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Podium:

Modell Bundesrepublik - Fußnote DDR?

Die Gesellschaftsgeschichte des geteilten Deutschlands ist noch nicht erzählt worden. Jetzt hat es einer der bekanntesten deutschen Historiker versucht. Ist es Hans-Ulrich Wehler gelungen? Experten wie Klaus Harpprecht, Paul Nolte, Dan Diner und viele andere diskutieren seine kontroversen Thesen - diskutieren Sie mit!

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Beiträge

27.08.2008 | 14:34 Uhr

Martin Sabrow: Noch einmal "Fußnote DDR"

Die partielle Zustimmung, die Wehlers Urteil über die DDR als welthistorischer Fußnoten auch hier im Lesesaal gefunden hat, reizt mich, noch einmal drei Argumente anzuführen, die mir eine solche Sicht jenseits aller rhetorischen und stilistischen Angemessenheitsfragen wissenschaftlich nicht haltbar erscheinen lassen.

Erstens hat die Historisierung der DDR neben einer real- auch eine rezeptionsgeschichtliche Dimension. Weder hat die aus der SED entstandene Nachfolgepartei den raschen politischen Tod gefunden, den man ihr in den Jahren nach der deutschen Vereinigung prognostiziert hatte, noch hat die DDR sich erfahrungsgeschichtlich so rasch zum Verschwinden bringen lassen, wie es im Winter 1989/90 die Mauerspechte so hingabevoll an ihrem bekanntesten Bauwerk versucht hatten.

Mauer und Trabant, Stasi und Kinderkrippe sind Symbole einer andauernden Auseinandersetzung mit der DDR, die sich eben nicht nur in den Fußnoten des öffentlichen Lebens abspielt, sondern eine zentrale Achse der kulturellen Selbstverständigung in der bundesdeutschen Gegenwart bildet.

Zweitens war die DDR nie ein nur für sich selbst stehendes Phänomen, sondern zugleich immer auch Teil einer dreifachen Beziehungsgeschichte – zur nationalsozialistischen Vorgängerdiktatur, zum sowjetischen Satellitensystem des Ostblocks und zum alter ego der Bundesrepublik. Die vierzigjährige Existenz der DDR hat die Geschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts weit über das Territorium Ostdeutschlands hinaus beeinflusst. Ohne sie wäre nicht nur die Geschichte des europäischen Kommunismus und auch die Geschichte der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit anders verlaufen; auch die Entwicklung der Bundesrepublik - ihrer Westbindung, ihrer Sozialstaatlichkeit, ihrer politisch-kulturellen Verfassung - ist ohne die DDR nicht zu denken.

Drittens fällt die historische Bedeutung der DDR nicht umstandslos mit ihrer historiographischen Bedeutung zusammen - auch kleine Phänomene können große Erkenntnisse liefern. Die erschließen sich aber gerade nicht, wenn man mit Hans-Ulrich Wehler die DDR lediglich als Vergleichs- und Kontrastfolie zu ihrem überlegenen Konkurrenten begreift und die analytischen Mühen der mitteldeutschen Ebene getrost den Spezialisten der DDR-Forschung überlässt. Es ist keine methodische Resignation, wie Wehler vermutet (S. 216), wenn die Kommuismusforschung vielfach zu der Erkenntnis gekommen ist, dass ihr "überkommener Begriffsapparat" in der Tat nicht hinreicht, das Phänomen des deutschen und europäischen Kommunismus in seiner Wirkmächtigkeit angemessen zu erfassen. Wenn historische Selbstverständigung mehr sein soll als historische Selbstbestätigung, besteht die vielleicht wichtigste Aufgabe für den Zeithistoriker des 20. Jahrhunderts doch darin, die aus heutiger Sicht so unfasslich scheinende Sogkraft und Persistenz der Zeit der "Großen Gesänge" mit den Mitteln der Wissenschaft begreifbar zu machen. Kurz: In der vermeintlichen Fußnote steckt in Wahrheit ein Leitmotiv der Zeitgeschichte.

Kommentare

12.09.2008 | 11:07 Uhr
Werner Kastor schreibt: Auch in der DDR wurde groß gesungen

Martin Sabrow zeigt sehr klar, wo der blinde Fleck im Auge der DDR-Fußnotenbefürworter liegt. Der Kalte Krieg war ja nicht nur ein Kampf um die Macht, sondern auch eine Auseinadersetzung der Ideologien.

Doch die DDR wirkte sich auch direkt auf den Westen aus. Ohne DDR wäre die BRD sicher weniger sozial in ihre Marktwirtschaft geworden. Neben der Westbindung gab es auch die Variante der Neutralität (Österreich). Ohne die DDR wäre die BRD noch brauner geblieben als sie es ohnehin war. Selbst auf die 68er hat die DDR in dieser Frage mit eingewirkt. Und wie Sabrow sagt, de "Persistenz und Sogkraft der... Großen Gesänge" ist unfasslich.


Joachim Scholtyseck27.08.2008 | 15:59 Uhr
Joachim Scholtyseck schreibt: Zu Martin Sabrows Anmerkung

Martin Sabrow hat sicherlich recht, wenn er fordert, die "so unfasslich erscheinende Sogkraft und Persistenz" der "großen Gesänge" mit den Mitteln der Wissenschaft zu begreifen. Dabei wird aber ganz wesentlich das ideologische Moment im Vordergrund stehen und nicht die DDR, die letztlich doch ein abgeleitetes Phänomen bleiben wird.

Ob die Geschichte der Bundesrepublik so viel anders verlaufen wäre, wenn es die DDR nicht gegeben hätte? In welche Richtung hätte sich die Bundesrepublik denn sonst entwickelt? Die Bundesrepublik orientierte sich an den Vereinigten Staaten und den westlichen Demokratien. Auch die kritische Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit hätte sich ohne die DDR-"Braunbücher" nicht viel anders vollzogen. Die Gründung der "Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen" in Ludwigsburg im Jahr 1958 und die "Auschwitz-Prozesse" der 1960er Jahre waren ein westdeutscher Vorgang. Auch hier bleibt der Beitrag der DDR nicht mehr als eine Fußnote.



25.08.2008 | 15:50 Uhr

Klaus Harpprecht: Ach, wäre es so!

Hat jemand zu behaupten gewagt, die Historiker der Nachkriegs-Generation seien zum "großen Wurf" und zur Kontinuität eines Lebenswerkes nicht bereit und fähig? Wem die zwei Bände von Heinrich August Winklers "Der Lange Weg nach Westen" als Gegenbeweis nicht genügten: das gewaltige Unternehmen von Hans-Ulrich Wehlers "Deutscher Gesellschaftsgeschichte", das mit dem Fünften Band über die Bundesrepublik und die DDR seinen Abschluss findet, demonstriert eindrucksvoll genug, dass die Tradition der Geschichtserzählung, das die eigentliche epische Leistung der deutschen Literatur des neunzehnten Jahrhunderts gewesen sein mag, in der Bundesrepublik eine erstaunliche Renaissance erlebte (wenngleich nicht immer auf einem ebenbürtigen Niveau der Sprache und des Stils). Chapeau!

Der lange Atem Winklers und Wehlers – so unterschiedlich ihre Einsichten sind – widerspricht dem nörgelnden Kulturpessimismus, der unentwegt unseren kurzen Atem unter dem Diktat des Video-Verschnittes (à la Knopp) oder eines aktualitätsbesessenen Feuilletons beklagt.

Der Respekt vor Wehlers Leistung gebietet nicht, dass jeder seiner Thesen applaudiert werden müsste. Ist die DDR in historischer Perspektive tatsächlich nicht mehr als eine "Fußnote" in der Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland? Ach, wäre es so! Die verklärende "Ostalgie" zwei Jahrzehnte nach dem kläglichen Kollaps des "Realsozialismus" und die ge-fährlichen Wahlerfolge einer wirklichkeitsscheuen Erb-Partei der autoritären SED stützen Wehlers Wertung leider nicht. Die Reform des angeblich "maßlos übersteigerten Sozialstaa-tes" (der keineswegs nur ein deutsches, sondern ein west-europäisches Phänomen ist) inmitten einer anhaltenden Wirtschaftskrise (mit Millionen Arbeitslosen): diese fatale Konstellation provoziert nicht nur in Ost-Deutschland eine latente Bereitschaft zur Flucht aus der Demokratie und aus Europa in das Heimweh nach der "gemütlichen DDR", die es in Wahrheit niemals gab. Dennoch existiert sie noch immer und noch lange als ein illusionäres Ideal (wie das Kaiserreich für die depossedierten Konservativen in der Republik von Weimar): ein Schatten, den wir so rasch nicht loswerden.

Ein zweiter Einspruch. Wehler sagt in seinem Vorwort, "die Fusion der beiden Neustaaten von 1949" habe " die Kontinuität des Bismarckstaates wieder hergestellt". Träfe dies zu, dann entzöge er der Bundesrepublik den Charakter des "in jeder Hinsicht strukturprägenden Kernstaates", dem er in seinem Epilog bescheinigt, dass er "sich unter einer bewährten liberal-demokratischen Verfassung fünf neue Bundesländer" anzugliedern vermochte. Die "liberal-demokratische" Republik aber grenzte sich nicht nur radikal vom totalitären NS-Staat, sondern genauso klar vom Bismarck-Reich ab, das die Entwicklung zu einem liberal-demokratischen Staat - trotz des wirtschaftlich und kulturell dominierenden Bürgertums und einer starken Sozialdemokratie - nicht zuließ: und darum – anders als Wehler meint – keineswegs der Welt des Westens zugehörte. Erst mit der Gründung der Bundesrepublik, ihrer Einbindung in die Europäische Gemeinschaft und die Atlantische Allianz entschied sich die Mehrheit der Deutschen für den Westen. Durch die föderalistische Gliederung des "Neustaates", die Wehler eher beiläufig behandelt, erlebte überdies eine vorbismarcksche und vorpreußische Tradition der Deutschen eine vitale Renaissance, die uns den Weg zur Europäisierung der Republik geebnet hat.

