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Podium:

Die Epochenzäsur 1989/90 - eine deutsche Revolution?

"Wir sind das Volk!": Im Herbst 1989 demonstrierten Hunderttausende in der DDR. Eine ganze Gesellschaft geriet in Bewegung, die Berliner Mauer fiel - und eine erstarrte, scheinbar allmächtige Diktatur stürzte ein. Bald ertönte der Ruf "Wir sind ein Volk!"; der Nation gelang die Vereinigung. Warum scheiterte die DDR nach vierzig Jahren? Vollbrachten die Deutschen eine erfolgreiche Revolution?

zum Textauszug

Beiträge

Hans-Ulrich Wehler
15.09.2008 | 14:55 Uhr

Hans-Ulrich Wehler: Sammel-Replik

Über die Dramatik dieser Zäsur herrscht offenbar kein Streit. Dass eine Weltmacht wie die Sowjetunion zwischen 1989 und 1991 ohne großen Krieg zusammenbrach, ihren Satellitengürtel – das Erfolgssymbol des Zweiten Weltkriegs – aufgab und dann 13 Randgebiete in die einzelstaatliche Souveränität entließ – das bleibt ein tiefer politischer Einschnitt. Zu ihm gehört die Vereinigung der beiden deutschen Neustaaten 1989, die in dem Kräfteviereck Gorbatschow - Bush/Baker – ostdeutsche Protestbewegung – Kohl/Gentscher mit wesentlichen Impulsen der polnischen Dissidentenbewegung und der ungarischen Grenzöffnung zustande kam.

Harpprechts Urteil, dass die europäische Neuordnung nach 1990 das EU-Projekt immens aufgewertet habe, teile ich rundum. Ob ihr wirklich so uneingeschränkt die Zukunft gehört, wie wir beide hoffen, wird auch davon abhängen, ob sie sich weise auf Europa beschränkt und keine überdimensionale Expansion in außereuropäische Gebiete wie z. B. die Türkei und Ukraine verfolgt. Bei einer solchen Ausdehnung ihrer "Soft Power – Domäne" würde sie sich mit Sicherheit überheben.

Im Hinblick auf die eklatante Erosion der ostdeutschen Satrapie von Revolution zu sprechen hatte ich vermieden, da zum modernen Revolutionsbegriff, wie Hettling und Diner zu Recht geltend machen, die Gewalt und der langlebige innergesellschaftliche Strukturwandel gehören. Die Wucht der ostdeutschen Protestbewegung, Gorbatschows Klugheit vom Herbst 1989 bis zu seinen fundamentalen Konzessionen im Camp David, das effektive Zusammenspiel von Bonn und Washington auch gegen heftigen westeuropäischen Widerstand – sie haben die dynamische Wende zur Staatenfusion herbeigeführt. Während dieses Prozesses erwiesen sich die meisten tonangebenden Köpfe der Dissidentenbewegung als Anhänger eines klassischen Anarchismus, denn ihr Glaube an Herrschaftsfreiheit und generalisierbare Konsensdemokratie an runden Tischen führte zu ihrer Entmachtung im Frühjahr 1990.

Es wird kaum verwundern, dass mich die unerwartete Zustimmung eines so imponierenden Kenners der DDR/Geschichte wie Detlef Pollack besonders freut. Offenbar stimmen wir in mehr Urteilskriterien überein, als es anfangs den Anschein hatte. Mit Modernisierungsdefiziten lässt sich empirisch wie normativ doch ganz ordentlich argumentieren. Und man tut es besonders gern mit einem kritischen Experten.

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15.09.2008 | 11:12 Uhr

Wolfgang Thierse: Mehr als ein Experimentalraum

Wehlers Antwort auf die Frage, warum das DDR-System überhaupt 40 Jahre lang überleben konnte, greift meines Erachtens deutlich zu kurz (S. 106 f.). Er verweist auf ein "gewisses Eigenleben mancher Betriebe" bis in die 70er Jahre hinein, auf den ungebremsten Raubbau an vorhandener Substanz sowie auf die enormen Unterstützungsleistungen – zunächst aus der Sowjetunion, später aus der Bundesrepublik. Doch diese Fixierung auf ökonomische Fakten übersieht schlicht, dass die DDR mehr war als ein zentralistisch geführtes Wirtschaftsunternehmen, mehr als ein System der Mangelwirtschaft, mehr als ein ineffizienter Experimentalraum des SED-Politbüros. Übersehen wird, welchen Anteil die Ostdeutschen, die ganz normalen Bürgerinnen und Bürger, am "Überleben" der DDR hatten – und dann eben auch am Zusammenbruch des SED-Systems.

