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Podium:

Der Leistungsfanatismus des Nationalsozialismus - Ressource für das Wirtschaftswunder?

Die Hürden der Nachkriegsjahre konnten die Deutschen überwinden, weil sie gut trainiert waren: Der Nationalsozialismus hatte zuvor mächtige Energien in ihnen freigesetzt. Nach 1945, so Hans-Ulrich Wehlers These, strömte diese Kraft erfolgreich in die soziale Marktwirtschaft. Diskutieren Sie mit unseren Experten über den entnazifizierten deutschen Leistungswillen.

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Beiträge

Hans-Ulrich Wehler
01.09.2008 | 16:07 Uhr

Hans-Ulrich Wehler: Replik

Die Deutung, dass der von den Nationalsozialisten entfesselte Leistungsfanatismus nach seiner "Entbräunung" in den Leistungswillen der Sozialen Marktwirtschaft gewissermaßen als Grundmotorik, transformiert worden sei, ist auf viel entschiedenen Widerspruch gestoßen. Mir ging es um die Historisierung auch von Antriebskräften, die der Nationalsozialismus besonders in den jüngeren Generati-onen entfaltet hat.

Also um die Kontinuität eines schwarzen Erbes, das aber der Bundesrepublik zugute gekommen ist, ohne ein genuines Produkt der neuen Wirtschaftsverfassung zu sein. Außerdem ging es mir um die Unterstützung dieser wieder einmal aus zwei berühmten Aufsätzen von Martin Broszat stammenden Interpretation (die nachweisbare Faszination seiner "Leistungs-Volksgemeinschaft"), die mir sogleich eingeleuchtet hatte; leider ist sie von der Zunft nicht ausgiebiger diskutiert worden. Norbert Frei hat freilich diese Mobilisierungsfähigkeit des Nationalsozialismus früher einmal unterstützt und Michael Wildt hat die Attraktivität der "Volksgemeinschaft" unlängst wieder betont. Nicht aber ging es mir darum, eine Neuartigkeit des Leistungswillens zu postulieren, denn seit dem 18. Jahrhundert hatte sich die bürgerliche Leistungsidee als Strategie gegen adlige Geburtsvorrechte längst durchgesetzt, ehe sie vom Nationalsozialismus und Hitler selber als sozialdarwinistisches Konkurrenzdenken verschärft und umgebildet wurde. Insofern hat der Nationalsozialismus ein bürgerliches Erbe pervertiert.

Sträubt sich in manchen Kommentaren einiges gegen die als Deutung ange-botene These, die Wirkungen dieser NS-Hinterlassenschaft anzuerkennen? Natürlich gab es nach dem Mai 1945 notgedrungen den Kampf um das tägliche Brot, um den Aufbau der Existenz, oft um das schiere Überleben. Aber gehört zur Erklärung des "Wirtschaftswunders", das ich aus einer Kombination von Rekonstruktionserfolg und liberalisierter Weltmarktöffnung ökonomisch hervorgehen sehe, nicht ebenfalls das mentale Unterfutter dieses auffälligen Leistungswillens, der doch auch ein historisches Produkt der 15 Jahre vor 1945 war? Soll dieser braune Leis-tungsfanatismus plötzlich verdampft sein anstatt sich in veränderter Form wieder geltend zu machen? Mit meinen lebensgeschichtlichen Erfahrungen hat die These ziemlich wenig zu tun. Bei Kriegsende war ich gerade 13 Jahre alt, hatte drei Jahre bei den Pimpfen des Jungvolks ohne erwähnenswerte Indoktrination hinter mir und wurde eigentlich erst später durch die Jahre im Leistungssport und einem al-tertümlich anspruchsvollen Gymnasium auf die Verinnerlichung des Leistungsge-dankens hingelenkt. Statt von einer "verkappten Autobiographie" zu sprechen, sollte man auf die Jahrgänge zwischen 1920 und 1930 blicken.

Die These hat diesmal auch nicht mit Webers Religionssoziologie zu tun, denn die katholischen Infanterieoffiziere gingen genau so leistungswillig an die Arbeit wie die protestantischen Panzerkommandeure. Kurzum, die Einwände werden allzu flink auf eine weberianisch eingefärbte, unklug verallgemeinerte lebensgeschichtliche Erfahrung zurückgeführt, ohne die seit Broszat Interpretationsvorschuss existierende These noch einmal prüfend einzugehen. Aber zugegeben: Um empirisch überzeugend zu sein, hätte sie durch serielle Untersuchungen der mentalitäts- und psychischen Antriebsstruktur von Tausenden westdeutscher Erfolgsmenschen der ersten Jahrzehnte der Bundesrepublik erhärtet werden müssen. Vielleicht kommt man ja mit dem Kranz jener Bedingungen, die durch den inneren Notstand und die Weltmarktöffnung geschaffen wurden, für die Erklärung des fulminanten Aufschwungs seit 1948/50 aus, wie die meisten Kommentatoren meinen. Aber kann man ungestraft auf den Transfer des Leistungswillens verzichten?

Kommentare


27.08.2008 | 17:55 Uhr

Andreas Fahrmeir: Keine Ressource, eher ein Schatten

NS-Leistungsfanatismus? Das wäre das ideologische Deckmäntelchen, welches das korrupteste Regime der deutschen Geschichte über eine dem Motto "Du bist nichts - deine Seilschaften sind alles" verpflichtete Herrschafts- und Wirtschaftspraxis zog? Die Logik, nach der die "deutschen Physiker"mehr leisteten als Einstein, die dahergelaufenen Arisierer besser zum Industriekapitän qualifiziert waren als "Nicht-Arische" Persönlichkeiten, welche Firmen und Wirtschaftszweige aufgebaut hatten? Die Annahme, Hitler sei ein größerer Künstler, als, sagen wir, Picasso oder Beckmann?

Bevor man die Frage ohne allzu viel Sarkasmus aufgreifen kann, muss man zunächst festhalten, was mit dem Bezug auf "NS-Leistungsfanatismus" nur gemeint sein kann. Dieser bezog sich nicht primär auf den Respekt vor individueller Leistung (auch wenn es dahingehende symbolische Gesten gab, und obgleich die Rassendiskriminierung der Klassendiskriminierung teilweise entgegenwirkte), sondern trachtete danach, die Leistung des "Volkskörpers" durch den Umbau der Gesellschaft nach dem Rezept auf wissenschaftlicher Kurzschlüsse basierenden Erkenntnissen zu erreichen. Eine Annahme war, nur "arische", nicht durch linke Ideologien geschwächte Männer erbrächten Höchstleistungen, während die gesellschaftliche Rolle der Frau eng zu begrenzen war; eine andere, eine Gesellschaft könne wohl zu viele Intellektuelle, aber kaum zu viele Muskelpakete enthalten; eine dritte, die Ausgaben im Bereich der Sozialarbeit, des Strafvollzugs, der Pflege oder Krankenfürsorge seien streng nach Erwägungen der Rationalität und Sparsamkeit zu tätigen, indem die Arbeitskraft "nützlicher" Elemente des "Volkskörpers" wiederhergestellt wurde, während als "unnütz" klassifizierte Männer, Frauen und Kinder, Behinderte, linke "Asoziale", "geistesschwache Gewohnheitsverbrecher"
der systematischen Vernachlässigung oder Tötung anheim fielen.

Davon hat die Bundesrepublik zum Glück nur wenig, aber doch etwas übernommen - eine "wertvolle Ressource" war das kaum, eher einer der vielen Schatten, die über 1945 hinaus auf die deutsche Geschichte fielen.