Kommentare

Hans-Ulrich Wehler01.09.2008 | 15:11 Uhr
Hans-Ulrich Wehler schreibt: Replik

Es geht vor allem um zwei Einwände, da ich zustimmend Heym, die DDR sei eine Fußnote der Weltgeschichte, zitiert habe. Der Anlauf der sowjetischen Hegemonialmacht und der deutschen Kommunisten, die DDR als überlegenes Staats-, Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell zu etablieren, ist nach 40 Jahren rundum gescheitert. Aus der Vogelperspektive kann man sie daher durchaus als Fußnote wahrnehmen. Das schließt nicht aus, dass dort zum einen der Ideenmüll des Spätmarxismus in manchen Köpfen, vornehmlich offenbar der PDS/Linkspartei, weiter haust – die Spanne von einer Generation muss man so gravierenden Transformationsprozessen ohnehin einräumen, siehe die Lage der Südstaaten nach dem amerikanischen Bürgerkrieg. Zum anderen glich für viele die Eingliederung in die Bundesrepublik dem Sprung in eiskaltes Wasser, so dass die Zuflucht in eine Regionalpartei nicht überrascht.
Trotz heftiger Amputationen und Regimewechsel hat sich doch die nationale Solidargemeinschaft der Deutschen, die seit 1871 im Bismarck Reich allmählich entstanden war, in der neuen Bundesrepublik behauptet, so dass, abgesehen von der verteidigten Rechtsnachfolge, das Staatsgehäuse der Bundesrepublik in der Kontinuität deutscher Staatlichkeit seit 1871 steht. Trotz gravierender Sonderbedingungen und Vorbehalte gehörte Deutschland vor 1914 durchaus zum Westen. Für Aberhunderte von amerikanischen Doktoranden etwa, die damals an deutschen Universitäten studierten, war es wegen seines Wissenschaftssystems, seiner Sozialpolitik, seiner Urbanisierung, seiner liberalen Presse geradezu ein Spitzenreiter. Im zweiten dreißigjährigen Krieg hat sich das von Grund auf verändert. Die Auffassung, dass nach dem deutschen Zivilisationsbruch die Westintegration durch die EG und die NATO auf der Basis des "Wirtschaftswunders" und eines funktionstüchtigen politischen Gemeinwesens den Wiederanschluss an den Westen befördert hat, teile ich durchaus.


25.08.2008 | 12:49 Uhr
Lea Karow schreibt: Deutsche Identität in der DDR

Auch mir ist, wie Herrn Kastor, "in der DDR meine deutsche Identität nie abhanden gekommen". Dazu brauchte es erst das Erlebnis der Gestaltung der deutschen Einheit durch Westdeutschland und in diesem Rahmen nicht zuletzt auch der Art und Weise der Behandlung der Geschichte der Ostdeutschen durch die westdeutsche Historikerschaft.

Ich bin auch der Überzeugung, dass die DDR letztenendes eine Fußnote der Geschichte bleiben wird (denn selbst, wenn sie "die Hoffnung auf einen demokratischen Sozialismus geweckt" hat, so hat sie diesen demokratischen Sozialismus doch in der Praxis in nahezu keiner Weise verkörpert). Doch um dies öffentlich zu erklären, braucht es wohl noch Zeit. Die DDR-Geschichte ist dafür immer noch viel zu sehr "Geschichte, die noch qualmt" (Barbara Tuchman), eine Geschichte, die für weite Teile der ostdeutschen Bevökerung die Geschichte ihres Lebens darstellt. Ist es unbedingt nötig, Millionen Menschen aus der Position des Siegers heraus ohne Taktgefühl zu degradieren?


25.08.2008 | 12:45 Uhr
Heinz-Dieter Dey schreibt: Hilflos

Tatsächlich war es nach dem Zweiten Weltkrieg nicht immer leicht, im Ausland zu seiner deutschen Nationalität zu stehen. Heute gibt es Probleme nur noch in Extremfällen und bei argumentativer Hilflosigkeit.


Man kann sich von seiner Nationalität nicht verabschieden, weder sprachlich noch im Sinne eines Europas in Vielfalt noch staatsrechtlich, es sei denn, man wanderte aus – mit allen Folgen.


25.08.2008 | 12:06 Uhr
Heinz-Dieter Dey schreibt: Europäer

Hermann Gschwandtner hat möglicherweise in seiner Jugend eine traumatische Erfahrung gehabt, die dazu führte, dass er sich lieber als Europäer denn als Deutscher bezeichnet. Tatsächlich war es anfangs nicht immer leicht, zu seiner deutschen Nationalität zu stehen.

Man kann sich aber von seiner Nationalität nicht verabschieden, weder sprachlich noch im Sinne eines Europas in Vielfalt, die die EU-Mitgliedsländer festgelegt haben, noch staatsrechtlich, es sei denn, man wanderte aus – mit allen Folgen.


25.08.2008 | 11:38 Uhr
Werner Kastor schreibt: Wiedervereinigung das Ende der Geschichte? Absurd!

Da ich in der DDR sozialisiert worden bin, ist meine Perspektive auch dadurch geprägt. Was Herr Gschwandtner schreibt, kann ich voll unterschreiben. Mir ist in der DDR meine deutsche Identität nie abhanden gekommen, meinen westdeutschen Altersgenossen schon.

Insofern könnte man argumentieren, allein die Bevölkerung der ehemaligen DDR repräsentiere eine Kontinuität der deutschen Geschichte. Es ist wie beim Militär, der neue Rekrut wird gebrochen und dann als willfähriger Soldat (gesichts- und geschichtsloser Mensch) wieder aufgbaut. Geradezu gespenstisch ist bei den bisherigen Beiträgen das Fehlen jedes Bezugs zum Prager Frühling und was dieser auch für weite Kreise in der DDR bedeutet hat. Wer den demokratischen Sozialismus als Fußnote der Geschichte abtut ist blind. Die DDR war nicht demokratisch, aber sie hat, wenn auch wider Willen, die Hoffnung auf einen demokratischen Sozialismus geweckt. Es wird sich noch zeigen, wer Sieger der Geschichte ist.


25.08.2008 | 09:34 Uhr
Hermann Gschwandtner schreibt: Ist die BRD wirklich "Modell"?

Da ich erst kurz vor Gründung der Bundesrepublik geboren wurde, habe ich ein anderes Erleben des Modells Bundesrepublik durchlaufen als Herr Wehler. Es war gekennzeichnet durch eine Verneinung alles Nationalen (außer beim Fußball).

Es ging soweit, dass man in der Schule als Nazi beschimpft wurde, wenn man für die CDU war. Bis heute fühle ich mich (im Ausland) besser, als Europäer bezeichnet zu werden, denn als Deutscher. Zudem war die Bundesrepublik vor allem definiert als Gegenpol zur "DDR"" und dem kommunistischen Gesellschaftmodell. Eigener Staat, der einigermaßen frei denkt und empfindet, sind wir erst seit Mitte der neunziger Jahre oder gar nach 2000! Ich stimme Herrn Harpprecht zu, das hat mit Kontinuität des Bismarckstaates herzlich wenig zu tun, falls die historische Darstellung dessen sachgemäß ist. Größenmäßig stimmt es überhaupt nicht und vom Denken ist es bestimmt ganz anders.



25.08.2008 | 12:40 Uhr

Werner Abelshauser: Unterm Strich

Wehler hat Recht, wenn er sich gegen eine synthetische Gesamtsicht der deutschen Geschichte in den Jahren der Teilung wendet. Es gibt keinen Weg vorbei an der Einsicht, dass es von 1947 bis 1990 keine Einheit der deutschen Geschichte gegeben hat.

Die Gesellschaftsgeschichte der DDR verdient – wie ihre Wirtschaftsgeschichte – eine eigene Betrachtung. Allerdings fließt nur wenig von dem, was die Eigenart der DDR einst ausgemacht hat, heute in die Substanz der deutschen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Daraus sind klare Konsequenzen für ihren Platz in einer deutschen Gesellschaftsgeschichte zu ziehen, die bei Wehler um 1700 beginnt und perspektivisch über das Jahr 1990 hinausweist. Insoweit die Geschichte der DDR zum Verständnis der Sozialgeschichte der Bundesrepublik beiträgt und in der Perspektive der deutschen Geschichte nach der Vereinigung relevant bleibt, ist sie eine Fußnote wert. Eine dieser quälend langen Fußnoten, auf die aber gleichwohl nicht verzichtet werden kann, weil sie den eigentlichen Text entlasten.

Kommentare

28.08.2008 | 14:16 Uhr
Petra Nagler schreibt: Deutschland aus der Entfernung

Die eine ist ohne die andere unvorstellbar. Fussnote DDR? Denken Sie an Frau Merkel. Sie haben aber alle auf einaml wenig Vertrauen. Wenn das alles so waere, wie sie meinen, waeren also ehemalige DDR-Buerger unfaehig das Erbe der BRD anzutreten?



25.08.2008 | 12:08 Uhr

Andreas Anter: Das Territorium bleibt

Jede Darstellung der deutschen Nachkriegsgeschichte landet unweigerlich bei einem Vergleich der beiden deutschen Staaten. Dies ist immer ein Vergleich höchst ungleicher Gebilde.

