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Podium:

Wie deutsch ist die deutsche Geschichte 1949 bis 1990?

Aus den Trümmern der geteilten Welt entstand 1989/90 der neue deutsche Nationalstaat. Doch wie national kann unser Blick zurück heute noch sein? Wie international ist die deutsche Gesellschaftsgeschichte seit 1945 und wie soll man sie schreiben? Wenn Grenzen fallen und die Welt zusammenwächst: Welche Zukunft hat die deutsche Gesellschaft - aus der Sicht des Historikers?

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Beiträge

Hans-Ulrich Wehler
15.09.2008 | 14:56 Uhr

Hans-Ulrich Wehler: Sammel-Replik

Die unübersehbare politische und methodische Grenze dieser Gesellschaftsgeschichte liegt in ihrer nationalhistorischen Anlage. Sie ist kein Ergebnis nationaler Borniertheit, vielmehr primär eine Folge der Motive zu Beginn des Unternehmens, die Sonderbedingungen und Verwerfungen der deutschen Geschichte, insbesondere den Zivilisationsbruch seit 1933, mit längerem Atem als oft üblich zu erörtern und nach Möglichkeit zu erklären, jedenfalls eine Diskussion über die Charakteristika der deutschen Gesellschaftsentwicklung anzuregen. Diner trifft ins Schwarze, dass sie insofern der Reflex einer "Sonderzeit" ist. Kielmanseggs Ruf nach der internationalen Kontextualisierung trifft auf offene Ohren. Doch wäre es abgesehen von den Motiven eine barbarische Arbeit gewesen, diese Erweiterung in fünf Bänden durchzuhalten, auch wenn die Kompetenz dazu erworben worden wäre. Gerade der knappe, erhellende Vergleich setzt ja intime Vertrautheit mit der Problematik in anderen Ländern voraus.

Das Manko des fehlenden internationalen Vergleichs, den Kielmansegg mit guten Gründen anmahnt, und der zur Zeit favorisierten transnationalen Perspektive, die auch Stolleis unterstützt, lässt sich daher leicht feststellen. Aber im Hinblick auf die Epoche des siegreichen Nationalismus und Nationalstaats teile ich Harpprechts skeptische Einwände durchaus. Vielleicht habe ich es in diesem Band nicht so deutlich gesagt wie zuvor in einem schlanken Buch über "Nationalismus" (2001). Der Nationalismus ist in meinen Augen, schlüssiges Ergebnis der neuen Forschung seit den 1980er Jahren, ein Phänomen der politischen Moderne, das, zuerst von seiner "gedachten Ordnung" ausgehend, den Nationalstaat hervorbringt. Er ist innenpolitisch mit seinen Versprechen gescheitert, eine homogene Gesellschaft von gleichberechtigten Nationsgenossen heraufzuführen, davon wissen Iren, Korsen, Juden, Polen ein Lied zu singen. Er ist außenpolitisch mit seiner Verheißung gescheitert, eine friedliche Koexistenz aller Nationen zu gewährleisten, statt ihrer gab es mörderische Nationalkriege. Andererseits muss man als Historiker (wie das van Laak, aber auch als Politikwissenschaftler Kielmansegg tut) die Zählebigkeit des institutionell und mental verankerten Nationalstaats realistisch anerkennen. In ihm findet der Bürger alle europäischen Staaten seiner politischen Optionen, seine Rechtssicherheit, seine sozialstaatliche Absicherung. Diese Kompetenzen auf die EU zu übertragen bleibt eine schwierige Aufgabe. Aber, auch da hat Harpprecht mit Max Weber Recht, die Aufgabe des Historikers ist es nicht, sich der Claque der Verklärer des Status quo anzuschließen, sondern durch historisch nur zu gut begründete Kritik den Nationalismus und Nationalstaat in Frage zu stellen, ihm die normative Verbindlichkeit zu nehmen.