Die ökonomischen Leistungen nach 1945 aus einer NS-Leistungs-Tradition herzuleiten, wäre nur notwendig, wenn eine Erklärung, die auf die besondere Situation des Wiederaufbaus mit ihren wirtschaftlichen und sozialen Leistungsanreizen, auf die Freisetzung des Potentials von Frauen, zurückkehrenden Emigranten, Dissidenten und Intellektuellen, auf die Rückkehr zu bürgerlichen Werten wie Fleiß, Strebsamkeit, Gewinnerwartung und Respekt vor Eigentum verweist, unbefriedigend bliebe. Das ist jedoch offensichtlich nicht der Fall - denn den ökonomischen Boom nach 1945 in Frankreich, den USA, den Benelux Ländern, Italien, Dänemark, Skandinavien oder Großbritannien muss man ja sowieso ohne Verweis auf NS-Leistungsfanatismus erklären.

Was die Bundesrepublik (und die DDR) vom Dritten Reich übernahm, war allenfalls die Fortführung einer weitgehend von den gleichen Experten wie bisher betriebenen Klassifizierungs-, Planungs- und Segregationsmentalität in Haftanstalten, Polizeipraxis, Suchtkliniken oder Amtsarztstuben, die erst im Laufe der 1960er Jahre in Diskussion, Kritik und schließlich Reformprozesse geriet und weiterhin physische und psychische Opfer forderte - für deren Schicksal aber immer noch wenig Sensibilität besteht.

Kommentare

28.08.2008 | 00:27 Uhr
Mathias Frenzel schreibt: Nichts mobilisiert, was nicht schon da war

Zu kurz gesprungen. Etwa seit Ende des 19. Jahrhunderts (vorher ist es wirklich schwer, vom "deutschen Volk" im heutigen Sinne zu sprechen) sind unsere Vorväter und -mütter für ihren besonderen Fleiss bewundert worden, den weltweit etwa nur die Japaner teilten.

Das macht ein Volk nicht menschlich besser als andere. Aber zuweilen erfolgreicher. Das Kaiserreich konnte darauf ebenso aufsatteln wie die Weimarer Republik (die aus anderen Gründen scheiterte) und die Nationalsozialisten. Und schließlich war dem Ganzen politisch unverdächtiger Erfolg im Wirtschaftswunder beschieden. Und heute? Trotz aller Larmoyanz hierzulande: wen bewundert denn die Weltpresse für wirtschaftliche und sostige Schaffenskraft? Die Chinesen bestimmt nicht, dort wird bislang nur Ideenklau und Raubbau betrieben. Und wo klauen die gern? Hier. In Deutschland. Wer es nicht glaubt, gehe zur "Ambiente" oder zur "tendence" auf dem Frankfurter Messegelände.



27.08.2008 | 15:05 Uhr

Werner Abelshauser: Weniger Leistungsträger, eher Profiteure des Wirtschaftswunders

Die These, eine außerordentlich hohe Leistungsbereitschaft habe den Wiederaufstieg der (west-)deutschen Wirtschaft verursacht, ist so alt wie der Mythos vom "Wirtschaftswunder". Sie begegnet uns gleich in mehreren Varianten. Einmal sollen es die kleinen Leute gewesen sein, die die Ärmel aufkrempelten und sich buchstäblich zu Tode arbeiteten.

Dann aber auch die Wirtschaftskapitäne: die Borgwards, Grundigs, Schlieckers und Neckermänner, Volkswagens Nordhoff, Thyssens Sohl und Boschs Merkle, die schon als junge Ingenieure und Manager für die skrupellose Durchsetzung der Rüstungsziele des Regimes innerhalb der deutschen Wirtschaft sorgten und danach Westdeutschland aus den Trümmern des Nationalsozialismus aufgebaut haben sollten.

Anhaltspunkte gibt es dafür schon, dass nicht nur 12 Millionen Vertriebene und Flüchtlinge in harter Arbeit ihre Chance suchten, nach 1945 wieder neu anzufangen. Und hatte das Regime nicht gerade "wider Willen" die Bedingungen geschaffen, die Leistungsbereitschaft zum Element jener Modernisierung werden ließ, auf die Ralf Dahrendorf hingewiesen hat? Hier könnte Wehlers These eine Erklärung finden. Auf die Wirtschaftselite bezogen hat Volker Berghahn die Rolle hervorgehoben, die "Speers Kindergarten" in der westdeutschen Nachkriegswirtschaft spielte. Er meinte damit jene Führungselite, die sich Anfang der vierziger Jahre als Unterbau des Speerschen Rüstungsministeriums formierte und während der langen fünfziger Jahre die Kommandohöhen der westdeutschen Wirtschaft besetzt hielt. Auf diese etwa 6000, meist sehr jungen Ingenieure und Manager, von den Nationalsozialisten zynisch "Selbstverwaltung der Wirtschaft" genannt, trifft Wehlers These sicher zu.

Soll also ausgerechnet dieser fanatische Stoßtrupp des Regimes, der mit Rücksichtslosigkeit und Exzellenz die Trägheit der alten Wirtschaftsführer überwinden sollte, zusammen mit einer breiten Gefolgschaft "das soziale Substrat einer vehementen Antriebskraft" geliefert haben und mit ihrer "Explosion an Tatkraft", mit ungezügelter Wettbewerbsbereitschaft und leidenschaftlichem beruflichen Engagement das ‚Wirtschaftswunder’ geschaffen haben? Wehler scheint das anzunehmen.

Aus wirtschaftshistorischer Perspektive schlägt sich die Wirkung dieser Faktoren – wenn überhaupt – nur am Rande nieder, sozusagen in den Zahlen weit hinter dem Komma. Nicht der Leistungsbereitschaft der Massen oder der Tatkraft und Kompetenz seiner Führer ist das Wirtschaftswunder der langen fünfziger Jahre zu verdanken, sondern der besonderen Konstellation der Rekonstruktion, die bis Anfang der sechziger Jahre besondere Wachstumsbedingungen schuf. Während dieser Zeit lassen sich richtungsweisende unternehmerische Entscheidungen gerade in Großbetrieben kaum finden, wie wir aus der Forschung zur neueren Unternehmensgeschichte wissen. Der Wiederaufbau kennt seine Märkte und macht unternehmerische Führung im engeren Sinne weitgehend entbehrlich. Gefragt sind Ingenieure und Manager, die "den Laden schmeißen". So gesehen haben sich Speers Kettenhunde mit dem Zusammenbruch der deutschen Wirtschaft die Lage selbst geschaffen, von der sie dann nach 1945 profitierten.

Selbst diese Qualifikation läßt sich aber bestreiten. Gewiß, Speers junger, brillanter und fanatisierter Einpeitschtruppe, die für den wirtschaftlichen Endsieg über Leichen ging, fehlte es nicht an Tatkraft. Fraglich ist aber, ob die Sozialisation im Dritten Reich den späteren Wirtschaftskapitänen spezifische Fähigkeiten vermittelt hat, die den späteren Erfolg begründeten. Wohl kaum. Sie waren lausige Unternehmer, mussten sie doch nie lernen, Investitionsentscheidungen unter Unsicherheit zu treffen. Im Umgang mit Finanzen waren sie noch weniger geübt. Das wurde vielen von ihnen zum Verhängnis, als Görings Devise "Koste es, was es wolle" am Ende des Wirtschaftswunders nicht mehr zog. Insoweit waren sie weniger Leistungsträger als Profiteure des Wirtschaftswunders, das ihnen erlaubte, als "Unternehmer" erfolgreich zu sein.

Kommentare

27.08.2008 | 20:25 Uhr
Klaus P. Lücke schreibt: Jedenfalls eine interessante These - und dann ...

