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Podium:

Ist Ungleichheit Schicksal?

Einen Porsche kann sich nicht jeder kaufen. Aber in der alten Bundesrepublik herrschte der Glaube, durch Leistung in die Porscheklasse vorstoßen zu können. Hans-Ulrich Wehler versucht, diesen Mythos von der Aufstiegsgesellschaft zu entlarven. Diskutieren Sie mit unseren Experten über Eliten, soziale Ungleichheit und Einkommensunterschiede.

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Beiträge

26.08.2008 | 11:18 Uhr

Paul Nolte: Die feinen Unterschiede

Das Kapitel über sie soziale Ungleichheit in der Bundesrepublik gehört für mich, trotz zahlreicher offener Flanken, zu den Glanzstücken des Bandes. Man spürt stets die Kompetenz und das Engagement des Autors, als Wissenschaftler wie als homo politicus. So stark treibt Wehler die gegenwärtige Verfassung der deutschen Gesellschaft um, das in einzelnen Abschnitten die historische Perspektive immer wieder vollständig aufgegeben wird.

Fast unwillkürlich rutscht die Darstellung ins Präsens; die Überlegungen etwa zur Ungleichheit im Alter (S. 191ff.) sind brillant in ihrem klassenanalytischen Blick auf das, was in Medien und Politik viel zu homogen als Rentner und "ältere Mitbürger" erscheint. Aber eine historische Entwicklung wird nicht aufgezeichnet; es geht um die Zeit seit, nicht bis 1989/90.

Zwar weist Wehler in der Einleitung des fünften Bandes die Alternative einer kulturgeschichtlichen Zugangsweise noch einmal scharf zurück. Aber die Verschiebung zu den ersten Bänden ist doch gerade in der Behandlung der sozialen Ungleichheit deutlich greifbar. Zu Weber tritt Bourdieu, zu den Marktklassen kommen die "feinen Unterschiede". An den vertikalen Durchgang duch die Gesellschaft – von den Eliten zur Armut – schließt sich ein Katalog eher kultursoziologisch fassbarer Disparitäten an. Dieser Ansatz ist mir selber zu sympathisch, um ihn nicht zu loben: Er erlaubt eine ebenso scharfe wie differenzierte Analyse der Persistenz einer Klassengesellschaft jenseits der Klassen. Aber eine Grundfrage bleibt bei alldem offen: Ist die Gesellschaft nach 1945 nun mit dem Fahrstuhl nach oben gefahren, hat sich also in ihrem Strukturgefüge, in ihren Relationen wenig verändert (und wenn, dann eher in Richtung größerer Spreizung wie beim Vermögen)? Oder hat die Nivellierung und "Vermittelschichtung" der Gesellschaft nicht doch Aufstieg als Strukturwandel bewirkt? Darüber werden Wissenschaft und Öffentlichkeit noch lange streiten.

Kommentare

Hans-Ulrich Wehler01.09.2008 | 15:20 Uhr
Hans-Ulrich Wehler schreibt: Replik

Nolte weist in der Tat auf ein Grundproblem der Interpretation der Sozialen Ungleichheit hin. Hat der Fahrstuhl der Wohlfahrtsgesellschaft das gesellschaftliche Ordnungsgefüge trotz des erreichten hohen Niveaus wenig verändert? Oder hat er nicht durch einen Strukturwandel doch weitreichende Anhebung auf die Mittelklassenebene bewirkt? Die simple Antwort: Beides. Die Prägekräfte der Marktgesellschaft haben marktbedingte Klassen in Webers Sinn erhalten, die Reproduktionsmuster sind außerordentlich stabil geblieben, auch wenn die Klassenlagen unleugbar angehoben worden sind. Und zugleich haben wirtschaftliche Erfolge, Verteilungspolitik und staatliche Transferleistungen diese Klassen mit ungemein verbesserten Ressourcen ausgestattet, die sich am Einkommen, Vermögen, Rentenkapital, Bildungsverhalten usw. ablesen lassen. Daher: Anerkennung der gesamt-gesellschaftlichen Aufstiegsmobilität (einschl. der Verbürgerlichung der Facharbei-terschaft), doch Betonung zugleich von Disparitäten, die sich einschl. der Elitenprivilegien nach 1990 in beschleunigtem Maße immer weiter ausgedehnt haben, wie das vor allem der Soziologe Michael Hartmann klar nachweist. Welcher Zeithistoriker wird sich der Ungleichheitsgeschichte in der Phase von 1990 bis 2010 annehmen?


27.08.2008 | 00:08 Uhr
Robert Schrey schreibt: Dem muss nachgegangen werden

Es gibt im Internet ein virtuelles Mercedes-Museum. Gehen Sie mal dahin und öffnen Sie Ebene M4, M5 und M6. Dann sehen Sie ganz klar, wie wir alle seit 1952 kollektiv abgestiegen sind. Der Arbeiter hat nämlich ein feines Gespür, für wen er arbeitet und das sieht man dann auch. Es gibt sie also wirklich diese nivellierte Mittelstandsgesellschaft. Vom ästhetischen Standpunkt aus gesehen ist der S-Klasse Fahrer genauso arm wie ein Golf-Fahrer.


26.08.2008 | 16:01 Uhr
Stefan Sedlaczek schreibt: Ungleichheit versus Verschiedenheit

Es ist die Gleichheitsidee, die Deutschland (und andere) in den Wahnsinn treibt. Gleichheit ist ein künstlicher Soll-Zustand, Verschiedenheit bedeutet Chancen.

Man wird dem (und den) Menschen nur gerecht, wenn ihre Verschiedenheit anerkannt wird. Und dies zu tun, ist klug. Verschiedenheit als Chance ist ebenso evident, wie Arbeitsteilung real, effizient und menschlich ist.

Die urtypisch deutsche Frage nach der Gleichheit und nach Harmonie (Kunst, Musik - ebenso in der Negation) vergißt den Menschen: Was kannst Du, wer bist Du, was willst Du? Du bist Deutschland ist - beispielsweise und symptomatisch - eine Festlegung, die nicht weiterführt und in dasselbe Horn bläst wie die angeblich so schlimme Ungleichheit. Unsere Verschiedenheit, meine Persönlichkeit wird gebraucht. Erkennt man dies, verblaßt jeder Sozialismus und die Menschen können sich als Personen in die ihrige Gemeinschaft einbringen.