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13.09.2008 | 08:05 Uhr

Klaus Harpprecht: Jenseits des Nationalstaats

Nein, Hans-Ulrich Wehler zählt nicht zu den Urenkeln Heinrich von Treitschkes, des prussifizierten Sachsen, der im Nationalstaat (womöglich dem "arisch" gesäuberten) die Erfüllung der Geschichte sah. Zu Recht stellt er fest, dass sich der deutsche Nationalismus nach dem Vernichtungsfuror des Dritten Reiches und der totalen Niederlage – nicht nur der militärisch-materiellen, sondern von allem der moralischen – fürs erste ausgebrannt sei. Die deutsche Bereitschaft zur Europäisierung resultierte – auch das bemerkt er realistisch genug – zum guten Teil aus dem Scheitern der Nationalstaatlichkeit, die im großpreußisch-kleindeutschen Bismarck-Reich ohnehin nur eine artifizielle, von Beginn an brüchige, ja einsturzgefährdete Form gefunden hatte. Er definiert die Europäische Union korrekt als einen "föderativen Staatsverband besonderer Art, weder Staatenbund noch Bundesstaat", dessen Mitglieder essentielle Hoheitsbefugnisse an die Institutionen der Gemeinschaft abgetreten haben.

Kein zu großes Opfer, da die Souveränität klassischen Charakters durch die Machtverhältnisse und die entgrenzten Energien der Globalisierung ohnedies zur Schimäre geworden sind. Experten hätten festgestellt, so Wehler, dass "nahezu zwei Drittel der vom Bundestag verabschiedeten Gesetzesmaterie aus der Übernahme europäischer Normen in das binnendeutsche Rechtkorpus bestanden". Er hätte hinzufügen müssen, dass weit mehr als siebzig Prozent der europäischen Verordnungen und Gesetze durch die nationalen Regierungen der Mitgliedstaaten initiiert wurden. Daraus schließen die links- wie die rechtskonservativen Politikwissenschaftler und Zeithistoriker (eine journalistische Arrièregarde in ihrem Gefolge), dass noch immer der Nationalstaat der wichtigste Ort der Zugehörigkeit, der sozialen Solidarität, das bindende Element der Emotionen sei.

Muss das so sein? Der Nationalstaat, an den unsere politisch-patriotischen Gefühle versklavt zu sein scheinen, wird von den Geschichtsschreibern in der Regel mit so wuchtiger Selbstverständlichkeit dargestellt, als hätte es ihn immer gegeben – und als würde er darum auch bis an die Schwelle der Ewigkeiten existieren. In Wahrheit ist er ein eher kurzlebiges Phänomen in der Geschichte der Völker: im Kern ein Produkt Frankreichs, das von den geistlichen Regenten des 17. Jahrhunderts und von Ludwig XIV. als ein zentralistischer Nationalstaat vorgeformt wurde. Freilich erst die Französische Revolution band vor gut zwei Jahrhunderten Volk, Nation und Staat (angeblich) unauflöslich zusammen. Großbritannien mit seinen föderativen Elementen, die niemals völlig eingeebnet wurden, auch die Vereinigten Staaten mit ihrer ethnischen Vielfalt und der starken Verwurzelung der Einzelstaaten – sie erfüllten niemals das Ideal, dem die Patrioten des 19. und des 20. Jahrhunderts so entschlossen dienten. Frankreich allein behauptete sich als die reinste Verkörperung des Konzeptes, dem alle Völker Europas nachstrebten, die latein-amerikanischen Länder, schließlich auch die asiatischen Staaten und die afrikanischen Territorien, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem kolonialen Geschick entlassen wurden.

Wehler enthält sich einer Bilanz der nationalstaatlichen Epoche Europas. Nach de Gaulles Weisung von einem "Europa der Staaten" oder einem "Europa der Vaterländer" leben die Nationalstaaten in der Tat noch für eine Weile fort. In den erst vor knapp zwei Jahrzehnten befreiten Staaten Osteuropas, zumal in Polen, löst man sich nur ungern von der wieder gewonnen Souveränität (obschon sie zum guten Teil illusionär ist). Der Widerstand gegen das sowjetische Imperium und zuvor gegen die deutsche Okkupation nährte sich in der Tat aus einem leidenschaftlichen Patriotismus und einem ebenso passionierten Katholizismus.