Die DDR war zunächst einmal Lebensort von Millionen Menschen. Die meisten von ihnen, jedenfalls die Jüngeren, wurden ebenso in dieses Land hineingeboren wie in ihre Familien, also ohne eigenes Zutun. Sie lebten hier ein normales Leben im Kreise ihrer Angehörigen, Freunde, Kollegen und versuchten, mit den Widrigkeiten des DDR-Alltags irgendwie zu recht zu kommen. Man sollte nichts beschönigen, aber auch nichts dramatisieren: Es gab keinen Hunger, es gab keine materielle Zukunftsangst, das Maß an sozialer Sicherheit war vergleichsweise hoch. Und so erzeugte dieser Alltag auch den mählichen Prozess des sich Gewöhnens an die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse, erzeugte Momente der Akzeptanz, Momente der Unterstützung. Auch das gehört zur geschichtlichen Wahrheit. Gleichwohl haben die meisten Ostdeutschen im falschen System ein richtiges Leben zu führen versucht – mit Anstand, Witz, Intelligenz, aber nicht ohne Beschämung und Niederlagen.

Über vier Jahrzehnte wurden die Menschen von den Regierenden mit Versprechungen überhäuft, die kaum eingehalten wurden. Sie wurden vertröstet – auf später, auf andere, auf bessere Zeiten. Man hatte das hinzunehmen, man konnte Ulbricht und Honecker nicht abwählen. Man hatte erlebt, dass schon beim Versuch, gegen die politischen Autoritäten zu opponieren, die russischen Panzer auffahren. Das war die Schlüsselerfahrung von 1953. Es war die Erfahrung des – vom Westen (von Adenauer) – Alleingelassenseins, eine Erfahrung, die endgültig wurde durch unsere Einmauerung am 13. August 1961. Seitdem mussten auch die, die mit Kommunismus und SED-Regime nichts verband, einen immer mühseligeren, immer ein wenig auf Hoffnungen setzenden modus vivendi mit dem Regime zu praktizieren versuchen.

Und es gab ja immer wieder auch neue Hoffnungsillusionen, man konnte immer mal wieder glauben, dass es aufwärts gehe, dass bessere Zeiten kommen, dass nichts bleiben würde, wie es war. Ein Beispiel ist der Prager Frühling. Ein anderes die Entspannungspolitik, die trotz des Scheiterns in Prag fortgeführt wurde. Willy Brandt stand für jene im Westen, die Politik machten für uns eingemauerte Ostdeutsche, die für sich selbst keine Politik machen konnten. Die DDR-Geschichte ist eine Geschichte der enttäuschten Hoffnungen – nach 1953 folgten die Hoffnungen und Niederlagen von 1956, 1961, 1968, 1976, 1981.

Der westliche Blick übersieht allzuleicht diese lange Abfolge von Hoffnungen und Enttäuschungen. Der Gewinner des Systemwettbewerbs kann rückblickend nicht mehr begreifen, dass auf der Verliererseite ehrenwerte Motive, anständige Verhaltensweisen und bis fast zuletzt noch kleine Hoffnungen existierten. Der ostdeutsche Blick schämt sich dieser Hoffnungen heute und ist vom Zweifel beherrscht: Hätte man es nicht besser wissen können, die Hoffnung nicht früher fahren lassen müssen? Aber sie ist ja auch nicht auf einen Schlag verschwunden, sondern allmählich, fast unmerklich geringer geworden, bis die Hoffnungslosigkeit in verzweifelten Mut umschlug. Man wusste vor der offensichtlichen Wahlfälschung von 1989, dass Wahlergebnisse gefälscht wurden, dass die ökonomischen Bilanzen gefälscht waren, dass jede Erfolgsmeldung erlogen war. Nach Leninscher Definition war eine revolutionäre Situation eingetreten: Die unten wollten nicht mehr, die oben konnten nicht mehr. Das Ende der DDR.

Das Ende der DDR: eine friedliche Revolution und ein Zusammenbruch zugleich!

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12.09.2008 | 11:14 Uhr

Peter Graf Kielmansegg: Widerspruch und Abwanderung

Es gab 1989 kein "oder": Zusammenbruch "oder" Revolution. Der SED-Staat ist zusammengebrochen, die revolutionäre Aufkündigung des Gehorsams durch Teile der Bevölkerung hat dabei eine wesentliche Rolle gespielt. Nicht "oder" sondern "und". Dass die Aufkündigung des Gehorsams sich nicht wie in vielen großen Umstürzen der Geschichte gewalttätig vollzog, sondern in friedlichen Demonstrationen, ändert nichts daran, dass das Etikett Revolution die Sache trifft.

Albert Hirschman hat mit seinem für ganz andere Zwecke entwickelten, berühmt gewordenen Begriffspaar "voice and exit", "Widerspruch und Abwanderung", ein Instrument für einen genaueren analytischen Zugriff zur Verfügung gestellt – es ist denn auch schon 1990 auf die Spätphase der DDR angewendet worden. "Voice" – das ist die kollektive, öffentliche, revolutionäre Aufkündigung des Gehorsams. "Exit" – das ist die individuelle, gleichsam private Aufkündigung des Gehorsams. Voice und exit haben sich wechselseitig motiviert, verstärkt und legitimiert (anders als Hirschman in seinem Modell es angenommen hatte) – das ist der entscheidende Wirkungsmechanismus in den Sommer- und Herbstmonaten 1989.

