Martin Sabrow: Noch einmal "Fußnote DDR"
Die partielle Zustimmung, die Wehlers Urteil über die DDR als welthistorischer Fußnoten auch hier im Lesesaal gefunden hat, reizt mich, noch einmal drei Argumente anzuführen, die mir eine solche Sicht jenseits aller rhetorischen und stilistischen Angemessenheitsfragen wissenschaftlich nicht haltbar erscheinen lassen.
Erstens hat die Historisierung der DDR neben einer real- auch eine rezeptionsgeschichtliche Dimension. Weder hat die aus der SED entstandene Nachfolgepartei den raschen politischen Tod gefunden, den man ihr in den Jahren nach der deutschen Vereinigung prognostiziert hatte, noch hat die DDR sich erfahrungsgeschichtlich so rasch zum Verschwinden bringen lassen, wie es im Winter 1989/90 die Mauerspechte so hingabevoll an ihrem bekanntesten Bauwerk versucht hatten.
Mauer und Trabant, Stasi und Kinderkrippe sind Symbole einer andauernden Auseinandersetzung mit der DDR, die sich eben nicht nur in den Fußnoten des öffentlichen Lebens abspielt, sondern eine zentrale Achse der kulturellen Selbstverständigung in der bundesdeutschen Gegenwart bildet.
Zweitens war die DDR nie ein nur für sich selbst stehendes Phänomen, sondern zugleich immer auch Teil einer dreifachen Beziehungsgeschichte – zur nationalsozialistischen Vorgängerdiktatur, zum sowjetischen Satellitensystem des Ostblocks und zum alter ego der Bundesrepublik. Die vierzigjährige Existenz der DDR hat die Geschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts weit über das Territorium Ostdeutschlands hinaus beeinflusst. Ohne sie wäre nicht nur die Geschichte des europäischen Kommunismus und auch die Geschichte der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit anders verlaufen; auch die Entwicklung der Bundesrepublik - ihrer Westbindung, ihrer Sozialstaatlichkeit, ihrer politisch-kulturellen Verfassung - ist ohne die DDR nicht zu denken.
Drittens fällt die historische Bedeutung der DDR nicht umstandslos mit ihrer historiographischen Bedeutung zusammen - auch kleine Phänomene können große Erkenntnisse liefern. Die erschließen sich aber gerade nicht, wenn man mit Hans-Ulrich Wehler die DDR lediglich als Vergleichs- und Kontrastfolie zu ihrem überlegenen Konkurrenten begreift und die analytischen Mühen der mitteldeutschen Ebene getrost den Spezialisten der DDR-Forschung überlässt. Es ist keine methodische Resignation, wie Wehler vermutet (S. 216), wenn die Kommuismusforschung vielfach zu der Erkenntnis gekommen ist, dass ihr "überkommener Begriffsapparat" in der Tat nicht hinreicht, das Phänomen des deutschen und europäischen Kommunismus in seiner Wirkmächtigkeit angemessen zu erfassen. Wenn historische Selbstverständigung mehr sein soll als historische Selbstbestätigung, besteht die vielleicht wichtigste Aufgabe für den Zeithistoriker des 20. Jahrhunderts doch darin, die aus heutiger Sicht so unfasslich scheinende Sogkraft und Persistenz der Zeit der "Großen Gesänge" mit den Mitteln der Wissenschaft begreifbar zu machen. Kurz: In der vermeintlichen Fußnote steckt in Wahrheit ein Leitmotiv der Zeitgeschichte.


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Werner Kastor schreibt: Auch in der DDR wurde groß gesungen
Martin Sabrow zeigt sehr klar, wo der blinde Fleck im Auge der DDR-Fußnotenbefürworter liegt. Der Kalte Krieg war ja nicht nur ein Kampf um die Macht, sondern auch eine Auseinadersetzung der Ideologien.
Doch die DDR wirkte sich auch direkt auf den Westen aus. Ohne DDR wäre die BRD sicher weniger sozial in ihre Marktwirtschaft geworden. Neben der Westbindung gab es auch die Variante der Neutralität (Österreich). Ohne die DDR wäre die BRD noch brauner geblieben als sie es ohnehin war. Selbst auf die 68er hat die DDR in dieser Frage mit eingewirkt. Und wie Sabrow sagt, de "Persistenz und Sogkraft der... Großen Gesänge" ist unfasslich.
Joachim Scholtyseck schreibt: Zu Martin Sabrows Anmerkung
Martin Sabrow hat sicherlich recht, wenn er fordert, die "so unfasslich erscheinende Sogkraft und Persistenz" der "großen Gesänge" mit den Mitteln der Wissenschaft zu begreifen. Dabei wird aber ganz wesentlich das ideologische Moment im Vordergrund stehen und nicht die DDR, die letztlich doch ein abgeleitetes Phänomen bleiben wird.
Ob die Geschichte der Bundesrepublik so viel anders verlaufen wäre, wenn es die DDR nicht gegeben hätte? In welche Richtung hätte sich die Bundesrepublik denn sonst entwickelt? Die Bundesrepublik orientierte sich an den Vereinigten Staaten und den westlichen Demokratien. Auch die kritische Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit hätte sich ohne die DDR-"Braunbücher" nicht viel anders vollzogen. Die Gründung der "Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen" in Ludwigsburg im Jahr 1958 und die "Auschwitz-Prozesse" der 1960er Jahre waren ein westdeutscher Vorgang. Auch hier bleibt der Beitrag der DDR nicht mehr als eine Fußnote.