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Album:

Die Platten der Republik

Musik begleitet jedes Leben, jede Epoche und vereinigt sogar geteilte Nationen. Auch die Deutschen hatten seit 1949 ihren Sound: James Last und Peter Alexander, Wolf Biermann und Udo Lindenberg, Nina Hagen und Westernhagen. Welche LP darf in einer Plattensammlung der Republik nicht fehlen? Wir sammeln.

Beiträge

04.09.2008 | 07:47 Uhr

Christoph Becker: Rave Nation

Disclaimer: nie war ich auf einem Rave und Houseabende finde ich meist unwahrscheinlich öde. Will ich Musik, brauch ich Gitarren. Die Platte der Republik gibt es nicht, weil es die Platte des Techno nicht gibt. Aber Techno ist die Musik der Republik.

Denn nur dieser Musikstil hat so viel originär Deutsches, dass sich die These, er habe die Republik geprägt, stützen lässt. Jeder Musiktrend zuvor war ein Versatz englischer und amerikanischer Zitate. Doch nach der Acid-House-Infusion entwickelte sich der Techno in Deutschland eigenständig, wurde zur Musik der wiedervereinigten Generation. Techno war Berlin, Samplerserien nannten sich "Rave Nation".

Und: Techno war unpolitisch. Wer ravte, übernahm Verantwortung - und zwar nur für sich und den eigenen Spaß. Wer mit dem Auflegen Erfolg hatte, ging anschließend ganz sicher nicht in die Politik. Vielleicht ist Klaus Wowereit ja auch deswegen Bürgermeister von Berlin. Und: Kennen Sie einen guten Politiker, jünger als Vierzig? Eben.

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03.09.2008 | 15:51 Uhr

Günter Platzdasch: Petula Clark & Mikis Theodorakis

Mitte der 60er besuchte ich meine Schwester in Genf/Geneva/Genève, wohin sie das Fernweh und die Gnade der DDR-Geburt getrieben hatte (emanzipierte Lehrlingsausbildung: in der BRD-Provinz konnte man mit einer Industriekauffrau aus dem Wartburg-Autowerk damals wenig anfangen - für's Tippen und Kaffekochen überqualifiziert).

Das war für mich, damals in nordhessischen "Zonenrandgebiet" in Wohn-Haft, die große Welt - dazu passend lief in Genf ständig Petula Clarks "Downtown" auf dem Kofferplattenspieler. Auf der Rückfahrt stiegen wir in Freiburg/Br. aus, Besuch bei der Freundin meiner Mutter: die Stadt gleich groß wie Genf, aber so klein und spießig kam's mir vor (erst in den 80ern gefiel mir auch Freiburg). Man mochte's internationaler... Aber das war man doch nicht wirklich: Als meine DDR-Cousine mich in den Somerferien, bei Verwandtenbesuch in Thüringen, in ein Gespräch verwickelte, mochte sie gar nicht glauben, daß wir in BRD-Schulen Mikis Theodorakis nicht kannten ...

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02.09.2008 | 12:59 Uhr

Dieter Hoss: Monarchie, Alltag und Gottseidank nicht in England

Was heute fast schon wie ein Traum klingt: Es hat sie gegeben, die herausragenden politischen Pop-Platten der Republik. Ganz oben steht für mich: "Monarchie & Alltag" von den Fehlfarben aus dem Jahr 1980. Wenn je eine Platte so etwas wie Aufbruch in der Republik erzeugt oder wenigstens symbolisiert hat, dann diese.

"Keine Atempause, Geschichte wird gemacht; es geht voran!" - und letztlich doch: "Paul ist tot - kein Freispiel drin". Rückblickend die ganze(n) Geschichte(n) der Bundesrepublik in elf kleinen Teilen. "Das sind Geschichten vom täglichen Sterben ... das sind Geschichten - und sie sind geklaut!" Genau.

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31.08.2008 | 15:55 Uhr

Björn Bierström: Kraftwerk - Die Mensch-Maschine

Wolfgang Voigt von Kompakt aus Köln sagt, Techno wäre die erste Popkultur, die auf deutschem Boden erfunden worden wäre. Kraftwerk hatte 15-20 Jahre zuvor sicher maßgeblichen Anteil daran.

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29.08.2008 | 16:49 Uhr

Eric Pfeil: Das schönste deutsche Pop-Klavier

In meiner Erinnerung verkitsche ich gerne die Zeit um 1994. Damals erschienen (vornehmlich in Hamburg) haufenweise deutschsprachige Platten, deren Sprache nichts dem Englischen unangenehm Nachgestelltes oder im Deutschrock-Sinne reflexhaft Betroffenes hatten.

Ganz wichtig für mich war Blumfelds "L'Etat Et Moi", weil die Platte das Gefühl des Nicht-einverstanden-seins so eloquent und schön formuliert wie keine hiesige Platte davor und danach. Und weil sie swingt. Ein Godard-Film als Rock-Platte beinah. Richtig ans Herz ging mir aber ein Album der Band Die Regierung: "Ganz unten" hieß die Platte. Mit Wallraff hatte sie gar nichts zu tun, eigentlich waren fast nur Liebeslieder drauf. Unfassbar schnoddrige, lakonische Liebeslieder für Frauen, die Nicole oder Charlotte hießen. Und das Klavier auf diesem Album ist das schönste, das je auf einer deutschen Pop-Platte gespielt wurde.

