
Hans-Ulrich Wehler: Replik
Die Deutung, dass der von den Nationalsozialisten entfesselte Leistungsfanatismus nach seiner "Entbräunung" in den Leistungswillen der Sozialen Marktwirtschaft gewissermaßen als Grundmotorik, transformiert worden sei, ist auf viel entschiedenen Widerspruch gestoßen. Mir ging es um die Historisierung auch von Antriebskräften, die der Nationalsozialismus besonders in den jüngeren Generati-onen entfaltet hat.
Also um die Kontinuität eines schwarzen Erbes, das aber der Bundesrepublik zugute gekommen ist, ohne ein genuines Produkt der neuen Wirtschaftsverfassung zu sein. Außerdem ging es mir um die Unterstützung dieser wieder einmal aus zwei berühmten Aufsätzen von Martin Broszat stammenden Interpretation (die nachweisbare Faszination seiner "Leistungs-Volksgemeinschaft"), die mir sogleich eingeleuchtet hatte; leider ist sie von der Zunft nicht ausgiebiger diskutiert worden. Norbert Frei hat freilich diese Mobilisierungsfähigkeit des Nationalsozialismus früher einmal unterstützt und Michael Wildt hat die Attraktivität der "Volksgemeinschaft" unlängst wieder betont. Nicht aber ging es mir darum, eine Neuartigkeit des Leistungswillens zu postulieren, denn seit dem 18. Jahrhundert hatte sich die bürgerliche Leistungsidee als Strategie gegen adlige Geburtsvorrechte längst durchgesetzt, ehe sie vom Nationalsozialismus und Hitler selber als sozialdarwinistisches Konkurrenzdenken verschärft und umgebildet wurde. Insofern hat der Nationalsozialismus ein bürgerliches Erbe pervertiert.
Sträubt sich in manchen Kommentaren einiges gegen die als Deutung ange-botene These, die Wirkungen dieser NS-Hinterlassenschaft anzuerkennen? Natürlich gab es nach dem Mai 1945 notgedrungen den Kampf um das tägliche Brot, um den Aufbau der Existenz, oft um das schiere Überleben. Aber gehört zur Erklärung des "Wirtschaftswunders", das ich aus einer Kombination von Rekonstruktionserfolg und liberalisierter Weltmarktöffnung ökonomisch hervorgehen sehe, nicht ebenfalls das mentale Unterfutter dieses auffälligen Leistungswillens, der doch auch ein historisches Produkt der 15 Jahre vor 1945 war? Soll dieser braune Leis-tungsfanatismus plötzlich verdampft sein anstatt sich in veränderter Form wieder geltend zu machen? Mit meinen lebensgeschichtlichen Erfahrungen hat die These ziemlich wenig zu tun. Bei Kriegsende war ich gerade 13 Jahre alt, hatte drei Jahre bei den Pimpfen des Jungvolks ohne erwähnenswerte Indoktrination hinter mir und wurde eigentlich erst später durch die Jahre im Leistungssport und einem al-tertümlich anspruchsvollen Gymnasium auf die Verinnerlichung des Leistungsge-dankens hingelenkt. Statt von einer "verkappten Autobiographie" zu sprechen, sollte man auf die Jahrgänge zwischen 1920 und 1930 blicken.
Die These hat diesmal auch nicht mit Webers Religionssoziologie zu tun, denn die katholischen Infanterieoffiziere gingen genau so leistungswillig an die Arbeit wie die protestantischen Panzerkommandeure. Kurzum, die Einwände werden allzu flink auf eine weberianisch eingefärbte, unklug verallgemeinerte lebensgeschichtliche Erfahrung zurückgeführt, ohne die seit Broszat Interpretationsvorschuss existierende These noch einmal prüfend einzugehen. Aber zugegeben: Um empirisch überzeugend zu sein, hätte sie durch serielle Untersuchungen der mentalitäts- und psychischen Antriebsstruktur von Tausenden westdeutscher Erfolgsmenschen der ersten Jahrzehnte der Bundesrepublik erhärtet werden müssen. Vielleicht kommt man ja mit dem Kranz jener Bedingungen, die durch den inneren Notstand und die Weltmarktöffnung geschaffen wurden, für die Erklärung des fulminanten Aufschwungs seit 1948/50 aus, wie die meisten Kommentatoren meinen. Aber kann man ungestraft auf den Transfer des Leistungswillens verzichten?
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