (nach Wehler anscheinend zum ersten Male) den Antimarxismus des Nationalsozialismus auf den Antibolschewismus, und unter diesem Zeichen habe die Hitler-Bewegung, "erfüllt von der existentiellen Angst vor dieser asiatischen Gefahr, vor der Praxis der Klassenvernichtung und vor dem Gulag", ihre Feinde bekämpft. Dadurch habe Nolte den Nationalsozialismus "zu einer durchaus verständlichen Abwehrbewegung stilisiert", und später habe er sogar von Hitler als dem "bürgerlichen Anti-Lenin" gesprochen. Mit einer ganz ähnlichen Stilisierung habe Goebbels das Dritte Reich "zum Verteidiger der europäischen Zivilisation gegen die bolschewistischen Horden" gemacht. Durch die Herstellung eines solchen Nexus zwischen dem früheren und dem späteren Phänomen habe Nolte aber das "weltgeschichtliche Unikat" der nationalsozialistischen Politik, "die angestrebte Vernichtung der europäischen Judenheit", auf auffällige Weise in den Hintergrund gerückt und auf eine Ausrottung "des jüdischen Bolschewisten reduziert". Der gesamte Duktus seiner Argumentation laufe darauf hinaus, im Bolschewismus und in dessen Staat, der Sowjetunion . . . "den ursprünglich Schuldigen" der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik zu sehen, und damit würden deren Ursachen "geradezu klassisch externalisiert". So werde - ob gewollt oder nicht - "der Eindruck einer bizarren Apologetik" erweckt, die das nationalsozialistische Rassenprogramm und die Judenvernichtung "wider alle historischen Kenntnisse" zu Sekundärphänomenen mache, während der Bolschewismus als "Initialzündung des Unheils" erscheine. Als Untergrund dieser Argumentation sei aber "ein unverschnörkelter Nationalismus" sichtbar geworden, der "die Deutschen endlich von der Hauptschuld am Weltkrieg und Judenmord befreien" wollte.

Wenn diese Darstellung richtig ist, stellt die Noltesche Interpretation tatsächlich das schroffste aller möglichen Gegenbilder zu der (nicht erst seit 1986) "politisch korrekten" Auffassung dar, die Wehler, so könnte man sagen, "geradezu klassisch" artikuliert.

Aber es gibt von vornherein einen Tatbestand, der ernste Zweifel hinsichtlich der Richtigkeit weckt. Als jenes "Erfolgsbuch", "Der Faschismus in seiner Epoche", erschienen war, da war unter den vielen positiven Rezensionen keine zu finden, die so positiv, ja geradezu enthusiastisch war wie diejenige, die der junge Hans-Ulrich Wehler in einer soziologischen Zeitschrift publizierte, und wenn der Verfasser unzweifelhaft ein von der Philosophie herkommender "Quereinsteiger" war, so sah Wehler in ihm dennoch keinen "Außenseiter", denn ein bloßer Außenseiter oder Dilettant hätte nicht das Buch schreiben können, das Wehler für "das bedeutendste Buch" erklärte, "das der deutschen Geschichtsschreibung seit mehr als zwei Jahrzehnten zugewachsen ist". Sofern man nicht annimmt, dass Wehler damals ein ausgeprägter "Rechter" gewesen sei, nahm er also zu diesem Zeitpunkt keine "bizarre Apologetik", keine Herabsetzung der Bedeutung des Antisemitismus, keine Stilisierung des Nationalsozialismus zur "bloßen Abwehrbewegung" und keine Ähnlichkeit mit der Goebbels-Propaganda wahr.

Bevor er sich jetzt zu einer so scharfen Kritik entschloss, hätte er sich also eine naheliegende Vorfrage stellen müssen, nämlich: Was waren die Ursachen des Irrwegs, den Nolte irgendwann um 1970 eingeschlagen haben musste, und die aus einem Internationalisten einen Nationalisten, aus einem Faschismuskritiker einen Philofaschisten, aus einem Philosemiten einen Antisemiten gemacht hatten? Und hatte nicht noch 1985 ein israelischer Historiker in der "Historischen Zeitschrift" den Beginn der wünschenswerten, aber doch nicht stattgefundenen Wendung in der deutschen Geschichtswissenschaft hinsichtlich der zentralen Bedeutung des Holocaust ausgerechnet diesem Autor zugeschrieben, und war in jenem Erfolgsbuch nicht zu lesen, die vorliegende Interpretation gebe den Millionen von Hitlers Opfern "die höchste aller Ehren, nämlich dass sie nicht als Opfer eines widerwärtigen Verbrechens starben, sondern als Stellvertreter bei dem verzweifeltsten Angriff, der je gegen das menschliche Wesen und die Transzendenz in ihm geführt wurde"?