Auf der einen Seite steht ein Staat, der nach kurzer Anlaufzeit einen beispiellosen Aufschwung nimmt und eine phänomenale wirtschaftliche und politische Erfolgsbilanz vorweisen kann; auf der anderen Seite steht ein beklagenswerter Satrapenstaat, der seine Bevölkerung drangsaliert und einsperrt, ökonomisch nicht auf die Beine kommt, schließlich nach vier Jahrzehnten Konkurs anmeldet und sich auflöst. Der Vergleich kann also eigentlich nur apologetisch ausfallen. Die junge Bundesrepublik erlebt ein "Wirtschaftswunder", ein "Parteienwunder", ein "Demokratiewunder" – und als sportliche Prämie das "Wunder von Bern". Doch all diese Wunder in diesem Wunderland beruhten auf einer Verkettung von glücklichen Umständen, wie in Wehlers multiperspektivischer Nachkriegsgeschichte anschaulich hervortritt.

Von einem "Modell Bundesrepublik" wird man also nicht sprechen können, zumal die Schatten unübersehbar sind, zu eklatant sind etwa die Disparitäten in der Vermögensverteilung, die eine ebenso ungleiche Verteilung von Lebenschancen nach sich ziehen. Die DDR, das gescheiterte Experiment, ist zwar von der Landkarte verschwunden, aber ihre Erbschaft prägt weiterhin die Struktur der Bundesrepublik, demographisch, sozial und politisch. Selbst wenn das historische Wissen über den untergegangenen Staat zunehmend verblasst, selbst wenn das Erscheinungsbild ost- und westdeutscher Städte sich immer mehr angleicht – es bleibt ein Territorium, das sich zunehmend entleert, auf dauerhafte Transferzahlungen angewiesen ist, eine unorthodoxe Parteienstruktur hervorbringt. Daher wäre es verfehlt, die DDR als "Fußnote" der Nachkriegsgeschichte zu bezeichnen.

Kommentare

26.08.2008 | 00:18 Uhr
Robert Schrey schreibt: Ohne Preußen kein Deutschland

Deutschland ist unter preußischer Hegemonie entstanden. Die Transferzahlungen sind lediglich Ausdruck einer tributären Mentalität, die fortbesteht und die für Deutschland vermutlich konstitutiv ist. Die westlichen und südlichen Bundesländer neutralisieren sich gegenseitig. Am Horizont: der Sozialismus.



25.08.2008 | 11:48 Uhr

Joachim Scholtyseck: Das zweite Königreich Westphalen

Als Stefan Heym am Abend der Wahlen zur Volkskammer am 18. März 1990 sagte: "Die DDR wird nichts sein als eine Fußnote in der Weltgeschichte. Jetzt bleibt uns nur, zu überlegen, was wird", war das eine Provokation. Je länger die DDR Vergangenheit ist, um so mehr bestätigt sich die Richtigkeit seiner These.

Für Historiker wird sich auf lange Sicht die Frage stellen, die Peter Graf Kielmansegg in seiner "Parallelgeschichte der beiden deutschen Staaten" aufgeworfen hat, als er die Bundesrepublik mit der DDR verglich: "Seit 1989 (…) ist klar, daß wir es mit zwei ganz verschiedenen Geschichten zu tun haben, einer mit Zukunft und einer ohne Zukunft. An der zweiten interessiert vor allem, warum sie keine Zukunft hatte."

Der von Hans-Ulrich Wehler nun getroffenen Feststellung, die DDR habe in ihren 40 Jahren "nicht aus Eigenrecht, sondern als eine sowjetische Satrapie" existiert, wird man uneingeschränkt zustimmen können. Die SED-Herrschaft besaß in der Tat nicht die Fähigkeit zur Selbststabilisierung, und ihr System führte "in die Sackgasse einer staatskommunistischen totalitären Parteidiktatur (...), deren von einer starren Ideologie erzeugte Lernunfähigkeit von Jahr zu Jahr deutlicher zutage trat". Die DDR war, um es drastisch auszudrücken, ein ephemeres Phänomen, vergleichbar etwa mit kurzlebigen Erscheinungen wie der "Mainzer Republik" von 1793, die auf sich allein gestellt auch nicht lebensfähig und von französischen Revolutionstruppen abhängig war. Vergleichbar erscheint die DDR auch mit dem Königreich Westphalen unter dem französischen Bruder Napoleons Jérôme, die ebenfalls auf Sand gebaut war und mit dem Ende der napoleonischen Kaiserherrlichkeit nach wenigen Jahren ein ebenso plötzliches wie verdientes Ende fand.

Aber warum ist von vielen Linksintellektuellen die innere und äußere Fragilität der DDR nicht klar erkannt und benannt worden? Warum waren – um nur ein besonders markantes Beispiel zu nennen – "Kalte Krieger" wie Gerhard Löwenthal mit seinem "ZDF-Magazin" in dieser Hinsicht weitsichtiger? Wehler erwähnt natürlich die "gefährliche Verniedlichung", denen etwa die Anhänger der sogenannten Konvergenztheorie erlagen. Aber während er mit der notwendigen Schärfe bestimmte politisch-geistigen Kontinuitäten nach 1945 kritisiert, übergeht er etwas zu schnell die Verblendungszusammenhänge, mit denen viele Linke im Westen die DDR in ein so mildes Licht tauchten, daß sie die tönernen Füße dieses Kunststaates nicht erkennen wollten. Wenn Wehler schreibt, erst der Untergang der Sowjetunion und das 1998 erschienene "Schwarzbuch des Kommunismus" hätten eine "lohnende Diskussion" der Strukturelemente erforderlich gemacht, die eine totalitäre Herrschaftspraxis konstituierten, macht er es sich jedenfalls zu einfach.

Kommentare

25.08.2008 | 19:43 Uhr
Klaus-Henning Bähr schreibt: Die ominösen Linksintellektuellen

Viele Linksintellektuelle (diesmal also nicht "Die Achtundsechziger"...) haben also die innere und äußere Fragilität der DDR nicht erkannt (ganz im Gegensatz zu Gerhard Löwenthal...). Wer sind diese Leute, die da unterschwellig der einäugigen Blindheit und intellektueller Verblendung geziehen werden?

Wen soll der Leser also gegebenenfalls verteidigen oder in welchem Fall soll er zustimmen? Und die nicht eben wenigen Publizisten, die sich kritisch zur gewaltsamen Unterdrückung des "Prager Frühlings" und zur Exilierung des Wolf Biermann oder des Rudolf Bahro äußerten, waren das überwiegend "Rechte"? Lieber Joachim Scholtysek, mit solchen Pauschaldiagnosen stellen Sie Ihrer Analyse kein gutes Zeugnis aus!


25.08.2008 | 14:48 Uhr
Henry C. Brinker schreibt: Kampfbegriff "BRD"

Jahrgang 1958, habe ich den Systemvergleich zwischen beiden deutschen Staaten als Unterrichtsinhalt der Fächer Soziologie und Geschichte kennengelernt - bis zur mündlichen Abiturprüfung am Gymnasium in Borken/Westf.

Die Selbstverständlichkeit, mit der der Kampfbegriff "BRD" im Gegensatz zur "DDR" verwendet wurde, hat mich als Schüler, wie ich mich gut erinnere, stark verunsichert. Die innere Distanz der meisten Lehrer zur Bundesrepublik war deutlich spürbar. Im Nachgang der 68er- Bewegung trauten sich nur wenige, "ihrem" Staat, den sie repräsentierten, irgendwelchen Kredit einzuräumen angesichts seiner Legitimität durch die "freiheitlich-demokratische Grundordnung". Stattdessen stritten wir, ob die DDR-Diktatur totalitär oder nur totalitaristisch sei oder addierten an der Tafel die Vorteile der Planwirtschaft im Vergleich zu den marktwirtschaftlichen Errungenschaften.

Kein Lehrer hätte sich in intellektueller Distanziertheit getraut, die DDR als menschenverachtend zu bezeichnen.



25.08.2008 | 11:37 Uhr

Martin Sabrow: Illusionäres Realitätsprinzip

Kein Einstieg in die Diskussion um ohne Reverenz vor dem Autor: Hans-Ulrich Wehler hat mit analytischer Schärfe und stupender Belesenheit eine geschlossene Lesart der deutschen Geschichte in der Moderne vorgelegt, die das fachliche Selbstverständnis einer ganzen Historikergeneration bündelt und die Kraft eines modernisierungsgeschichtlichen Zugriffs unter Beweis stellt. Der Band fügt sich bruchlos zu den vier großen Vorgängerteilen und lässt sich durch die größere Nähe zu den Ereignissen an keiner Stelle von der souveränen Klarheit des historischen Urteils ablenken.