Dafür, dass dieser Mechanismus in Gang kommen konnte – ein Jahr nur, nachdem Honecker mit seinem Staatsbesuch in Bonn die DDR auf den Gipfel ihrer kurzen Geschichte geführt zu haben schien -, sind Kontextfaktoren verantwortlich; an erster Stelle selbstverständlich die Entwicklung der Dinge in der Sowjetunion, dann Ungarns Grenzöffnung, Polen nicht zu vergessen, das Land, welches mit seiner immer wieder aufflackernden Widerständigkeit viel dazu beigetragen hat, dass die Sowjetunion unter Gorbatschow die Breschnew-Doktrin schließlich preisgab

Die schwierigste Frage mag die sein: Warum ließ die SED sich mit ihrem ungeheuren, ja auch vor Brutalität keineswegs zurückschreckenden Repressionsapparat so ratlos, passiv, unentschlossen treiben? Gab das System sich auf, weil es sich von der Sowjetunion aufgegeben fühlte? Lähmte die jäh sich eröffnende Einsicht, dass der Staatsbankrott dicht bevorstand? Waren die alten Herren, die sich so lange im sicheren Besitz der Macht gewähnt hatten, von der Krise ganz einfach überfordert?

Der Zusammenbruch der DDR ist aber bekanntlich nur der erste Teil der Geschichte. Dass auf den ersten ein zweiter folgte, dass der Zusammenbruch der DDR in die Wiedervereinigung einmündete, war so selbstverständlich nicht, wie es im Rückblick scheinen mag. Da kommen nun andere ins Spiel, die Bundesrepublik und die USA, während die Sowjetunion mit dem "welthistorischen Zufall Gorbatschow" und die Deutschen in der DDR, die sich auf dem Weg zur DM nicht mehr aufhalten lassen wollten, im Spiel bleiben. Ein höchst dynamischer Prozess komplexer Wechselwirkungen.

Wehler hat gut daran getan, diesem Prozess eine längere, sorgfältige, aus meiner Sicht durchaus zustimmungsfähige Analyse zu widmen, obwohl sich ein solches massives Stück Ereignisgeschichte nicht ganz leicht in eine strukturgeschichtlich angelegte Darstellung einfügen lässt. Denn diese dichte Ereigniskette bringt eben doch auch die Strukturgeschichte der beiden deutschen Staaten auf den Punkt.

Dennoch bleibt beim Leser ein leises Gefühl der Verwirrung. Die Wiedervereinigung als Rückkehr in die nationalstaatliche Form politischer Existenz stellt sich auch bei Wehler als ein legitimer, beinahe "natürlicher" Vorgang dar. Andererseits urteilt Wehler an anderer Stelle harsch über Nation und Nationalismus als Relikte einer schlimmen Vergangenheit. Wenn aber Staatlichkeit in ihrer Prägung durch die europäische Geschichte auch am Beginn des 21.Jahrhunderts im Kern noch Nationalstaatlichkeit bedeutet, wird man dann nicht auch den Deutschen zugestehen müssen, dass sie ihren Staat nur als Nation wirklich gemeinsam als den Ihren ansehen können?

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12.09.2008 | 08:02 Uhr

Klaus Harpprecht: Welthistorischer Epochenwechsel

Niemand hatte die Implosion des Sowjetimperiums vorausgesehen: nicht die CIA, nicht der BND, vermutlich auch nicht Mossad, keiner der amtierenden Staatsleute. Willy Brandt freilich hatte im Oktober 1973 im Garten der Villa Gallimard an der Cote du Maures beim Teegeplauder mit einigen seiner Mitarbeiter und Freunde unversehens bemerkt, er sei nicht so sicher, dass die Sowjetunion das Jahr 2000 erreichen werde.

Seine Vermutung nährte sich nicht nur aus den ökonomischen Schwierigkeiten des Imperiums, sondern aus dem wachsenden Druck der ethnisch-religiösen Minoritäten des Vielvölkerstaates. Die Wiedervereinigung schloss er, anders als der Autor dieses Einwurfs, niemals aus. Er meinte nur, je weniger man davon rede, um größer die Chance, dass der "Tag X" plötzlich vor der Tür stehe.

"Epochenzäsur": das Wort greift nicht zu hoch. Das Ende des einen der beiden kommunistischen Reiche bedeutete den Kollaps der sozialistischen Glaubenswelt – eine Botschaft, die nur die verstocktesten Fundamentalisten des Marxismus nicht zur Kenntnis nehmen. Die Fortexistenz der Einparteien-Herrschaft in China, unter deren Fittichen ein wilder Kapitalismus gedeiht, widerspricht dieser Einsicht nicht. Die ideologische Camouflage, deren sich die Diktatur bedient, mag man beliebig nennen: ob sie die nationalistischen oder konfuzianischen oder altmaoistischen Tarnkappen aufsetzt, ist eher gleichgültig.