Oder war jener Irrweg doch schon in der ersten Definition des Faschismus enthalten, die Wehler unmöglich überlesen haben konnte: Faschismus sei "Antimarxismus, der den Gegner durch die Ausbildung einer radikal entgegengesetzten und doch benachbarten Ideologie und die Anwendung von nahezu identischen und doch charakteristisch umgeprägten Methoden zu vernichten" trachte. Dann müsste er sich eingestehen, in seiner Jugend blind gewesen zu sein. Oder ist jede der beiden Denkweisen unzureichend, um ein inzwischen vorliegendes Lebenswerk auf angemessene Weise zu kennzeichnen?

Vielleicht gibt gerade der fünfte Band der Wehlerschen Gesellschaftsgeschichte darauf wenigstens den Anfang einer Antwort. Dieser ist ja keineswegs nur die Analyse der "Gesellschaft" der Bundesrepublik. Sie ist auch der Umriss und die Analyse einer primär politischen Geschichte, nämlich der Geschichte der DDR.

Diese ist nach Wehler das Werk der "deutschen Bolschewiki", die im Gefolge der siegreichen sowjetischen Besatzungsmacht ihren Staat als "totalitäre Parteidiktatur eines Okkupationskommunismus" schufen. Sie errichteten den "deutschen Gulag", in dem "mindestens 70 000 Menschen starben". Sie zerstörten durch ihre Kollektivierung der Landwirtschaft "die selbstbewusste bäuerliche Existenz"; sie vernichtete die "Sozialfigur des selbständigen Unternehmers", diese "Inkarnation des Klassenfeindes", und zwar offenbar als zwingende Konsequenz ihrer Ideologie; sie installierten sich selbst als eine "neue, durch und durch politisch konstituierte Machtbesitzerklasse", die lediglich auf propagandistische Weise das Proletariat als welthistorisches Subjekt heroisierte, welches den Übergang "in den säkularisierten Garten Eden der kommunistischen Zukunftsgesellschaft bewirken sollte". Nie vor dem Jahr 1933 hatte es in der deutschen Geschichte etwas auch nur entfernt Vergleichbares gegeben. Wehler attestiert jedoch wohl auch deshalb den Kommunisten der DDR ein vollständiges Scheitern und reduziert ihren Staat auf eine "Fußnote der Geschichte".

Aber es handelt sich doch um eine sonderbare Fußnote. Die Kommunisten der DDR steigerten ja zum Beispiel in den Universitäten den Anteil der Professoren aus Arbeiter- und Angestelltenfamilien von vier auf 42 Prozent, und das war doch nach alten Wehlerschen Begriffen "progressiv". Ja, müsste Wehler nicht sich selbst trotz aller negativen und herabsetzenden Urteile eine gewisse Sympathie mit den Grundbestrebungen der DDR zuschreiben, da er den Begriff der "Sozialen Ungleichheit" zu einem Zentralbegriff macht und nicht nur mit den konkreten Kämpfen gegen bestimmte Formen der sozialen Ungleichheit sympathisiert, sondern nicht ganz selten den Eindruck erweckt, letzten Endes gehe es ihm um die "Abschaffung" der Ungleichheit?

Und wenn es für die Kommunisten einen "Primärschuldigen" gibt, nämlich "den Kapitalismus", findet diese Auffassung nicht heute auch unter Nichtkommunisten viel an Zustimmung? Gehörte der Bolschewismus nicht zu jenen "großen Ideologien", die willens und imstande sind, die Welt wesentlich zu verändern, und deren Größe der Schrecklichkeit nahe benachbart, ja manchmal damit identisch ist?

Man liest bei Wehler jedoch auch eigenartige und schwerlich ganz "korrekte" Aussagen über den Nationalsozialismus. Dieser war eine charismatische Führerdiktatur, er erkannte in gewissen Grenzen Privateigentum an und steigerte das Leistungsprinzip, er vollzog die für den Kommunismus kennzeichnende und "jeder politischen Modernisierung hohnsprechende Entdifferenzierung" allenfalls in geringem Maße: Er blieb also in seinem Alltagsbild der westlichen Welt erheblich näher als der Bolschewismus. Er war eine Extremform des gemeineuropäischen Massennationalismus und befand sich mithin nicht etwa außerhalb des übergreifenden Demokratisierungsprozesses.