Wehlers fünfter Band schließt ein historisches "master narrative" ab, das diesen Namen wirklich verdient. Allerdings drängte sich mir bei der Lektüre der Eindruck auf, dass es sich nicht um eine Meistererzählung von morgen handelt, sondern um die meisterhafte Ausführung eines Paradigmas, das im tiefsten eben der Zeit angehört, die es analysiert. Wehler begründet seinen Verzicht auf die Interpretationsmuster der Neuen Kulturgeschichte mit deren noch fehlender Synthesefähigkeit. Tatsächlich stehen aber in seinem Kategoriengerüst die einzelnen analytischen Dimensionen – Wirtschaft, politische Herrschaft, soziale Ungleichheit und Kultur – in einer Reihe nebeneinander. Damit einher geht die Beschränkung auf einen engen Kulturbegriff, der das Potential des Begriffs für den allumspannenden sinnweltlichen Kokon der menschlichen Vorstellungen über Handeln und Leiden in den Sphären von Herrschaft, Wirtschaft und Gesellschaft grandios verschenkt.
Zudem stellt sich vielleicht stärker noch als bei den früheren Bänden die Frage nach der Erklärungskraft der Betrachtungsachsen. Dass die normative Kategorie der sozialen Ungleichheit für die Analyse der DDR-Gesellschaft besonders nützlich sein soll, will mir auch nach Wehlers Bemühen, mit ihrer Hilfe eine herrschende von einer administrativen und einer operativen Dienstklasse in der DDR zu unterscheiden, nicht recht einleuchten,
Mein stärkster Vorbehalt aber gilt dem radikalteleologischen Ansatz. Der archimedische Punkt von Wehlers Analyse ist der strukturelle Konsens mit der Gegenwart, woraus sich sein Urteilsrecht der "historischen Überlegenheit" (S. XV) ableitet. Aus politisch-moralischer Perspektive mag an dieser Versöhnung von Historiker und Zeitgeist wenig auszusetzen sein; als analytischer Kompass hingegen führt eine solche Betrachtung unweigerlich dazu, historische Alternativen nicht im Denken ihrer Zeit zu situieren, sondern - in einem besonderen Sinne "posthistorisch" - als "in jeder Hinsicht als Sackgasse" (wie die DDR) (S. XV), sinnlos übertriebene Aufgeregtheit (in bezug auf die Notstandsgesetze) oder naive Spekulation über einen Dritten Weg (in bezug auf die ostdeutsche Opposition) zu verwerfen.
Das Bild der deutsch-deutschen Zeitgeschichte wird dadurch flächig. Es bestätigt die normative Kraft des Faktischen, die Stefan Heym mit dem Gefühl des Entwerteten in die von Wehler zitierte resignative Feststellung gekleidet hatte, dass die DDR eine bloße Fußnote der Weltgeschichte darstelle. Dass sie nur das aber gerade nicht war, sondern die stets gefährdete Außengrenze und damit zugleich das besonders produktiv zu untersuchende Anschauungsobjekt einer welthistorischen Alternative, die das Jahrhundert der Extreme maßgeblich geprägt hat, muss so außer Betracht bleiben.
Wehlers fünfter Band ist ein konservatives Buch, insofern es die gewordene Welt der heutigen Bundesrepublik unter modernisierungsgeschichtlichem Vorzeichen zum bestmöglichen Ausgang der Zeitgeschichte erklärt oder – wie im Falle des universitären Reformstaus oder der islamistischen Bedrohung – auf ihrem Weg in die Zukunft zu begleiten sucht. Diesen selbst- und gegenwartsbewussten Einklang mit der Realität spielt Wehler immer wieder aus, wenn er etwa die "Realitätsfremdheit" der Achtundsechziger geißelt oder die "Realitätsblindheit" in der SED-Diktatur, die Erkenntnisgewinn nur als "pathologisches Lernen" zugelassen habe. Dass "die Wirklichkeit" auch nach anerkannter fachhistorischer Auffassung ein kulturelles Konstrukt jeder Zeit ist, die den urteilenden Historiker genauso unsichtbar beschränkt und leitet wie eine andere Realitätsvorstellung die von ihm beurteilten Protagonisten der Vergangenheit, bleibt Wehlers Buch fremd – und damit lässt es sich ebenso gewinnend als Quelle der doppelten deutschen Nachkriegsgeschichte lesen wie als deren Analyse.

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25.08.2008 | 11:29 Uhr

Michael Wildt: Feldherrnhügelblick

Wenn man Geschichte aus der Perspektive des Siegers und der Erfolgs betrachtet, könnte man sicher zu dem Ergebnis kommen, die DDR sei nur eine historische Fußnote geblieben. Aber hat Gesellschaftsgeschichte nicht über die politischen und sozialen Ordnungen hinaus auch eben mit "Gesellschaft" zu tun, also mit dem Ensemble konkret handelnder Menschen, die sich, um mit dem jungen Marx zu sprechen, die Verhältnisse aneignen?

In einem solchen Blickwinkel erhielten die Menschen, die in der DDR und anderen osteuropäischen Ländern unter den realsozialistischen Herrschafts- und Wirtschaftsverhältnissen lebten, ihr alltäglicher Umgang mit Mangel, Diktatur und Unfreiheit ebenso wie ihr Bemühen, sich dennoch Handlungsoptionen zu eröffnen und "Ordnung" in der "Unordnung" zu schaffen, ein weit größeres Gewicht als sie es von Wehlers Feldherrnhügel der Weltgeschichte aus betrachtet besitzen.
Gerade die Revolutionen in Osteuropa 1989 haben die Schwäche einer Politik wie auch einer Geschichtsschreibung "von oben" unter Beweis gestellt, die eben von dieser Entwicklung gänzlich überrascht worden sind. Vielmehr erwiesen sich die kleinen, marginalisierten Gruppen, die Gesellschaft der vielen "no-names" als weitaus geschichtsmächtiger.

Eine Gesellschaftsgeschichte, die sich allein auf die Perspektive des welthistorischen Erfolgs einlässt, verengt daher den Horizont und verliert ein analytisches Potential, das zur Erklärung von (Welt)Gesellschaft unentbehrlich ist.
In der Auseinandersetzung um die Frage, wer Geschichte macht: die Strukturen oder die Menschen, ließe sich daher der bekannte Satz von Marx mit einem anderen Akzent anführen: Die Menschen machen ihre Geschichte unter vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen – aber sie machen sie selbst.

Kommentare

Hans-Ulrich Wehler01.09.2008 | 15:14 Uhr
Hans-Ulrich Wehler schreibt: Replik

Wildt ist seit seiner faszinierenden Studie über das Reichssicherheitshauptamt einer der kompetentesten deutschen Zeithistoriker und zielt hier auf die Folgen unterschiedlicher Leitperspektiven. Ich bevorzuge die langlebigen Strukturen und Prozesse, die das Individuum mit restriktiven Bedingungen umgeben, die besonders in einer Diktatur höchst unelastisch sind. Die Gegenposition stammt aus der alternativ oder grün eingefärbten Alltagsgeschichte, die den Mikrokosmos des Ein-zelnen oder relativ kleiner Gruppen verfolgt und herausarbeitet, wie sie ihre Realität verarbeiten und deuten. Ohne den harten Kranz der restriktiven Bedingungen kann man meines Erachtens die ostdeutsche Teilgesellschaft nicht erfassen, auch nicht das Aufbegehren der "Volksmassen" 1989/90. Um auf das schöne Marx-Zitat zu kommen: Die Menschen in der DDR haben 40 Jahre ihre Geschichte keineswegs selbst gemacht, sondern sich unter den von den russischen und deutschen Machthabern vorgegebenen, zusehends erstarrenden Bedingungen bewegen müssen.


25.08.2008 | 12:01 Uhr
Herold Binsack schreibt: Deutschland, das Land der Hegelschen Dialektik

Wenn es eine Erkenntnis der Moderne gibt, die mir doch nach wie vor evident scheint, dann die, dass die Geschichte eben nicht von den Feldherren gemacht wird. Geschrieben wird sie von den Siegern, das ist unbestreitbar, aber das, was am Ende Geschichte ist, wird auch von dem bestimmt, was unter den offiziellen Lesarten verschwindet.

Und das Allerwichtigste scheint mir doch, dass Deutschlands Geschichte mitnichten eine abgeschlossene ist. Deutschlands Konterrevolutionen kamen immer gleich zweimal. So folgte auf den 1. Weltkrieg der 2. Weltkrieg, auf den Kapp-Putsch die Nazi-Machtergreifung (das DDR-Regime war Teil der Niederlage der Nazis, nicht eigene Geschichte), warum soll nicht mal auch auf Deutschlands Revolutionen eine 2. folgen? Und wenn 1989 als Revolution beschrieben wird, dann wäre uns die deutsche Geschichte noch eine schuldig. Dann sähen wir erst klar, in welche Richtung sich das Ganze bewegt. Und auch, wenn das kein Argument ist: Deutschland ist das Land der Hegelschen Dialektik!



25.08.2008 | 10:05 Uhr

Andreas Fahrmeir: Burke redivivus

Was macht eigentlich die Gesellschaft der Bundesrepublik zur "deutschen" Norm-Gesellschaft? Wehlers Band zur (Gesellschafts-)Geschichte der Bundesrepublik mit seinen Seitenblicken auf die (Gesellschafts-)Geschichte der DDR steht am Ende einer ausführlichen Betrachtung der "deutschen Gesellschaftsgeschichte" seit 1700, deren Prämissen und Perspektiven auch den Duktus des letzten Bandes bestimmen.

Eine zentrale These des Projekts war, Besonderheiten der "deutschen" Gesellschaft (oder der Gesellschaft in "Deutschland") hätten zu den politischen Katastrophen der deutschen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts geführt. In spezifisch deutschen Strukturen, die Wehler entlang der fünf Dimensionen Demographie, Wirtschaft, sozialer Ungleichheit, Herrschaft und Kultur analysierte, sei eine Erklärung dafür zu finden, dass sich die deutsche Bevölkerung besonders gerne und besonders gut durch charismatische Führer blenden und instrumentalisieren ließ, von Napoleon über Bismarck und Wilhelm II. bis Hitler. Dagegen fehlte, so der Umkehrschluss, in Großbritannien, den Niederlanden, den Vereinigten Staaten oder der Schweiz eine vergleichbare Basis, auf der sich charismatische Führer etablieren konnten. Dieser Zugriff auf das, was man als "deutschen Sonderweg?"bezeichnete, war eine Absage an das Potential einer (rein) politischen Geschichte, die Geschichte Deutschlands umfassend erklären zu können.

Die gesellschaftszentrierte Perspektive bringt ein Problem mit sich. Zwischen 1700 und 1989 gab es deutsche Staaten in ganz verschiedenen Grenzen und in sehr variabler Zahl, deren politische Geschichte man beschreiben kann. Ob aber die Gesellschaft in, sagen wir, Baden (von der Sprache, die ja "alles außer Hochdeutsch" umfasst, einmal abgesehen) anders war als die des benachbarten Elsass, die Bayerns als die des benachbarten Tirol, die Holsteins als die Kern-Dänemarks, ist weniger klar - und in gewissem Sinne war das auch nicht Wehlers Problem, denn er schrieb eine Geschichte der gesellschaftlichen Verhältnisse innerhalb der politischen Grenzen Deutschlands, oder, besser gesagt, der Grenzen, die dem Autor als legitim erschienen. Österreich gehörte vor 1866 nolens volens zum Panorama der "deutschen" Gesellschaft, aber doch am Rande. Nach 1866 kam es aber nicht mehr vor, obgleich die politische Zäsur eher nicht mit einer Zäsur in allen Bereichen der Gesellschaft einherging.