26.08.2008 | 11:44 Uhr
Herold Binsack schreibt: Chancenlose Klasse

Nicht Chancengleichheit, sondern die Stellung der Klassen zueinander gilt es zu erforschen. Gibt es eine herrschende Klasse, dann gibt es auch eine unterdrückte, gibt es eine ausbeutende, dann auch eine ausgebeutete.

Und daraus ergibt sich die Besonderheit der Dynamik der Gesellschaft, die Möglichkeit (die Notwendigkeit) von sozialen Erhebungen. (Post-)strukturalistische Begriffe wie "habituelles Kapital" (Bourdieu) liefern dafür keinen Ansatz, denn sie relativieren die Klasse, hier die der Bourgeoisie. Mag sein, dass sich das an der Oberfläche einer Postmoderne so anfühlt: ein Kapital jenseits von Vermögensverhältnissen; die Wahrheit ist, dass die Vermögensverhältnisse so exorbitant auseinanderdriften, dass wir nun eine aristokratisch wirkende herrschende Klasse haben, die sich noch einmal vom Besitzbürgertum teilt. Dem entspricht in etwa die Beziehung zwischen dem Proletariat und einem sog. Prekariat. Nur was hier der Superreichtum ist, ist dort die totale Verelendung in der chancenlosen Klasse.



26.08.2008 | 11:17 Uhr

Michael Hartmann: Die harte Klassengesellschaft: Einkommen und Eliten

Eines der großen Verdienste des letzten Bandes der "Deutschen Gesellschaftsgeschichte" besteht darin, dass Wehler die ungebrochene Kontinuität von Klassenstrukturen in der Bundesrepublik aufzeigt. Entgegen allen Prognosen von der nivellierten Mittelstandsgesellschaft, der individualisierten oder gar der Erlebnisgesellschaft haben sich die Ungleichheits- und Klassenstrukturen als außerordentlich stabil erwiesen. Wehlers Kritik an dem theoretischen Ansatz des Soziologen Ulrich Beck und seinen inhaltlich zumeist deutlich schwächeren Epigonen treffen den Kern der Sache.

Die "eklatante Abwertung von Macht und Herrschaft", die man in deren soziologischen Veröffentlichungen feststellen kann, machen sie letztlich untauglich für eine realistische Analyse der bundesdeutschen Verhältnisse. Vertikale Ungleichheiten haben ihre zentrale Bedeutung nicht verloren, weder zugunsten horizontaler Ungleichheiten noch gar zugunsten vielfältiger und ständig wechselnder Milieus und Lebensstile.

Das ist heute im Unterschied zu den 1970er und 1980er Jahren auch oberflächlich wieder erkennbar. Damals schien die Vorstellung von einer individualisierten Fahrstuhl- oder Wohlfahrtsgesellschaft bei vielen Beobachtern, gerade denen aus dem journalistischen und wissenschaftlichen Bereich, mit ihren alltäglichen Wahrnehmungen überein zu stimmen. Das war für den großen Erfolg des Soziologen Beck in den Medien wie auch in den Wissenschaften entscheidend. Kritische Mahner wie Wehler wurden weitgehend ignoriert.

Heutzutage sind die Bedeutung und das Ausmaß der sozialen Unterschiede dagegen unübersehbar geworden. Das gilt gerade für die Einkommensverteilung, die sich in den letzen Jahren immer weiter polarisiert hat. Während das reale mittlere Einkommen allein zwischen 1998 und 2004 um ein Fünftel gesunken und der Einkommensanteil der unteren Hälfte der Bevölkerung sogar um ein Drittel geschrumpft ist, hat das obere Zehntel seinen Anteil um über fünf Prozent auf über 41 Prozent steigern können. Auf das oberste Prozent entfällt inzwischen über ein Achtel des gesamten Markteinkommens (ohne Sozialtransfers). Allein das oberste Promille kommt auf über 4,5 Prozent, die obersten 0,1 Promille auf fast zwei Prozent. Diese Gruppen von einigen zehntausend bzw. einigen tausend Personen vereinen damit einen Prozentsatz des Markteinkommens auf sich, der sogar höher liegt als in Frankreich und Großbritannien und nur von den Reichen und Superreichen der USA übertroffen wird.

Da die Vermögen noch wesentlich ungleicher verteilt sind als die Einkommen, verliert der in Deutschland über lange Jahre weit verbreitete Glaube an eine vergleichsweise ausgeglichene Gesellschaft in der breiten Öffentlichkeit massiv an Boden. Die in den Jahren der Prosperität nicht so deutlich erkennbaren Klassenstrukturen treten nun wieder offener zu Tage.

Parallel zur Verschärfung der Einkommensunterschiede lässt sich bei den deutschen Eliten eine bemerkenswerte Veränderung beobachten. Die politische Elite, traditionell von Aufsteigern aus dem Kleinbürgertum und der Arbeiterschaft geprägt, gleicht sich in ihrer sozialen Rekrutierung zunehmend den anderen wichtigen Eliten an. Letztere wurden, wie Wehler zu Recht betont, bereits in den vergangenen Jahrzehnten von den Kindern des Bürger- und Großbürgertums dominiert. Sie stellten dort zwischen knapp zwei Drittel und gut vier Fünftel der Elitemitglieder. Ähnliches gilt mittlerweile auch für die Politik, den klassischen Gegenpol zur besonders exklusiven und undurchlässigen Wirtschaftselite. Wie ein internationaler Vergleich zeigt, ist diese Parallele zwischen der Entwicklung bei den Einkommen und bei den Eliten kein Zufall. Im Großen und Ganzen gilt, dass die vertikalen sozialen Ungleichheiten umso stärker ausfallen, je homogener und exklusiver die Eliten sind.

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28.08.2008 | 13:25 Uhr
Michael Carlo Klepsch schreibt: Habitus als vererbtes Leistungskriterium?