Aber Wehler bleibt in seinem Denken wie gelähmt, weil er nur den im Grunde absurden Vergleich zwischen der Bundesrepublik und der DDR anstellt und nicht den Schritt zu dem "großen" und adäquaten Vergleich zwischen den Originalphänomenen, dem sowjetischen Bolschewismus und dem deutschen Nationalsozialismus, tut. Dann nämlich wäre sofort klargeworden, dass es Abstufungen zwischen diesen Originalphänomenen gibt und dass der Begriff des "Klassenkampfes" (oder des "Krieges zwischen den Armen und den Reichen", von dem Friedrich Engels sprach) der ältere und tiefer verwurzelte ist. Daher stellte der moderne Begriff des "Rassenkampfes" als Defensivangriff von Seiten der Reichen und vorläufig noch Überlegenen, so klar ausgeprägt er gerade in der Vormacht der Modernität, den Vereinigten Staaten, etwa in Äußerungen des Präsidenten Theodore Roosevelt ohne Zweifel war, eine späte und künstliche Antwort dar. Auch der Nationalsozialismus muss eine "große und zugleich schreckliche" Ideologie genannt werden, aber das ernste Nachdenken fängt erst in dem Augenblick an, wo die Frage gestellt wird, weshalb und wieso die jüngere und als "Reaktion" zu kennzeichnende Ideologie trotzdem oder auch gerade deshalb schrecklicher war und worin eine qualitative Differenz zwischen der kommunistischen "Bürgervernichtung" und der nationalsozialistischen "Judenvernichtung" besteht.

Wenn Wehler diesen Schritt vollzogen hätte, würde er vermutlich dort angekommen sein, wo er schon einmal zu sein glaubte. Aber es ist sein Verdienst, auch die Zukunft in den Blick genommen zu haben, ganz wie seine stupende und freilich sehr "deutsche" Gelehrsamkeit ein bewundernswertes Faktum ist.

Diesen Blick bringt er gleich im Vorwort mit einem Satz zu Wort, der sowohl die Übereinstimmung wie die Differenz zwischen dem "Fachmann" und dem "Außenseiter" erkennen lässt: "Seit den 1990er Jahren verkörpert der militante Islamismus eine politische Pest, wie sie das ,kurze Zwanzigste Jahrhundert' in der Gestalt des Nationalsozialismus und des Bolschewismus erlebt hat." In meinen Augen war weder der Islamismus in seinen sehr verständlichen und märtyrerhaften Anfängen eine "Pest", noch sollten die frühen Phasen des Bolschewismus oder des Nationalsozialismus so gekennzeichnet werden, denn erst die Stöße und Reaktionen der vielfältigen und nicht etwa "guten" historischen Realität konnten ein Resultat hervorbringen, dem man den Namen der schlimmsten Krankheit geben darf. Und für mich handelt es sich nicht um ein bloßes Nebeneinander, sondern in allen drei Fällen um ein Vorspiel der großen gegenwärtigen Auseinandersetzung um den Begriff der "Einheit der Menschheit" zwischen der Verschmelzungsideologie des entschiedenen Egalitarismus und der Konzeption der Selbstbehauptung von Nationen und Kulturen oder, in einer anderen Version, zwischen "Globalisten" und "Antiglobalisten". Vielleicht würde eine Untersuchung über den Islamismus "als dritte radikale Widerstandsbewegung" größere Klarheit schaffen.

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Hans-Ulrich Wehler
15.09.2008 | 14:51 Uhr

Hans-Ulrich Wehler: Sammel-Replik

Also noch mal: Der Historikerstreit war keine fachwissenschaftliche Kontroverse (wie 25 Jahre zuvor zunächst überwiegend die Fischer-Kontroverse, ehe die politische Dimension zusehends ins Spiel kam). Vielmehr verkörperte er eine politische Auseinandersetzung um das politische Selbstverständnis der Bundesrepublik nach dumpfen Jahren der Kohlschen Reformverweigerung, der "Tendenzwende", der artifiziellen Identitätspolitik á la Bitburg.

Frei schildert diesen Kontext noch einmal, der mir offenbar so selbstverständlich war, dass ich ihn, ein Malheur, nicht klar genug skizziert habe. Die einseitige Teilnahme von Neuzeithistorikern bleibt ein merkwürdiges Phänomen, Christian Meier war ja durchaus eine eloquente Ausnahme. Wo waren bloß die Osteuropahistoriker und die zahlreichen 68er-Politologen und Soziologen, die das politische Engagement so lange beschworen hatten? Fest steht, dass Noltes Position seither von keinem nennenswerten Historiker in der weiten Welt geteilt wird. Fest steht weiter, dass der imponierende Lernprozeß in der alten Bundesrepublik, sich dem Zivilisationsbruch des NS-Regimes zu stellen, durch das Prius des Gulag vor Auschwitz und den Klassenmord als Vorbild des Rassenmords, mithin durch die Externalisierung des Bösen, nicht unterbrochen worden ist.

Ist Zeitgeschichte tatsächlich " moralisch so vermintes Gelände", wie Jureit meint? Sollte man wegen der Gefahr besser schweigen, anstatt klipp und klar einige Minen durch Argumente wenigstens zu identifizieren oder gar zu entschärfen?

