
Hans-Ulrich Wehler: Sammel-Replik
Das Lob jener Journalistengeneration, die bis ca. 1965 die Weichen für die Durchsetzung einer kritischen Öffentlichkeit gestellt hat, trifft auch im Lesesaal auf Zustimmung. In dieser Hinsicht stimmen van Laak, Wirsching und Nolte überein. Dennoch bleibt der früher geäußerte Einwand richtig, dass ich den medialen Siegeszug in der Folgezeit, namentlich in Gestalt des öffentlichen und dann auch des privaten Fernsehens, nicht angemessen zur Geltung gebracht hätte. Eine der Ursachen ist meine Skepsis gegenüber der Überbetonung medialer Einwirkungen, die von jüngeren Historikern als "Fernseh-Kindern" so hoch geschätzt werden. Deshalb habe ich auch die Konstanz der Print-Medien unterstrichen. Und Habermas’ jüngste Verteidigung der Qualitätszeitungen war mir nicht nur aus der Seele gesprochen, sondern wies auch zu Recht noch einmal auf ihre stichwortgebende und meinungsprägende Leistung hin.
In der internationalen Pressegeschichte kenne ich mich nicht hinreichend aus, um Noltes Frage nach deutscher Besonderheit oder westlicher Gemeinsamkeit des Aufschwungs einer kritischen Publizistik befriedigend beantworten zu können. In den USA und in England scheint es mir schon einen von den jungen deutschen Vertretern einer kritischen Öffentlichkeit bewunderten Vorsprung gegeben zu haben. Gemäß dem nationalhistorischen "bias" der Gesellschaftsgeschichte ist der Unterschied nachdrücklich begrüßt worden, der die junge Garde in Westdeutschland von ihren Vorgängern in den Redaktionsstuben abhob. Die drei Erklärungsangebote, die Nolte im Hinblick auf die Stabilisierung der Bundesrepublik anführt (Legitimierung durch Prosperität, Sicherheit, Funktionstüchtigkeit; Abgrenzung des eigenen Erfahrungsmodells von der DDR; Demokratisierung durch die Medien) lassen sich in ihrer spezifischen und wechselseitigen Wirkung ungemein schwer gewichten; mir fehlen dafür trennscharfe Urteilskriterien. Deshalb kann man diese drei Faktorenbündel mit ihren getrennten Strängen getrost zu einem soliden Tau verknoten. An der folgenreichen Mitwirkung der Medien in der "klassischen" Stabilisierungsphase kann man ernsthaft nicht zweifeln. Es ist übrigens ein Erfolg der westdeutschen Zeitgeschichte gewesen, dass sie mit allen Medien intensiv kooperiert und auch dort ihre Forschungsergebnisse möglichst frühzeitig verfochten hat.
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