... auch noch aus dem 'Hause Wehler'! Klingt heute fast revolutionär! Jedenfalls: sollte die These stimmen oder sollte sie zumindest einen guten Teil des Wirtschaftswunders erklären können, darf man sie ruhig etwas erweitern, z. B. so:

- im Kriege sind - um Hitler mal zu zitieren - 'die Besten gefallen'. Nicht auszudenken also, welches Ausmaß das Wirtschaftswunder genommen hätte, wenn diese so bezeichneten Personen überlebt hätten!?
- welchen Aufschwung hätte Deutschland gar erlebt, wäre der Krieg gewonnen worden!?
- und was sagt uns Wehlers These im Umkehrschluss: nachdem die Deutschen von den 68ern in den letzten Jahrzehnten radikal und in allen Lebensbereichen 'entnazifiziert' worden sind, könnten sich vielleicht die letzten Motivations- und Leistungsreserven aus der damaligen Zeit auf nimmer Wiedersehen verflüchtigt haben ...
Und mal ehrlich: die Gegner Hitler-Deutschlands wussten damals genau, was sie da noch rechtzeitig eindämmen wollten!


27.08.2008 | 19:56 Uhr
Jens Bargsten schreibt: Der Fleiß, die berüchtigte "Sekundäreigenschaft"

... ist deutsche Nationaltugend, die sicherlich schon vor 1933 vorhanden war, und durch den NS-Staat bzw. den Mangel im Krieg "lediglich" noch verstärkt wurde.

Die u.a. auf dem Fleiß beruhende Überlegenheit der deutschen Volkswirtschaft war Ende des 19. Jhd. ersichtlich, als England als führende Industrie- und Handelsnation abgelöst wurde. Soweit nach der Demontage durch die Alliierten noch Produktiv-Kapital vorhanden war, ist es natürlich ebenfalls durch Arbeit geschaffen worden; der schöne Werbespruch: "Lassen Sie Ihr Geld arbeiten!" stimmt bekanntlich nicht, da Geld nicht arbeitet, sondern immer Menschen. Der hilfreiche Marshallplan ist eine Legende, Deutschland hat ein Mehrfaches dieser Gelder an Reparationen, Kunstgegenständen, Lizenzen und "Köpfen" ans Ausland "abführen" müssen. Daneben wurde die dt. Wirtschaft bis 1949 u. a. mit prohibitiven Steuersätzen ausgebremst (daher auch die dt. Besonderheit der vielen Ausnahmetatbestände).


27.08.2008 | 17:26 Uhr
Herold Binsack schreibt: Ein gut organisiertes Kapital

Es wird wohl so sein, wie Herr Abelshäuser schreibt, und für diese Information bin ich dankbar. So besehen gehörten dann das nicht zerstörte industrielle Deutschland, der gute Kapitalstock und die gut ausgebildeten wie willigen Arbeitskräfte zu den Mitteln, die dann mit dem "verspäteten" Marshallplan nur noch ideologisch nachgebessert werden mussten.

Es entstand so die Hybris von dem unbezwingbaren Westen unter amerikanischer Führung. Jene wiederum trieb diesem Westen weiter neue Teilungs-Flüchtlinge als Arbeitskräfte zu, bis zu den 60ern und 70ern, wo dann die sogenannten Gastarbeiter dem Lockruf folgten. Das ist wohl das Geheimnis einer "Leistungsgesellschaft" - ein gut organisiertes Kapital.


Werner Abelshauser27.08.2008 | 15:03 Uhr
Werner Abelshauser schreibt: Anmerkungen zum Kommentar Binsack

Ich stimme Herold Binsack ausdrücklich zu, wenn er gegen das Argument der Leistungsideologie den Vorrang der historisch konkreten Verhältnisse ins Feld führt. Diese Verhältnisse werden aber nach 1945 nicht durch den Marshallplan bestimmt. Ich weiß: Der Marshallplan gehört – zusammen mit der Währungsreform vom 20. Juni 1948 und der Sozialen Marktwirtschaft - für viele Deutsche zu den Treibsätzen, die das westdeutschen "Wirtschaftswunder" der fünfziger Jahre gezündet haben.

Die historische Forschung sieht dies aber längst anders: Die ersten Lieferungen aus dem Marshallplan erreichten Bremerhaven nicht vor 1949. Sie kamen zu spät und waren zu unbedeutend, um entscheidend einzugreifen. Ähnliches gilt für die Soziale Marktwirtschaft. Es dauerte viele Jahre, bis sich das Konzept wenigstens in Kernbereichen durchsetzte. 1948 stand die eingeforderte Wettbewerbsordnung erst auf dem Papier. Und auch die Währungsreform beurteilten die Forscher in den Siebzigerjahren neu: Sie war notwendig, aber nicht hinreichend, um den wirtschaftlichen Boom auszulösen. Dafür machen sie andere Gründe verantwortlich: Einen üppigen Kapitalstock, der 1945 deutlich größer, jünger, effizienter und moderner war als vor dem Krieg - zielte der Bombenkrieg doch auf die zivilen Quartiere der Städte und ließ die Industrie weitgehend ungeschoren, die produktive Substanz der deutschen Industrie war kaum gemindert worden. Hinzu kam ein gewaltiger Überschuss an qualifizierten Arbeitskräften, die sich im Westen aus dem Millionenheer der Flüchtlinge rekrutierte. Und schließlich hatten die Amerikaner den Willen, dieses Reservoir zur Stabilisierung Westeuropas auch zu nutzen. Deutschland war arm, aber nicht unterentwickelt. Den Zeitgenossen blieben diese Zusammenhänge weitgehend verborgen, und so fiel politischen Projekten wie dem Marshallplan bald die Rolle zu, das Unerklärliche begreifbar zu machen.


27.08.2008 | 12:28 Uhr
Herold Binsack schreibt: Die historisch-konkrete Wahrheit

So kann sich eine (aus heutiger Sicht) fortschrittliche Kritik an der "kapitalistischen Leistungsideologie" in ihr Gegenteil verkehren,wenn sie mit den historisch-konkreten Verhältnissen nicht übereinstimmt.

Fakt war, dass nicht nur die Deutschen, sondern alle (an diesem Krieg) beteiligten Völker nach diesem Krieg am Boden lagen, mit Ausnahme vielleicht des amerikanischen Volkes, und dass die Armut sie zwang, sich selbst über alle Maßen auszubeuten/ausbeuten zu lassen. Der "Aufschwung" Westdeutschlands wäre ohne Marshallplan nicht möglich geworden. Der (gesamte) Westen sicherte sich damit einen nicht mehr einzuholenden Vorteil gegenüber dem Osten, dessen (deutsche) Bevölkerung ja unter derselben "Leistungsideologie" zu leiden hatte. An dieser Stelle zeigt sich auch,wie die Ideologie keine wirkliche (keine eigenständige) Produktivkraft ist, sondern eher nur eine potentielle, da sie nur im Zusammenwirken mit der Armut und den Segnungen des Marshallplans gar zu solch nachhaltiger Würdigung kommt.



27.08.2008 | 14:26 Uhr

Peter Graf Kielmansegg: Mehr oder weniger intelligente Spekulation

Wehlers These von der "befleckten Erbschaft" des nationalsozialistischen "Leistungsfanatismus", der für die junge Bundesrepublik zu einer wertvollen Ressource geworden sei, überzeugt mich überhaupt nicht.

