Wehlers viertes Kapitel über soziale Ungleicheit überzeugt durch die Breite des Ansatzes, die Klarheit der Analyse und die methodische Präzision im Umgang mit den Daten. Es besticht auch durch eine klare These: Das Ausmaß der sozialen Ungleichheit der Verteilung ist im Großen und Ganzen gleich geblieben, während sich das Niveau von Einkommen und Vermögen über die Jahrzehnte deutlich erhöht hat.
Alle sitzen im selben Fahrstuhl, auch wenn die Brieftaschen unterschiedlich schwer sind. Wehlers Ergebnisse scheinen diesen Befund auch zu bestätigen. Und doch weist selbst dieser, in seiner Breite sicher einzigartige Versuch, die Dynamik der sozialen Ungleichheit in der Bundesrepublik zu erfassen, typische Lücken auf.
Ich meine zum einen den Umgang mit dem privaten Sozialvermögen. Es handelt sich dabei um die Anrechte auf Altersversorgung, sei es aus der gesetzlichen Rentenversicherung, aus der Beamtenversorgung oder aus Betriebsrenten, sowie um weitere Ansprüche an den Sozialstaat, die unter die Verfassungsgarantie des Eigentums fallen. Allein bei den Versorgungsansprüchen handelt es sich dabei um die ungeheuerliche Summe von 7.000 Mrd Euro (2005). Dies ist eine Größenordnung, deren Höhe nicht nur die Vorstellungskraft von Sozialhistorikern übersteigt. Keine noch so scharfe kulturalistische Wende kann es rechtfertigen, über den Heller des Bourdieuschen "Sozialkapitals" diesen Batzen zu vergessen. In anderen Ländern, wie etwa in den USA, fließen die Beiträge, die diesen Ansprüchen zugrunde liegen, in private Pensionsfonds, deren Anteile ganz selbstverständlich zum Privatvermögen der Beteiligten gerechnet wird. Das Bundesverfassungsgericht hat deshalb richtig entschieden, als es den Eigentumscharakter der Rentenansprüche festgeschrieben hat.
Die Streichung des Sozialvermögens aus dem kollektiven Gedächtnis der Deutschen sagt viel über den Prozess der ‚Verstaatlichung‘ der Sozialversicherungen aus. Ihre Beiträge werden inzwischen ganz selbstverständlich – aber zu Unrecht - zur Staatsquote am Volkseinkommen gezählt. Das Sozialvermögen selbst bleibt bei Verteilungsrechnungen außerhalb der Betrachtung. Würde es einbezogen, ‚profitierten‘ davon die unteren Vermögensklassen. Dass es in Zeiten der globalen Kapitalmarktkrise auch vergleichsweise sicher ist, sei nur am Rande erwähnt. Unter normalen Verhältnissen hat die ‚unsichtbare‘ Akkumulation des Sozialvermögens aber auch Nachteile. Es steht nicht zur Finanzierung des Kapitalmarktes zur Verfügung und muss dieses Feld den institutionellen Anlegern überlassen. Diese zwingen auch dem deutschen Kapitalmarkt eine extrem kurzatmige Taktung auf, die dem deutschen sozialen System der Produktion schadet.
Die Entscheidung, die zur Akkumulation des Sozialvermögens geführt hat, die Dynamisierung der Rentenversicherung im Jahre 1957, war gleichzeitig eine der wichtigsten Weichenstellungen in der politischen Geschichte der Bundesrepublik. Sie bedeutete das Ende der Ursprungskonzeption der Sozialen Marktwirtschaft, die angetreten war, den Sozialstaat obsolet zu machen. Dass es ihr nicht gelungen war, durch Wettbewerbspolitik Monopolgewinne zu verhindern und mit konsequenter Ordnungspolitik die Einkommens- und Vermögensverteilung allmählich anzugleichen, war Ende der fünfziger Jahre mit den Händen zu greifen. Die Soziale Marktwirtschaft à la Bismarck, die dann folgte, hat den Tempowechsel von Wachstum und Konjunktur, aber auch die Verteilungswirkungen der Massenarbeitslosigkeit seit den siebziger Jahren gut ausgeglichen. Dies hat eine dramatische Zunahme der sozialen Ungleichheit verhindert, den Abbau der Arbeitslosigkeit aber nicht erleichtert.
Zum anderen wäre es gerade im deutschen Fall irreführend, dem Antagonismus der Klassen eine dominierende Rolle im Verhältnis der sozialen Gruppen untereinander und für die Lebenslage großer Bevölkerungsteile in der Bundesrepublik zuzumessen. Weder hat die Besitzrente ihre früher dominante Bedeutung als Sicherheit in Notlagen und im Alter beibehalten, noch hat die fortschreitende Normierung der Sozial- und Wirtschaftsverfassung allzu viel von der sozialen Wirksamkeit von Besitzrenten übrig gelassen. Vor allem bestimmen die Verfügungschancen über das Eigentum an Produktionsmitteln nicht mehr im gleichen Maße die Lebenslage eigentumsloser Bevölkerungsteile. Die Chance der Bodenrentner, über Pacht- und Schuldverhältnisse die Lebenslage der Agrarbevölkerung zu bestimmen, schwand in demselben Maße wie der agrarische Anteil an der Gesamtbevölkerung geschrumpft ist; den Mieter schützen die Mietgesetze vor Verfügungswillkür der Eigentümer; die Gegenmacht der Gewerkschaften, aber auch staatliche Normierung, mindert die Chancen der Kapitalrentner, die Lebenslage der Arbeiter und Angestellten stärker zu beeinflussen, als dies durch das Kapitalverhältnis selbst bestimmt ist.
