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Die wichtigsten politischen Bücher

Wir sind, was wir gelesen. Wenn das stimmt, reicht die Frage nach den wichtigsten historisch-politischen Bücher der Deutschen seit 1945 weit. Welche Autoren haben seither unsere Sicht auf die Welt besonders geprägt und verändert? Welche politischen Bücher sind auch heute noch lesenswert?

Beiträge

05.09.2008 | 20:52 Uhr

Paul Nolte: Dahrendorfs "Gesellschaft und Demokratie in Deutschland"

Für mich ohne langes Zögern: Ralf Dahrendorfs "Gesellschaft und Demokratie in Deutschland". Als es 1965 erschien, hatten andere zwar schon die Bahn freigeräumt vom Schutt der deutschen Romantik und des Idealismus, und es war auch nicht das erste Werk des kometenhaft aufgestiegenen Autors. Aber dieses Buch brachte den Bruch, den die Bundesrepublik nicht nur gegenüber dem "Dritten Reich" verkörperte, auf den Punkt. Es steht für die Verwestlichung von Politik und Gesellschaft in Deutschland jenseits einer Selbstzufriedenheit des "Angekommen-Seins". Denn es unterwarf soziale Strukturen und politische Mentalitäten der Wirtschaftswunder-Westdeutschen einer schärfsten Kritik – ohne sich einem neuen Fundamentalismus auszuliefern. Konflikt ist Freiheit: das hat Dahrendorf der Harmonie- und Konformitätssehnsucht entgegengesetzt. Und kein System ist besser geeignet als die in der offenen Gesellschaft verankerte parlamentarische Demokratie, um sowohl Konflikt als auch Freiheit zu sichern. Kein Zweifel: Ralf Dahrendorf ist über viele Jahrzehnte hinweg "Mister politische Kultur der Bundesrepublik" gewesen – oder, pardon, inzwischen ihr "Lord".

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05.09.2008 | 18:21 Uhr

Günter Platzdasch: Günter Amendt, Jörg Huffschmid, André Glucksmann & Hans Kelsen

Amendts "Sexfront" (März-Verlag 1970) war herrlich - zur Befreiung des Körpers in der Vor-Aids-Ära; als politisch engagierter am Gymnasium Blomberg/Lippe (Frank-Walter Steinmeier damals noch politisch unauffällig eine Klasse unter mir) pilgerte ich bis in einen linken Buchladen in Bielefeld, das zu kaufen.

Dann das ebenfalls gelbe Buch von Jörg Huffschmid "Die Politik des Kapitals" (ab 1969 -zig Auflagen in der edition suhrkamp); es schärfte den Blick für den Zusammenhang von Politik und Ökonomie - und die Widersprüche der bundesdeutschen Gesellschaft. 1976 erschien dann (Verlag Klaus Wagenbach) André Glucksmanns Raisonnement "Köchin und Menschenfresser - Über die Beziehung zwischen Staat, Marxismus und Konzentrationslager", das im "roten Jahrzehnt" (Gerd Koenen dixit) den Blick unausweichlich auf die Schattenseiten des Roten Sterns lenkte. Verspätete Lektüre von Hans Kelsen "Demokratie und Sozialismus - Ausgewählte Aufsätze" (Wiener Volksbuchhandlung 1967).

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05.09.2008 | 15:02 Uhr

Gerd Roellecke: von Doemming/Füsslein/Matz "Die Entstehungsgeschichte der Artikel des Grundgesetzes"

Ihre Frage nach dem wichtigsten politischen Buch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kann ich nur abgrundtief beantworten. Ich bin aber bereit, meine Antwort zu verteidigen. Die Antwort lautet:

v. Doemming/Füsslein/Matz: Die Entstehungsgeschichte der Artikel des Grundgesetzes, Jahrbuch des öffentlichen Rechtes neue Folge 1 (1951)

Dieses Buch behandelt mit tiefem Ernst die Frage: Wie konnte eine soziale, rechtsstaatliche Demokratie in eine rohe, stumpfsinnige Diktatur umschlagen? Es zieht praktische Konsequenzen und zeigt heute, was wir an Erfahrungen schon wieder vergessen haben.