Aus Gesellschaft folgt Politik - das war die These des Wehlerschen Werkes, bis es sich im letzten Band von den deutschen Problemen ab und den deutschen Erfolgen zuwandte. Stimmte das Postulat, so wären in der deutschen Gesellschaft nach 1945 zwei gewissermaßen gleichberechtigte Entwicklungen angelegt gewesen: eine nach dem Negativmuster der DDR, eine nach dem Vorbild der Bundesrepublik, die Wehler trotz kleinerer Versäumnisse beim Umgang mit den NS-Kadern und dem Kampf gegen soziale Ungleichheit als leuchtendes Beispiel schildert. Das wäre mit Blick auf die Zukunft aber eine eher unbefriedigende Antwort gewesen ? die Gesellschaftsgeschichte hätte kein gutes, sondern ein zweideutiges Ende, die Gefahr, dass die Nationalgeschichte wieder zur Katastrophengeschichte wird, wäre so groß wie eh und je. Wehlers Geschichte ist eine andere. Nach der Katharsis des Dritten Reiches, das die deutsche Gesellschaft so durcheinanderwirbelte, dass die Sehnsucht nach charismatischer Herrschaft auf etwas mysteriöse Weise verschwand, zielt die deutsche Gesellschaftsentwicklung nur auf die Bundesrepublik. Die Entwicklung der DDR war dagegen kontingente Folge äußerer Einflüsse ("sowjetische Bajonette", anders gewendet: der "großen" Politik), deren Ursachen wohl in der russischen, nicht deutschen, Gesellschaftsgeschichte zu suchen wären.

So kann der Band sehr viel konziser, auch sehr viel thesenhafter ausfallen als seine Vorgänger. Er versperrt leider den Blick auf spannende Fragen, die in Wehlers Konzept angelegt waren. Folgten nicht Entwicklungen in Ost und West auch nach 1945 aus Unterschieden der Gesellschaftsstruktur? War Bonn vielleicht auch deshalb nicht Weimar, weil die DDR geographisch das Erbe der preußischen Junker und der preußischen Militarisierung antrat? Gaben Bundesrepublik und DDR womöglich unterschiedliche Antworten auf die Krisenerfahrungen der deutschen Gesellschaftsgeschichte? Wenn dem so wäre: Was folgt dann für die Perspektiven der deutschen Gesellschaft nach 1989?

Thomas Nipperdey hat Wehlers klassisches Taschenbuch über das Kaiserreich vor langer Zeit mit dem Duktus von Treitschkes Werken verglichen; bei diesem Buch kommt mir eher Edmund Burke in den Sinn, der 1790 wohl weniger unfähig als unwillig war, die historischen Wurzeln der Französischen Revolution ebenso ernsthaft aufzuspüren und zu erörtern wie die historischen Grundlagen der britischen Verfassung, die er der Revolution, die er politisch verabscheute, als Modell entgegensetzte. Politisch kann man Wehlers Abscheu gegenüber der DDR nur allzu gut verstehen, und in pädagogischer Absicht ist seine von Widerwillen gegen die Beschäftigung mit der DDR geprägte deutsche Zeitgeschichte sicher nützlich; ginge es dagegen darum, die Geschichte der deutschen Gesellschaft(en) zu verstehen, um ihre Entwicklung besser prognostizieren oder gestalten zu können, ist diese Perspektive aber sicher von Nachteil.

Kommentare


25.08.2008 | 09:37 Uhr

Alfred Grosser: Und Europa?

Trotz aller Bewunderung für das Buch habe ich einen schwerwiegenden Einwand, der allerdings auch anderen Zeithistorikern gilt, französischen wie deutschen. Darf man eine Geschichte der Bundesrepublik wie der verschwindenden DDR schreiben, ohne die Veränderungen einzuschließen, die die Europäische Gemenschaft gezeitigt hat?

Artikel 10 des Einigungsvertrags ist nur verständlich, wenn man weiß, dass die Hälfte der vom Bundestag verabschiedeten Gesetze aus Brüssel kommen. Er bestimmt, dass das gesamte Europarecht für das erweiterte Deutschland gilt. "Rechtsakte der Europäischen Gemeinschaft, deren Umsetzung oder Ausführung in die Zuständigkeit der Länder fällt, sind von diesen durch landesrechtliche Vorschriften umzusetzen oder auszuführen."

Der Artikel 23 des Grundgesetzes ist abgeschafft worden, als die Einheit vollendet war. Es kam ein neuer Artikel 23, der die weitere Übertragung von Hoheitsrechten auf die EU erleichtert. Diese Übertragung ist ja bereits sehr weit gegangen. Die Deutsche Mark ist verschwunden. Das Europa-Parlament hat erweiterte Befugnisse, und die dortigen Abgeordenten sitzen in transnationalen Fraktionen. Transnationale Lobbies sind in Brüssel am Werk, unter anderem die von Wehler mit besonderer Aufmerksamkeit bedachten Getreideproduzenten. Das deutsche Hochschulsystem musste nach europäischen Normen umstrukturiert werden.

An deutschen und französischen Universitäten gibt es eigentlich heute nur ein Fach, das sich ständig mit Europa befasst, und zwar das an sich konservativste: Kein Jura-Student kommt am Europarecht vorbei. Die Historiker, Politologen, Soziologen vergleichen zwar, aber integrieren Europa nicht in ihre nationalen Analysen.

Kommentare

Hans-Ulrich Wehler01.09.2008 | 15:15 Uhr
Hans-Ulrich Wehler schreibt: Replik

Dem Einwand des verehrten französischen Doyens der Zeitgeschichte kann ich nicht ganz folgen. Ich habe das Engagement für Europa als unbeschädigtes Projekt mehrfach betont, die ökonomisch ungemein belebenden Folgen des gemein-europäischen Marktes, die Veränderung der Bonner Gesetzgebung, die schließlich 65 Prozent der Materie von Brüssel vorgegeben bekam. Dennoch hat Grosser recht, wenn er die intensivere Berücksichtigung der Verrechtlichung binnendeutscher Ver-hältnisse durch europäische Normen und der Veränderung der Handlungsbedingungen und –perspektiven durch die EG/EU fordert.


25.08.2008 | 11:59 Uhr
Markus Teuber schreibt: Ja, Europa weglassen , das darf man !

Denn, wer ehrlich ist, der wird zugeben (müssen) daß das Projekt "Europa" bis kurz nach 1990 mehr oder weniger nicht existent war. Vor 1990 hätte niemand im Traum daran gedacht (und zwar in allen westeuropäischen Staaten), ganze nationale Ebenen nach Brüssel auszulagern.

Es gab zwar die EWG. Diese war aber eine reine Wirtschaftsunion, die auch lediglich die Wirtschaftsbarrieren zu überbrücken versuchte und gewisse wirtschaftliche Ungleichheiten (z. B. Portugal) einzuebenen trachtete. Erst mit dem Ende des Ostblocks und, darin eingebunden, der DDR, wurde für Projekt "Europa" erst der Startknopf gedrückt.
Deswegen kann eine historische Abhandlung der "deutschen Jahre" von 1945- 1990 auch kaum etwas über Europa erzählen.



25.08.2008 | 08:44 Uhr

Ulrike Jureit: Die Normalität der Siegerpose

Hans-Ulrich Wehler hat eine schwergewichtige Gesamtdarstellung fertig gestellt, die als einer der wenigen Versuche zu würdigen ist, jenseits von ereignis- und politikgeschichtlichen Erzählmustern deutsche Geschichte zwischen 1700 und 1990 als Sozialgeschichte zu synthetisieren. Einige halten das ja nicht ganz unaufwendige Vorhaben für schlichten Wahnsinn, angesichts des Ergebnisses gebührt diesem Lebenswerk aber zweifellos uneingeschränkte Anerkennung.

Ob die Gesellschaftsgeschichte ihren eigenen theoretischen wie empirischen Ansprüchen gerecht geworden ist, wird sicherlich noch Gegenstand der Debatte sein, die ja aufgrund der rhetorischen Kompetenz des Autors eine "lebhafte Kampfsituation" zu werden verspricht. Daher sei als Auftakt die nicht einfach ironisch gemeinte Frage erlaubt: Würde es uns vielleicht ohne fünfbändige Gesamtdarstellungen zur deutschen Geschichte irgendwie besser gehen?

Bei Friedrich Nietzsche lesen wir, dass ein Mensch, "der durch und durch nur historisch empfinden wollte, dem ähnlich" wäre, "der sich des Schlafens zu enthalten gezwungen würde", daher gebe es "einen Grad von Schlaflosigkeit, von Wiederkäuen, von historischem Sinne, bei dem das Lebendige zu Schaden kommt". Damit das Vergangene "nicht zum Todtengräber des Gegenwärtigen" wird, gehe es um jene Kraft, "aus sich heraus eigenartig zu wachsen, Vergangenes und Fremdes umzubilden und einzuverleiben, Wunden auszuheilen, Verlorenes zu ersetzen, zerbrochene Formen aus sich nachzuformen". Die Gesellschaftsgeschichte ist vor mehr als dreißig Jahren mit dem Anspruch angetreten, sowohl dem stumpfen Wiederkäuen der Geschichte als auch einer zunehmenden innerfachlichen Zersplitterung mit einem dezidiert analytischen Gesamtzugriff zu begegnen und damit die historische Nacherzählung wie auch die insbesondere von Werner Conze vertretene Strukturgeschichte zu überwinden.