"Mit Schirm, Charme und Melone" auf den Chefsessel. Diesen Eindruck gewinnt man als letztlich entscheidenden Faktor in einem Auswahlprozess gleichermaßen qualifizierter Aspiraten um Führungspositionen in den bundesrepublikanischen Wirtschaftseliten, folgt man über weite Strecken den soziologischen Ausführungen Hans-Ulrich Wehlers und Michael Hartmanns, die sich beide auf das Habituskonzept Bourdieus stützen. Zwar wird bei ihnen der Begriff des "sozialen Kapitals" nicht ganz verschwiegen. Doch erscheint dieser in ihren Darstellungen merkwürdig blass gegenüber der Bedeutung des großbürgerlichen "Habitus". An kaum einer anderen Stelle wird die Weltfremdheit der universitären Soziologen deutlicher. Wer sich auch nur einmal im realen Leben auf eine Führungsposition beworben hat, weiß dass ein erfolgreicher Kandidat vielmehr über Verbindungen, einflussreiche Mentoren und sich nur langfristig etablierbare gegenseitige Verpflichtungen verfügen muss, die ihm in diesem Maße nur die eigene familiäre Abstammung bieten kann. Kurz, Beziehungen zu haben, die als "soziales Kapital" gelten, ist weitaus relevanter als «Lässigkeit, Charme, Umgänglichkeit, Eleganz, Freiheit», wie es Wehler für die Führungseliten reklamiert. Die weltweite Konjunktur sozialer Netzwerke im Internet zeigt, um wie viel deutlicher dies im Wirtschaftsleben verstanden wird von den soziologischen Betrachtern, die mit ihrer eigenwilligen Akzentuierung des "Habitus" letztlich der überkommenen Illusion einer Leistungsgesellschaft Vorschub leisten.



26.08.2008 | 11:04 Uhr

Andreas Wirsching: In der Paternostergesellschaft

Von ihrem ersten Band an orientiert sich Hans-Ulrich Wehlers "Deutsche Gesellschaftsgeschichte" konzeptionell und analytisch an der zentralen Achse der "Sozialen Ungleichheit". Strukturbedingungen und Entwicklungsprozesse von Wirtschaft, Politik und Herrschaft sowie Kultur "verschmelzen" in einem Gesamtsystem sozialer Ungleichheit. Dieses System ist historisch zwar wandelbar, aber soziale Ungleichheit reproduziert sich doch immer wieder aufs neue und bildet einen bleibenden Kernbestand moderner marktwirtschaftlich strukturierter Gesellschaften.

Niemand wird sich also wundern, wenn auch in dem letzten Band die Analyse sozialer Ungleichheit breiten Raum einnimmt. Und Wehler resümiert gekonnt alle Argumente, die dafür sprechen, dass ein hohes Maß sozialer Ungleichheit auch die bundesrepublikanische Gesellschaft kennzeichnete und sie weiterhin prägt. Für den Kenner zwar wenig überraschend, aber doch der nachhaltigen Erwähnung wert ist das Ergebnis: Die Reproduktionsmuster sozialer Ungleichheit haben sich nach 1945/49 nicht grundsätzlich verändert. Schroffe Unterschiede in der Vermögens- und Einkommensverteilung und die Strukturierung der Gesellschaft durch marktbedingte Klassen bleiben überaus wirksam; sogar die Tendenz zur noch stärkeren Konzentration materieller Ressourcen und zur sozialen Abschließung ist erkennbar. Wirtschafts- und Funktionseliten bleiben weitgehend unter sich. Die Auswirkungen der Bildungsexpansion werden demgegenüber "grandios überschätzt".

Wehler relativiert damit nachhaltig und völlig zu Recht alle liebgewonnenen und politisch wohlfeilen Vorstellungen von der Bundesrepublik als einer sozial besonders offenen Gesellschaft. Einmal mehr bestätigt sich, dass Helmut Schelskys Begriff der "nivellierten Mittelstandsgesellschaft" weniger die sozialen Realitäten darstellte als vielmehr ein Muster dafür bereithielt, wie sich in den fünfziger Jahren die Mehrheit der klassenkampfmüden Deutschen selbst gerne sah.
Wehler profiliert sich also in beeindruckender Manier als Analytiker fortbestehender Dimensionen "harter, durchaus traditioneller Ungleichheit". Allerdings stoßen seine Darlegungen auch auf Grenzen. Denn die für sich genommen wichtige Betonung der unleugbar fortbestehenden materiellen Ungleichheit sollte nicht umgekehrt den Blick für den ebenso unleugbaren Wandel der bundesrepublikanischen Gesellschaft trüben. In diesem Zusammenhang ist Wehlers Frontalangriff auf die kulturalistisch gewendete Richtung der Soziologie in Deutschland überzogen. Denn die massenkulturellen Veränderungen der deutschen wie aller westlichen Gesellschaften, wie sie sich in der Expansion des Freizeit-, Medien- und Konsumsektors niederschlagen, sind weitaus mehr als die "extrem generationsspezifischen Erfahrungen und Sehnsüchte", die nach Wehler in inadäquater Weise verabsolutiert worden seien.

Gleiches gilt für die Folgen der Individualisierung, die sich seit den 1970er Jahren auf der Basis eines beispiellosen Massenwohlstandes dynamisch gesteigert, zugleich aber neue gesellschaftliche Ungleichheiten produziert hat. Solche Ungleichheiten ergeben sich dann längst nicht mehr nur aus der sozialen Klassen- oder Schichtzugehörigkeit, sondern auch aus dem Familienstand, der Anwesenheit bzw. der Anzahl von Kindern, den Möglichkeiten zur doppelten Erwerbstätigkeit eines (Ehe-)Paares, der jeweiligen individuellen Mobilität, den massenkulturellen Partzipationsmöglichkeiten u.v.a.m. Alle diese Indikatoren sind massiv beeinflusst von biographischen Weichenstellungen, die aufgrund gewachsener individueller Entscheidungsspielräume und –zwänge erforderlich waren. Vor diesem Hintergrund lautet die eigentlich spannende Frage, wie sich "traditionelle" und neuartige Ungleichheiten zueinander verhalten, inwieweit sie sich einander bedingen und gegenseitig verstärken. Anders gesagt: Wie stellen sich Strukturbedingungen und Entwicklungsprozesse sozialer Ungleichheit in einer "Fahrstuhlgesellschaft" dar, deren Beförderungsgerät am Ende angekommen ist und deren Mitglieder zur Weiterfahrt nur noch ein Paternoster zur Verfügung steht? In einer Paternostergesellschaft also, in der auch biographisch-kontingente Faktoren darüber entscheiden, wer nach unten und wer nach oben fährt?