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05.09.2008 | 15:01 Uhr

Michael Wildt: Dahrendorfs "Gesellschaft und Demokratie in Deutschland"

Das Urteil von Hans-Ulrich Wehler (S. 21), Karl Dietrich Brachers Buch "Die Auflösung der Weimarer Republik" sei womöglich das wichtigste politische Buch nach 1945 gewesen, hat mich überrascht. Es ist zweifellos eine glänzende Studie, aber für mich war Ralf Dahrendorfs "Gesellschaft und Demokratie in Deutschland" (1965) in seinem ausgreifenden wie scharfsinnigen Überblick weit wichtiger.

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05.09.2008 | 14:47 Uhr

Alfred Grosser: Brachers "Auflösung der Weimarer Republik"

Ich sehe das ganz genauso wie Hans-Ulrich Wehler (S. 21): In meinen Augen ist das beste politische Buch der Nachkriesgzeit - inhaltlich, methodologisch, geistig - die bereits 1954 erschienene Studie "Die Auflösung der Weimarer Republik", verfaßt von meinem Freund und Lehrer Karl Dietrich Bracher.

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05.09.2008 | 11:30 Uhr

Peter Merseburger: Rüstows "Ortsbestimmung der Gegenwart"

Alexander Rüstow, Philosoph und Nationalökonom, ging 1933 ins Exil in die Türkei, wo er einen Lehstuhl in Istanbul übernahm und seine 3 Bände der "Ortsbestimmung der Gegenwart" schrieb. Sie erschienen in den fünfziger Jahren, nachdem Rüstow 1950 einen Ruf nach Heidelberg angenommen hatte. Dieses Werk beschreibt praktisch die gesamte Geschichte (auch die Religions- und Kulturgeschichte) vom Altertum bis zur heutigen Zeit und untersucht sie auf ihre Tendenzen hin zu entweder Freiheit und Aufklärung oder Repression und Diktatur. Besonders interessant ist dabei natürlich die deutsche Geschichte, die im Mittelpunkt von Band zwei und drei steht, aber stets im europäischen und außereuropäischen Kontext behandelt wird. Rüstow zählt zu den heute zu Unrecht vergessenen Denkern.

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05.09.2008 | 11:19 Uhr

Andreas Anter: Arendts "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft"

Das für mich wichtigste historisch-politische Buch der Jahre zwischen 1949 und 1990 ist Hannah Arendts Werk "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft". Es erschien zwar zuerst 1951 in New York, aber da die Autorin es teilweise auf deutsch geschrieben hat und zudem bis zu ihrer Emigration in Deutschland lebte, darf man das Werk sicher mit einem gewissen Recht zugleich zu den deutschen Büchern zählen. Es handelt sich um einen der ersten Versuche, das Wesen totalitärer Herrschaft zu beschreiben, im vergleichenden Blick auf den "totalen Staat" in Deutschland und die Herrschaftspraxis im sowjetischen Imperium. In einer subtilen Darstellung, die bis heute nichts von ihrer Intensität und Wirkungskraft verloren hat, zeigt Hannah Arendt, worauf totalitäre Herrschaft beruht und warum Ideologie und Terror ihre wesentlichen Elemente sind.

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05.09.2008 | 11:10 Uhr

Klaus Harpprecht: Allemanns "Bonn ist nicht Weimar"