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29.08.2008 | 13:05 Uhr

Uwe Ebbinghaus: 32 16 8

Der erste deutsche Pop-Song, der mich und meine ganze adoleszente Umgebung regelrecht elektrisiert hat, war "Skandal um Rosi" von der Spider Murphy Gang, aus dem Jahr 1981. Da wir noch so jung waren, traf das Lied nicht irgendein Lebensgefühl (das war damals eher durch eine glühende Verehrung des FC Bayern geprägt), sondern schuf streng genommen eins.

Ein typisches Jugendgefühl, das mit verlierender Unschuld zusammenhing, aber in seiner popigen Eingängigkeit, anders als vielleicht in der Rock-Ära, ungewöhnlich breit angelegt war. (Im Nachhinein betrachtet, ist es kurios, wie stark uns die 80er Jahre - nimmt man die leicht verspätete Lektüre von "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" hinzu - mit Rotlicht konfrontiert haben.)

Die deutsche Platte, die wir in den Jahren darauf neben Westernhagens Pfefferminz-LP (eigentlich, wie Christiane F., von 1978) am häufigsten hörten, war "Volle Lotte" von den Rodgau Monotones. Das Album von 1984 - der Titel ist das Schlechteste daran - gefiel uns glaube ich so gut, weil es so vollkommen vergnügungssüchtig, für damalige deutsche Verhältnisse musikalisch ungewöhnlich virtuos und insgesamt eigentlich sehr undeutsch war. In die Plattensammlung der Republik gehört die LP aber schon wegen so großartiger Reime wie "Seit einem Jahr trag ich das Haar / so wie das Haar von Woytila / Alles wegen Dir".

Mein ungewöhnlichstes Musik-Geschenk hängt eng mit dem geteilten Deutschland zusammen. So bekam ich Mitte der 80er Jahre von meiner Großtante aus der DDR, die mich sehr mochte, weil ich bei einem Besuch eine große Leidenschaft für ihre Thüringer Küche gezeigt hatte, zur Konfirmation die Single "Die kleine Kneipe" von Peter Alexander (Original von 1976) überreicht. Diese Episode verrät glaube ich viel darüber, wie wenig die Generationen und deutschen Nachbarn in dieser Zeit voneinander wussten - und es steckt dennoch eine Menge Sympathie darin.

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29.08.2008 | 12:57 Uhr

Tobias Rüther: Postwall Germany, baby

"Denn ich will dieses Land verstehen", hat der elektrische Liedermacher Bernd Begemann 1993 auf seiner Platte "Rezession, Baby" gesungen, die wie keine zweite die Bundesrepublik ein paar Jahre nach der Wende auf den Punkt bringt, finde ich.

Ihre Fußgängerzonen und Doppelhaushälften, ihre Altpapiercontainer und Hochspannungsmasten, die Apokalypse in Borkhorst, die Mädchen vom CVJM, die Nazi-Verwandtschaft, die Baggerseen, Autokinos, stillen Kirchen und lauten Fabriken und natürlich auch Hitler im "stern", menschlich gesehen.

Begemann singt meist allein zur Gitarre, zieht mit ihr einmal quer von Nord nach Süd, er ist der lachende und der weinende Vagabund, ein klarer Fall von Gegenwartsbewältigung (mit einer Überdosis Vergangenheit, die er vor sich herschiebt und sanft entsorgt). Man hat Begemann damals vorgeworfen, es gehe nicht darum, das Land zu verstehen, sondern es zu verändern. Aber dazu muss man erstmal wissen, in welchem Zustand es sich überhaupt befindet. Das hat Begemann herausgefunden und dazu ein paar bittersüße Melodien geschrieben. Allein wegen des Titels gehört die Platte in die Deutsche Nationalbibliothek, Abteilung Zeitgeschichte, Erinnerungsorte, "postwall Germany, baby".

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28.08.2008 | 12:48 Uhr

Elena Klug: Für die Jüngeren unter uns

Als Jahrgang 1987 fällt das ja nicht so ganz in meine Zeit. Ich erinnere mich aber, dass meine Oma nachmittags nach dem Kindergarten oft mit mir alte Heintje-Schallplatten angehört hat. Ein wahrer Meilenstein bei der Bildung meines Musikgeschmacks.
Außerdem sollte an dieser Stelle für die jüngere Generation natürlich Rolf Zukowski genannt sein. Seine "Vogelhochzeit" hätte es nun wirklich verdient gehabt, in den Charts zu landen.

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27.08.2008 | 14:14 Uhr

Fridtjof Küchemann: Popration

In meiner persönlichen politischen Plattensammlung stehen sie Seite an Seite: "Der blaue Planet" von Karat - und Michael Jacksons "Thriller". Beide sind im Jahr 1982 erschienen, und beide kaufte ich mir, als ich Elf-, Zwölfjähriger bei Verwandten in der DDR zu Besuch war.

Meine Familie reiste jeden Herbst, und mein Vater hat seine Ostmark aus dem Zwangsumtausch in Aufnahmen alter Musik angelegt, die in der DDR in bester Qualität zu haben waren. Ich wollte es ihm gleichtun, begleitete ihn in einen Dresdner Plattenladen, fand aber für mich nichts Passendes - außer Michael Jackson. Zurück daheim bekam ich ein furchtbar schlechtes Gewissen, hatte ich doch unbedarft der armen Jugend im Osten just eine der bestimmt streng rationierten Westplatten weggekauft, die man bei uns indes in jedem Laden haben konnte. Im Herbst darauf tat ich Buße - und kaufte Karat.

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Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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