Es reiche nicht, so Jürgen Kocka, "einzelne Ereignisse oder Ereignisfolgen, nicht große Persönlichkeiten und einzelne Handlungen, nicht Ideen und wohl auch nicht das Staatlich-Politische als Strukturierungskern" zu benutzen; stattdessen sei geboten, "geschichtliche Wirklichkeit ‚von der Gesellschaft her’ zu strukturieren und zu synthetisieren". Dass die Bielefelder dafür den soziologischen Grundbegriff der Gesellschaft importierten, hat sich lange Zeit als überaus ertragreich erwiesen, mittlerweile allerdings droht diese Anleihe an Marktwert zu verlieren, schließlich stellt die Soziologie heute ihren stets am Nationalstaat erprobten Gesellschaftsbegriff in Frage. Man kann der Versuchung kaum widerstehen, an dieser Stelle mit einem berüchtigten Wehler-Zitat zu parieren: Ist es vielleicht "die Flucht vor der Anstrengung des Begriffs", dass sich die Gesellschaftsgeschichte von diesen (und anderen) Herausforderungen auch im fünften Band gänzlich unberührt zeigt?

Wirklich ärgerlich ist dann manches im einzelnen: Da wird unbekümmert mit "vererbten" Kollektivmentalitäten hantiert und einem weiterhin ein längst überholter Kulturbegriff untergejubelt. Die geradezu lustvolle Demontage der DDR gerät zum intelligent komponierten Gesinnungspamphlet. Zwar könnte man wiederum mit Nietzsche entgegnen, dass doch "das Unhistorische und das Historische gleichermassen für die Gesundheit eines Einzelnen, eines Volkes und einer Cultur nöthig" sei, allerdings hatte Nietzsche beim Unhistorischen wohl kaum an solche Siegerposen gedacht.

Trotz dieser und anderer Zumutungen bleibt festzustellen, dass sich die Zeitgeschichte bisher erstaunlich wenig mit sozialer Ungleichheit im Nachkriegsdeutschland befasst hat, dass es zur historisch gewachsenen Sozialstruktur unserer Gesellschaft offenbar noch einiges zu entdecken gibt und dass die rasante Normalisierung der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse nach 1945 erklärungsbedürftig ist. Wehler legt zu diesen Problemen eine dezidierte Synthese vor, die als Gesamtschau unentbehrlich ist. Die aktuellen zeithistorischen und vor allem erinnerungspolitischen Engführungen öffnen sich immer wieder auf den theoriebestimmten Deutungshorizont einer dreihundertjährigen Geschichte. Unerfreulicherweise tendiert Darstellung allerdings dazu, das Erfolgsmodell Bundesrepublik als "fugendichte Normalität dessen, was sich nun mal durchgesetzt hat" (Jürgen Habermas), festschreiben zu wollen.

Kommentare

Hans-Ulrich Wehler01.09.2008 | 15:15 Uhr
Hans-Ulrich Wehler schreibt: Replik

Der Gesellschaftsbegriff bleibt in der Tat strittig. Er wurde ursprünglich von einer durchaus internationalen Strömung in der Geschichtswissenschaft der 1950/60er Jahre in bewusster Frontstellung gegen die überlieferte konventionelle Interpretationsperspektive der Politikgeschichte verfochten. Er orientierte sich auch durchweg an Nationalgesellschaften, die es aber lange Zeit nicht gegeben hat, wie gerade die Vielfalt der deutschen Regional-, Stadt- und Staatsgesellschaften bis ins späte 19. Jahrhundert zeigt. Die Umorientierung hat einigen Gewinn gebracht, vor allem aber sehe ich keine überzeugend überlegene Alternative. Jede Kritik an der "Flucht vor der Anstrengung des Begriffs" müsste doch wenigstens einige Hinweise auf vorzuziehende Interpretationsmuster enthalten. Überdies: Kollektivmentalitäten werden natürlich nicht im strengen Sinne "vererbt", wohl aber zeigt ein zentraler Befund der Sozialisationsforschung und der Habitusforschung im Anschluss an Bourdieu den generationenübergreifenden Transfer von Kollektivmentalitäten und Habitusinhalten. Gerade ihre Dauerhaftigkeit, nicht ihre Kurzlebigkeit, wirft die eigentlichen Probleme auf. Dabei jubele ich nicht einen "längst überholten Kulturbegriff" (wem auch immer?) unter, sondern kritisiere die bunte Vielfalt rivalisierender Kulturbegriffe und die bisher bewiesene Unfähigkeit oder Unwilligkeit der "Neuen Kulturgeschichte", endlich belastbare Synthesen zu präsentieren.



25.08.2008 | 08:00 Uhr

Peter Graf Kielmansegg: Eine Möglichkeit und eine Unmöglichkeit

Wer die Geschichte Deutschlands für die Jahre 1945 bis 1990 schreibt, muss eine Grundentscheidung treffen. Ist es angemessen – vom Anfang her urteilend -, sie als Parallelgeschichte zweier in einen erbitterten Wettbewerb verstrickter Staaten in Deutschland, von denen der eine schließlich unterliegt, als Parallelgeschichte zweier "deutscher Möglichkeiten’", wie man gelegentlich gesagt hat, zu schreiben?

Oder darf man, soll man, muss man – vom Ende her urteilend – die Darstellung prinzipiell asymmetrisch anlegen? Wehler hat, sehr bewusst, eine denkbar eindeutige Entscheidung für eine asymmetrische Behandlung der beiden deutschen Staaten getroffen – bis in die Proportionen hinein: genau drei Viertel des Textes sind der Bundesrepublik gewidmet, ein Viertel der DDR. Nicht zwei deutsche Möglichkeiten, von denen die eine schließlich scheitert, sondern eine Möglichkeit und eine Unmöglichkeit stellt er einander gegenüber.

Seine Begründung dieser Entscheidung trifft den zentralen Punkt. "Die Bundesrepublik (…) verkörperte von Anfang an einen lebens- und zukunftsfähigen Neustaat, in dem sich alle wesentlichen Modernisierungsprozesse (…) durchzusetzen vermochten." Der Weg der DDR hingegen habe sich in jeder Hinsicht als Sackgasse erwiesen. Zukunftsfähigkeit ist das Schlüsselwort in dieser Begründung. Das westliche Modell und nur das westliche Modell hat Deutschland nach der Katastrophe der Jahre 1933 bis 1945 eine Zukunftschance eröffnet. Das ist ein legitimer Gesichtspunkt der grundsätzlichen Differenzierung. Die Asymmetrie ist, so gesehen, nicht in die Geschichte hineininterpretiert, sie ist durch die Geschichte selbst vorgegeben.

Nach dem Zusammenbruch der DDR ist es nicht besonders schwierig, sich dieses Urteil zu eigen zu machen. Man sollte sich aber daran erinnern, dass in den siebziger und achtziger Jahren die Rede von den "zwei deutschen Möglichkeiten" erstaunlich verbreitet war; von vielen Intellektuellen wurden den beiden Staaten ihre je eigene Legitimität und ihre je eigene Zukunftsperspektive zugestanden. Bemerkenswerte Spuren dieser Sichtweise finden sich in Ralf Dahrendorfs berühmtem Buch "Gesellschaft und Demokratie in Deutschland" aus dem Jahr 1968, bei einem Autor also, der der Sympathie für die DDR gänzlich unverdächtig ist. Die Modernität der DDR ist ein in diesem Buch breit abgehandeltes Thema. Den Satz "Wenn man Modernität so versteht, wie wir es hier durchweg getan haben, dann ist die Gesellschaft der DDR die erste moderne Gesellschaft auf deutschem Boden", als Satz aus der Feder eines Liberalen, kann man heute nur noch mit Erstaunen lesen. Wehler, zurückblickend, stellt die genaue Gegenthese auf: Die DDR hat die Modernität in allen Belangen verfehlt. Und er hat gute Gründe für diese Gegenthese.

Das heißt freilich nicht, dass die DDR als Fußnote zur deutschen Geschichte behandelt werden könnte. Dazu ist ihre vierzigjährige Existenz zu folgenreich. Das ist ja die große Erfahrung des wiedervereinigten Deutschlands: Die SED hat ihren Teil Deutschlands in vieler Hinsicht unwiderruflich verändert, von der Revolution im ländlichen Raum bis zur Entchristlichung des ganzen Landes. Wie ein ephemeres Regime dem Land, das es vierzig Jahre beherrschte, seine Spuren so tief und dauerhaft einprägen konnte – das ist zu erzählen und zu erklären. Als Fußnote zu erledigen ist es nicht.

Auf der anderen Seite scheint mir auch die redaktionelle Formel vom Modell Bundesrepublik nicht ganz glücklich zu sein. Wehler spricht von der "erstaunlichen Erfolgsgeschichte der alten Bundesrepublik". Wer wollte ihm da widersprechen? Der Erfolg liegt darin, dass sich mit der westdeutschen Staatsgründung von 1949 der demokratische Verfassungsstaat und eine erfolgreiche marktwirtschaftliche Ordnung in Deutschland fest eingewurzelt haben und die deutsche Gesellschaft jene Offenheit und Liberalität entwickelte, die ein freies Gemeinwesen braucht. Aber Modell? Für wen oder was wäre die Bundesrepublik Deutschland ein Modell? Dass die Vorstellung, dergleichen Entwicklungen seien überall möglich, wenn man es nur richtig angehe, eine gefährliche Illusion ist, wissen inzwischen auch die, die es vielleicht einmal geglaubt haben.