Moses sieht im Ausgang des Streits eine "Fortschreibung des Sonderweg-Dogmas". Warum das der Fall gewesen sein soll, das sagt der Beobachter von außen nicht. Es ist ja irreführend, dass damals ein Vergleich totalitärer Systeme pauschal abgelehnt worden sei. Wohl aber galt ein Vergleich als unergiebig, der von vornherein nur die Ähnlichkeiten im Auge hatte, als Vergleichsländer nicht die Staaten des Westens heranzog und außerdem, wie bei Nolte, in Russland als fortbestehendem Gegner im Kalten Krieg die primäre causa aller Verderbnis sah. Um die Anerkennung von deutschen Sonderbedingungen, die zu 1933 und den Folgen geführt haben, käme nach meinem Eindruck auch Moses nicht herum. Über eine überlegene Erklärungsalternative schweigt er sich aber noch aus.

Fahrmeier stellt die eigene Erinnerung ironisch auf den Prüfstand. Doch zu seinen Fragen: Noch scheinen mir zeithistorisch interessierte Journalisten nicht wichtiger als die Zeithistoriker selber gewesen zu sein, zumal die Erfolgskriterien: mediale Wirkung und Beeinflussung der Geister schwanken. Natürlich ist die mediale Unterstützung durch Harpprecht und Fest, Kuby und Paczensky, die Spiegel-Serien usw. eminent wichtig gewesen. Aber Brachers und Broszats Glanzstücke mit erstaunlichen Auflagen, die Gutachtertätigkeit der Zeithistoriker für die großen NS-Prozesse (z. B. die "Anatomie des SS-Staates" für den Auschwitz-Prozess), die unermüdliche Tätigkeit auf Vortragsreisen und Konferenzen, die Forschungsimpulse des Münchener Instituts für Zeitgeschichte, die publizistische Aktivität – sie alle verschafften der westdeutschen Zeitgeschichte einen ungewöhnlichen Einfluss. Die engagierten Publizisten haben deren Ergebnisse bereitwillig und schnell aufgegriffen und ihnen Resonanz verschafft. Aber sie errangen keinen Vorsprung dank eigener Recherchen, geschweige denn eine Hegemonie, und eine Doppelbegabung wie Fest besaßen ohnehin nur extrem wenige. Vielleicht habe ich die Historikerkontroversen, Resultat typischer Berufsschädigung, zu nachdrücklich betont. Aber wichtig waren sie schon, wichtiger für die Selbstverständigung und das selbstkritische Lernen als der Streit zwischen Atlantikern und Gaullisten oder um die Volkszählung.

Deshalb kann ich Wildts Plädoyer für eine vergleichende Gewalt- und Genozidforschung nur ein deutliches Echo wünschen. Dafür muss er mit Gleichgesinnten aber auch außerhalb eines Lesesaals streiten. In den USA etwa wird in der Genuzidforschung im Allgemeinen das Unikat des Holocaust noch immer unnachgiebig verteidigt.

An Rödders Einlassung dagegen stimmt diesmal eigentlich nur, dass ich in der Tat meine Texte ganz anachronistisch mit dem Füllfederhalter schreibe. Warum soll bloß die politische Debatte von damals ein so miserables "Demokratieverständnis" enthüllen, lebt Demokratie doch auch von öffentlichem Widerstreit der Argumente? Eine glücklichere Verteidigung stand auch damals jedermann frei. Warum ersetzt Rödder, der bei Hildebrand studiert hat, noch immer anregende Argumente durch Emotionen? Ich habe übrigens an der Hochphase der akuten Auseinandersetzung weder mit "leistungsfanatischem Furor" noch mit "unumschränkter Willkür" teilgenommen, weil ich unbedingt zuerst den zweiten Band der Gesellschaftsgeschichte pünktlich abliefern wollte. Meine Sympathien lagen auf der Hand, aber ich habe erst nach dem publizistischen Ende der Kontroverse wenigstens eine Bilanz cum ira et studio geschrieben. Haben die Personen, die den Historikerstreit angeblich "vom Zaun gebrochen haben" (vielmehr war es ja eine Antwort auf Nolte) "das Diskussionsklima im Fach nachhaltig vergiftet?" oder haben nicht tatsächlich ihre Kontrahenten den Anlaß zu entschiedener Reaktion geboten?

Was die Nachhaltigkeit angeht: Schon in den 90er Jahren lag für die Studenten der Streit so weit zurück wie die jüngere Steinzeit. Dafür hatte schon die welthistorische Zäsur von 1989/91 gesorgt. Der indirekte Appell, vor dem Streit die "Kollateralschäden" der Kränkung oder Dauerverletzung abzuwägen, gilt doch genauso für die eklatant Unterlegenen, die zuvor eine geraume Zeit lang durchaus eine scharfe Klinge geschlagen hatten. Alles schon vergessen, um ein ungetrübtes Feindbild 25 Jahre danach präsentieren zu können?