Zunächst einmal: Man tut gut daran, diese These in die zwei Teile zu zerlegen, aus denen sie besteht. Jeder von ihnen bedarf für sich der Überprüfung. Hat der Nationalsozialismus mit seinem Ideal einer "egalitären Leistungs-Volksgemeinschaft" (Wehler zitiert hier Martin Broszat) einen Leistungsfanatismus entfesselt und "durch seinen brutalen sozialdarwinistischen Konkurrenzkampf bis zuletzt gefördert"? Das ist die eine Frage. War diese Erbschaft für die junge Bundesrepublik eine wertvolle Ressource? So lautet die andere.

Mir scheint, was die Aussage über den Nationalsozialismus angeht, ein kategorialer Irrtum vorzuliegen. Der Überlebenskampf, den der Nationalismus propagierte und glaubte führen zu müssen, war ein Überlebenskampf der Art, der Rasse, des Kollektivs. Der einzelne bedeutete da wenig. So ist es ja auch immer wieder gesagt worden. Der Fanatismus, den der Nationalsozialismus forderte und erzeugte, war ein Fanatismus der Hingabe an das Kollektiv, des Opfers für das Kollektiv. Leistung hingegen ist eine Kategorie, die den einzelnen in den Mittelpunkt stellt. Das Leistungsethos hat es mit dem Wettstreit von Individuen untereinander zu tun. Das ist eine andere Welt.

Wer diese Unterscheidung für einleuchtend hält, wird Schwierigkeiten haben, mit Wehler im Leistungswillen der Nachkriegsdeutschen ein Fortwirken des nationalsozialistischen "Leistungsfanatismus" zu erkennen. Es ist ungleich plausibler, diesen Leistungswillen aus dem Zusammentreffen einer starken Zukunftsmotivation derer, die noch einmal davongekommen waren, mit der unerhörten Gunst eines historischern Augenblicks zu erklären: einer historischen Konstellation, die noch im tiefen Schatten der Katastrophe ganz unverhofft die Chance rascher Überwindung des Nachkriegselends eröffnete.

Erst mit der Zerlegung der Wehlerschen These in ihre zwei Elemente wird im Übrigen auch sichtbar, dass die beiden Teile einen ganz unterschiedlichen Status haben. Die Frage, Hingabe- und Opferfanatismus oder "Leistungs"-fanatismus, gerichtet an die nationalsozialistische Ideologie und Herrschaftspraxis, lässt sich grundsätzlich empirisch bearbeiten. Geeignete Quellen können etwas dazu sagen. Was der Nationalsozialismus unter "Leistung" verstand und wozu er die Gläubigen motivieren wollte und konnte, kann man erforschen. Mit dem anderen Teil der These verhält es sich ganz anders. Ob "der nationalsozialistische Leistungsfanatismus", wenn er denn so richtig kategorisiert ist, in seinem Fortwirken eine wertvolle Ressource für die junge Bundesrepublik war, sprich: einen wesentlichen Beitrag zum Aufbau Nachkriegsdeutschlands geleistet hat, darüber kann man nur mehr oder weniger intelligent spekulieren. Eine Möglichkeit, über diesen behaupteten Motivationstransfer empirisch einigermaßen abgesichert zu sprechen, sehe ich nicht. Man kommt in der Geschichtswissenschaft, in den Geisteswissenschaften überhaupt, ohne Vermutungen, die weder zu beweisen noch zu widerlegen sind, nicht aus. Aber man sollte Vermutungen dieser Art ein bisschen weniger selbstsicher vortragen, als es in Wehlers Buch geschieht. Es sind, um das mindeste zu sagen, keine evidenten Wahrheiten.

Kommentare

29.08.2008 | 16:25 Uhr
Philipp John Butler Ransohoff schreibt: Leistungsfähigkeit

Sicherlich sind die Beweggründe für Leistung im Nationalsozialismus gänzlich andere als in einer freien (sozialen) Marktwirtschaft. Herr Graf Kielmansegg stellt richtig dar, dass auf der einen Seite die "Hingabe an das Kollektiv, [das] Opfer[...] für das Kollektiv" standen und auf der anderen ein dem Individuum und seinen Rechten und Freiheiten verschriebenes System.

Dennoch wehre ich mich dagegen, der Wehlerschen These keinen Funken Wahrheit zu gönnen. Beide Systeme, das des Kollektivs und das des Individuums, haben nämlich eines gemeinsam wenn es um Leistung geht. Sie setzen voraus, dass es Menschen gibt, die fähig sind zu leisten.
Zu behaupten, dass die "egalitäre Leistungs-Volksgemeinschaft" meritokratische Fähigkeiten, zu denen Ehrgeiz, Durchhaltewille, AUFOPFERUNG und HINGABE gehören, nicht gefördert und vor allem gefordert hat, wäre ignorant. Insofern mag der Leistungsfanatismus doch seinen Beitrag zum wirtschaftlichen Erfolg der Nachkriegsjahre getan haben.



27.08.2008 | 14:25 Uhr

Paul Nolte: Leistung - ein bürgerliches, kein faschistisches Prinzip

Diese These ist nicht ganz neu, aber so provokativ wohl noch nicht formuliert worden. Zweifellos ist das eine der spannendsten Kontinuitätsfragen zwischen "Drittem Reich" und Bundesrepublik. Es lohnt sich schon deshalb über sie nachzudenken, weil solche mentalen und kulturellen Langfristmuster viel schlechter untersucht sind als institutionelle oder personelle Kontinuitäten.

Die Annahme, die NS-"Propaganda" habe Dispositionen geschaffen, die 1945 nicht einfach verschwunden sein konnten, ist hochgradig plausibel. Dennoch überwiegt bei mir die Skepsis. Empirisch ist das sehr schwer nachzuweisen. Und prinzipiell ist der Einwand schwerwiegend, dass das Leistungsdenken keine Erfindung der Nationalsozialisten gewesen ist. Gegen die frühere Sicht des Nationalsozialismus als atavistisch und rückwärtsgewandt ist zwar seit längerem überzeugend gezeigt worden, dass er Elemente einer "Leistungskultur" aufgegriffen und instrumentalisiert hat. Aber schon diesen Begriff muss man mit spitzen Fingern anfassen, weil Leistung in vieler Hinsicht untrennbar mit einer offenen, liberalen Gesellschaft verknüpft ist. Kaum jemand ist übrigens ein fanatischerer Anhänger des Leistungsprinzips als Hans-Ulrich Wehler, und worauf beruft er sich dabei, auch in diesem Buch? Auf die "Zielutopie der bürgerlichen Gesellschaft", auf Aufklärung, auf säkularisierten Protestantismus. Insofern wäre das Leistungsprinzip der frühen Bundesrepublik viel eher – und sehr wohl konsistent mit Wehlers Interpretation an anderer Stelle des Bandes – als ein Anknüpfen an die "bürgerliche Gesellschaft" verstehbar. Auch die 68er, deren "Verächtlichmachung des Leistungsdenkens" Wehler scharf kritisiert (S. 191), wandten sich damit gegen ein bürgerliches und nicht ein faschistisches Prinzip – solange das für sie nicht einerlei war. Bei der Diskussion der Ursachen des westdeutschen Wirtschaftswunders (S. 48ff.) taucht das Leistungskontinuitäts-Argument übrigens nicht auf; mit Recht ist hier von strukturellen ökonomischen Vorteilen die Rede.

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27.08.2008 | 11:48 Uhr

Manfred Hettling: Willen statt Leistung

Selbstverständlich beeinflussten kulturelle Prägungen aus der Zeit vor 1945 den Aufstieg der Bundesrepublik. Aber hätte der Nationalsozialismus in so kurzer Zeit eine tiefgreifende Verhaltensänderung in Gang setzen können? Und stand Leistung wirklich im Mittelpunkt seines Fanatismus? War nicht "Einsatz" der genuin nationalsozialistische Begriff, um das von jedem einzelnen geforderte Maß an Aktivität zum Ausdruck zu bringen?