Für Wehler ist eine wichtige Voraussetzung der "erstaunlichen Erfolgsgeschichte" denn auch, dass Deutschland in seiner ganzen neuzeitlichen Geschichte immer schon ein Teil des "Westens" gewesen sei, bis 1914 jedenfalls. An diese Vorgeschichte habe die Bundesrepublik anknüpfen können. Kundige werden an diesem Punkt fragen: Und was ist mit dem berühmten deutschen Sonderweg? Aber: "Wehler und die These vom deutschen Sonderweg" – das ist ein eigenes Thema.

Kommentare

Hans-Ulrich Wehler01.09.2008 | 15:16 Uhr
Hans-Ulrich Wehler schreibt: Replik

Kielmansegg bringt, wen wundert’s, manch meiner Interpretation besser auf den Punkt, als ich es zu tun vermocht habe. Die Fußnotenmetapher passt diesem vorzüg-lichen Kenner der deutschen Nachkriegsgeschichte auch nicht. Es ist unstrittig, dass die SED mit der Entchristlichung, der Vertreibung des Bürgertums, der Liquidierung des Adels, der Umwälzung der Landwirtschaft gravierende "Erfolge" erzielt hat. Trotz der beträchtlichen Folgen bleibt sie aber im Systemvergleich unter modernisierungs-theoretischen Kriterien ein kurzlebiges, gescheitertes Experiment. Das Modell Bundesrepublik bezog sich bei mir auf die Anpassung des ostdeutschen Entwicklungsniveaus an den westdeutschen Kernstaat, nicht auf einen allgemeinen Anspruch etwa an alle westlichen Staaten.


25.08.2008 | 11:39 Uhr
Heinz-Dieter Dey schreibt: Leinenlänge

Wenn man die Asymmetrie bei der Behandlung von BRD und DDR anspricht, muss man die Frage nach der Freiheit in beiden staatlichen Gebilden stellen. Welche Wahl hatten die Politiker nach 1945, um einen neuen Staat aufzubauen?

Die Gründungen von 1949 sind ohne die Entwicklung nach dem Zusammenbruch der NS-Herrschaft nicht zu beurteilen. In den Besatzungszonen wurden die Weichen für das Demokratiemodell und das Wirtschaftssystem gestellt. Die alte Bundesrepublik erhielt ihre Souveränität erst 1955 (Pariser Verträge). Satelliten, Wehler spricht von Satrapien, waren beide deutsche Seiten mit unterschiedlicher Leinenlänge.
Worin besteht die Eigenleistung bei der Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik im Vergleich zur DDR?



25.08.2008 | 08:00 Uhr

Dirk van Laak: So einfach lässt sich die DDR nicht vom Tisch wischen

"Modell Bundesrepublik - Fußnote DDR?" Die hier aufgeworfene Frage bestätigt tatsächlich einen unwillkürlichen Leseeindruck. Dass Wehler die DDR nur marginal behandeln würde, konnte man ahnen. Dass er sie sich aber mit einer polemischen Rhetorik wie zu Adenauers Zeiten ("sowjetische Satrapie", "Sultanismus" et cetera) vom Leib halten würde, hat mich doch etwas überrascht.

Allerdings hörte ich schon vor einigen Monaten von einem Fachkollegen, der sich durchaus genauer mit der DDR beschäftigt hat, eine vergleichbare Einschätzung: die DDR sei dabei, zu einer der Mainzer Republik vergleichbaren Episode der deutschen Geschichte zu werden. - Es scheint keinen Unterschied zu machen, ob eine solche "Episode", wie im Jahr 1793, lediglich vier Monate existierte oder aber vierzig Jahre wie im Fall des ostdeutschen Staats.

Nun mag die DDR ein verquälter, langweiliger und unselbständiger Staat gewesen sein. Aber die Geschichte ihrer Menschen hält doch zahlreiche und, wie ich finde, auch für einen Westdeutschen überaus spannende Fragen bereit, die sich nicht so einfach fortwischen lassen. Wehler stellt jedoch gleich anfangs ironisierend fest, man könne "es der florierenden DDR-Forschung getrost überlassen, das Gelände […] mit all seinen Irrwegen genauer zu erkunden" (S. XVI). Er selbst wolle "das Intermezzo der ostdeutschen Satrapie" (S. XV) nicht durch eine ausführliche Analyse aufgewertet wissen.

Das klingt irgendwie nach politisch verbrämtem Unwillen, sich mit etwas zu beschäftigen, das nicht ins Bild passt. Bei der Frage nach "Nutzen" und "Nachteil" der deutschen Geschichte nach 1945 scheinen die Rollen beim Häuptling der Sozialhistoriker klar verteilt zu sein. Die Bundesrepublik habe "von Anfang an einen lebens- und zukunftsfähigen Neustaat" (S. XV) verkörpert. Scheint sie doch der "Modernisierungstheorie", also der Bielefelder Leitthese, in geradezu idealtypischer Weise zu entsprechen. Mehr noch: Für die "Generation Wehler" war die Fähigkeit der alten Bundesrepublik, die DDR relativ umstandslos zu "schlucken", ein beruhigender Beweis für eine stabile Ankunft auf ihrem "langen Weg nach Westen" (Heinrich August Winker).

Dem eigentlich auf vier Bände angelegten "opus magnum" der deutschen Gesellschaftsgeschichte folgt nun nach 1990 ein fünfter Band. Denn obgleich im ersten Band davon die Rede gewesen war, die Linie des Werks von etwa 1700 bis in die Gegenwart zu ziehen, endete der vierte Band zunächst im Gründungsjahr der beiden deutschen Staaten. Die Ereignisse von 1989/90 machten nun einen weiteren Band notwendig, um auch in der Berliner Republik an die Gegenwart anzuschließen. Zudem geben sie dem Autor Gelegenheit, das Argument der "Ankunft" noch einmal zu bekräftigen.
Die leichthändige, ja unwirsche "Historisierung" der DDR bestätigt aber noch eine andere Charakteristik: Wehler ist in der Analyse zweifellos differenzierend, in der Wertung jedoch oft vereinfachend. Das trifft auch auf andere Bereiche zu, die gleich einleitend zum Thema gemacht werden: den Islam etwa oder den "Turbokapitalismus". Über beides wird, ebenso wie über die Anlage dieses gewaltigen Gesamtwerks, weiter zu reden sein.

Kommentare

Hans-Ulrich Wehler01.09.2008 | 15:17 Uhr
Hans-Ulrich Wehler schreibt: Replik

Auch dieser Kommentar stört sich an der Behandlung der DDR, bietet aber nicht den Hauch einer aussichtsreichen Gegeninterpretation. Welche "spannenden Fragen" hält denn die "Geschichte ihrer Menschen" bereit? Da wäre man für jeden Hinweis, jede Interpretationsanregung dankbar. Dass es auch in der DDR einen Alltag gab, in dem man sich nach dem Mauerbau anpassen musste, dass es dort lebensgeschichtliche Erfolge, Freundschaft und Liebe gab, wer würde das leugnen? Aber was gewinnen wir mit dieser Anerkennung (gab es sie nicht auch in den sechs Friedensjahren des NS-Regimes?) für die Deutung des gesellschaftlichen und politischen Systems.


25.08.2008 | 13:44 Uhr
Herold Binsack schreibt: Sich gegen unser gegenwärtiges (Markt-)Subjektsein erheben

Frank Schirrmacher scheint die Polemik gerecht, aber nicht ganz recht zu sein, sodann sein großzügiges Angebot an die Leser, sich einzumischen, als "historisches Subjekt".

Man scheint erkannt zu haben, dass Geschichte nicht nur Objekt-Sein begreifen will, sondern auch im Subjekt begriffen sein möchte. Nur als einzelnes Subjekt ist jeder von uns ein höchst eingeschränktes, zumal historisches, da vor allem Marktsubjekt. Und wer vermöchte über einen solchen Horizont hinausschauen? Wehlers Buch scheint mir daher auf dem Marktplatz der Geschichte ein recht typisches zu sein; und jeder kann dort wählen, sodann auch in den verschiedenen Angeboten an Subjekten. Nur der aufmerksame Mensch, der sich zum Beispiel die Waren und die Preise auf den Wochenmärkten anschaut, bemerkt doch, dass das (fast) alles von der gleichen Großmarkthalle kommt, selbst an den Preisen scheint das deutlich. Wir sind daher nur einmal historisches Subjekt, nämlich dann, wenn wir uns gegen unser gegenwärtiges (Marktsubjektsein) erheben.



25.08.2008 | 08:00 Uhr

Michael Stolleis: Verspätete Beschimpfung

Die Entscheidung Wehlers, die Geschichte der DDR in eine "Deutsche Gesellschaftsgeschichte" einzubeziehen, finde ich völlig richtig. Beide deutsche Staaten, wie sie sich nach langen Auseinandersetzungen aus den Besatzungszonen entwickelt haben, waren bis zum Ende feindlich oder mindestens misstrauisch aufeinander bezogen, gar nicht zu reden von der Westmigration.

Jede Seite prophezeite den Untergang der anderen. Die deutsche Nachkriegsgeschichte besteht aus beiden Teilen. Dass Wehler die DDR zu einer Fußnote verkleinert hätte, ist dem Buch allerdings nicht zu entnehmen. Der ihr gewährte Raum ist geringer, gewiss, aber sie wird doch relativ eingehend dargestellt.

Die Geschichte des westlichen Deutschland ist dagegen offener und kontrastreicher. Die Masse ihrer Quellen liegt offen zutage. Sie geht den Historiker Wehler, der hier gelebt, erfolgreich gewirkt und sich nach Amerika orientiert hat, "mehr an". Wenn er Deutschland beschreibt, ist dies verständlicherweise vor allem seine Bundesrepublik. Von der DDR hat er nur den Blick auf das in der Ulbricht-Phase stalinistische, aber auch in der Honecker-Phase zunehmend versteinerte und ausgelaugte polit-ökonomische System, für die Gesellschaftsstruktur, das Bildungswesen, die Kirchen und so weiter im wesentlichen nur statistische Daten und ein paar Milieubeschreibungen, aber kaum Autopsie oder emotionale Bindung.