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10.09.2008 | 11:34 Uhr

Michael Wildt: Vergleichende Gewaltgeschichte

Der Historikerstreit war wissenschaftlich gänzlich unergiebig, sondern vielmehr eine politische Veranstaltung, um die vom damaligen Bundeskanzler Kohl geforderte "geistig-moralische Wende" von sozialliberaler Seite zurückzuweisen und das eigene Lager zu sammeln.

Niemand hat damals allen Ernstes den Thesen von Ernst Nolte folgen wollen. Die Attacke von Jürgen Habermas in der "Zeit" gegen Ernst Nolte, Andreas Hillgruber und Klaus Hildebrand mit dem Vorwurf, "Nato-Philosophie" zu betreiben, warf ganz unterschiedliche Positionen in einen Topf, um zu polarisieren. Die nachfolgende "Debatte" war demgemäß überwiegend ein Bekenntnis zur Singularität des Holocaust und damit zu einer linksliberalen Geschichtspolitik in der Bundesrepublik.

Holocaust und Nationalsozialismus bilden bis heute ein mächtiges historisches Reservoir, wenn es um politische Kontroversen geht. Den Kriegseinsatz der Bundesrepublik, um den ethnischen Vertreibungen auf Befehl der serbischen Führung im Kosovo Einhalt zu gebieten, haben sowohl Fischer wie Scharping mit dem dramatischen Hinweis befürwortet, dass Auschwitz nie wieder geschehen darf. Als genüge der Tatbestand eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit nicht, um die deutsche Öffentlichkeit zum Eingreifen zu bewegen. Und wenn in Deutschland Ausländer angegriffen werden, kann man sicher sein, dass Politiker wie Journalisten das Gespenst des Nationalsozialismus beschwören, das es zu bekämpfen gilt. Als seien Fremdenfeindlichkeit und Körperverletzung nicht Grund genug, sich juristisch wie politisch für die Geltung unserer Verfassung und des Strafgesetzbuches einzusetzen.

Selbstverständlich ist die Ermordung an den europäischen Juden als immenses Gewaltverbrechen mit anderen Völkermorden, ob an den Armeniern in der Türkei oder den Tutsi in Ruanda, vergleichend zu untersuchen. "Genocide Studies" heißen diese Forschungen in England und den USA; nur in der Bundesrepublik verwahrte sich eine politisch korrekte Öffentlichkeit gegen analytische Vergleiche, weil sie glaubte, die Staatsräson der Bundesrepublik sei in Gefahr.

Dies ist nach 1989/90 offenbar nicht mehr mit dieser beklemmend moralisch-politischen Verve der Fall, und mittlerweile kann die Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts untersucht werden, ohne sich dem Vorwurf auszusetzen, die Ermordung der europäischen Juden relativieren zu wollen.

Gerade in einem zusammenwachsenden Europa, für dessen westlichen Teil der Holocaust ein "negativer Gründungsmythos (Michael Jeismann) darstellt und für dessen östlichen Teil die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sich fortsetzende Diktaturerfahrung unter dem Kommunismus eine mindestens gleichrangige Bedeutung besitzt, ist die vergleichende Forschung zur Gewaltgeschichte unumgänglich, um zu einer Erinnerungspolitik zu gelangen, die unterschiedlich, eigensinnig, und doch gemeinsam europäisch ist.

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10.09.2008 | 08:02 Uhr

Norbert Frei: Zeitgeschichtlicher Kontext

Wehler hat Recht: Der "Historikerstreit" der Jahre 1986/87 war keine fachwissenschaftliche Kontroverse, sondern ein politischer Schlagabtausch unter Lehrstuhlinhabern, wie ihn die Bundesrepublik noch nicht erlebt hatte. Sowohl die Brachialität und (je länger, desto stärker) die Simplizität der Auseinandersetzung als auch das Ausmaß ihrer öffentlichen Beachtung waren beispiellos. Wenn es aber richtig ist, dass es eigentlich kein Streit um historische Sachverhalte war – was lässt sich dann bilanzieren? Und reicht es dann hin, den äußeren Ablauf zwar zu repetieren, den damaligen eigenen Beitrag und die eigenen Motive, aus welchen Gründen auch immer, nahezu unbefragt zu lassen?

Im Abstand von mehr als zwei Jahrzehnten scheint mir die zeitgeschichtliche Kontextualisierung der Kontroverse am weitesten zu führen: Drei Jahre zuvor hatte, mit einer repräsentativen Konferenz im Reichstag zum 50. Jahrestag der nationalsozialistischen Machtübernahme, eine Phase der Vergegenwärtigung der NS-Vergangenheit eingesetzt, die viele aus der ersten Generation der empirisch arbeitenden Zeithistoriker nicht (mehr) für möglich gehalten hätten; Leute wie Karl Dietrich Bracher oder Andreas Hillgruber dachten damals an eine Bilanzierung der Forschung, nicht an deren Neuakzentuierung oder gar Korrektur.