Dennoch bleibt unseren Partnern im Osten die Frage so wenig erspart wie uns selbst oder unserem engsten Partner Frankreich: Haben Idee und Realität des Nationalstaates unsere Völker glücklich gemacht? Haben sie sich als segensreich erwiesen? Oder waren sie nicht, im Gegenteil, die Ursache chronischer Konflikte? Stürzten sie uns nicht in die Katastrophen zweier Weltkriege? Trieb uns nicht die unheilige Allianz von nationalstaatlichen Egoismen, fanatisierter Religiosität, Volkstumsgetümmel und dem mörderischen Wahn des Rassismus an den Rand der Selbstvernichtung unseres Kontinentes und seiner Kulturen? Lösten nicht die ungestillten Nationalismen und die Etablierung neuer Nationalstaaten auf dem Balkan die ersten kriegerischen Konflikte seit 1945 aus – die wir ohne die zähmende Kraft der europäischen Institutionen (und ohne das atlantische Bündnis) kaum in Schach gehalten hätten? Trieben die Vernichtungs-Energien der Nationalismen nicht Millionen Menschen in den neuen afrikanischen Staaten in den Tod?

Wehler äußerte sich über den deutschen Nationalstaat mit der gebotenen Skepsis. Aber er entschloss sich auch nicht zu der befreienden Frage, ob denn tatsächlich nur der Nationalstaat das schützende Dach ist, das uns soziale Solidarität und kulturelle Geborgenheit bietet. Ein Zusammenschluss der Regionen – auch über die nationalen Grenzen hinaus – wäre dazu genau so gut in der Lage. Oder die Europäische Union, die wir als eine Hausgemeinschaft der unterschiedlichsten Familien und Sippen begreifen sollten, die miteinander eine Union der Sicherheit bilden, der sozialen, der inneren, der äußeren. Die uns irgendwann vielleicht sogar jene Art Heimatgefühl vermittelt, das die Nationalstaaten für sich in Anspruch nahmen – und an dem sie so schrecklich versagten. Wehler blieb uns eine radikale Bilanz der Epoche des Nationalstaates und den Ausblick auf ihre Überwindung schuldig.

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13.09.2008 | 08:00 Uhr

Peter Graf Kielmansegg: Gleiche Herkunft, gleiche Zukunft

Der Nationalstaat hat sich nicht so schnell aus der Weltgeschichte verabschiedet, wie man das zeitweilig erwartet hat. Man sollte deshalb auch der Parole, Geschichtsschreibung, die sich an Nationen und Nationalstaaten orientiere, sei überholt, mit einer gewissen Vorsicht begegnen. In dieser Parole ist auch eine Art von Gesetzlichkeit im Entwicklungsgang der Geisteswissenschaften am Werk, die jede Wissenschaftlergeneration zwingt, sich mit einer neuen Perspektive, einem neuem "Ansatz", einem neuem Vokabular zu profilieren, unabhängig davon, ob das mit Erkenntnisgewinn verbunden ist oder nicht.

Nationalstaaten sind im ganzen 20.Jahrhundert die wichtigsten Einheiten kollektiven Handelns und kollektiven Erlebens gewesen. Und sie sind es noch. Das ist ein Ausgangsdatum für die Geschichtsschreibung. Gewiss: Wesentliche Prozesse wirtschaftlicher Entwicklung und gesellschaftlichen Wandels sind in einem nationalstaatlichen, überhaupt in einem auf politische Grenzen fixierten Raster nicht angemessen zu erfassen. Und ebenso gewiss ist, dass die politischen Handlungsspielräume für die meisten Nationalstaaten schrumpfen. Aber diese ergänzenden Feststellungen nehmen dem Ausgangssatz nicht seine Richtigkeit. Es gibt also keine prinzipielle Antwort auf die Frage, ob Nationen und Nationalstaaten noch sinnvolle Objekte der Geschichtsschreibung sind. Es gibt nur Antworten, die einen bestimmten Fall, eine bestimmte Fragestellung, ein bestimmtes historiographischen Vorhaben zum Gegenstand haben.

