
Hans-Ulrich Wehler: Sammel-Replik
Die unübersehbare politische und methodische Grenze dieser Gesellschaftsgeschichte liegt in ihrer nationalhistorischen Anlage. Sie ist kein Ergebnis nationaler Borniertheit, vielmehr primär eine Folge der Motive zu Beginn des Unternehmens, die Sonderbedingungen und Verwerfungen der deutschen Geschichte, insbesondere den Zivilisationsbruch seit 1933, mit längerem Atem als oft üblich zu erörtern und nach Möglichkeit zu erklären, jedenfalls eine Diskussion über die Charakteristika der deutschen Gesellschaftsentwicklung anzuregen. Diner trifft ins Schwarze, dass sie insofern der Reflex einer "Sonderzeit" ist. Kielmanseggs Ruf nach der internationalen Kontextualisierung trifft auf offene Ohren. Doch wäre es abgesehen von den Motiven eine barbarische Arbeit gewesen, diese Erweiterung in fünf Bänden durchzuhalten, auch wenn die Kompetenz dazu erworben worden wäre. Gerade der knappe, erhellende Vergleich setzt ja intime Vertrautheit mit der Problematik in anderen Ländern voraus.
Das Manko des fehlenden internationalen Vergleichs, den Kielmansegg mit guten Gründen anmahnt, und der zur Zeit favorisierten transnationalen Perspektive, die auch Stolleis unterstützt, lässt sich daher leicht feststellen. Aber im Hinblick auf die Epoche des siegreichen Nationalismus und Nationalstaats teile ich Harpprechts skeptische Einwände durchaus. Vielleicht habe ich es in diesem Band nicht so deutlich gesagt wie zuvor in einem schlanken Buch über "Nationalismus" (2001). Der Nationalismus ist in meinen Augen, schlüssiges Ergebnis der neuen Forschung seit den 1980er Jahren, ein Phänomen der politischen Moderne, das, zuerst von seiner "gedachten Ordnung" ausgehend, den Nationalstaat hervorbringt. Er ist innenpolitisch mit seinen Versprechen gescheitert, eine homogene Gesellschaft von gleichberechtigten Nationsgenossen heraufzuführen, davon wissen Iren, Korsen, Juden, Polen ein Lied zu singen. Er ist außenpolitisch mit seiner Verheißung gescheitert, eine friedliche Koexistenz aller Nationen zu gewährleisten, statt ihrer gab es mörderische Nationalkriege. Andererseits muss man als Historiker (wie das van Laak, aber auch als Politikwissenschaftler Kielmansegg tut) die Zählebigkeit des institutionell und mental verankerten Nationalstaats realistisch anerkennen. In ihm findet der Bürger alle europäischen Staaten seiner politischen Optionen, seine Rechtssicherheit, seine sozialstaatliche Absicherung. Diese Kompetenzen auf die EU zu übertragen bleibt eine schwierige Aufgabe. Aber, auch da hat Harpprecht mit Max Weber Recht, die Aufgabe des Historikers ist es nicht, sich der Claque der Verklärer des Status quo anzuschließen, sondern durch historisch nur zu gut begründete Kritik den Nationalismus und Nationalstaat in Frage zu stellen, ihm die normative Verbindlichkeit zu nehmen.
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