Das wichtigste Buch in dem halben Jahrhundert seit 1945: Auf Deutschland bezogen, war dies für diesen Augen- und Ohrenzeugen Fritz René Allemanns große Studie "Bonn ist nicht Weimar", erschienen im Jahre 1956. Wehler erwähnt diese erste gründliche Analyse der Bundesrepublik nur einmal eher beiläufig. Er nannte das Buch, dessen Titel zum geflügelten Wort wurde, einen "Bestseller". Darin täuscht er sich. Dieser glänzende und gründliche Versuch einer ersten Antwort auf die Frage nach dem "Schicksal der deutschen Demokratie" (Allemann) fand noch nicht einmal dreitausend Käufer. Der Schweizer Journalist und Schriftsteller, stellte resümierend fest : "die Bundesrepublik hat die Chance des neuen Anfangs, die ihr gegeben war, trotz mancher Schwächen bisher eindrucksvoll zu nutzen gewußt ; sie ist mit Schwierigkeiten fertig geworden, an denen der erste demokratische Staat der Deutschen zerschellte…"

Das Geschwätz von der "Restauration", das die Debatte der Intellektuellen, dank Walter Dirks, überschwemmte, noch ehe die Bundesrepublik so recht ins Leben getreten war, erweist sich bei der Lektüre von Allemanns nüchterner Bilanz als eine der üblichen Klagen des deutschen Kulturpessimismus, dieses luxuriöse Laster der "gebildeten Schichten", die den demokratischen Impuls schon im Bismarck-Reich und erst recht in Weimar im Sumpf der wehleidigen Melancholien ersäufte.

Das bedeutendste politisch-philosophische Buch: Albert Camus Essay "Der Mensch in der Revolte" - die tapfere Formulierung des großen "Dennoch", das von uns nach dem "Untergang des Abendlandes" in den Zivilisationsbrüchen des Nazismus und Stalinismus gefordert war.

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05.09.2008 | 11:03 Uhr

Michael Stolleis: Fraenkels "Deutschland und die westlichen Demokratien"

Ernst Fraenkel, der Frankfurter Schüler von Hugo Sinzheimer, vom Nationalsozialismus in die Emigration getrieben, wo er die bis heute grundlegende Studie über den "Doppelstaat" geschrieben hatte, lehrte ab 1951 wieder in Berlin Politische Wissenschaft, insbesondere "Vergleichende Lehre der Herrschaftssysteme". Sein bescheiden aufgemachter Sammelband von 1964 "Deutschland und die westlichen Demokratien" war für mich die erste Stimme, die mir in einfachen und klaren Worten sagte, worin die Unterschiede der deutschen und der "westlichen" Tradition der Demokratie lagen, wie es um die "Genesis der deutschen Parlamentsverdrossenheit" stand, was "Gemeinwohl" für eine verführerische und zugleich hohle Formel war, was für philosophische Hypotheken wir mit uns herumschleppten, wenn wir den faktischen und den hypothetisch-"wirklichen" Willen des Volkes gegeneinander ausspielten. Fraenkel stand für Pluralismus, öffentliche Auseinandersetzung, prozedurales politisches Denken, Abwesenheit von Staatsmetaphysik. Das war frischer Westwind für denjenigen, der um 1965 über die Grundlagen des freiheitlichen demokratischen Rechtsstaats nachzudenken begann.

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05.09.2008 | 07:32 Uhr

Andreas Fahrmeir: Wehlers "Das deutsche Kaiserreich"

Als historisches Buch würde ich - nach aller Kritik an Wehlers letztem Band scheint mir das besonders gerechtfertigt - Wehlers Buch "Das deutsche Kaiserreich 1871-1918" (1973) nominieren. Es ist sicher nicht "das" historische Buch der Epoche, weil es einen klaren Gewinner m.E. nicht geben kann. Ein weiterer persönlicher Favorit wäre Lothar Galls "Bürgertum in Deutschland", Richard Evans "Tod in Hamburg", und es gäbe zwar nicht
unbegrenzt viele, aber doch einige weitere in der Preisklasse.

Besonders wichtig fand ich, daß es Wehler in dem schmalen Band gelungen ist, zu zeigen, daß eine "neue" Geschichtsschreibung möglich war: scharf, polemisch, witzig, mit vielen hergebrachten Vorurteilen brechend, zugleich in einem analytischen Duktus gehalten und auf enormer Recherche basierend - im Vergleich zu bisherigen Nationalgeschichten war das nicht nur frischer Wind, sondern ein dramatischer Aufbruch.

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Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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