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Podium:

Haben kritische Medien die Bundesrepublik stabilisiert?

Demokratie lernten die Deutschen seit 1949 auch durch die Presse. Skandale wurden aufgedeckt, Machtmißbrauch angeprangert - von der "Spiegel"- bis zur Barschel-Affäre. Engagierte Intellektuelle wie Habermas, Enzensberger oder Dahrendorf formten mit ihren Zwischenrufen eine neue kritische Öffentlichkeit. Kritik wirkte stabilisierend, so Hans-Ulrich Wehlers These. Welche Macht haben die Medien als "Vierte Gewalt"?

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Beiträge

Hans-Ulrich Wehler
15.09.2008 | 14:53 Uhr

Hans-Ulrich Wehler: Sammel-Replik

Das Lob jener Journalistengeneration, die bis ca. 1965 die Weichen für die Durchsetzung einer kritischen Öffentlichkeit gestellt hat, trifft auch im Lesesaal auf Zustimmung. In dieser Hinsicht stimmen van Laak, Wirsching und Nolte überein. Dennoch bleibt der früher geäußerte Einwand richtig, dass ich den medialen Siegeszug in der Folgezeit, namentlich in Gestalt des öffentlichen und dann auch des privaten Fernsehens, nicht angemessen zur Geltung gebracht hätte. Eine der Ursachen ist meine Skepsis gegenüber der Überbetonung medialer Einwirkungen, die von jüngeren Historikern als "Fernseh-Kindern" so hoch geschätzt werden. Deshalb habe ich auch die Konstanz der Print-Medien unterstrichen. Und Habermas’ jüngste Verteidigung der Qualitätszeitungen war mir nicht nur aus der Seele gesprochen, sondern wies auch zu Recht noch einmal auf ihre stichwortgebende und meinungsprägende Leistung hin.

In der internationalen Pressegeschichte kenne ich mich nicht hinreichend aus, um Noltes Frage nach deutscher Besonderheit oder westlicher Gemeinsamkeit des Aufschwungs einer kritischen Publizistik befriedigend beantworten zu können. In den USA und in England scheint es mir schon einen von den jungen deutschen Vertretern einer kritischen Öffentlichkeit bewunderten Vorsprung gegeben zu haben. Gemäß dem nationalhistorischen "bias" der Gesellschaftsgeschichte ist der Unterschied nachdrücklich begrüßt worden, der die junge Garde in Westdeutschland von ihren Vorgängern in den Redaktionsstuben abhob. Die drei Erklärungsangebote, die Nolte im Hinblick auf die Stabilisierung der Bundesrepublik anführt (Legitimierung durch Prosperität, Sicherheit, Funktionstüchtigkeit; Abgrenzung des eigenen Erfahrungsmodells von der DDR; Demokratisierung durch die Medien) lassen sich in ihrer spezifischen und wechselseitigen Wirkung ungemein schwer gewichten; mir fehlen dafür trennscharfe Urteilskriterien. Deshalb kann man diese drei Faktorenbündel mit ihren getrennten Strängen getrost zu einem soliden Tau verknoten. An der folgenreichen Mitwirkung der Medien in der "klassischen" Stabilisierungsphase kann man ernsthaft nicht zweifeln. Es ist übrigens ein Erfolg der westdeutschen Zeitgeschichte gewesen, dass sie mit allen Medien intensiv kooperiert und auch dort ihre Forschungsergebnisse möglichst frühzeitig verfochten hat.

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12.09.2008 | 17:22 Uhr

Dirk van Laak: Wir Fernsehkinder

Wenn es zutrifft, dass Hans-Ulrich Wehler seit seiner Emeritierung die Auseinandersetzungen seines legendären Bielefelder Oberseminars fehlen, dann hat ihn auf sein Buch hin ja ein prall gefülltes Geburtstagspaket erreicht. Glücklich jedenfalls, wer Streit als Belebung empfindet! Das ist auch für Intellektuelle keineswegs selbstverständlich. Seit der Prägung dieses gesellschaftlichen Phänotyps im Frankreich des ausgehenden 19. Jahrhunderts bewegt sich "der Intellektuelle" im Spannungsfeld zwischen Affirmation und Kritik, zwischen Konsens und Konflikt, und bleibt doch letztlich immer nur sich selbst verpflichtet.

Unter günstigen Voraussetzungen ergeben sich aus dem Zusammenprall von Geistern, die um gesellschaftlichen Einfluss streiten, hochrangige Debatten. In der Weimarer Zeit traf dies etwa auf den Bereich der Staatsrechtslehre zu, in der Bundesrepublik teilweise auf die dauerhafte Diskussion über das "angemessene" Verhältnis zur eigenen Vor-Vergangenheit. In anderen Fällen ging es mehr um Einfluss als um Geist, was Scheindebatten oder auch Intrigen nach sich zog. Der "Historikerstreit" hatte von beidem etwas.

