
Hans-Ulrich Wehler: Sammel-Replik
Über die Dramatik dieser Zäsur herrscht offenbar kein Streit. Dass eine Weltmacht wie die Sowjetunion zwischen 1989 und 1991 ohne großen Krieg zusammenbrach, ihren Satellitengürtel – das Erfolgssymbol des Zweiten Weltkriegs – aufgab und dann 13 Randgebiete in die einzelstaatliche Souveränität entließ – das bleibt ein tiefer politischer Einschnitt. Zu ihm gehört die Vereinigung der beiden deutschen Neustaaten 1989, die in dem Kräfteviereck Gorbatschow - Bush/Baker – ostdeutsche Protestbewegung – Kohl/Gentscher mit wesentlichen Impulsen der polnischen Dissidentenbewegung und der ungarischen Grenzöffnung zustande kam.
Harpprechts Urteil, dass die europäische Neuordnung nach 1990 das EU-Projekt immens aufgewertet habe, teile ich rundum. Ob ihr wirklich so uneingeschränkt die Zukunft gehört, wie wir beide hoffen, wird auch davon abhängen, ob sie sich weise auf Europa beschränkt und keine überdimensionale Expansion in außereuropäische Gebiete wie z. B. die Türkei und Ukraine verfolgt. Bei einer solchen Ausdehnung ihrer "Soft Power – Domäne" würde sie sich mit Sicherheit überheben.
Im Hinblick auf die eklatante Erosion der ostdeutschen Satrapie von Revolution zu sprechen hatte ich vermieden, da zum modernen Revolutionsbegriff, wie Hettling und Diner zu Recht geltend machen, die Gewalt und der langlebige innergesellschaftliche Strukturwandel gehören. Die Wucht der ostdeutschen Protestbewegung, Gorbatschows Klugheit vom Herbst 1989 bis zu seinen fundamentalen Konzessionen im Camp David, das effektive Zusammenspiel von Bonn und Washington auch gegen heftigen westeuropäischen Widerstand – sie haben die dynamische Wende zur Staatenfusion herbeigeführt. Während dieses Prozesses erwiesen sich die meisten tonangebenden Köpfe der Dissidentenbewegung als Anhänger eines klassischen Anarchismus, denn ihr Glaube an Herrschaftsfreiheit und generalisierbare Konsensdemokratie an runden Tischen führte zu ihrer Entmachtung im Frühjahr 1990.
Es wird kaum verwundern, dass mich die unerwartete Zustimmung eines so imponierenden Kenners der DDR/Geschichte wie Detlef Pollack besonders freut. Offenbar stimmen wir in mehr Urteilskriterien überein, als es anfangs den Anschein hatte. Mit Modernisierungsdefiziten lässt sich empirisch wie normativ doch ganz ordentlich argumentieren. Und man tut es besonders gern mit einem kritischen Experten.
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