Und betrachtet man die Erziehungsformen des Dritten Reiches, dann stand die Formierung in "Lager und Kolonne", wie es die NS-Ideologen nannten, im Vordergrund. Fragt man nach den Grundbegriffen nationalsozialistischen Selbstverständnisses, stößt man eher auf Begriffe wie Einsatz, Willen, Haltung - und eben nicht Leistung. Fragen von Effektivität und von rationalem Kosten-Nutzen-Kalkül standen dabei gewiss nicht im Vordergrund.

Hin zu kommt: Leistungsfähig war die deutsche Gesellschaft schließlich auch schon vor dem Nationalsozialismus. Man denke nur an das Arbeitsethos der bürgerlichen Gesellschaft oder den Ersten Weltkrieg. Wovon die Bundesrepublik indes sicherlich profitiert hat, ist die breite Schicht- und Klassengrenzen überwindende Mobilisierung, welche der Nationalsozialismus aktiv und gewollt verstärkt hat. Ernst Jünger feierte bereits in den zwanziger Jahren die "totale Mobilmachung" und beschrieb damit eine Erfassung immer weiterer Dimensionen menschlichen Lebens - durch Technik und Industrialisierung ebenso wie durch Ideologien. Das prägte die Erfahrung jener Jahrzehnte - weit über den Nationalsozialismus hinaus. In Verbindung mit der nachhaltigen Mobilisierung breiter Gesellschaftsschichten konnte sich nach einer mehr als erstaunlichen, geradezu blitzartigen Pazifizierung des Verhaltens Einsatz in Leistung umsetzen.

Vielleicht war der Leistungsfanatismus der frühen Bundesrepublik, den 68er und Spätere immer nur bespottet haben - obwohl sie materiell davon zehrten, - ja eine langfristig äußerst erfolgreiche Form der Verhaltenszivilisierung. Eine Mentalitätsgeschichte der Bundesrepublik ist jedenfalls überfällig - vor allem eine theoretisch fundierte.

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27.08.2008 | 11:31 Uhr

Dan Diner: Wehlers Generationserzählung

In seinen überaus pointierten Betrachtungen zur DDR hat Wehler zu Recht auf den Zusammenhang von ökonomischen System und Effizienz verwiesen. Dabei war deutlich geworden, welche ökonomischen Vorzüge einer Gesellschaftsform innewohnen, die sich marktwirtschaftlich reguliert.

Die auf individueller Interessensverfolgung, auf Tausch und Kontrakt beruhenden Formen des Verkehrs haben sich ihrer Leistungsbilanz nach jenen Gemeinwesen gegenüber bei weitem als überlegen erwiesen, die ihre Energien aus einem ideologisch stimulierten kollektiven Willen schöpfen zu können glaubten – mochte sich dieser nationalistisch oder sozialistisch begründen. Die Mobilisierung aller Kräfte, eben jener von Wehler apostrophierte, durch Willensanstrengung und nicht zuletzt auch durch pure Gewaltanwendung angetriebenen "Leistungsfanatismus" mag in der stalinschen Sowjetunion oder im maoistischen China das choreographisch opulent inszenierte Bild höchster Anspannung und an die Grenzen der physischen Reproduktion stoßenden Anstrengung insinuiert haben – zu einer wirklichen Steigerung der Produktivität angesichts einer weitgehend ins Leere verströmten, unter Inkaufnahme von gewaltigen Opfern aggregierten wie verpufften Energie haben sie indes wenig beigetragen.

Umgekehrt die kriegswirtschaftlichen Leistungen von Demokratien bzw. marktwirtschaftlich (selbst-) regulierter Gemeinwesen auch und gerade in Zeiten des Ausnahmezustands: Bei aller kriegsbedingten administrativen Konzentration von Arbeit, Rohstoff und Kapital – und dies bis in die Nähe einer zentralverwaltungswirtschaftlichen Ordnung – bedurfte es hier nicht eines ideologisch angefachten "Leistungsfanatismus", keiner militarisierender Massenaufmärsche, keiner Fäuste reckender "Helden der Arbeit" oder zum faschistischen Gruß erhobener Hände. Die gelenkte zivile Effizienz im Bereich von Konstruktion, Produktion und Logistik ersetzte jeden Fanatismus und den mit ihm verbundenen Schein der Macht des Willens – ja, sie war ihm in vielerlei Hinsicht sogar überlegen.

Nun sieht der ökonomisch aufgeklärte Wehler im "Leistungsfanatismus" nicht unbedingt den Hebel wirtschaftlicher Leistungskraft. Er meint aber doch, dass in der Zeit des NS sich Sekundärtugenden ausgebildet hätten, die dem vom Erfolg gekrönten Leistungswillen in der frühen Bundesrepublik mehr als nur zugute gekommen seien. Die Frage der Sekundärtugenden spielt bei Wehler eine nicht unerhebliche Rolle. Dies gilt auch seiner Klage über den von ihm diagnostizierten Verfall der individuellen Leistungsbereitschaft in Gefolge von `68. Nun unterschieden sich die Deutschen in der SBZ/DDR generationell nicht von ihren bundesrepublikanischen Altersgenossen. Auch sie waren den Mobilisierungstechniken und damit dem "Leistungsfanatismus" des NS unterworfen gewesen. Aber ihnen wollte jener take-off nicht gelingen, der im Westen durch die von den Alliierten installierten Institutionen wie der weltmarktlichen Konstellation, die Wehler ansonsten vorzüglich beschreibt, zu Wohlstand führte. Und bedurfte es überhaupt erst der nationalsozialistischen Mobilisierung, um jene später eingetretenen Erfolge zu erwirken? Hatten der Erste Weltkrieg und die mit ihm verbundene industrielle Art der Kriegsführung nicht längst jene hoch gelobten Sekundärtugenden auf eine kaum noch zu übersteigende Spitze getrieben?

Eher stellt sich der Eindruck ein, Wehler erzähle aus einer ganz spezifischen generationellen Erfahrung heraus – nämlich die seiner Generation. Denn die nationalsozialistische Wirklichkeit war ihr erstes, sie sozialisierendes Erfahrungserlebnis gewesen. Der NS in seiner Bedeutung als Kindheits- und Jugenderfahrung war für diese Generation also konstitutiv gewesen. So mochte diese Generation vom gleichsam generationell notwendig angelegten Irrtum befallen worden sein anzunehmen, der Erfolg der Bundesrepublik sei unmittelbarer Folge der ihr vorausgegangenen, der nationalsozialistischen Periode deutscher Geschichte gewesen. Dabei hatte Wehler doch in seinem vorzüglichen Kapitel über die soziale Ungleichheit gezeigt, wie langfristig und hartnäckig habituelle Prägungen sein können – und welcher Dauer diese bedürfen, um strukturell wirksam zu werden. Um solche habituellen Prägungen auszubilden war die NS-Zeit zudem einfach zu kurz gewesen. Indem die Bundesrepublik zu "ihrem" Gemeinwesen geworden war, zum Gemeinwesen der Generation in deren Namen Wehler spricht, erscheint ihnen ihre eigene aktive Lebenszeit mit der hohen Zeit der Bundesrepublik gleichsam identisch. So gehen sie davon aus, ihre spezifische Sozialisation sei für die Erfolgsgeschichte des von ihnen lebensgeschichtlich begleiteten Gemeinwesens kausal gewesen. Indes dürften es die neu etablierten demokratischen und marktgesellschaftlichen Institutionen, verbunden mit einer weltpolitischen Konstellation sowie von unter Umständen psychisch und in Arbeitsmoral übertragene Verdrängungs"leistungen" erfahrener Traumata in die Wonnen des Vergessens gewesen sein, die zur gelobten produktiven Energieabfuhr beigetragen haben mögen. Doch auch solche Erklärungen sollten nicht überbewertet werden. Der Hinweis auf die langfristige ökonomische Entwicklung, vor allem die Entwicklung der in Deutschland seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert führenden innovativen Branchen wie die Elektrotechnik, die Chemie und später die Automobilindustrie und ihr fulminanter Auftritt auf einem zunehmend sich liberalisierenden Weltmarkt dürften weit mehr zur Stimulierung von Leistung und Leistungsbereitschaft beigetragen haben, als ein vorgeblich in die Knochen gefahrener, nach Abfuhr Ausschau haltender "Leistungsfanatismus". Das etwa die Engländer, was die Produktivität angeht, nach dem Krieg bei weitem schlechter dastehen sollten, ist Folge einer seit langem anhaltenden "englischen Krankheit" gewesen: Britannien war immer noch an die vormals führenden, indes zunehmend ihre Bedeutung einbüßenden Branchen wie Kohle, Stahl und Werften gebunden. Am Fehlen einer von einem totalitären System in Wehlers Jugend eingeimpften Exaltiertheit lag der britische Niedergang jedenfalls nicht.