Gerade dadurch, dass Wehler auf der weiterhin entscheidenden Bedeutung von Vermögensverteilung, Arbeitsmarkt und materiellen Ressourcen insistiert, regt er zum Nachdenken über solche Fragen an, ohne dass er sie im eigentlichen Sinn beantwortet. Antworten wird man am ehesten von einer sozial- und kulturwissenschaftlich informierten Zeitgeschichte erwarten, die traditionelle, "harte" Ungleichheiten gebührend ernst nimmt und sie argumentativ mit der Analyse neuartiger Lebensstile und "Distinktionskämpfe" verknüpft.

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26.08.2008 | 08:12 Uhr

Manfred Hettling: Erfrischende Kontrapunkte und fehlende Dimensionen

Öffentliche Diskussionen über die soziale Realität der bundesdeutschen Gesellschaft kommen sehr oft mit einer beeindruckend sparsamen Kenntnis über die empirische Wirklichkeit aus, scheuen jedoch selten weitreichende Schlussfolgerungen. So beklagte vor einigen Monaten der Vorsitzende des deutschen Studentenwerkes, dass der Anteil derjenigen Studierenden kontinuierlich steige, deren soziale Herkunft als "hoch" zu bezeichnen sei und dass diese bereits einen Anteil von 38 Prozent unter den Studierenden ausmachten.

Nur zu leicht ließ sich das verbinden mit Stellungnahmen über den Abbau des Sozialstaats, einer Klage über das Auseinanderklaffen der Gesellschaft und einer Forderung nach staatlichen Gegenmaßnahmen. In der kurzfristigen medialen Inszenierung ging jedoch völlig unter, dass die Studie etwa auch Lehrer mit akademischer Ausbildung unter der Rubrik hoher sozialer Herkunft gefasst hatte. Ansonsten käme man auch kaum auf eine Oberschichtsquote von mehr als einem Drittel der Gesamtbevölkerung.

Angesichts eines derartigen Umgangs mit sozialer Wirklichkeit und einem in aller Regel bloß vermuteten Wissen über die bundesdeutsche Gesellschaft mag bei dem einen oder anderen doch das Bedürfnis entstehen, präzise historische Schilderungen in die Hand zu bekommen. Will man sich nicht in unzähligen Detailstudien verlieren, dann kann einem Hans-Ulrich Wehler zeigen, wie die Gesellschaft der Bundesrepublik eigentlich gewesen ist.

Wehlers Konzept privilegiert den Bereich des Sozialen, ja, Gesellschaftsgeschichte wird bei ihm, wie er vor gut zwanzig Jahren im ersten Band offengelegt hat, über weite Strecken zu einer Analyse der "Sozialstruktur". Das zehrte im Anspruch von den Theoriedebatten der siebziger Jahre, das erscheint heute nach mancher methodischen Wendung vielen als antiquiert. Doch bietet die Gesellschaftsgeschichte gerade deshalb einen erfrischenden Kontrapunkt gegen vieles Neumodische.

Was gewinnt der Leser, wenn er sich darauf einlässt? Vor allem zeigt Wehler - das ist sein Herzensanliegen - die nachhaltige und fortdauernde Wirkungsmächtigkeit von Klassenlagen. Mit Lust polemisiert er gegen die Soziologen des Lebensstils, der Erlebnisgesellschaft, der pluralen Milieus - und zeigt immer wieder das seiner Meinung nach eigentlich wichtige, die "objektiven Faktoren", die Klassenlagen in der Marktgesellschaft der Bundesrepublik.

Diese Akzentsetzung hat jedoch einen Preis. Wehler vermeidet es, die grundlegende Transformierung der bundesdeutschen Sozialstruktur seit der Mitte des Jahrhunderts analytisch zu reflektieren. Damit weicht er der Diskussion aus, ob sein Begriff von Gesellschaft, der ganz auf die offenkundige Klassengesellschaft des späten 19. Jahrhunderts bezogen ist, den veränderten Beziehungen und Konstellationen des 20. Jahrhunderts wirklich gerecht werden kann. Entziehen sich nicht in der Ära der Extreme seit 1918 und in den Jahrzehnten der Normalisierung und des extraordinären Wirtschaftswachstums seit 1948 mehr und mehr die gesellschaftlichen Konstellationen, sozialen Wirkungsmechanismen, kulturellen Deutungen Wehlers Bemühen, "Sozialstrukturgeschichte" zu schreiben? Fehlen Wehlers Gesellschaftsbegriff damit nicht entscheidende Dimensionen?

Am deutlichsten wird das in den Passagen zum Bürgertum. Wehler betont zu recht die langdauernde Überlebensfähigkeit des Bürgertums - über alle politischen und wirtschaftlichen Krisen hinweg, und trotz der Herausforderungen durch Massenkultur und soziale Nivellierungsprozesse. Was aber ist denn noch das gemeinsam Bürgerliche, das den Arzt und den Uhrmacher, den Besitzer des Autohauses und den Amtsrichter, den Verkaufsleiter im Handelskonzern und den Archivar, usw. miteinander zu Bürgern macht? Bezeichnenderweise flüchtet er bisweilen in den vagen Plural unterschiedlicher "Bürgertümer".

Warum kein klares und historisch begründetes Angebot, die Gegenwartsgesellschaft auf einen politischen Begriff zu bringen? Hat die Gesellschaftsgeschichte sich damit von ihrem einstigen Anspruch verabschiedet? Damit kein Missverständnis aufkommt: Kritik und harsche (zutreffende) Schelte gibt es zur Genüge; nicht nur über die DDR und die Führungsriege der SED. Eine ähnliche politische Urteilsschärfe und Leidenschaft der Stellungnahme hätte man sich auch bezüglich der bundesdeutschen Gesellschaft gewünscht.