Zugleich wirkte die Debatte um die TV-Serie "Holocaust" (1979), nach der die "Endlösung" überhaupt erst auf den uns heute unverzichtbaren Begriff gebracht wurde, kräftig weiter. Und schließlich hatte, nur ein Jahr zuvor, Bundespräsident Richard von Weizsäcker den 8. Mai 1945 in einer Weise kommemoriert, die ihm im Ausland fast noch mehr Anerkennung eintrug als in der Bundesrepublik. Die Frage der "Historisierung des Nationalsozialismus" (Martin Broszat) stand vier Jahrzehnte nach dessen Ende plötzlich wieder ganz neu und drängend an. Konservative und konservativ Gewordene reagierten darauf zunehmend verstört.

Denn immer deutlicher wurde nun auch, dass das Projekt jener kritisch-aufklärerischen Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit, mit dem die Historiker und Intellektuellen der "skeptischen Generation" in den späten fünfziger Jahren angetreten waren, sich inzwischen auf dem besten Weg befand, zu einer Grundkonstante der politischen Kultur der Bundesrepublik zu werden – mithin tatsächlich zu einer "Vergangenheit, die nicht vergehen will". Das war es, was einem Teil der einstigen zeitgeschichtlichen Aufklärer nun Probleme bereitete – zumal unter den Auspizien eines trotz Regierungswechsels und ausgerufener "Tendenzwende" sich scheinbar immer weiter entfaltenden "linken Zeitgeistes" in Gestalt der mittlerweile unübersehbar zur politischen Größe gewordenen Konkurrenzgeneration der "Achtundsechziger". Die allerdings schwiegen im "Historikerstreit" der Jahre 1986/87 bis auf wenige Ausnahmen noch – weshalb es bei einem im wesentlichen innergenerationellen Schlagabtausch blieb.

Warum Wehler diesen Kontext nicht wirklich aufgenommen hat? Vielleicht, weil hier die Grenzen – gewiss nicht der Fähigkeit, wohl aber der Bereitschaft – unseres Autors zur Selbsthistorisierung (und zur Historisierung seiner Generation) erreicht sind.

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10.09.2008 | 08:01 Uhr

Ulrike Jureit: Moralisch vermintes Gelände

Der Historikerstreit gehört zu den letzten großen Vergangenheitsdebatten der alten Bundesrepublik, die sich nicht nur durch eine enorme Medienaufmerksamkeit, sondern vor allem durch politisch klar akzentuierte "rechte" und "linke" Positionen auszeichneten. Dabei erscheint im Rückblick sowohl die Panik um einen "scharfen Kurswechsel in der historischen Deutung der jüngsten deutschen Vergangenheit" (S. 285) im Dunstkreis der "geistig-moralischen Wende" ebenso fragwürdig wie der Versuch, den Nationalsozialismus zum Verteidiger der europäischen Zivilisation erklären zu wollen. Inhaltlich ist diese Kontroverse mittlerweile ziemlich uninteressant und auch in ihrer politischen Aufladung überholt, Ernst Noltes Position kann heute wohl kaum als konsensfähig gelten.

Aussagekräftig bleibt der Historikerstreit allerdings als westdeutsche Selbstverständigungsdebatte. Mitte der 1980er Jahre etabliert sich die bis heute vorherrschende Auffassung, dass der Nationalsozialismus nicht nur ein wichtiges, sondern das zentrale Bezugsereignis darstellt, wenn es gilt, sich als Deutsche kollektiv selbst zu beschreiben. Die normative Distanzierung vom Holocaust, die öffentliche Verurteilung der nationalsozialistischen Vernichtungs- und Verfolgungspolitik ist seither aus unserer politischen Kultur nicht mehr weg zu denken. Für diese zwar etwas späte, aber dann geradezu vorbildlich erscheinende Vergangenheitsaufarbeitung haben die Deutschen – trotz anhaltender Kritik – internationale Anerkennung erfahren.

Auch wenn man diesen intensiven Vergangenheitsbezug für notwendig und unverzichtbar hält, kommt man nicht umhin irgendwann darüber nachzudenken, wie sich langfristig ein derart ausgeprägtes Kurzzeitgedächtnis auf das Selbstverständnis einer Gesellschaft auswirkt. Zudem sollten insbesondere HistorikerInnen schon allein aus professionellem Interesse den Einfluss einer opferidentifizierten Naherinnerung auf ihre eigenen Geschichtsentwürfe kritisch reflektieren. Zeitgeschichte ist ein moralisch vermintes Gelände – erfreulicherweise erzeugt dieser Zustand mittlerweile ein deutliches Unbehagen.