Am Beispiel einer deutschen Gesellschaftsgeschichte, einer deutschen Geschichte überhaupt für die Jahre 1945 – 1990 lässt sich sehr gut zeigen, warum auf Nationen und Nationalstaaten ausgerichtete Geschichtsschreibung ihre Berechtigung keineswegs verloren hat, aber auch, was sie zu bedenken hat. Dass es zwei Gesellschaften sind, die sich in der deutschen Nachkriegsgeschichte neben- und auseinander entwickeln, ist natürlich eine Besonderheit, aber keine, die das Argument aus den Angeln hebt. Beide deutschen Nachkriegsgesellschaften haben die gleiche Herkunftsgeschichte. Und haben nach vier Jahrzehnten der Teilung in wesentlichen Hinsichten auch wieder die gleiche Zukunftsgeschichte vor sich.

Es ist zuerst und vor allem seine Herkunftsgeschichte, die Deutschland über 1945 hinaus zu einem eigenen, unverwechselbaren Objekt für die Geschichtsschreibung macht. Deutschland geht nicht einfach auf im Allgemeinen politischer, wirtschaftlicher, gesellschaftlicher, geistiger Großentwicklungen. Es hat teil an solchen Entwicklungen, aber eben als ein durch eine ganz unvergleichliche Herkunftsgeschichte geprägtes Land. Das ist die eine Seite der Sache. Die andere Seite ist im gleichen Satz freilich auch schon thematisiert. Deutschland hat teil an und ist Teil von Entwicklungen, für die das nationalstaatliche Raster viel zu eng ist. Der Historiker muss weitere Perspektiven wählen.

Der dramatische Modernisierungsschub, der die entwickelten Industriegesellschaften von den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts an erfasste und in beinahe allen Lebensbereichen tiefgreifend veränderte ist vielleicht das beste Beispiel für die Notwendigkeit einer solchen weiteren Perspektive, keineswegs das einzige. Er ist ein Zivilisationsphänomen, das in den Grenzen nationalstaatlicher Geschichtsschreibung nicht angemessen zu erfassen ist. Was der Geschichtsschreiber einer deutschen Gesellschaftsgeschichte (oder jeder anderen nationalen Geschichte) der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts darzustellen hat, ist das Aufeinanderprallen einer spezifischen, durch eine besondere Herkunftsgeschichte geprägten Ausgangslage und einer zivilisationsgeschichtlichen Dynamik.

Das ist, wie man gleich hinzufügen muss, leichter gesagt als getan. Dennoch: Immer wieder wünscht sich der Leser auf dem Weg durch Wehlers Buch, der Autor hätte vergleichenden Betrachtungen mehr Raum gegeben. Nicht, dass sie bei Wehler gänzlich fehlen. Aber eine systematisch genutzte Perspektive, um das Besondere des deutschen Falles im Allgemeinen einer zivilisatorischen Entwicklung der ganzen westlichen Welt zu erfassen, wird aus dem Vergleich nicht. Die Frage ist berechtigt: Kann das ein Autor leisten? Man ist geneigt zu antworten: Wer sich fünf Bände deutsche Gesellschaftsgeschichte zutraut, von dem darf man auch noch ein bisschen mehr verlangen.

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13.09.2008 | 08:00 Uhr

Michael Stolleis: Nach außen öffnen

Es ist eine "Deutsche" Gesellschaftsgeschichte, die nun abgeschlossen vor uns liegt. Das Problem liegt im Adjektiv. Gemeint ist offenkundig eine Geschichte der Gesellschaft "in Deutschland", nicht eine Geschichte, die ein mythisches "Wesen" des Deutschseins voraussetzt. Dem Historiker Wehler muss man nicht sagen, dass eine so verstandene Geschichte "in Deutschland" dort nur darstellerisch ihren Schwerpunkt hat, im übrigen aber mit tausend Fäden verknüpft ist mit dem, was außerhalb der deutschen Grenzen geschah. Wieweit dieses "außerhalb" dargestellt oder nur angedeutet werden muss, ist eine thematisch variable Frage, die jeder Schriftsteller anders lösen wird.

Die Zeit der Nationalgeschichtsschreibung neigt sich, parallel zur Epoche der Nationalismen, ihrem Ende entgegen. Natürlich war die Geschichte im Deutschland nach 1945 die Geschichte einer Zerreißung durch die Nachkriegsgeschichte, einer doppelten Staatenbildung, einer permanenten Feindschaft siamesischer Zwillinge. Insofern ist auch Gesellschaftsgeschichte "Nationalgeschichte". Sich hierauf zu konzentrieren ist völlig legitim.