Die Medien und insbesondere der investigative Journalismus haben bei der Herausbildung einer kritischen Öffentlichkeit sowie freier Meinungsmärkte eine wesentliche Rolle gespielt. Sie haben aber auch zu einem "gespaltenen Bewusstsein" zwischen der Erfahrungswelt des Einzelnen und den medialen Wirklichkeiten beigetragen. Fast scheint es, als hätte die Abfolge einzelner Medien – Zeitungen, das Radio, das Kino, die Schallplatte, das Fernsehen, der Computer – mit ihren spezifischen Inhalten und Aufmerksamkeits-Horizonten in der europäischen Nachkriegszeit eine stärker generationenbildende Kraft entfaltet als reale Ereignisse. (Das einzige Buch, in dem ich mich ansatzweise zutreffend als "Generation" beschrieben fand, hieß jedenfalls "Wir Fernsehkinder").

Man kann die heutige Übermacht des Medialen bedauern, muss sie mit ihren weitreichenden Konsequenzen für die Bildung von Öffentlichkeit aber dennoch anerkennen. Wehler beschreibt eine gleichsam klassische Phase des funktionierenden Zusammenspiels von "streitbaren" Intellektuellen und medialer Öffentlichkeit, in der die Frage nach dem kritischen "Wächteramt" wie auch die "Pflicht zur politischen Pädagogik" von einem gewissen Pathos gesamtgesellschaftlicher Verantwortung getragen war. Was aber, wenn immer mehr Bürger mit anderen Erfahrungs-Hintergründen glauben feststellen zu können, dass öffentlicher Streit sich nicht lohnt?

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12.09.2008 | 12:42 Uhr

Andreas Wirsching: Ambivalenz der Öffentlichkeit

Wehlers Ausführungen zur Entstehung einer kritischen Öffentlichkeit in den späten fünfziger und frühen sechziger Jahren sind von gewohnter Prägnanz und – diesmal positiv gewendeter – Urteilsfreude. Und natürlich ist ihm zuzustimmen, daß eine ganze Alterskohorte von engagierten Intellektuellen maßgeblich zum Wandel der Öffentlichkeit und der Liberalisierung des geistigen Klimas in der frühen Bundesrepublik beigetragen hat. Die damit verbundene Internationalisierung und allmähliche "Verwestlichung" des deutschen Geisteslebens deutlich vor 1968 ist in der Tat kaum zu hoch zu veranschlagen.

War dies also die "gute alte Zeit" der bundesdeutschen Intellektuellen? Manches spricht dafür, darunter etwa die Tatsache, daß ein gemeinsamer, humanistisch geprägter Bildungshintergrund in der Lage war, den Diskurs zu strukturieren. Soviel Autoren wie Helmut Schelsky und Jürgen Habermas, Theodor W. Adorno und Hans Freyer auch trennte – sie profitierten doch von diesem gemeinsamen Bildungshintergrund, was sich u.a. darin niederschlug, daß sie in denselben Organen, wie z.B. dem "Merkur", publizierten. Hier geäußerte Kritik bedeutete zumeist auch Kulturkritik, die das Recht des Individuums gegen die uniformierenden Kräfte des neu entstehenden Kapitalismus zur Geltung brachten.

Es ist daher keineswegs Zufall, daß dieser Epoche auch Habermas’ wichtiges Werk über den "Strukturwandel der Öffentlichkeit" entstammte (1962). Zugespitzt formuliert, handelt es vom Verlust einer Öffentlichkeit, die vom rationalen Diskurs deliberierender Privatleute geprägt ist. Dieses Öffentlichkeitsmodell atmet den damaligen Zeitgeist, den auch Wehler in seiner Darstellung wiederaufleben läßt. Daß es sich freilich um ein Idealkonstrukt handelt, ist häufig festgestellt worden. Und es wäre irreführend, die heutigen medialen und intellektuellen Zustände an einem solchen Idealkonstrukt zu messen. Insofern ist auch jede Vorstellung einer "guten alten Zeit" intellektuell geprägter politischer Öffentlichkeit abzulehnen.

Zwar mag eine solche Vorstellung durch so manche Klage über den "Verfall" der Medien im Zeitalter des privaten Fernsehens und redundanter Talkshows bestätigt werden. Im Kern aber offenbaren auch die modernen elektronischen Medien lediglich eine historische Ambivalenz der modernen Öffentlichkeit: Auf der einen Seite hängen Demokratie und Meinungsfreiheit ursächlich miteinander zusammen. Die Demokratie braucht kritisch-aufklärerische Medien zur eigenen Überlebensfähigkeit, und die Bundesrepublik hat in dieser Beziehung von der bei Wehler beschriebenen Kohorte der "1945er" maßgeblich profitiert. Auf der anderen Seite aber bildet die Öffentlichkeit einen stets umkämpften Diskursraum, in dem sich der agonale Grundzug demokratischer Politik niederschlägt. Eine Verkürzung oder auch "Theatralisierung" politischer Inhalte ist daher dem demokratischen Prozeß notwendig eingeschrieben. Diese doppelte Struktur der modernen Öffentlichkeit bestand in epochenspezifischer Ausprägung während der fünfziger/sechziger Jahre so gut wie heute. Sie läßt sich auch durch den einzelnen Intellektuellen nicht aufheben.