Der welthistorische Epochenwechsel von 1989 bis 1991 ließ in den Köpfen der Philosophen und Gesellschaftsanalytikern des Westens die tollsten Spekulationen wuchern. Der Amerikaner Fukuyama verkündete mit geblähten Backen "das Ende der Geschichte", weil nun die liberal-ökonomistische Demokratie rund um den Erdkreis triumphiert habe – eine an Schwachsinn grenzende These, die seine von allen guten (und bösen) Geistern, nein, von jedem kritischen Geist verlassene Gemeinde tausendfach nachbetete – bis der Urheber angesichts der unübersehbaren Korrekturen den Irrtum selber eingestand. Auch war in jedem zweiten Leitartikel nachzulesen – gleichviel in welcher Sprache -, dass die Vereinigten Staaten die einzige und konkurrenzlose Superweltmacht seien – die freilich von den terroristischen Angriffen auf das World Trade Center in Manhattan, bei denen dreitausend Menschen das Leben ließen, bis in die Grundfesten erschüttert wurde. Nicht lange danach führte der miserabelste Präsident in der Geschichte Amerikas den Nachweis, dass die Hypermacht ihre konventionellen Streitkräfte in seinem absurden Irak-Krieg bis an den Rand der Erschöpfung strapazierte.

China war der Unbesiegbarkeit seiner Milliarde Menschen stets bewusst. Russland, dessen nukleares Arsenal die Welt des Westens zu jeder Stunde genügte, um die Zivilisation des Westens zu vernichten, ist unter dem Kommando des drahtigen Geheimdienstoffiziers Putin im Begriff, sein Imperium wiederherzustellen. Andere benebelte Auguren proklamierten die Renaissance der Nationalismen und der Nationalstaaten. Sie übersahen dabei – was freilich auch die polnische und die tschechische Rechte zeitweise vergaß -, dass die Anziehungskraft und die wirtschaftlichen Erfolge der Europäischen Union wesentlich zum Zerfall des Satrapensystems in Osteuropa beigetragen hatten: Die Mitgliedschaft in der Gemeinschaft freier Völker war für die unterdrückten Völker die schönste Motivierung ihres Verlangens, über das eigene Geschick verfügen zu können – zumal durch die europäische Bindung die Gefahr eines deutschen Revisionismus ein- für allem gebannt wurde. Die Deutschen-Furcht taugte nicht länger als Bindemittel des Warschauer Paktes.

Die Europäische Union – die stets, wie wir wohl wissen, nur durch immer neue Aufenthalte und Niederlagen voranstolpert – ist das produktivste Beispiel für eine friedliche Ordnung der Völker. Am klarsten bezeugen dies die Analysen scharfsichtiger Amerikaner. Die Aufgaben, die zu bezwingen sind, nennt Wehler in seinem Epilog klar genug beim Namen: die Notwendigkeit des sozialen Ausgleichs, die Integration des Sub-Proletariats der Einwanderer, die Zivilisierung des « Turbokapitalismus ». Indes, Wehler ringt sich nicht zu der ermutigenden Feststellung durch, dass die Europäische Union die besten Chancen hat, dieser Herausforderung Herr zu werden – anders: dass ihr die Zukunft gehört. Voraussetzung für ihre Existenz war die endliche Einkehr der Deutschen (und schließlich der Osteuropäer) in den Kultur- und Machtkreis des Westens. Seitdem ist die Alte Welt die wahrhaft Neue.

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12.09.2008 | 08:01 Uhr

Martin Sabrow: Scheu vor dem R-Wort

Nach drei Wochen neigt sich das fröhliche und allmählich auch ermüdende Rezensentengericht über Wehlers deutscher Meistererzählung des kurzen 20. Jahrhunderts seinem Ende zu - und wieder stimmt die nun schon ad nauseam wiederholte Feststellung, dass sein gesellschaftsgeschichtliches Paradigma stärker in der Herausarbeitung als in der Klärung der großen Fragen an das Jahrhundert ist.

Auch in Bezug auf den Herbst 1989 stellt Wehlers Analysefächer unterschiedliche Antworten unverbunden nebeneinander: Im wirtschaftsgeschichtlichen Teil lesen wir von einer progressiven Selbstzerstörung, deren genetische Prägung im fundamentalen Konstruktionsfehler der Planwirtschaft zum unvermeidlichen Untergang führen musste und lediglich die Frage offen lässt, was ihn so lange aufhielt. Aus politikgeschichtlichem Blickwinkel hingegen ruhte die DDR für Wehler seit 1949 auf russischen Bajonetten und brach zusammen, als Gorbatschow der "sowjetischen Satrapie" die militärische Unterstützung verweigerte.

Dass freilich auch die mächtigsten Strukturen selbst nicht handeln, gibt Wehlers historische Bilanz erst einigermaßen spät zu erkennen, als nämlich mit dem Sommer 1989 und der Ausreisewelle aus der DDR ein strukturell nicht unmittelbar ableitbarer Faktor ins Spiel kommt. Plötzlich ist dann auch von einem ominösen "Legitimationsverfall" die Rede, über dessen historischen Gegenpart in Form von Legitimationserwerb zuvor wenig zu erfahren war (wenn man von der "kurzlebigen Legitimationszufuhr" durch Aufstiegsmobilität und Elitenwechsel in den fünfziger Jahren absieht), um so mehr aber von der kleinbürgerlichen Ärmlichkeit einer kommunistischen Machtelite, die es nicht einmal vermocht habe, den herrschaftslegitimatorisch gut erprobten Automobilbau für ihre Machtsicherung einzusetzen.