Kommentare

Hans-Ulrich Wehler01.09.2008 | 15:24 Uhr
Hans-Ulrich Wehler schreibt: Replik

Die Reproduktion der Klassenlagen in der westdeutschen Marktgesellschaft nach 1949 habe, argumentiert Hettling, ihren Preis, da die "grundlegende Transformierung der bundesdeutschen Sozialstruktur" nicht analytisch reflektiert werde; der Gesellschaftsbegriff stamme aus der Welt der Klassengesellschaft des späten 19. Jahrhunderts. Nein, er basiert auf der Anerkennung der Prägekraft von Marktgesellschaften bis heute, die trotz aller graduellen Unterschiede überall eine Hierarchie marktbedingter Klassen ausbilden. Gegen die These von der Diskontinuität im Gehäuse der deutschen Sozialstruktur bleibe ich bei dem Übergewicht der Kontinuität, ohne doch zu bestreiten, dass die antagonistischen Unterschiede durch die Wohlstandssteigerung und die Transferleistungen des Sozialstaats bis 1990 tiefreichend abgemildert worden sind. (Tritt sie seither nicht wieder deutlicher zutage?)
Den harten Kern marktgesellschaftlicher Ungleichheit zu negieren halte ich für den Grundfehler der Individualisierungs- und Pluralisierungsapostel. Auch in der Zeit der neuhumanistischen Bildungsreligion gab es deutliche Unterschiede zwischen den verschiedenen bürgerlichen Formationen, nicht zuletzt im Bildungsbürgertum selber. In der alten Bundesrepublik hat die Aufweichung der alten Schranken zwischen den Erwerbs- und Berufsklassen zu jener bürgerlichen Vielfalt geführt, die Hettling vorführt. Aber im Bildungsverhalten gegenüber Gymnasien und Universitäten, auf den Heiratsmärkten, in der Berufswahl, in der Sprachkompetenz, im Dress- und Esscode, im Leistungsethos, Lebensstil und Habitus usw. gibt es eine Vielzahl homogenisiereder Faktoren, die – auch als Summe der feinen Unterschiede – eine bürgerliche Welt erkennen lassen, überwölbt von der "Bürgerlichkeit" des Wertehimmels. Diese Bürgerlichkeit nach dem Formenwandel des Bürgertums ohne das soziale Substrat von Bürgertümern will mir noch immer nicht einleuchten. Auch erkenne ich noch nicht, welcher "politischer Begriff" für die Gegenwartsgesellschaft eine größere Interpretationsschärfe und realitätsnähere Treffsicherheit bescheren soll. Die "Sozialstaatliche Massendemokratie" z.B. besagt über die Sozialhierarchie der bundesdeutschen Gesellschaft doch ziemlich wenig.



26.08.2008 | 08:10 Uhr

Andreas Anter: Mehr Realitätssinn

Wenn wir an einen Fahrstuhl denken, fährt er eigentlich immer nach oben. Deshalb ist es natürlich angenehm, sich die Bundesrepublik als eine Fahrstuhlgesellschaft vorzustellen. Das Bild vom Fahrstuhl suggeriert allerdings weit mehr Aufwärtsdynamik, als tatsächlich in den letzten Jahrzehnten vorhanden ist.

Das Niveau ist zwar insgesamt gestiegen, aber die Abstände zwischen den unterschiedlichen Klassen haben sich seit Beginn der Bundesrepublik kaum verändert; sie haben sich – bei insgesamt steigendem Niveau – ständig reproduziert.

Hans-Ulrich Wehler belegt dies sehr klar. Er präsentiert nicht nur einen enormen Konzentrationsprozeß der Vermögenswerte, sondern verfolgt in der Nachkriegsgesellschaft auch die Entwicklung der Bildungschancen, an deren Verteilung sich nichts grundlegend geändert hat. Mit "Fahrstuhleffekt" kann also nur eine allgemeine Anhebung des Lebensstandards gemeint sein, nicht aber die Nivellierung von Klassengrenzen und sozialer Ungleichheit.

Wehler plädiert dafür, die Existenz der Klassengrenzen nicht aus dem Blick zu verlieren und soziale Ungleichheit nicht aus der Gesellschaftsanalyse zu eskamotieren. Dies ist im Grunde ein Plädoyer für mehr Realitätssinn in der sozialwissenschaftlichen Analyse. In diesem Punkt kommt die deutsche Soziologie bei Wehler nicht sonderlich gut weg. Schon die alte Figur der "nivellierten Mittelstandsgesellschaft" hält er mit Recht für eine große Illusion, und auch von neueren soziologischen Konzepten ist er nicht besonders erbaut. Dies gilt vor allem für Ulrich Beck und Niklas Luhmann, die in seinen Augen nur "impressionistische Urteile" über die Gesellschaft der Bundesrepublik lieferten. Wehlers Fazit zur neueren deutschen Soziologie lautet: Der Realitätsgehalt in der artifiziellen Theorie ist zu gering. In seinem Plädoyer für mehr Realitätssinn ist ihm nur zuzustimmen.

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26.08.2008 | 11:56 Uhr
Markus Teuber schreibt: Schon bei der D-Mark oder erst beim Euro ?

Um beim Bild zu bleiben: Sich heute - im Jahr 2008 einen (fabrikneuen) Porsche zu kaufen, ist um 100% unmöglicher geworden als vor dem Jahr der Euroeinführung. Denn heute kostet (abzüglich der Inflationsentwicklung) ein Porsche mit 70.000 Euro (140.000 DM) immerhin doppelt soviel wie ein Porsche im Jahr 1998.