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27.08.2008 | 11:29 Uhr

Michael Stolleis: Eine Energie-Mischung

Wehlers These, ein vom Nationalsozialismus gezüchteter "Leistungsfanatismus" sei nach 1945, gewissermaßen "entnazifiziert", zum Antriebsmotor des Wiederaufbaus geworden, leuchtet mir nicht ein. So einfach waren die Energien nicht umzupolen. Ob nicht da die eigene Erinnerung dem ehemaligen Leistungssportler und workaholic Wehler einen kleinen Streich spielt?

Plausibler finde ich die Erklärung, dass psychologisch vor allem der Zusammenbruch der idealistischen Selbsttäuschungen und die Demütigung "Verlierer" zu sein, sowie materiell vor allem die nackte Not und der Zustrom von leistungswilligen und gut ausgebildeten Menschen aus dem Osten und der Sowjetischen Besatzungszone die Energie-Mischung des "dennoch" ergeben haben, die zum "Wirtschaftswunder" führte, Kapitalzufuhr und günstige Weltkonjunktur ohnehin vorausgesetzt.

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27.08.2008 | 11:15 Uhr

Michael Wildt: Spuren der "Volksgemeinschaft"

Lange Zeit galt Historikern der Begriff der "Volksgemeinschaft" als bloße Nazipropaganda. Es war nicht zuletzt Hans-Ulrich Wehler, der im vierten Band seiner Gesellschaftsgeschichte mit Nachdruck dafür eingetreten ist, die Transformationsdynamik der "Volksgemeinschaft" ernst zu nehmen, die "freie Aufstiegsmobilität für jedermann, ungeachtet seiner sozialen Herkunft, die Überwindung aller bisher hemmenden Klassenbarrieren und Milieuschranken in der meritokratischen, sozialegalitären Leistungsgesellschaft der Zukunft in Aussicht stellte." (Bd. 4, S. 686).

Die NS-Führung hat es ohne Zweifel verstanden, mit der Formel der "Volksgemeinschaft" und dem unbedingten Willen zur Aufrüstung eine bemerkenswerte Mobilisierung zu schaffen. Zehntausende von jungen Arbeitern, vor allem vom Land, fanden zum Beispiel in dem rasanten Aufschwung der Flugzeugproduktion von knapp 4.000 Beschäftigten im Januar 1933 auf 54.000 zwei Jahre später und annähernd 240.000 Beschäftigten im Frühjahr 1938 nicht bloß einen neuen Arbeitsplatz, sondern einen Platz in einer Zukunftsindustrie. Diese junge Arbeitergeneration fühlte sich erkennbar stärker einer aufzubauenden "Volksgemeinschaft" verbunden als alten Klassenantagonismen.

Allerdings: Die Leistungsdynamik, die der Nationalsozialismus forcierte, galt nie dem individuellen Fortkommen. Gefordert war das Engagement aller Volksgenossen für die Leistungssteigerung des ganzen "Volkskörpers", eines "rassisch reinen", ohne Juden, Behinderte, "Asoziale", Homosexuelle.
Die Diskussion, die sich insbesondere um Götz Alys Buch "Hitlers Volksstaat" entspann, lag immer dann schief, wenn sie das NS-System mit dem rechtsstaatlichen Wohlfahrtsstaat gleichsetzte. Die nationalsozialistische "Volksgemeinschaft", so sehr sie die "gefühlte Gleichheit" (Norbert Frei) förderte, unterlag stets harten rassistischen Kriterien: Jüdische Deutsche waren keine Volksgenossen; aber auch nicht-jüdische Ehepaare mussten sich einer erbbiologischen Untersuchung unterziehen, wenn sie ein Ehestandsdarlehen beantragten.

Insofern verwischt die These, dass der "NS-Leistungsfanatismus" eine "wertvolle Ressource der jungen Bundesrepublik" gewesen sei, den prinzipiellen Unterschied zwischen rassenbiologischer Leistungssteigerung für die "Volksgemeinschaft" und dem individualisierten "pursuit of happiness" einer demokratischen Marktgesellschaft.

Gleichwohl hat die rassistische Intention der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft nicht das Bedürfnis nach individueller Leistungsentlohnung verhindern können. Bei aller symbolischer Gleichmacherei der "Arbeiter der Stirn und der Faust": Es gab durchaus im NS-System differenzierte Leistungslöhne ebenso wie die Ansätze einer modernen Massenkonsumgesellschaft. Darauf hat nicht zuletzt der früh verstorbene Historiker Detlev Peukert hingewiesen.
Eins zu eins übersetzt sich die Leistungsmobilisierung des NS-Systems in die Bundesrepublik nicht, aber den Spuren der "Volksgemeinschaft" in den Gesellschaften der beiden deutschen Nachkriegsstaaten nachzugehen, lohnt sich allemal. Da ist Hans-Ulrich Wehler vorbehaltlos zuzustimmen.

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27.08.2008 | 08:00 Uhr

Ulrich Herbert: Untiefen der Zeitgenossenschaft

In Wehlers These, wonach der von den Nationalsozialisten in sozialdarwinistischer Manier beförderte Leistungsfanatismus zunächst "gewissermaßen entnazifiziert" und dann als "wertvolle Ressource der jungen Bundesrepublik" genutzt worden sei, ist zuallererst ein biografisches Element zu erkennen: Hier generalisiert jemand seine eigene Transformation von Hitler-Jugend und Langstreckenlauf zum leistungsstarken Wissenschaftler.

Schon ein Blick auf andere Altersgruppen und soziale Schichten in den Nachkriegsjahren lässt deutlich werden, wie problematisch die Übertragung eigener Erfahrungen auf gesellschaftliche Phänomene ist. Denn über die Alten, die Ausgebombten, die Flüchtlinge, die Spätheimkehrer wird solches in den Quellen bis weit in die 1950er Jahre hinein nicht berichtet, hier liest man eher von Müdigkeit, Verbitterung, Abgestumpftheit. Bei der bürgerlichen Jugend der Nachkriegszeit mag dies anders gewesen sein, aber auch hier liegt der Verdacht des Rückschlusses nahe: Was nachher so gut funktioniert hat, muss vorher schon angelegt gewesen sein. Das mag individuell seine Funktion haben, gesellschaftlich führt es in die Aporie.