Ich stimme Wehler in der politischen Ablehnung des SED-Staates völlig zu. Jedes Wort ist da überflüssig. Was mir aber nicht gefällt, ist die geradezu schreiende Beschimpfung der DDR als "paranoider Krakenstaat", "DDR-Sultanismus" (angeblich eine Max Weber ergänzende Kategorie), "deutsche Bolschewiki" "lernunfähiger Steinzeitmarxismus" und so weiter. Ein Historiker muss, zwanzig Jahre nach dem Untergang der DDR, nicht so draufschlagen. Die Informierten wissen es ohnehin, und diejenigen, die der DDR nachtrauern, werden sich von Invektiven nicht überzeugen lassen, im Gegenteil.

Kommentare

Hans-Ulrich Wehler01.09.2008 | 15:53 Uhr
Hans-Ulrich Wehler schreibt: Replik

Hier lohnt sich der Streit über einige der kritisierten Begriffe. Sultanismus – das ist ein Herrschaftstypus von Max Weber, der auf die weitreichende Autonomie einer Spitzenfigur in einem autoritären System abhebt. Im Vergleich mit der bekannten Dreiertypologie Webers ist er selten aufgegriffen worden, aber wenn man schon weberianisch argumentieren will, sollte man ihn für die DDR erproben. Das meinte übrigens auch neulich der amerikanische Politikwissenschaftler Juan Linz, der in der Tat ein Spezialist für Herrschaftstypen ist. Satrapie gebrauche ich wie in der Ge-schichte des Altertums als Kennzeichnung für ein Gebiet, das unter strenger Kontrol-le eines Hegemonialstaats von dessen Stellvertretern verwaltet wird. Trifft das nicht auf das Umfeld der sowjetischen Satellitenstaaten, in ausgezeichnetem Maße auf die DDR bis 1989 zu? Die Sozialdemokratie hat sich in Europa im allgemeinen zu einer Reformbewegung entwickelt, die den modernen Verfassungs- und Sozialstaat mit heraufgeführt und ausgebaut hat. Die Anerkennung als Sozialisten dieses Typus wollte ich den deutschen Kommunisten, die ganz auf den Parteitypus und die politi-sche Kampflehre der russischen Bolschewiki eingeschworen waren, partout verweigern. Was soll also an dem Begriff der "deutschen Bolschewiki" eigentlich falsch sein? Und wenn ich an die aufgeklärten Marxisten unter den englischen, französischen, italienischen Historikern denke, an die Flexibilität ihre undogmatische Interpretation, ihre Kritikfähigkeit – dann erscheinen mir zahlreiche DDR-Figuren bis hin zur PDS als Steinzeitmarxisten. Natürlich kann man die Polemik abkühlen und auf eine andere Sprachebene weiter betreiben. Aber mein Text entstand in der Zeit einer schwer verständlichen Ostalgie-Welle, und da schien Klartext vertretbar zu sein.



25.08.2008 | 08:00 Uhr

Paul Nolte: Radikal entflochten

Dass Wehler sein Werk eigentlich 1945 beenden wollte, sagt viel über die historische Befindlichkeit der "alten Bundesrepublik" aus, die eigentlich eine ahistorische Befindlichkeit war. Natürlich, Historiker brauchen in der Regel einen "Sicherheitsabstand" zu ihrem Gegenstand von typischerweise zwei bis drei Jahrzehnten, gerade wenn es um Themen jenseits der politischen Ereignisgeschichte geht.

Aber trotz der "Hängepartie" des Teilungsprovisoriums hatten die Westdeutschen zunehmend das Gefühl, in einem geschichtslosen Endzustand angekommen zu sein. Nach "rückwärts": Die Kontinuitäten in die deutsche Geschichte schienen abgeschnitten; nach vorwärts: Was sollte nach Demokratie, Massenwohlstand und Sozialstaat noch kommen?

Die Wiedervereinigung hat das radikal geändert, und Wehler hat daraus tapfer die Konsequenzen gezogen, auch wenn ihm das bei der Behandlung der DDR geradezu physische Pein zugefügt haben muss. Natürlich ist es legitim, in mancher Hinsicht sogar sinnvoller, nur eine Geschichte der Bundesrepublik zu schreiben, ohne die DDR – so wie das zuletzt Edgar Wolfrum getan hat. Aber es hätte als Teil einer deutschen Geschichte im langen Horizont nicht funktioniert.

Wie geht man mit der offensichtlichen Asymmetrie zwischen den beiden deutschen Staaten um? Sie ist empirisch da, weil die DDR nun einmal viel kleiner war und deshalb mit Recht, auch wenn man sie anders beschreibt als Wehler, weniger Raum beanspruchen kann als die Bundesrepublik. Und sie ist normativ da, wenn man sich nicht einer Schein-Objektivität hingeben will, die in Äquidistanz zu Demokratie und Diktatur führt. Deshalb halte ich das klare Urteil Wehlers zu den beiden deutschen Staaten prinzipiell für gut begründbar, auch wenn es nicht immer eines gar so dicken Holzhammers bedurft hätte, um der DDR ihren historischen Platz anzuweisen.

Kommentare

26.08.2008 | 11:40 Uhr
Lea Karow schreibt: Wärme

Ja, ich verstehe jetzt, was Sie meinen. In gewisser Weise haben Sie tatsächlich Recht. Ich kann als Ex-DDR-Insasse durchaus das Gefühl nachempfinden, dass man sich in diesem vollkommen zerfasert und richtungslos daherkommenden West-Staat sehr verloren vorkommen kann.

Wenn man in dem entschieden, resolut und mit einem klaren "Mission Statement" auftretenden Ost-Staat aufgewachsen ist - und das, obwohl man die Mission des Ost-Staates abgelehnt hat. Wärme hat diese Resolutheit damals allerdings direkt wohl nur für die erzeugt, die den Staat bejaht haben. Für die anderen entstand die Wärme indirekt: Doch, es war schon ein gutes Gefühl, ganz klar zu wissen, wogegen man ist. Das gab dem Leben Richtung, Sinn und Zweck. Und das Wissen, einen gemeinsamen Gegner zu haben, war ein ausgesprochen starkes Bindeglied zu Freunden, es schuf das Gefühl von Geborgenheit und - ja, wenn Sie so wollen - Wärme.


25.08.2008 | 17:37 Uhr
Henry C. Brinker schreibt: Wärme

Nach sechs Jahren Leipzig habe ich die Erfahrung mitgenommen, dass viele Bürger der ehemaligen DDR an der Unentschiedenheit der bundesrepublikanischen Staatlichkeit keine rechte Freude haben.

Diese Krise des Freiheitsbegriffs spürt man an jeder Ecke. Viele im Osten empfinden einen kaum bewältigbaren Druck, in einem wertneutralen Staat auf die Suche nach Sinn und Bestimmung zu gehen. Der Staat als Lenker in allen Lebensbereichen hatte schon eine gewisse Temperatur (wir waren oft in der damaligen DDR zu Besuch), auf die ich selbst allerdings gut verzichten kann.


25.08.2008 | 15:55 Uhr
Lea Karow schreibt: Wärme?

@ Henry C. Brinker
Na ja, ich weiß ja nicht, was Sie das damals in der DDR erlebt haben, aber ich kann nicht bestätigen, dass wir diese ohne Zweifel deutlich "bekennende" Staatlichkeit irgendwie als Wärme erlebt haben.


25.08.2008 | 15:09 Uhr
Henry C. Brinker schreibt: Wärme des Ostens

Die "bekennende Staatlichkeit" der DDR, in ihrer Schärfe auch erzwungen durch den ständigen Systemvergleich mit der prosperierenden Bundesrepublik, verlieh dem untergegangenen System zu seiner Zeit eine Wärme, die im Westen so nicht exisitierte.

Die DDR war ein Land, das etwas wollte. Die Bundesrepublik wollte als Staat nichts, nicht von ihren Bürgern und nicht von den Nachbarn. Sie forderte "operativ" auch nicht sich selbst, wenn man einmal vom deklamatorischen Grundgesetz absieht. Vielmehr war hier der Staat eine reine Funktion, die mit Beginn der sozialliberalen Koalition auch zunehmend noch von der bürgerlichen Nährlösung aus christlich-abendländischen Normen und Werten abgestillt wurde.
Die Schwierigkeit, nach den Erfahrungen der Hitlerdiktatur eine Staatlichkeit herzustellen, die Aufgaben und gemeinschaftliche Zielsetzungen benennen kann, war wohl nicht wirklich zu lösen. Stattdessen schuf der liberale Rechtsstaat das Spielfeld, auf dem er selbst zur Disposition gestellt wurde.


25.08.2008 | 12:33 Uhr
Lea Karow schreibt: Maßvoller Sieger?

Es mag in historiographischer Hinsicht "legitim, in mancher Hinsicht sogar sinnvoller" sein, "nur eine Geschichte der Bundesrepublik ... ohne die DDR" zu schreiben. Klug wäre es nicht.

Dass der Westen mit dem "Recht des historisch Überlegenen" auftreten konnte, steht außer Frage. Die Form, in der er dies aber tatsächlich tut, hat aber leider Folgen, die bedacht werden sollten: Die Übernahme nicht nur der totalen ökonomischen, sozialen und politischen Dominanz, sondern auch der Deutungshoheit über die Geschichte des Ostens (es spricht Bände, dass diese Geschichte auch hier wieder ausschließlich von Westdeutschen verhandelt wird) dient dazu, die Teilung auf lange Zeit zu zementieren. Diese Geschichte nun vollkommen zu ignorieren, würde dem taktlosen arroganten und respektlosen Degradieren der 'Erlebnisgeneration' Ost nur die Krone aufsetzen.



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