Aber um diese Geschichte vollständig zu schreiben, muss auch die Geschichte der Transformation der kollektiven Befindlichkeit der Deutschen erzählt werden. Ihre Charakteristika sind für jeden Beobachter leicht erkennbar: Der Reichsgedanke war 1945 erledigt; nur in einigen Winkeln erhielt er sich sprachlich, etwa bei der "Reichsbahn" der DDR oder im Gebäude des "Reichstags". Erledigt ist auch der Wahn einer "rein deutschen" Bevölkerung, die es in diesem seit jeher von Wanderungsbewegungen bestimmten Mitteleuropa nie gegeben hat. Der kleindeutsche Nationalstaat, 1870 erlangt, hatte nur knappe drei Generationen lang gehalten; 1945/1948 war er zerschlagen. Seit den sechziger Jahren kamen Arbeitsimmigranten, dann Asylanten, dann im Zuge der europäischen Freizügigkeit und der Globalisierung immer neue Menschen, die sich irgendwie, jedenfalls nicht als "deutsch" interpretierten.

Eine Gesellschaftsgeschichte in Deutschland von 1945 bis 1990 hat also ihr Territorium und die sie überwölbende Staatsordnung samt Verfassung, muss aber ihren Gegenstand transparent halten. Die Außengrenzen sind seit "Schengen" und seit der Osterweiterung der EU fast verschwunden, das Exportland Deutschland ist wirtschaftlich mit der ganzen Welt verflochten. Ökonomie, Kommunikation und Verkehr achten keine Grenzen mehr. Auch die traditionelle zentrale Rechtsquelle, der Bundestag, steht längst in Konkurrenz zu europäischem Recht, transnationalem Privatrecht "ohne Staat" sowie zum Völkerrecht.

Geschichte kann also durchaus auf einen geographisch, sprachlich, kulturell und historisch fixierten Ort ausgerichtet werden – um einer in sich konsistenten Erzählung willen empfiehlt sich das sogar. Aber sie muss ihre Wahrnehmungsorgane künftig viel stärker nach außen öffnen, mindestens wenn sie von den großen Zusammenhängen berichtet. Auch die Nationalgeschichte hat ihre Zeit, und wenn nicht alles täuscht, dann ist sie – trotz aller weltweit neu erwachten Nationalismen und Separatismen – seit 1990 in ein neues Stadium eingetreten. Der nächste Autor, der es nach Wehler noch einmal unternimmt, ein solches Monumentalwerk in fünf Bänden zu schreiben, wird mit Sicherheit eine andere Optik haben. Er oder sie wird aber mit derselben Sicherheit auch mit Wehler verglichen und an seiner Leistung gemessen werden.

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13.09.2008 | 08:00 Uhr

Dirk van Laak: Zeitgeschichte ohne Grenzen

Die moderne Geschichtsschreibung entstand im 19. Jahrhundert parallel zum Nationalismus und blieb ihm lange verpflichtet - ein Zusammenhang, der sich heute überlebt zu haben scheint. Jüngere Jahrgänge erleben in ihrer Lebenszeit fortlaufend fallende Grenzen, sind lebensweltlich mit ständiger Migration konfrontiert sowie medial – und oft auch real – mehr oder weniger polyglott orientiert. Sie stellen folglich andere Fragen an die Geschichte:

Wieso verlaufen bei allen nationalen Sonderwegen und systemischen Unterschieden viele der weltweiten Entwicklungen so auffallend parallel? Lassen ihre vielfältigen Ursachen und Erscheinungsweisen die menschliche Migration nicht eher als Regelfall denn als Ausnahme erscheinen? Wie vollziehen sich Zirkulation und internationale Angleichung von Informationen, Wissensbeständen und Verfahren? Wie entsteht eine "Weltkultur" und wie wird sie auf lokaler Ebene angeeignet? Welche Bedeutung besitzen internationalistische Bewegungen und wie bildet sich eine transnationale Öffentlichkeit heraus? Auf welche Weise differenziert sich die internationale Arbeitsteilung, wie entstehen die weltwirtschaftlichen Verflechtungen und die globalen Finanzströme? Welche Ursachen und welche Weiterungen besitzt die weltweite technische Vernetzung – von den individuellen Horizonten bis zur internationalen Sicherheits-Architektur? Die Liste ließe sich – besonders für die Geschichte seit 1945 – endlos fortsetzen.