Zum anderen basiert die These ja auf der festen Überzeugung von einer besonderen, spezifisch deutschen bzw. westdeutschen, Leistungsfähigkeit in den Nachkriegsjahren, die auf diese Weise erklärt werden soll. Aber auch das ist zu bezweifeln: Denn in den Niederlanden, in Dänemark und Schweden, in Italien, Frankreich oder Belgien waren in den 1950er und 1960er Jahren die ökonomischen Zuwachsraten nicht geringer, zum Teil sogar höher. Das "Wirtschaftswunder" war kein westdeutsches, sondern ein westeuropäisches Phänomen. Wenn denn den anderen der entnazifizierte Leistungsfanatismus notgedrungen fehlte – was hatten sie, was wir nicht hatten?

Das Beispiel zeigt zweierlei: die Untiefen der Zeitgenossenschaft bei Historikern; und die geringer werdende Reichweite allein nationalgeschichtlicher Perspektiven.

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27.08.2008 | 07:58 Uhr

Norbert Frei: Verkappte Autobiographik

Hans-Ulrich Wehler (Jahrgang 1931) ist natürlich selbst das beste Beispiel für die Validität seines Arguments, die von den Nationalsozialisten forcierte "Leistungsmentalität" sei unter den Bedingungen der Zeit "mühelos" zu entnazifizieren und im Rahmen der "frisch verkündeten Sozialen Marktwirtschaft" weiterverwendungsfähig zu machen gewesen. Die Frage ist, ob es sich dabei um mehr handelt als um generationelle Selbstbeschreibung und verkappte Autobiographik.

Das Motiv der raschen Selbstverwestlichung einer in Hitler-Gläubigkeit sozialisierten, im Mai 1945 dann gründlich enttäuschten Generation der Fähnleinführer, Flakhelfer und jungen Frontsoldaten gehört zum Standardrepertoire in den Lebensbeschreibungen der zwischen 1926 und 1930/31 Geborenen. Helmut Schelskys Diagnose einer "skeptischen Generation" (1957) wurde auch deshalb zum geflügelten Wort, weil der Befund behagte und weil ihn sich viele der auffallend früh – nämlich schon seit den späten fünfziger Jahren – zu medialer Stimme gelangenden Angehörigen dieser Jahrgänge dankbar zu eigen machten. Dies umso mehr, als kurz nach dem Krieg nicht nur Konrad Adenauer noch meinte: "Die junge Generation ist nicht urteilsfähig weder in politischer noch einer sonstigen Hinsicht. Sie muß völlig umerzogen werden." (Weil aber auch die "mittlere Generation" wegen ihrer Parteizugehörigkeit "nahezu vollständig" ausfalle, lief in Adenauers privater Generationenanalyse, wenig überraschend, alles auf die "alte Generation" zu.)

Tatsächlich bewährte sich dann aber nicht allein die "Generation Wehler". Die Beobachtung, dass die postnationalsozialistische Volksgemeinschaft insgesamt von einer beispiellosen Arbeits- und Leistungsbereitschaft befallen war (zu der der Begriff des "Wirtschafts-wunders" übrigens seltsam querliegt), war nicht nur den Mitscherlichs immer wieder Anlass zu sozialpsychologischen Spekulationen. Diese (Wieder-)Aufbauwut lediglich als Ausdruck einer "Unfähigkeit zu trauern" zu interpretieren – also gleichsam als kollektive Übersprungshandlung –, greift sicherlich zu kurz. Umgekehrt aber erscheint es mir auch nicht hinreichend, in diesem Zusammenhang allein auf die in der NS-Zeit propagierte, sozial fraglos wirkmächtig gewordene Leistungsideologie zu verweisen, deren gesamtgesellschaftliche "Entbräunung" (Wehler) im übrigen nicht im Schnellwaschgang erfolgte. Und gar nicht zur Sprache kommen bei Hans-Ulrich Wehler die vielfältigen Nebenkosten dieses wenn nicht blinden, so doch in vielen Punkten sehbehinderten Leistungsfanatismus – man denke nur, um das vielleicht sinnfälligste Beispiel zu geben, an die "zweite Zerstörung" der westdeutschen Innenstädte.

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27.08.2008 | 07:56 Uhr

Werner Plumpe: Leistungsfanatismus war überflüssig

Die heute erstaunlich wirkende Bereitschaft der Menschen, nach 1948/49 unter schwersten Lebensbedingungen hart und lange zu arbeiten und dafür zunächst keineswegs mit besonders großen Konsumchancen belohnt zu werden, auf einen vermeintlich populären, durch den Nationalsozialismus geschaffenen bzw. geförderten Leistungsfanatismus zurückzuführen, scheint mir nur auf den ersten Blick plausibel.

Das Verhalten der Menschen nach 1945 folgte vielmehr den unmittelbaren Lebensumständen. Bis zur Währungsreform war die "Arbeitsmoral" schlecht; angesichts der Tatsache, dass vom Arbeitslohn und den Kartenzuteilungen das Leben kaum zu fristen war, verwundert es nicht, dass viel Zeit außerhalb der regulären Arbeit für das Überleben verwendet werden mußte. Auf dem Schwarzmarkt und beim Hamstern mag es auch "Leistungsfanatismus" gegeben haben; ob hier aber die primären Verhaltensgründe der Menschen jener Jahre zu finden sind, ist doch zweifelhaft.

Entscheidend für den Leistungswillen wurde dann vor allem die Währungsreform und die damit verbundene faktische Enteignung der Geldvermögen großer Teile der Bevölkerung, die abgesehen von der Kopfquote von zunächst 40 DM im Sommer 1948 buchstäblich mit leeren Händen dastanden. Alle Umfragen aus dieser Zeit belegen: Geldsorgen bestimmten schlagartig den Alltag, und nur Erwerbsarbeit bot für die übergroße Mehrzahl der Menschen überhaupt die Aussicht, in der schockartig wiederhergestellten Marktwirtschaft zu überleben. Leistungsfanatismus war zudem in einer wirtschaftlichen Lage, die noch bis 1952 von Massenarbeitslosigkeit gekennzeichnet war, völlig überflüssig – und als sich die wirtschaftliche Lage langsam stabilisierte und besserte, waren es wohl insbesondere die sukzessive wachsenden Konsumchancen, die die Bereitschaft zu harter Arbeit, Überstunden und sonstiger Mehrarbeit bedingten. Was es zweifellos gab, war eine Art negative Variante des Leistungsfanatismus, insbesondere die Stigmatisierung von vermeintlichen Drückebergern, Faulenzern und "Schädlingen", die nicht zu unterschätzen ist. Ob man das als "wertvolle Ressource" bezeichnen kann, dürfte indes fraglich sein.

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27.08.2008 | 07:55 Uhr

Anselm Doering-Manteuffel: Die Argumentation führt in die Irre

Wehlers Urteilsbildung ist stets pointiert, oft polemisch und nicht selten willkürlich. Der "Leistungsfanatismus", den der Nationalsozialismus entfesselt habe, ist als historisches Phänomen insbesondere der Kriegsjahre kaum zu bestreiten. Ihn aber bruchlos als "wertvolle Ressource der jungen Bundesrepublik" hinzustellen, verabsolutiert generationenspezifische Erfahrungen, die Wehler hier "zum Schlüssel für eine Deutung gesamtgesellschaftlicher Prägekräfte" erklären will.

Genau das aber hat er ein paar Seiten vorher den Soziologen um Ulrich Beck als Missgriff vorgeworfen, weil sie eine Form sozialen Wandels in der bundesdeutschen Gesellschaft seit den 1960er Jahren postulieren (Individualisierung und Pluralisierung der Lebensstile), die Wehler nicht in sein Konzept der "sozialen Ungleichheit" passt. Seine Argumentation führt deshalb in die Irre.