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10.09.2008 | 08:01 Uhr

Dirk Moses: Unbemerkte Verbindungslinien

Wehlers Beschreibung des Historikerstreits ist stark normativ, sogar teleologisch geprägt: Die Kontroverse war ein wichtiger Moment in der Stärkung der anti-nationalen, linksliberalen Öffentlichkeit. Deswegen haben Historiker im Ausland Jürgen Habermas, Wehler und die anderen Kritiker von Ernst Nolte, Andreas Hillgruber und Michael Stürmer unterstützt. Das ist zwar korrekt - aber wie stellt sich das ganze Thema einem distanzierten Nichtbeteiligten dar?

Es wundert nicht, dass Wehlers Exkurs zum Historikerstreit in seinem Buch direkt nach seiner Analyse der Sonderwegstradition in der Historiographie steht. Denn beides ist miteinander verbunden, ohne dass man - und Wehler - dies sofort bemerken würde. In seinen Passagen zum Historikerstreit unterstreicht Wehler nämlich zunächst zur Recht, dass Ernst Nolte die Gründe für den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust "externalisieren", also den Bolschwisten zurechnen wollte, um das deutsche Stigma — die Hauptschuld an Weltkrieg und Judenmord— abzuschwächen. Der Sinn der Sonderwegsthese hingegen war ja, diese Gründe zu "internalisieren": alle Ursachen wurzelten allein in der deutschen Geschichte.

Beide entgegengesetzte Thesen stehen in einem Spannungsverhältnis zueinander. In einem gewissen Sinne haben sie sich gegenseitig erzeugt. Ohne die Konsolidierung der linksliberalen Öffentlichkeit, ohne den "Marsch durch die Institutionen" - beides nicht allein Wehlers 45er-Generationen zuzurechnen -, ohne den Holocaust anstelle deutschen Leids als neuen Mittelpunkt öffentlichen Gedenken: ohne diese Tendenzen wäre Ernst Nolte wahrscheinlich kaum auf die Idee gekommen, seinen Relativierungsfeldzug zu beginnen.

Noltes Argumente stießen beim linksliberalen Lesepublikum nicht auf Zustimmung. Immerhin waren ein Großteil seiner antikommunistischen Argumente wenige Jahre zuvor durchaus normal gewesen. Fragen bleiben: Was gewannen die "Gewinner" der Debatte mit der Festschreibung ihres Sonderweg-Dogmas? Aus heutiger Sicht sehen ihre Argumente auch nicht eben überzeugend aus. Denn Phänomene wie der Nationalsozialismus sind ebenso wenig durch Noltes Argumente zu erklären wie mit einem rein nationalgeschichtlichen Paradigma wie dem "deutschen Sonderweg". Gibt es vielleicht sogar einen emotionalen und außenpolitischen "pay-off", in dem man sich das deutsche Stigma selbst zuzuschreibt?

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10.09.2008 | 08:01 Uhr

Andreas Rödder: Nachhaltig vergiftet

Wehlers Einlassungen zum Historikerstreit – im fünften Band etwas weichgespült – gehören zum Ärgerlichsten, das ich aus seiner nimmermüden Feder kenne. Deutlicher hat er im Interviewband "Eine lebhafte Kampfsituation" (2006) unumwunden decouvriert, dass er und die Seinen bewusst eine politische Debatte vom Zaun gebrochen hatten, weil ihnen der dumpfe Helmut Kohl statt des weltläufigen Helmut Schmidt im Kanzleramt nicht passte. Was für ein Demokratieverständnis - "bravo Jürgen Habermas"!

Diese unauflösliche Verbindung von Wissenschaft und Politik, betrieben mit allzeit leistungsfanatischem Furor und unumschränkter Willkür, hat das Diskussionsklima im Fach nachhaltig vergiftet. Und die Nonchalance, hinterher alles wieder zurückzunehmen und als Spiel nach dem geliebten "agonalen Prinzip" zu belächeln, erinnert an Worte, die Karl Marx posthum karikierend in den Mund gelegt wurden: "Sorry Jungs, war nur so ’ne Idee von mir". Die Kollateralschäden tragen ja die anderen. Auch das gehört zum – in dieser Hinsicht glücklicherweise unvollendeten – "Projekt Moderne".

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10.09.2008 | 17:38 Uhr
Benjamin Hasselhorn schreibt:

Prof. Rödder ist uneingeschränkt zuzustimmen. Man könnte noch ergänzen, dass es der Gruppe um Habermas nicht nur darum ging, dass der falsche Mann im Kanzleramt saß, sondern vor allem auch um die geschichtspolitische Deutungshoheit.

Während der von Ernst Nolte gegebene Impuls zur "Historisierung" des Nationalsozialismus von der Geschichtswissenschaft zumindest teilweise durchaus aufgegriffen wurde, hat sich in geschichtspolitischer Hinsicht die Habermas-Doktrin durchgesetzt: eine Kombination von Westbindung und Sonderwegtabu auf der einen, Kollektivscham und dauernder Vergangenheitsbewältigung auf der anderen Seite.