Die Bedeutung des Eigentums liegt aber nicht nur in den Verfügungsrechten, die am Eigentum hängen (property rights). Sie bestimmen im Rahmen der immateriellen Produktionsweise immer weniger den wirtschaftlichen Wert des Kapitaleinsatzes. Erst die Lösung des Principal-Agent-Problems sichert dem Kapitalisten in nachindustrieller Zeit den Ertrag seines Eigentums. Er, der Prinzipal, muß sicherstellen, dass alle Arbeitnehmer (Agenten) ihr fachliches und organisatorisches Wissen voll in das Unternehmen einbringen, dessen Produktivkapital er stellt. Innerhalb der deutschen Produktionsweise erstreckt sich dieser Zwang zur Kooperation bis auf die Ebene der Facharbeiter, deren Wissen und Engagement für den Produktionsablauf unverzichtbar sind. Die Mittel, die dies sicherstellen, reichen von der Mitbestimmung bis zur Gewinnbeteiligung und setzen der Verfügungsgewalt über Produktivkapital neue wirtschaftliche Grenzen. Aus dieser Perspektive gesehen wirft der Klassenantagonismus, der sich im Eigentum an Produktionsmitteln immer noch zeigt, heute andere Probleme auf als noch in der Startphase der Bundesrepublik.
Hans-Ulrich Wehler schreibt: Replik
Nolte weist in der Tat auf ein Grundproblem der Interpretation der Sozialen Ungleichheit hin. Hat der Fahrstuhl der Wohlfahrtsgesellschaft das gesellschaftliche Ordnungsgefüge trotz des erreichten hohen Niveaus wenig verändert? Oder hat er nicht durch einen Strukturwandel doch weitreichende Anhebung auf die Mittelklassenebene bewirkt? Die simple Antwort: Beides. Die Prägekräfte der Marktgesellschaft haben marktbedingte Klassen in Webers Sinn erhalten, die Reproduktionsmuster sind außerordentlich stabil geblieben, auch wenn die Klassenlagen unleugbar angehoben worden sind. Und zugleich haben wirtschaftliche Erfolge, Verteilungspolitik und staatliche Transferleistungen diese Klassen mit ungemein verbesserten Ressourcen ausgestattet, die sich am Einkommen, Vermögen, Rentenkapital, Bildungsverhalten usw. ablesen lassen. Daher: Anerkennung der gesamt-gesellschaftlichen Aufstiegsmobilität (einschl. der Verbürgerlichung der Facharbei-terschaft), doch Betonung zugleich von Disparitäten, die sich einschl. der Elitenprivilegien nach 1990 in beschleunigtem Maße immer weiter ausgedehnt haben, wie das vor allem der Soziologe Michael Hartmann klar nachweist. Welcher Zeithistoriker wird sich der Ungleichheitsgeschichte in der Phase von 1990 bis 2010 annehmen?
Robert Schrey schreibt: Dem muss nachgegangen werden
Es gibt im Internet ein virtuelles Mercedes-Museum. Gehen Sie mal dahin und öffnen Sie Ebene M4, M5 und M6. Dann sehen Sie ganz klar, wie wir alle seit 1952 kollektiv abgestiegen sind. Der Arbeiter hat nämlich ein feines Gespür, für wen er arbeitet und das sieht man dann auch. Es gibt sie also wirklich diese nivellierte Mittelstandsgesellschaft. Vom ästhetischen Standpunkt aus gesehen ist der S-Klasse Fahrer genauso arm wie ein Golf-Fahrer.
Stefan Sedlaczek schreibt: Ungleichheit versus Verschiedenheit
Es ist die Gleichheitsidee, die Deutschland (und andere) in den Wahnsinn treibt. Gleichheit ist ein künstlicher Soll-Zustand, Verschiedenheit bedeutet Chancen.
Man wird dem (und den) Menschen nur gerecht, wenn ihre Verschiedenheit anerkannt wird. Und dies zu tun, ist klug. Verschiedenheit als Chance ist ebenso evident, wie Arbeitsteilung real, effizient und menschlich ist.
Die urtypisch deutsche Frage nach der Gleichheit und nach Harmonie (Kunst, Musik - ebenso in der Negation) vergißt den Menschen: Was kannst Du, wer bist Du, was willst Du? Du bist Deutschland ist - beispielsweise und symptomatisch - eine Festlegung, die nicht weiterführt und in dasselbe Horn bläst wie die angeblich so schlimme Ungleichheit. Unsere Verschiedenheit, meine Persönlichkeit wird gebraucht. Erkennt man dies, verblaßt jeder Sozialismus und die Menschen können sich als Personen in die ihrige Gemeinschaft einbringen.
Herold Binsack schreibt: Chancenlose Klasse
Nicht Chancengleichheit, sondern die Stellung der Klassen zueinander gilt es zu erforschen. Gibt es eine herrschende Klasse, dann gibt es auch eine unterdrückte, gibt es eine ausbeutende, dann auch eine ausgebeutete.
Und daraus ergibt sich die Besonderheit der Dynamik der Gesellschaft, die Möglichkeit (die Notwendigkeit) von sozialen Erhebungen. (Post-)strukturalistische Begriffe wie "habituelles Kapital" (Bourdieu) liefern dafür keinen Ansatz, denn sie relativieren die Klasse, hier die der Bourgeoisie. Mag sein, dass sich das an der Oberfläche einer Postmoderne so anfühlt: ein Kapital jenseits von Vermögensverhältnissen; die Wahrheit ist, dass die Vermögensverhältnisse so exorbitant auseinanderdriften, dass wir nun eine aristokratisch wirkende herrschende Klasse haben, die sich noch einmal vom Besitzbürgertum teilt. Dem entspricht in etwa die Beziehung zwischen dem Proletariat und einem sog. Prekariat. Nur was hier der Superreichtum ist, ist dort die totale Verelendung in der chancenlosen Klasse.