Ich wage die Behauptung, daß ein sozial-materialistischer Aufstieg in den Jahren 1950 - 1990 weitaus machbarer war als in den Jahren danach! Und diese Behauptung läßt sich sogar beweisen; denn mein Vater hätte zum Beispiel im Jahr 2006 als sudetendeutscher Flüchtling - der aus der ehemaligen Heimat nichts mitbringen konnte, schon gar nichts Ererbtes - das nicht vollbringen können: eine Familie mit 3 Kindern - welche allesamt auf das Gymnasium gehen und später Hochschulausbildungen anstreben durften - zu ernähren, wobei die Ehefrau und Mutter als ganztägige Hausfrau zu Hause blieb. Und bei dem Ganzen auch noch ein Haus zu finanzieren.
Das geht im Zeitalter des Euro so nicht mehr !



26.08.2008 | 08:06 Uhr

Michael Stolleis: Wie die Bewegung eines Gletschers

Für die soziale Ungleichheit und deren immer erneut ansetzende Bekämpfung ist die deutsche Doppelgeschichte nach 1945 äußerst lehrreich: Im Westen die scheinbar egalitären Anfänge mit dem "Kopfgeld" der Währungsreform und der raschen Vervielfachung des Volksvermögens mit Zuwächsen für alle zur "Mittelstandsgesellschaft", im Osten die Verstaatlichung der Landwirtschaft und die Vertreibung des bürgerlichen Mittelstands, dann ab etwa 1975 im Westen die Grenzen des Wachstums, die Wiederkehr der überwunden geglaubten Arbeitslosigkeit und Armut sowie einer neu formierten Klassengesellschaft.

Im Osten dagegen der scheinbare Stillstand des egalitären Modells mit gleichzeitiger heimlicher Bildung verschieden privilegierter gesellschaftlicher Sektoren – Klassen würde ich sie nicht nennen.

Wehler behandelt dies alles in einem souverän und kundig geschriebenen Kapitel von rd. 120 Seiten. Alles kommt vor: die traditionelle soziale Sicherung, die Familienstruktur und deren Veränderungen, das Heiratsverhalten, die wieder relativ geringe Durchmischung der Gesellschaft (mit Seitenblick auf den Adel), die Bildungs- und Berufschancen einschließlich des Wandels der Geschlechterbilder, das Nachlassen der konfessionellen Prägungen.

Das sind also zum Teil gesellschaftliche und ökonomische Verschiebungen, die sich langsam und fast unwiderstehlich wie die Bewegung eines Gletschers vollziehen. Andererseits sind es aber auch durch politische Entscheidungen und Gesetzgebung gesteuerte Veränderungen: man denke nur an die zahllosen Veränderungen des Systems der sozialen Sicherung, an Kindergeld, Wohngeld, Sozialhilfe, Anpassung des Rentensystems, Kranken- und Pflegeversicherung. Dass alle diese Veränderungen den Filter der Gesetzgebung durchlaufen, dass es gewaltige Bürokratien der sozialen Ungleichheit gibt und dass die Rechtsprechung hier immer wieder antreibend oder hemmend gewirkt hat – all das ist leider nicht Wehlers Thema. Juristen haben ihm das häufig vorgehalten. Wehler räumte dieses Manko auch ein, wollte aber verständlicherweise seine Spur nicht verlassen.

Dennoch bleibt es eine Aufgabe: eine Gesellschaftsgeschichte in Interaktion mit der juristischen Zeitgeschichte. Gerade die Bundesrepublik war von Anfang an – aus den bekannten Gründen – von Recht durchtränkt. Alles wurde "verrechtlicht". Dies bedeutete nicht nur die mühsame Aneignung der Regelwerke, sondern vor allem gerichtliche Kontrollierbarkeit durch eine in fünf Teilsparten agierende Justiz. Das ist die im Westen konstatierte "Hypertrophie des Rechtsstaats". Im Osten wurde die Justiz bewusst geschwächt, die Juristenwelt blieb fest in der Hand der SED. Statt der Kontrolle des Staatshandelns durch Verwaltungs- und Verfassungsgerichtsbarkeit gab es nur ein eher armseliges Eingabe-Wesen. Den Namen eines "Rechtsstaats" verdiente die DDR wahrlich nicht.

Die für den Westen so typischen Verflechtungen und Interaktionen von Gesellschaft und politischer Herrschaft mit dem Rechtssystem liegen, wie gesagt, Wehler eher fern. Aber ich vermute, er wird diese Feststellung lächelnd an die Rechtshistoriker zurückgeben: Macht’s eben besser. Und er hat Recht damit. Die Rechtsgeschichte sollte sich diesen Schuh anziehen.

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Hans-Ulrich Wehler01.09.2008 | 15:22 Uhr
Hans-Ulrich Wehler schreibt: Replik

Stolleis erinnert erneut zu Recht daran, dass der umfassende Prozess der Verrechtlichung, die der Sozialstaat auch im Grundtext der Sozialen Ungleichheit vorantreibt, viel zu kurz kommt. Diesen wichtigen Punkt kann ich nur noch einmal konzedieren. Verfassungsprobleme habe ich unter der Rubrik des politischen Herrschaftssystems erörtert, aber den allgemeinen Verrechtlichungsprozess nicht eigens thematisiert. Dafür hätte ich das Recht am besten als fünfte Achse der Gesellschaft anerkennen, dann meine Angst vor der zusätzlichen barbarischen Arbeit und der Begriffswelt und den Interpretationskünsten der Juristen intensiver bekämpfen müssen. Stolleis’ Vorschlag greife ich liebend gerne auf: Wie wär’s, wenn ein Rechtshistoriker die evidente Lücke schließen würde?



26.08.2008 | 08:04 Uhr

Dan Diner: Wehlers Herzstück: Der Begriff der Klasse wird rehabilitiert

Genau besehen ist der Teil über die soziale Ungleichheit in Deutschland das eigentliche Herzstück des Buches. Vom Zugriff her handelt es sich hierbei um Gesellschaftsgeschichte im eigentlichen wie besten Sinne.