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11.09.2008 | 08:00 Uhr

Paul Nolte: Terraingewinn und Glückwunsch!

Wer den erheblichen Einfluss von Öffentlichkeit, Medien, Intellektuellen auf den demokratischen Terraingewinn der Bundesrepublik bestreiten wollte, der müsste sich nicht gegen Wehler, sondern gegen einen breiten Konsens der Forschung stellen. Freilich: Terraingewinn! – nicht nur Stabilisierung, denn das klingt so, als sei die Demokratie eben doch aus dem Himmel der Westalliierten gefallen und dann von einer bundesrepublikanischen Öffentlichkeit "stabil", also geradezu unbeweglich gehalten worden.

Die westdeutsche Demokratie ist in den zweieinhalb Jahrzehnten seit 1948 eine dynamische Angelegenheit gewesen; in den Köpfen (nicht nur von Professoren) ebenso wie in alltäglichen Verhaltensweisen wurde sie höchst konfliktreich, auch gegen Widerstände, durchgesetzt.

Die "Spiegel-Affäre" von 1962 markiert dabei eine in letzter Zeit besonders häufig apostrophierte (und untersuchte) Etappe, so dass Wehler von ihr, leicht ironisch, als dem "inzwischen symbolisch drastisch überhöhten Höhepunkt" kultureller Demokratisierung spricht. Diese Demokratisierung oder fundamentale Liberalisierung anzuerkennen bedeutet nicht, die institutionelle Grundordnung gering zu schätzen, die 1947/49 geschaffen wurde. Das muss man gegen die 68er-Weltsicht, nach der die Bundesrepublik bis zu deren Aufbegehren gar keine Demokratie gewesen sei, sondern ein autoritäres Staatsgebilde mit unmündiger Gesellschaft, festhalten.

Sehr oft auch ist in letzter Zeit die Positionierung von Intellektuellen und ihr Beitrag zur Demokratisierung in der Nachkriegszeit untersucht worden: der von linken Intellektuellen im Umfeld der "Frankfurter Schule" wie der von rechten Sozialwissenschaftlern, Philosophen und Schriftstellern, die den Konservatismus mühsam und oft höchst widerspruchsvoll ins demokratische Lager hinein steuerten. Der Beitrag der liberalen Mitte ist noch am ehesten unterbelichtet. Inzwischen müsste man diese Befunde, wie sie auch Wehler präsentiert, jedoch weiterdenken: Die öffentliche Rolle von Intellektuellen nach 1945, nicht zuletzt auch von Historikern: War das wirklich eine westdeutsche Besonderheit, die der NS-Vergangenheit zu verdanken war? Ist die Vorstellung überzeugend, die gesellschaftliche und kulturelle Demokratisierung in der frühen Bundesrepublik habe einen Aufhol- und Anpassungsprozess an den Stand vollzogen, der im "Westen" schon früher erreicht war? Man übersieht dann leicht, dass die 50er Jahre auch anderswo ein Stück muffiger waren als die 70er Jahre; dass die Medien quer durch die westliche Welt ihr Selbstverständnis veränderten und ihre politische Rolle erweiterten. Die Spiegel-Affäre lag immerhin gut ein Jahrzehnt vor, nicht nach, Watergate. Was uns als Bewältigung einer autoritären Vergangenheit erscheint, war also zugleich ein Mitschwimmen im Mainstream der westlichen Dynamik im dritten Jahrhundertviertel.

Fragen müsste man auch nach dem Gesamtbild der demokratischen Stabilisierung in der Bundesrepublik. Mindestens drei Narrative stehen zur Verfügung: Es gibt, erstens, die Erzählung von der Legitimation der Demokratie durch ökonomische Prosperität und soziale Sicherheit; es gibt, zweitens, den Hinweis auf die Demokratie aus dem Geiste des Kalten Krieges, des Antikommunismus, der Abgrenzung gegenüber der DDR; und es gibt, drittens, die Geschichte von der Demokratisierung durch Intellektuelle und Medien. Wie aber greift das alles zusammen, wie ist es zu gewichten? Auch bei Wehler werden diese häufig separiert auftauchenden Interpretationen nicht zusammengeführt.

Aber es bleibt dabei und wird aller Wahrscheinlichkeit nach auch in hundert Jahren erkennbar sein: Die "45er-Generation" ragt in den jahrzehntelangen Konflikten um die kulturelle und mentale Demokratisierung der Bundesrepublik heraus. Wieviel davon eigenes Verdienst ist und wieviel den Umständen geschuldet, sei dahingestellt. Sie hat nicht nur Geschichte geschrieben, sondern auch Geschichte gemacht. Zu ihr gehört der Historiker Hans-Ulrich Wehler, der in seinem eigenen Buch nicht vorkommt. (In Winklers "Langem Weg nach Westen" ist ein "Freiburger Historiker Heinrich August Winkler" des öfteren Akteur.) Deswegen, lieber Uli Wehler, herzlichen Glückwunsch zum heutigen 77. Geburtstag!

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Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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