Aus dieser teleologischen Systembilanz lässt sich die Frage nach dem Charakter des Umbruchs von 1989 kaum entscheiden, und überdies beruht die gestellte Entscheidungsfrage auf einer Scheinalternative. Natürlich stellt der fast geräuschlose Zerfall des kommunistischen Machtsystems in Europa am Ende des kurzen 20. Jahrhunderts eine historisch unerhörte Begebenheit dar, die schon deswegen nicht vorhersehbar war, weil sie nicht von einer immer stärker werdenden Fundamentalopposition erkämpft wurde, sondern aus dem Inneren eines Herrschaftssystems kam, das den Glauben an sich selbst verloren hatte. Nicht wenige Techniker der kommunistischen Macht standen diesem atemberaubenden Auflösung der sozialistischen Sinnwelt so verständnislos gegenüber wie jener MfS-Offizier, der noch im Rückblick nicht verstand, warum das Regime sich am 9. Oktober in Leipzig und am 9. November in Berlin so widerstandslos von der Macht verabschiedet hatte: "Wir haben die Waffen zu früh abgegeben. Die Plüschheinis von der Friedensbewegung wären beim ersten Schuss auseinander gelaufen".

Das durch seine internationale Einbindung wie durch transnationale kulturelle Einflüsse in seiner konstitutiven Abgeschlossenheit bereits erodierte Projekt Kommunismus hatte im Verlauf der achtziger Jahre einen radikalen Orientierungsverlust erlitten, der sich an der Sprachlosigkeit im Politbüro ebenso wie an der Einschaltquote des "Schwarzen Kanals" ablesen lässt, am völligen Verlust der Fortschrittsperspektive ebenso wie am Zerfall des identitätsstiftenden Feindbildes. Insofern vollendete das Zusammenfließen von Reform-, Oppositions- und Fluchtbewegung im Herbst 1989 nur einen historischen Zusammenbruch, dessen Ursachen weit jenseits des mutigen Ansturms auf die verriegelten Grenzen des SED-Staates lagen.

Zum anderen vollzog sich die weltgeschichtliche Wende von 1989/91 in Deutschland natürlich als eine Revolution, insofern sie das Ende einer Epoche herbeiführte und die Gültigkeit der bisherigen Ordnung der Dinge aufhob. Eine scheiternde Revolution wird in den hergebrachten Mustern der Weltorientierung als Hochverrat verhandelt; eine siegreiche Revolution aber setzt mit der historischen Zäsur zugleich neue normative Maßstäbe des Handelns und Denkens, die sich aus den alten Verhältnissen nicht hätten ergeben können. Nicht von der Gewalthaftigkeit des Umsturzes kann die Zuschreibung des Revolutionsbegriffs für den Herbst 1989 abhängen, sondern nur von der Radikalität des Umbruches. Wie sehr aber alle Zeitgenossen des Umbruchs sich der revolutionären Verschiebung auch des ganz eigenen Sinnhorizontes hatten beugen müssen, lehrt bequem und manchmal schmerzhaft der Vergleich von Auffassungen und Äußerungen vor und nach 1989.

Die spannende Frage bleibt, warum der Begriff der friedlichen Revolution sich gleichwohl zwar in der Semantik staatlichen Gedenkens, nicht aber in der sozialen Rhetorik durchgesetzt hat: In der alltagssprachlichen Konkurrenz mit dem Wendewort zieht er regelmäßig den Kürzeren. Steckt hinter dieser Abwehr womöglich die Scheu vor einem unangemessenen historischen Pathos, das sich den vielen Unbeteiligten schlicht verbietet, angesichts des raschen Akteurs- und Perspektivenwechsels zwischen Herbst 1989 und Frühjahr 1990 aber auch von vielen Beteiligten gemieden wird? Oder lässt die Scheu vor dem R-Wort sich besser mit dem übergreifenden Wandel des europäischen Geschichtsbewusstseins erklären, das Schritt um Schritt die Helden- durch eine Opferperspektive eingetauscht hat? Dafür spricht jedenfalls, dass der revolutionäre Zusammenbruch von 1989 keine Helden und keine Heldenmythen hervorgebracht hat.

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12.09.2008 | 08:01 Uhr

Wolfgang Schuller: Ein Zusammenspiel von Faktoren

Die Frage, ob die DDR, wie Wehler meint, notwendigerweise scheitern musste, könnte man wie das Radio Erewan mit "im Prinzip ja" beantworten, man müsste allerdings, anders als dieses Radio, nicht gerade mit direkt widersprechenden, sondern nur mit erheblich relativierenden Einschränkungen fortfahren – ganz abgesehen davon, dass man eine so entschiedene Prognose von seiten der Zeitgeschichte und Politikwissenschaft früher gerne öfter gehört hätte.