Zwei Elemente wären hier besonders herauszustellen: Zum einen Wehlers resolute und in mancher Hinsicht auf Zuspitzung bedachte Verteidigung des Deutungspotentials der sozialen Semantik als Reflex einer weiterhin ernst zu nehmenden materialen lebensweltlichen Wirklichkeit gegen sie zunehmend in Abrede stellenden relativistische Auflösungserscheinungen. Dabei wird der Begriff der Klasse rehabilitiert – und dies nicht im Sinne einer geschichtsphilosophischen Kategorie oder der Vorstellung über soziale Stratifikation, sondern als Ausdruck eines auch von den konkreten Vermögenslagen abgelöstem habituellen Kapitals.
Zum anderen erlaubt ihm eine solche Rehabilitierung der Semantik des Sozialen empirisch nachzuweisen, wie durch alle politischen Verwerfungen hindurch und über lange Zeiträume hinweg, ja bis in die Gegenwart hinein, sich in Deutschland Formationen der Kontinuität eingeschliffen haben. Gleichheit verdünnt sich damit nicht in eine beständig erhobene soziale Forderung, sondern erweist sich als eine Erkenntnis leitende Kategorie des die bürgerliche Gesellschaft von Anfang an begleitenden Enigmas. Trotz oder wegen seiner differenzierten empirischen Darlegung ist dieser der theoretischste Teil des Buches – eben sein Herzstück.

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26.08.2008 | 08:02 Uhr

Werner Abelshauser: Soziale Marktwirtschaft à la Bismarck

Wehlers viertes Kapitel über soziale Ungleicheit überzeugt durch die Breite des Ansatzes, die Klarheit der Analyse und die methodische Präzision im Umgang mit den Daten. Es besticht auch durch eine klare These: Das Ausmaß der sozialen Ungleichheit der Verteilung ist im Großen und Ganzen gleich geblieben, während sich das Niveau von Einkommen und Vermögen über die Jahrzehnte deutlich erhöht hat.

Alle sitzen im selben Fahrstuhl, auch wenn die Brieftaschen unterschiedlich schwer sind. Wehlers Ergebnisse scheinen diesen Befund auch zu bestätigen. Und doch weist selbst dieser, in seiner Breite sicher einzigartige Versuch, die Dynamik der sozialen Ungleichheit in der Bundesrepublik zu erfassen, typische Lücken auf.

Ich meine zum einen den Umgang mit dem privaten Sozialvermögen. Es handelt sich dabei um die Anrechte auf Altersversorgung, sei es aus der gesetzlichen Rentenversicherung, aus der Beamtenversorgung oder aus Betriebsrenten, sowie um weitere Ansprüche an den Sozialstaat, die unter die Verfassungsgarantie des Eigentums fallen. Allein bei den Versorgungsansprüchen handelt es sich dabei um die ungeheuerliche Summe von 7.000 Mrd Euro (2005). Dies ist eine Größenordnung, deren Höhe nicht nur die Vorstellungskraft von Sozialhistorikern übersteigt. Keine noch so scharfe kulturalistische Wende kann es rechtfertigen, über den Heller des Bourdieuschen "Sozialkapitals" diesen Batzen zu vergessen. In anderen Ländern, wie etwa in den USA, fließen die Beiträge, die diesen Ansprüchen zugrunde liegen, in private Pensionsfonds, deren Anteile ganz selbstverständlich zum Privatvermögen der Beteiligten gerechnet wird. Das Bundesverfassungsgericht hat deshalb richtig entschieden, als es den Eigentumscharakter der Rentenansprüche festgeschrieben hat.

Die Streichung des Sozialvermögens aus dem kollektiven Gedächtnis der Deutschen sagt viel über den Prozess der ‚Verstaatlichung‘ der Sozialversicherungen aus. Ihre Beiträge werden inzwischen ganz selbstverständlich – aber zu Unrecht - zur Staatsquote am Volkseinkommen gezählt. Das Sozialvermögen selbst bleibt bei Verteilungsrechnungen außerhalb der Betrachtung. Würde es einbezogen, ‚profitierten‘ davon die unteren Vermögensklassen. Dass es in Zeiten der globalen Kapitalmarktkrise auch vergleichsweise sicher ist, sei nur am Rande erwähnt. Unter normalen Verhältnissen hat die ‚unsichtbare‘ Akkumulation des Sozialvermögens aber auch Nachteile. Es steht nicht zur Finanzierung des Kapitalmarktes zur Verfügung und muss dieses Feld den institutionellen Anlegern überlassen. Diese zwingen auch dem deutschen Kapitalmarkt eine extrem kurzatmige Taktung auf, die dem deutschen sozialen System der Produktion schadet.

Die Entscheidung, die zur Akkumulation des Sozialvermögens geführt hat, die Dynamisierung der Rentenversicherung im Jahre 1957, war gleichzeitig eine der wichtigsten Weichenstellungen in der politischen Geschichte der Bundesrepublik. Sie bedeutete das Ende der Ursprungskonzeption der Sozialen Marktwirtschaft, die angetreten war, den Sozialstaat obsolet zu machen. Dass es ihr nicht gelungen war, durch Wettbewerbspolitik Monopolgewinne zu verhindern und mit konsequenter Ordnungspolitik die Einkommens- und Vermögensverteilung allmählich anzugleichen, war Ende der fünfziger Jahre mit den Händen zu greifen. Die Soziale Marktwirtschaft à la Bismarck, die dann folgte, hat den Tempowechsel von Wachstum und Konjunktur, aber auch die Verteilungswirkungen der Massenarbeitslosigkeit seit den siebziger Jahren gut ausgeglichen. Dies hat eine dramatische Zunahme der sozialen Ungleichheit verhindert, den Abbau der Arbeitslosigkeit aber nicht erleichtert.

Zum anderen wäre es gerade im deutschen Fall irreführend, dem Antagonismus der Klassen eine dominierende Rolle im Verhältnis der sozialen Gruppen untereinander und für die Lebenslage großer Bevölkerungsteile in der Bundesrepublik zuzumessen. Weder hat die Besitzrente ihre früher dominante Bedeutung als Sicherheit in Notlagen und im Alter beibehalten, noch hat die fortschreitende Normierung der Sozial- und Wirtschaftsverfassung allzu viel von der sozialen Wirksamkeit von Besitzrenten übrig gelassen. Vor allem bestimmen die Verfügungschancen über das Eigentum an Produktionsmitteln nicht mehr im gleichen Maße die Lebenslage eigentumsloser Bevölkerungsteile. Die Chance der Bodenrentner, über Pacht- und Schuldverhältnisse die Lebenslage der Agrarbevölkerung zu bestimmen, schwand in demselben Maße wie der agrarische Anteil an der Gesamtbevölkerung geschrumpft ist; den Mieter schützen die Mietgesetze vor Verfügungswillkür der Eigentümer; die Gegenmacht der Gewerkschaften, aber auch staatliche Normierung, mindert die Chancen der Kapitalrentner, die Lebenslage der Arbeiter und Angestellten stärker zu beeinflussen, als dies durch das Kapitalverhältnis selbst bestimmt ist.