Trotzdem sollte der Referenzrahmen der Nation nicht vorschnell zu Grabe getragen werden. Der Nationalstaat ist ein überaus erfolgreiches Organisationsmodell und vom Bemühen getragen, menschliche Gesellschaften zu definieren und in Raum und Zeit zu verorten. Dennoch beschreibt er eine spezifisch europäische Zielvorgabe und keinesfalls einen "natürlichen" Zustand des Seins, als den die klassische Geschichtsschreibung ihn zumeist darstellte. Eine Zeitgeschichte, die von der Lebenswelt heutiger Generationen ausgehend Rückfragen an die Geschichte stellt, lässt sich national kaum noch begrenzen. Ob sie in Zeiten beschleunigten Wandels weiterhin Orientierung und Verortung geben kann? Welcher Zugang, so könnte man zurückfragen, soll der unendlichen Komplexität des Gewordenen gerechter werden können als der historische?

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13.09.2008 | 08:00 Uhr

Manfred Hettling: Gegen transnationale Moden

Man kann darüber streiten, ob Wehler überhaupt eine Nationalgeschichte schreiben wollte. Denn ein derartiger Anspruch erfordert, umfassend über Personen und Zustände, über Entwicklungen und Wirkungsfaktoren zu berichten. Die großen Historiker des 19. Jahrhunderts hatten diesen Anspruch. Treitschke wollte mit seiner fünfbändigen "Deutschen Geschichte" aus dem Gewirr der Ereignisse, wie er es nannte, "die Männer und Institutionen, die Ideen und die Schicksalswechsel, welche unser neues Volkstum geschaffen haben", kräftig hervortreten lassen. Ranke verfolgte in seinen Nationalgeschichten das Ziel, eine "Epoche ... zu vergegenwärtigen", wie er es in seiner Französischen Geschichte einleitend formulierte.

Wehlers Anspruch ist ein anderer: Er will kein Gesamtpanorama schreiben, er konzentriert sich auf Gesellschaft, auf einen Grundriß, auf Transformationsprozesse sozialer Strukturen. Das dürfte vor 20 oder 30 Jahren, als er sein Projekt begonnen hat, populärer gewesen sein als heute - sagt aber noch nichts über den Erkenntniswert seiner Analyse aus.

Zu kurz greifen deshalb auch jene kritischen Einwände, die vermerken, dieses oder jenes fehlte. Ja, genau - Wehlers Gesellschaftsgeschichte will nicht möglichst viel und möglichst vieles präsentieren, was den Menschen der geschilderten Epochen vertraut und bekannt war, sondern gesellschaftliche Strukturen und Wirkungsfaktoren sichtbar machen, die den meisten Zeitgenossen gerade nicht direkt bewußt waren. Vor zwei, drei Jahrzehnten schätzte man diesen "kalten Blick" des Sozialhistorikers höher; heute goutiert man mehr die Frage nach dem Erleben, nach der Wahrnehmung der Beteiligten. Wer das Erlebnis will, der sollte keine Gesellschaftsgeschichte lesen.

Wehlers Gegenstand ist die "Verfassung des Binnenbereichs" einer Gesellschaft (Bd. 1, S. 9). Wie sehr dieser soziale, ökonomische und politische Binnenbereich in einem Wechselspiel mit äußeren Faktoren sich verändert - das beschreibt Wehler vielfach, angefangen mit der "defensiven Modernisierung" um 1800. Doch hat sich das modische Interesse in der Geschichtswissenschaft in den letzten Jahren gewandelt. Nicht mehr 'soziale' Faktoren sind gefragt, sondern 'transnationale' Verflechtungen. In der aktuellen Diskussion wird dabei oft auf die Bedeutung internationaler Rechtspraktiken (EU, UN) verwiesen, welche die nationale Souveränität ergänzten. Doch trotz einer voranschreitenden internationalen Vereinheitlichung von Rechtsnormen bestehen auch im europäischen Rahmen gravierende Unterschiede der inneren Verfaßtheit der verschiedenen Gesellschaften fort. Von der Entscheidungsgewalt über die Frage von Krieg und Frieden einmal ganz zu schweigen, die noch immer im nationalen Rahmen entschieden werden. Nationen waren und sind nicht unmittelbar zu Gott, um es à la Ranke zu formulieren, sie konturieren jedoch immer noch Handlungseinheiten.