Richtig ist, dass die DDR von vorneherein ein Kunstprodukt war; das hatte übrigens auch schon Charles de Gaulle gesagt. Richtig ist, dass trotz des vorsichtigen Offenhaltens anderer Optionen durch die UdSSR intern von vorneherein auf eine vollständig kommunistische Herrschaft hingearbeitet wurde. Richtig ist, dass die ohnehin im Vergleich zur Bundesrepublik schlechteren Startbedingungen durch eine ideologische und ineffektive Planwirtschaft, durch den Primat der Machtgewinnung und des Machterhalts der Partei sowie durch millionenfache Flucht von aus dem Land getriebenem "Humankapital" potenziert wurden. Im übrigen hatte ja niemand die sowjetischen und deutschen Kommunisten gezwungen, in der SBZ eine separate Diktatur zu errichten.

Aber: Wehler berücksichtigt nicht, dass die Existenz sowie die wirtschaftliche und politische Vitalität der DDR vollständig von der Stabilität der UdSSR abhing. Kann man genauso peremptorisch sagen, dass auch die Sowjetunion notwendigerweise scheitern musste? Dazu hätte es bei einem immerhin seit 1917 bestehenden Staat etwas komplizierterer Ausführungen bedurft. Selbst wenn man zu diesem Ergebnis kommen sollte, ohne sich einer etwas blauäugigen nachträglichen Prophezeiung schuldig zu machen, wäre jedenfalls doch denkbar gewesen, dass sich die UdSSR und die von ihr in der einen oder anderen Weise beherrschten Staaten noch eine ganze Weile mindestens hingeschleppt hätten. Aber Wehler vernachlässigt ja ohnehin die übernationale Einbindung der DDR, die doch konstitutiv für vieles, wenn nicht für alles war.

In diesem Sinne ist dann schließlich auch die Frage "Zusammenbruch oder deutsche Revolution" zu beantworten. Zunächst ist die Alternative schief: Die Revolution hat den Zusammenbruch verursacht. Der kam nicht von alleine, sondern erforderte Mut und Entschlossenheit. Dass es eine Revolution war, wird man ja wohl ohne Rückgriff auf eine sich selbst genügende Revolutions-Scholastik sagen können. Wer die Gewalt vermisst, möge bedenken, dass Riesendemonstrationen von Zehn- und Hunderttausenden sowie die Erstürmung und Besetzung der Staatssicherheits-Einrichtungen nicht gerade das Urbild zahnloser Friedfertigkeit sind. Nicht umsonst bat die Partei geradezu flehentlich, man möge von der Straße heruntergehen und sich auf harmlose "Dialoge" in geschlossenen Räumen beschränken.

Deutsch war diese Revolution nicht deshalb, weil sie einem wie auch immer gearteten deutschen Nationalcharakter entsprochen hätte, eher war sie ein Bruch mit allem, was bisher in der deutschen Geschichte Vergleichbares geschehen ist. Sie war eine deutsche Revolution deshalb, weil der vorausgehende Beginn der Abschüttelung der Parteidiktatur in den anderen kommunistisch beherrschten Ländern – Polen, Russland, den baltischen Staaten, Ungarn – jeweils völlig anders verlief. Wenn irgendwo, dann wäre hier eine vergleichende Betrachtung notwendig.

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12.09.2008 | 08:00 Uhr

Manfred Hettling: Stolze Beschwörungen

Seit einigen Jahren ist die bundesdeutsche Öffentlichkeit in den historischen Rückblicken auf der sehnsüchtigen Suche nach einer eigenen – und erfolgreichen - demokratischen Revolution. 1998 wurde das im Jubiläumstrubel zum 150. Jahrestag von 1848 unverkennbar, und auch die Popularität des Begriffes "friedliche Revolution" für 1989 spiegelt dasselbe Bedürfnis. Nicht mehr Narrative von einem 'deutschen Sonderweg' liegen diesen neuen Deutungen zu Grunde, sondern stolze Beschwörungen demokratischer Aufbrüche und historische Fundierungsversuche der gegenwärtigen Demokratie.

Die Frage nach der passenden Begrifflichkeit für 1989 ist inzwischen weit mehr eine der politischen Interpretation als der historischen Analyse. Denn unstrittig ist sich die Forschung über das Zusammenspiel ganz unterschiedlicher und heterogener Faktoren, die diesen anderen deutschen Herbst ermöglicht haben; Wehler bilanziert diese unterschiedlichen Ebenen knapp und präzise.

Für 1989 bleibt der Revolutionsbegriff letztlich genauso problematisch wie der Begriff Zusammenbruch. Dem letzteren fehlt die subjektive Perspektive der vielen, die auf die Straße gingen oder sich in den Bürgerrechtsgruppen organisierten, kurz derer, die den Herbst als Aufbruch erlebten. Doch umgekehrt ist der moderne Revolutionsbegriff seit 1789 eindeutig besetzt mit zwei Bestandteilen: erstens Gewalt und zweitens einem langfristigen Strukturwandel von innen - ohne massive Beeinflussung von außen. Beides trifft für das ostdeutsche 1989 kaum zu, deshalb auch stützt sich mancher auf ungenügende Neuschöpfungen wie "friedliche Revolution".