Die Bedeutung des Eigentums liegt aber nicht nur in den Verfügungsrechten, die am Eigentum hängen (property rights). Sie bestimmen im Rahmen der immateriellen Produktionsweise immer weniger den wirtschaftlichen Wert des Kapitaleinsatzes. Erst die Lösung des Principal-Agent-Problems sichert dem Kapitalisten in nachindustrieller Zeit den Ertrag seines Eigentums. Er, der Prinzipal, muß sicherstellen, dass alle Arbeitnehmer (Agenten) ihr fachliches und organisatorisches Wissen voll in das Unternehmen einbringen, dessen Produktivkapital er stellt. Innerhalb der deutschen Produktionsweise erstreckt sich dieser Zwang zur Kooperation bis auf die Ebene der Facharbeiter, deren Wissen und Engagement für den Produktionsablauf unverzichtbar sind. Die Mittel, die dies sicherstellen, reichen von der Mitbestimmung bis zur Gewinnbeteiligung und setzen der Verfügungsgewalt über Produktivkapital neue wirtschaftliche Grenzen. Aus dieser Perspektive gesehen wirft der Klassenantagonismus, der sich im Eigentum an Produktionsmitteln immer noch zeigt, heute andere Probleme auf als noch in der Startphase der Bundesrepublik.

Kommentare

Hans-Ulrich Wehler01.09.2008 | 15:23 Uhr
Hans-Ulrich Wehler schreibt: Replik

Da hat der Bielefelder Kollege die Berücksichtigung eines Problems (7000 Mrd. Euro privates Eigentum an Sozialvermögen aus Versorgungsansprüchen) zu Recht angemahnt, dass ich überhaupt nicht gesehen, also auch nicht bei den Disparitäten der Klassenlagen berücksichtigt habe. Da bei uns das Rentenkapital von der Höhe des Erwerbseinkommens abhängt, wird durch dieses Polster der staatlichen Sozialpolitik die Reibung zwischen den Erwerbs- und Besitzklassen, besonders drastisch im Vergleich etwa mit der Zeit von 1914, aber auch noch von 1945, fraglos abgeschwächt, da besonders die unteren Einkommens- und Vermögensklassen begünstigt werden. Doch würde vermutlich die quantifizierte Berücksichtigung dieses Polsters die Ungleichheit zwischen den marktbedingten Klassen nicht grundsätzlich aufheben, sondern gemäß dem wohltätigen Fahrstuhleffekt nach oben anheben.



25.08.2008 | 08:01 Uhr

Andreas Fahrmeir: Ein umkämpftes bürgerliches Projekt

Beschreibungen der sozialen Schichtung einer Gesellschaft lassen sich immer doppelt lesen: als (empirisch mehr oder weniger gut fundierte, mehr oder weniger sinnvolle) Systematisierung der Unterschiede von Einkommen, Vermögen, Lebensformen, Lebenserwartungen und Lebensperspektiven einerseits, als politische Argumente andererseits.

Wehlers Zahlenmaterial zeigt, dass die Gesellschaft der Bundesrepublik eine Gesellschaft voller sich stabilisierender Klassenunterschiede blieb, die sich vor allem im Zugang zu Bildungschancen und in Heiratskreisen überdeutlich manifestierten. Obgleich sich die "Mitte" der Gesellschaft in den Anfangsjahren verbreiterte, begann sich dieser Trend bereits vor 1989 durch die "neue" Armut und die Akkumulation von Reichtum in einer kleinen Vermögenselite umzukehren.

Weniger klar ist die politische Pointe von Wehlers Analyse. Er kritisiert, dass die Vorstellung, individuelle Leistung bestimme doch mehr oder weniger den Platz in der Gesellschaft, zu leichtfertig akzeptiert wird, und dass die Wahrnehmung der Grenzen der Chancengerechtigkeit zu begrenzt ist. Aber für das Reden von einer Mittelklassegesellschaft ist und war das reale Ausmaß von Ungleichheit deutlich weniger relevant als die politische Selbstdefinition als Gesellschaft in der Mitte. In Deutschland definierte man sich als Mitte zwischen anglo-amerikanischem Turbokapitalismus und Sozialismus, also als eine bürgerliche (nicht-sozialistische) Gesellschaft, in der das Recht auf individuelles und familiäres Eigentum (mit gewissen steuer- und wohlfahrtsstaatlichen Modifikationen) einen zentralen Wert darstellte. Deren ohnehin begrenzte Härten wurden durch die Chance auf individuelle Mobilität vermindert. Hier könnte man die Frage einschieben, ob nicht die Mobilität ohnehin durch die Notwendigkeit begrenzt ist, die Fahrstühle nach unten eher leer zu halten, denn - niemand hat das besser dokumentiert als Wehler - die Furcht vor sozialem Abstieg ist ein wichtiger Auslöser gesellschaftlicher und politischer Krisen.

Wehlers Bilanz des realen Panoramas sozialer Ungleichheit der Bundesrepublik ist überwiegend skeptisch (seine Sicht der politischen Lage ohne Klassenkämpfe dagegen eher positiv): die Soziologen analysieren sie zu blauäugig, die Politiker und Feuilletonisten übersehen die fortdauernden Unterschiede, die "Hoffnung auf egalitäre Nivellierung" wurde nicht erreicht. Aber war diese Hoffnung nicht ohnehin etwas, was sich weitaus eher mit der Geschichte der DDR als mit der von Anfang an als umkämpftes bürgerliches Projekt konzipierten Bundesrepublik verband?

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