10.09.2008 | 08:01 Uhr

Andreas Fahrmeir: Historiker als Zeitzeugen

Die pointierte, klare und auf den Gang der übergreifenden Argumentation zugespitzte Zusammenfassung intellektueller Kontroversen gehört seit jeher zu den besonderen Stärken von Wehlers Gesellschaftsgeschichte. Das trifft auch hier zu. Die brillante Passage zum Historikerstreit ist Teil eines Abschnitts, in dem Wehler argumentiert, die politische Kultur der Bundesrepublik sei in international unvergleichlich starkem Ausmaß von Historikern und ihrer Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus geprägt worden. Nimmt man Überschrift und Inhalt zusammen, so ergab sich die politische Kultur überhaupt nur aus Historikerauseinandersetzungen.

Daran kann man zwei Fragen knüpfen. Struktur und Bedeutung der Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte in der Bundesrepublik sind noch Gegenstand historischer Forschung, die manchmal Überraschungen zu bieten hat. So hat Frank Bösch hat unlängst in einem Frankfurter Vortrag nachgewiesen, daß die Beschäftigung mit Zeitgeschichte in der
Bundesrepublik überwiegend von Journalisten geprägt wurde, die gelegentlich Geschichte studiert hatten, aber die mediale Präsentation von Ergebnissen eines durch große Recherche-Budgets ermöglichten investigativen Journalismus mit dem Bild einer wenig neugierigen Universitätshistoriographie verbanden. Auch der Historikerstreit war weniger wissenschaftliche Kontroverse als Medienereignis, wenn auch unter stärkerer Beteiligung einer Auswahl von Fachwissenschaftlern.

Die zweite Frage, die sich mir stellt, ist die, ob die Bedeutung der Historiker-Kontroversen für die politische Kultur der Bundesrepublik wirklich so groß war. Beim Historikerstreit befinde ich mich in einer Zeitzeugen-Position, ganz ähnlich wie Wehler für den gesamten von ihm behandelten Zeitraum - mit allen Fallstricken, die das mit sich bringt. Es ging bei mir damals aufs Abitur zu, und obgleich ich den Historiker-Streit wahrgenommen zu haben glaube, schienen mir doch im Rückblick andere Auseinandersetzungen dieser Jahre viel signifikanter: die Diskussion um §218, die Volkszählungsdebatte, die Proteste gegen
die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf, überhaupt die Entwicklung von Bürgerinitiativen und die steigende Brisanz der ökologischen Frage, die eine kritischere Bevölkerung hervorbrachte, die weniger bereit war, zentralstaatliche Entscheidungen zu
akzeptieren und deren Taktik des zivilen Ungehorsams, der Bürgerbewegung und der Marktmechanismen immer breitere Akzeptanz fand. Der Duktus der Gesellschaftsgeschichte macht klar, daß Wehler dies anders sieht, und vielleicht hat er recht und ich unrecht. Das ist
aber eine Frage für künftige Historikerstreite.

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10.09.2008 | 08:01 Uhr

Manfred Hettling: Historische Gretchenfrage

Liest man die damaligen Texte wieder, erstaunt die Aufgeregtheit. Von linker Seite wurde damals oft die Gefahr eines drohenden Revisionismus beschworen, von der rechten wurden Frageverbote unterstellt und der nationale Seelenhaushalt als gefährdet erachtet. Es war, darin ist Wehler eindeutig zuzustimmen, eine Auseinandersetzung über das politische Selbstverständnis der Bundesrepublik. Verhandelt wurde die historische Gretchenfrage der neuen Republik: Wie hältst Du's mit dem Dritten Reich? Der Historikerstreit bewies, daß sich die "normative Distanzierung" (M. Rainer Lepsius) vom Nationalsozialismus als politisches Fundament der neuen Republik etabliert hatte.

Wissenschaftlich erwies sich der Historikerstreit ziemlich bald als überholt. Es wurden kaum empirische Studien oder innovative Konzepte durch ihn angeregt. Hierfür waren dann später wohl eher die Öffnung der Archive im Osten und Anregungen der Kulturgeschichte ausschlaggebend. Langfristig als weit ertragreicher hat sich das von Martin Broszat in einem brillanten Essay skizzierte Plädoyer für eine Historisierung des Nationalsozialismus erwiesen. Doch in dem politischen und medialen Getöse des Historikerstreits, der kurz danach ausbrach, gingen seine Ideen weitgehend unter. Broszats Historisierungsvorschlag geriet vielmehr in den Verdacht des Relativismus, bekräftigt durch den Verweis auf seine jugendlichen Affinitäten zum Nationalsozialismus. Mit dieser zu kurz gegriffenen Auseinandersetzung verpasste die Zeitgeschichte die Chance einer richtungsweisenden Neuorientierung.

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Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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