Auch wenn der Begriff "Wende" gerade für viele Ostdeutsche diskreditiert ist, weil ihn Egon Krenz geprägt hat, scheint er mir bisher am passendsten zu sein. Er transportiert keine unpassenden historischen Analogien, er enthält in weit stärkerem Maße als Revolution das Moment des nicht intendierten Verlaufs - und er hat in Enzensbergers Loblied auf den "Wendehals" eine ironische Zuspitzung gefunden. Diese macht sowohl den dynamischen Wandel von 1989/90 plausibel als auch das zähe und andauernde Vergangenheitsgerangel seither.

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12.09.2008 | 08:00 Uhr

Detlef Pollack: Strukturdefizite plus Handlungsdynamik

Auch wenn man Wehlers Deutsche Gesellschaftsgeschichte in mancherlei Details kritisieren kann, eines lässt sich diesem großen Wurf nicht vorwerfen: ein Mangel an argumentativer Konsequenz. Wenn Wehler das unausweichliche Scheitern des DDR-Regimes auf seine systemimmanent bedingten Modernisierungsverzüge zurückführt, etwa auf die Politisierung des Wirtschaftsprozesses, auf die fehlende Differenzierung der Lenkungsinstrumente, auf die Verbannung der Eigendynamik durch Konkurrenzdruck und Markt oder auch auf die Verdrängung des selbständigen Unternehmers aus dem Wirtschaftsleben, dann ist es nichts anderes als konsequent, wenn er für die über 40 Jahre währende Existenz dieses Staates vor allem systemexterne Ursachen verantwortlich macht: den Erhalt von durch die Gesamtplanung des Systems nicht erfassten Nischen und Eigenrationalitäten, die Übernahme eines hoch entwickelten Wirtschaftspotentials aus der Vergangenheit sowie die Gewährung von aus der Sowjetunion und zunehmend aus der Bundesrepublik kommenden Unterstützungsleistungen.

Überzeugend ist diese Argumentation zum ersten deshalb, weil das Scheitern der DDR damit zum theoretisch erklärbaren Anwendungsfall der von Wehler vertretenen Modernisierungstheorie wird und die Entwicklungsblockaden in der DDR noch einmal ein instruktives Licht auf die bundesdeutsche Erfolgsgeschichte werfen. Wo das Scheitern der DDR aus ihrer Unfähigkeit, strukturellen innovatorischen Wandel systemimmanent hervorzubringen, hergeleitet wird, da wird zugleich noch einmal deutlich, auf welchen Faktoren die beachtliche wirtschaftliche, politische und soziale Aufschwung des westlichen Gesellschaftssystem beruhte: auf der durch Dezentralisierung von Entscheidungsbefugnissen, Differenzierung sozialer Lenkungsinstrumente, marktinduzierte Mobilisierung, Förderung selbständigen Unternehmertums usw. bedingten Fähigkeit zum systemimmanenten Wandel.

Zweitens ist diese Argumentation überzeugend, da aus ihr deutlich wird, dass der alleinige Verweis auf strukturelle Rahmenbedingungen das Scheitern des DDR-Systems nicht zureichend verständlich zu machen vermag. Modernisierungsverzüge gab es in der gesamten Zeit des Bestehens der DDR, und dennoch brach die DDR, obschon immer und immer wieder prognostiziert, nicht zusammen. Um die Zusammenbruchsdynamik zu erklären, ist es daher erforderlich, die modernisierungstheoretische Analyse der Strukturdefizite des Systems mit der der Erfassung der Handlungsdynamik der Akteure des Herbstes 1989 zu verbinden. Dass die Bürgerbewegungen, die Massendemonstrationen und insbesondere die Fluchtbewegung aus der DDR jene systemsprengenden Effekte auszulösen vermochten, die in den Untergang der DDR führten, hängt dann allerdings wiederum damit zusammen, dass sie ein Ausdruck der modernisierungstheoretisch diagnostizierten Strukturwidersprüche waren, diese sichtbar machten und zum Bersten brachten.

Schließlich ist die Argumentation Wehlers auch insofern überzeugend, als sie gängige Annahmen der deutschen Historiographie und Sozialwissenschaft, etwa über das angeblich in der DDR anzutreffende Weiterwirken einer deutschen Untertanenkultur, eines apolitischen deutschen Romantizismus oder auch eines paternalistischen Gemeinschaftsdenkens überflüssig macht. Dass die DDR scheiterte, lässt sich, folgt man dem Wehlerschen Modell, aus den strukturellen Modernisierungsdefiziten sowie der Akteursdynamik von 1989 zureichend erklären; dass sie sich so lange hielt, kann auf externe Rahmenbedingungen zurückgeführt werden.

Die sich in Intellektuellenkreisen so großer Beliebtheit erfreuende Selbstbezichtigung der Deutschen als paternalistisch, apolitisch und obrigkeitshörig ist schlichtweg entbehrlich. Sie sagt etwas über den vielleicht sogar berechtigten Stolz der westdeutschen intellektuellen Eliten über ihre lang währende Lerngeschichte in der bundesdeutschen Demokratie, aber nur wenig über die kulturelle Bestände des deutschen Ostens, in welchem die von Wehler analysierten politisch forcierten Umbrüche und die daraus folgenden soziokulturellen Verwerfungen eben auch mit dieser gern beschworenen deutschen Tradition der paternalistischen Autoritätsfixierung aufräumten.