In dieser Sperrigkeit, in der Widerständigkeit gegen ein gegenwärtiges Interesse am subjektiven Erleben und an transnationalen Perspektiven scheint die Gesellschaftsgeschichte manchem überholt zu sein. Doch die Frage nach der inneren Verfaßtheit politischer Gemeinwesen bleibt aktuell. Deshalb wird Wehlers Gesellschaftsgeschichte noch manche Mode überdauern.

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13.09.2008 | 08:00 Uhr

Dan Diner: Reflex einer Sonderzeit

Die Gesellschaftsgeschichte hat viele Ursprünge. Einer ist nicht zuletzt der besonderen Realität der Jahre 1949 bis 1989 geschuldet: Der Teilung des Landes in zwei im Kontext eines weltumspannenden weltanschaulichen Gegensatzes feindlich sich gegenüberstehender Gemeinwesen. Und dennoch war ihnen bei aller Gegensätzlichkeit eines gemeinsam: Sie gründeten sich unter der rhetorisch notwendigen Anrufung der Nation auf eine jeweils unterschiedlich gültige, ja gegensätzliche Legitimation des Gesellschaftlichen.

Dass die Legitimität der DDR die Klasse und die sie stützende Ideologie des Antifaschismus war, bedarf keiner weiteren Ausführungen. Dass die alte Bundesrepublik ihr Selbstverständnis in den Institutionen des Gemeinwesens fand und sich als Teilstaat notwendig der Semantiken des Gesellschaftlichen bediente, dürfte eher erklärungsbedürftig sein. Die nachgereichte Erklärung jedenfalls kulminiert in der apodiktischen Aussage, dass die Bundesrepublik, weil nicht Nation – zwangsläufig Gesellschaft war. Diese Umstände brachten es mit sich, dass sich die Soziologie in der alten Bundesrepublik als Leitwissenschaft etablierte. Der "Geschichte" war eher Zurückhaltung auferlegt.

Umgekehrt ist es nicht zufällig, dass mit der Vereinigung – vor allem mit der Wiederherstellung der historischen Räume in Mittel- und Ostmitteleuropa – die mit der Geschichte dieser Räume verbundenen Gedächtniszeiten evoziert wurden. Auf die Gesellschaftsgeschichte folgt konjunkturell mithin die Gedächtnisgeschichte und damit die virtuelle Ansicht der Nation in einem Kaleidoskop verschieden miteinander kombinierter Zeittranchen.

Die Wehlersche Gesellschaftsgeschichte ist letztendlich Ausdruck der als besonders erachteten Zeit von vierzig Jahre Bundesrepublik. Insofern ist sie ein authentischer Reflex einer Sonderzeit. Dass sie als Paradigma deutscher Geschichtsschreibung in die Vorgeschichten hinein verlängert wird, ist indes nicht zu beklagen. Im Gegenteil. Die konjunkturelle Dominanz der sozialen Semantik als konstitutiver Bestandteil eines umfassenden historischen Zugriff hat vieles an der überkommenden Sprache des Nationalen neutralisiert. Dafür ist ihr zu danken. Ob sie darüber hinaus die bedrängenden Fragen der deutschen Geschichte angemessen zu beantworten weiss, steht auf einem anderen Blatt.

So leidet Wehlers Darstellung – auch und gerade im letzen Band seines großen Werkes – an einem signifikanten Mangel an internationaler und europäischer Kontextualisierung der "deutschen" Geschichte. Die sich gegenwärtig anbahnenden neu/alten Strukturen politischer Realität könnten durchaus dazu führen, dass "konservative" Zugriffe in neuem Kleid wieder Auferstehung feiern. Würde dem so sein, dann erwiese sich die große Zeit der Gesellschaftsgeschichte in der Tat in die deutsche wie internationale Sonderperiode der Jahre 1949 bis 1989 eingeengt.

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Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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