Es ist bekannt, dass zur Ideologie des Wirtschaftswunders die Behauptung gehörte, darin sei kompensatorisch der Leistungswille der von Kriegsniederlage, Bombenkrieg und Heimatvertreibung gezeichneten Bevölkerung zum Ausdruck gekommen. Die Zeitgenossen der 1950er Jahre umschrieben damit das Verhaltensmuster der Wiederaufbaugesellschaft, bloß nach vorn zu schauen, die Ärmel hochzukrempeln und die "unbewältigte Vergangenheit" unbewältigt zu lassen. Dieses Verhalten ist später von Historikern wie Martin Broszat (Jg. 1926) als Fortwirken der "egalitären Leistungs-Volksgemeinschaft" in der jüngeren Generation interpretiert worden. Auf Broszat stützt sich nun der 1931 geborene Wehler. Er verallgemeinert dessen subjektive Feststellung, ohne darüber zu reflektieren, in wie hohem Maß darin lediglich die "generationenspezifische Erfahrung" einer Alterskohorte zum Ausdruck kommt. Mit Verlaub: Was Wehler sich herausnimmt, muss er auch Autoren wie Ulrich Beck und anderen konzedieren.

Der "Leistungsfanatismus" der Wiederaufbaugesellschaft war nicht mehr und nicht weniger als eine Chiffre, um das hohe Tempo und die Dynamik des Wiederaufbaus zu erklären. Dahinter stand die Annahme, eine Gesellschaft nach totaler Kriegsniederlage müsse doch eigentlich apathisch und phlegmatisch reagieren. Mitnichten. Denn die von den Zeitgenossen beobachtete Zwanghaftigkeit der Nachkriegsgesellschaft war ein kompensatorisches Phänomen. Sie war ein Reflex des kollektiven schlechten Gewissens, dass "wir" im Krieg unvorstellbares Unheil angerichtet hatten, ohne dass irgendein einzelner Deutscher offen eingestanden hätte, selbst daran beteiligt gewesen zu sein. Dieses psychologisch gut erklärbare Verhalten, das Hermann Lübbe (Jg. 1926) treffsicher "kommunikatives Beschweigen" genannt hat, wirkte als ideelle Triebkraft im Wiederaufbau. Die materielle Triebkraft war schlicht und einfach die Armut. Denn die Bundesrepublik war nach 1948 ein Niedriglohnland, und das "Wirtschaftswunder" wurde vom Wohnungsbau getragen, bevor nach 1955/57 die Eisen- und Stahlindustrie die Führung übernahm. Erst dann stiegen Löhne und Einkommen spürbar an.

Den Leistungsfanatismus der egalitären NS-Volksgemeinschaft sollte man dort belassen, wo er lebensgeschichtlich hingehört - in die generationelle Prägung der Napola-Schüler und Hitlerjugend.

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27.08.2008 | 07:54 Uhr

Klaus Harpprecht: Abstruser Unsinn

Der Historiker, im Gründungsjahr der Bundesrepublik immerhin achtzehn Jahre alt, scheint in einem anderen Deutschland gelebt zu haben als der Autor dieses Einwurfs: Vom "Leistungsfanatismus" des "Dritten Reiches" war 1945 nichts als der schiere Brechreiz übrig.

Wohl aber vegetierten im Westen an die vierzig Millionen hungernde Deutsche (davon eineinhalb Millionen Ausgebombte), unter die sich im Gang der Jahre zwölf bis fünfzehn Millionen Flüchtlinge und Vertriebene mengten, die nichts besaßen als ein Köfferchen, einen Rucksack, einen Pappkarton mit ein paar Kleidern. Sie allesamt arbeiteten fürs Überleben, für eine Schüssel Kartoffeln und ein Stück Brot, mit denen sie die Mäuler der ausgemergelten Kinder stopften, für ein dürftiges Dach über dem Kopf, für einen Mantel, der sie die Winter überstehen ließ: das war der Antrieb des "Leistungswillens", der den Aufbau vollzog, die eigentliche Dynamik des "Wirtschaftswunders", der entscheidende Impuls der "Sozialen Marktwirtschaft". Wo hatte der junge Wehler seine Augen, seine Ohren? Die lebenslange akademische Existenz, er möge mir die herbe Kritik verzeihen, scheint stets den Preis eines gewissen Wirklichkeitsverlustes zu verlangen. Anders lässt sich der abstruse Unsinn von der "Ressource" des "nazistischen Leistungsfanatismus" als Kraftquell der Bundesrepublik und ihrer Gesellschaft nicht erklären.

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27.08.2008 | 11:51 Uhr
Markus Teuber schreibt: Nationalsozialistisches Erbe ?

Muß man beim Aufbau und der Entwicklung der ersten 20 Jahre Bundesrepublik Deutschland nicht auch die Frage stellen, wieviel Energie und gerade auch Wirtschaftsenergie aus den Vereinigten Staaten nach Deutschland geflossen ist? Und hätte es das Aufbau- und Wirtschaftswunder ohne dieses "positive" Engangement von jenseits des Atlantiks überhaupt gegeben?

Denn dort hatte man ja ein Interesse daran, daß dieses Mal in Deutschland "Alles glatt geht". Daß nicht erneut (wie ab 1925) die wirtschaftlichen Schwierigkeiten die politische Entwicklung bestimmen - diesmal hinein in den Sog des in dieser Zeit noch vermeintlich "besseren" Sozialismus?!
Oder gar wieder zurück in den vielerorts noch warmen Schoß der kürzlich zu Ende gebrachten Unglückszeit?!
Nicht von ungefähr wurde die Idee der "Sozialen Marktwirtschaft" von einem Beraterstab in Washington erdacht!



27.08.2008 | 07:52 Uhr

Gerd Roellecke: Webers und Wehlers Irrtümer

Wehlers These, der Leistungsfanatismus des Nationalsozialismus sei eine Ressource der jungen Bundesrepublik gewesen, wirkt nur plausibel, weil sie sich an Max Webers Meinung anlehnt, die protestantische Ethik habe den Geist des Kapitalismus und damit den wirtschaftlichen Erfolg gefördert.

Besonders englische Historiker haben inzwischen betont, dass die englischen Städte schon lange vor der Reformation vom Geist des Kapitalismus beseelt gewesen seien. Es ist auch zweifelhaft, ob es überhaupt einen spezifisch nationalsozialistischen Leistungsfanatismus gegeben hat. Zur Rassenlehre gehörte vielleicht ein gewisser Darwinismus. Innerhalb der homogenen "Volksgemeinschaft" war aber eher Solidarität angesagt. Arbeitsdienst und Winterhilfswerk konnten auch die Nationalsozialisten nicht mit Konkurrenzkampf propagieren.

Der Vergleich mit Webers Konzept zeigt aber immerhin, welche Kräfte wie lange wirken müssen, ehe sich fundamentale Einstellungen einer Bevölkerung ändern. Die Diesseitigkeit der Religion ist auch wahrlich ein anderes Problem als ein Gemeinschaftsmythos. Führerreden, eine quasiständische Ideologie und knackige Befehle mit Hackenzusammenschlagen produzieren jedenfalls keine "Mentalität". Vielleicht kann man mit ihnen Gehorsam erreichen, bestimmt nicht Leistungsbereitschaft. Wenn man schon nach tieferen psychologischen Gründen für den Leistungswillen in der jungen Bundesrepublik fragt, scheinen mir das Bewusstsein politisch-ökonomischer Ohnmacht, internationale
Diskreditierung, schlechtes Gewissen und einfaches Anpassungsbedürfnis die stärkeren Erklärungen zu sein.

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Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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