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12.09.2008 | 08:00 Uhr

Dan Diner: Freiheit als Produktivkraft

Politische Revolutionen sind Folgen ihnen vorausgehender gesellschaftlicher Zusammenbrüche. Diese Aussage ist trivial, in gewisser Hinsicht auch tautologisch. Und dennoch lohnt es sich, diesen Zusammenhang nochmals vor Augen zu führen. Für die moderne Erfahrung mit Revolutionen, die ein solches Prädikat auch verdienen, ist es allemal richtig.

So für die Franzoesische Revolution, die ohne die Niederlage Frankreichs im Siebenjährigen Krieg, den Weltkrieg des 18. Jahrhunderts und den dabei erlittenen Verlusts von Indien und Kanada an die Briten nicht zu verstehen ist – vor allem auch wegen des enormen finanziellen Aderlasses im bald darauf sich einstellenden "Revanchekrieg", sprich: der französischen Unterstützung der sich gegen den englischen König erhebenden amerikanischen Kolonien. Die Folgen der Einberufung der Generalstände jedenfalls ist notorisch. Sowohl die russische Februarrevolution als auch der ihr nachfolgende Oktoberputsch der Bolschewisten war der dramatischen Lage des Zarenreiches im Grossen Krieg geschuldet. Ohne die sie begleitenden oder ihnen vorausgegangenen kriegerischen Kontexte wären derartige Umwälzungen nur schwer vorstellbar gewesen.

Auch die Ereignisse im Herbst 1989 waren nicht kontextlos – und mit Sicherheit nicht unmittelbare Folge der Vorgänge in der DDR gewesen. Wie immer zukünftige Historiker die Politik Gorbatschows, ihrer Voraussetzungen und Folgen auch beurteilen mögen - ohne die tiefe Krise des Sowjetreiches in der mit dem Namen Breschnew verbundenen "Stagnationsphase" sind die Entwicklungen im Bereich der westlichen sowjetischen Glacis in Mittel-und Ostmitteleuropa nicht vorstellbar. Ob diese Krise mit dem fühlbar werdenden technologischen "take off" des Westens im Bereich der neuen Technologien - im Unterschied zur Dominanz der traditionellen Schwerindustrie in der Sowjetunion - in Verbindung steht, begleitet vom Aderlass militärischer Abenteuer wie in Afghanistan, läßt sich heute abschliessend noch nicht beurteilen. Der Hinweis jedoch, dass das zwischen Reagan und Gorbatschow 1987 in Washington abgeschlossene Abkommen zur massiven Reduzierung der strategischen Nuklearwaffen, vor allem aber der strittigen Mittelstreckenraketen in Mitteleuropa, noch gleichsam zeitgleich mit der Freigabe des amerikanischen, bislang allein militärisch genutzten Intranet zum kommerziell nutzbaren Internet einherging, lässt eine an Kausalität gemahmende Wirkung zwischen technologischer Entwicklung und politischem System vermuten. Vor allem dann, wenn das habituelle Elixier dieser neuen Technologie nun einmal die individuelle Freiheit ist. So erwies sich Freiheit als Produktivkraft.
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In diesem Zusammenhang sind auch die Tendenzen zur Selbstbefreiung in der DDR zu verstehen. Dass es hierfuer nicht zuletzt auch der paradoxen Ostpolitik bedurft hatte – also den Status quo anzuerkennen, um von da aus auch verändern zu koennen, muss in die Gesamtumstände mit einbezogen werden. Dass historische "Glück", also die Konstellation der Umstände im Herbst 1989, war das Zusammenspiel zwischen dem Kontext eben jener langfristigen und strukturell angelegten Entwicklungen und den Ereignissen am Ort. Das eine ist ohne das andere nicht zu denken.

Und wenn man den Kalten Krieg als einen Weltkrieg beurteilen will, wenn auch ein Weltkrieg ganz besonderer Art, dann war die dieser Art von Krieg entsprechende eigentümliche, sprich: strukturelle Niederlage der Sowjetunion in diesem Krieg die Voraussetzung der Auflösung der DDR – nenne man diesen Vorgang nun Revolution oder nicht. Dies ist ein Zusammenhang, auf den Hans-Ulrich Wehler in seinen der DDR gewidmeten sozio-ökonomischen Teilen des Buches ständig und immer wieder verweist. Dass der DDR keine andere Modernisierungsalternative als die Selbstauflösung bevorstand, hat mit ihrem besonderen Charakter zu tun. Denn im Unterschied etwa zu Polen oder Ungarn und anderen sogenannten Volksdemokratien die als nationale Gemeinwesen auch dann weiter Bestand hatten, als das politische und soziale System des Sozialismus annuliert wurde, beruhte die DDR einzig und allein auf einer geschichtsphilosophischen Konstruktion: der Klasse. War diese geschichtsphilosophische Annahme erst einmal wiederlegt – und das geschah vor aller Augen – dann konnte dies nur in die völlige Annulierung des Gemeinwesens führen. Was blieb, war die Aufnahme der dortigen Bevölkerung in das institutionelle und soziale Gehäuse "alten" Bundesrepublik.

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Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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