Paul Nolte: Dahrendorfs "Gesellschaft und Demokratie in Deutschland"
Für mich ohne langes Zögern: Ralf Dahrendorfs "Gesellschaft und Demokratie in Deutschland". Als es 1965 erschien, hatten andere zwar schon die Bahn freigeräumt vom Schutt der deutschen Romantik und des Idealismus, und es war auch nicht das erste Werk des kometenhaft aufgestiegenen Autors. Aber dieses Buch brachte den Bruch, den die Bundesrepublik nicht nur gegenüber dem "Dritten Reich" verkörperte, auf den Punkt. Es steht für die Verwestlichung von Politik und Gesellschaft in Deutschland jenseits einer Selbstzufriedenheit des "Angekommen-Seins". Denn es unterwarf soziale Strukturen und politische Mentalitäten der Wirtschaftswunder-Westdeutschen einer schärfsten Kritik – ohne sich einem neuen Fundamentalismus auszuliefern. Konflikt ist Freiheit: das hat Dahrendorf der Harmonie- und Konformitätssehnsucht entgegengesetzt. Und kein System ist besser geeignet als die in der offenen Gesellschaft verankerte parlamentarische Demokratie, um sowohl Konflikt als auch Freiheit zu sichern. Kein Zweifel: Ralf Dahrendorf ist über viele Jahrzehnte hinweg "Mister politische Kultur der Bundesrepublik" gewesen – oder, pardon, inzwischen ihr "Lord".
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