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Sonntag, 24. August 2008
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Auszug aus: "Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1949-1990"

Folge 1:

In keinem westlichen Staat der Gegenwart kann der informierte Beobachter auf einen derart hektischen Wechsel der politischen Regimeformen wie in Deutschland zurückblicken. In unserem Zusammenhang steht am Beginn der bunte Flickenteppich politischer Herrschaftsverbände im Alten Reich, das als Folge der napoleonischen Intervention einen gewaltigen politischen Konzentrationsprozeß erlebte und schließlich selber zerfiel,
gefolgt von der lockeren staatenbündischen Föderation des Deutschen Bundes, dem Kaiserreich von 1871 mit zwei Dutzend weiter bestehenden Gliedstaaten und -städten unter einer monarchischen Hegemonialmacht, der Weimarer Republik als Verkörperung einer systemumstülpenden politischen Zäsur, dem Führerstaat des «Dritten Reiches» mit der charismatischen Herrschaft Hitlers im Inneren und ebenso schrecklicher Herrschaft
nach außen, schließlich die beiden Neustaaten von 1949, von denen der westliche sich alsbald zu einer zukunftsfähigen parlamentarischen Republik entwickelte, während der östliche als sowjetische Satrapie die doppelte Diktaturerfahrung unter einem lebensunfähigen linkstotalitären System erlebte. Am Ende steht schließlich die Fusion dieser beiden Neustaaten, wobei sich die Bundesrepublik als in jeder Hinsicht strukturprägender Kernstaat, der sich unter einer bewährten liberal-demokratischen Verfassung fünf neue Bundesländer angliederte, behauptet hat.
Wohin auch immer man in der westlichen Welt blickt, hat sich nirgendwo ein derartiger Wirbel der Herrschaftsformen ereignet wie im deutschsprachigen Mitteleuropa, schließlich auch im Gehäuse des deutschen Nationalstaats von 1871. Der politischen Mentalität seiner Bevölkerung wurden dadurch traumatische Verletzungen zugefügt und enorme Anpassungsleistungen abverlangt. Es grenzt schon an ein kleines Wunder, daß sich insbesondere über die letzten hundert Jahre hinweg eine regenerationsfähige politische Grundsubstanz erhalten hat, die trotz zweier Weltkriege und zweier Diktaturen den Auf- und Ausbau eines demokratischen Gemeinwesens ermöglichte.
Trotz aller Belastungen, die mit den historischen Sonderbedingungen seiner Entwicklung verbunden waren, war Deutschland bis 1914 immer ein unbestrittener Teil der westlichen Welt gewesen, ehe es seit dem Ersten Weltkrieg, vollends dann seit 1933, aus seinem Kulturkreis mit den fatalsten aller denkmöglichen Folgen ausschied. Nach 1945 kehrte Westdeutschland mit zielstrebiger Anstrengung in diesen Kulturkreis wieder zurück, und die Tatsache, daß eine derart schwierige Umkehr so verblüffend schnell gelang, war nicht nur dem Einfluß der westlichen Alliierten, sondern vor allem auch dem Sockel an politischen und mentalen Traditionen zu verdanken, der in der Epoche des Zweiten Dreißigjährigen Krieges zwar schwer beschädigt, aber nicht vollständig zerstört worden war. Auf dieser zügig renovierten Basis konnte die Bundesrepublik aufbauen, sich als lebenstüchtig und zukunftsfähig erweisen und die gescheiterte sowjetische Satrapie in Ostdeutschland aufnehmen.
(S. 424/425)

Als der deutsche Einigungsprozeß 1990 dazu führte, daß die DDR in Gestalt von fünf neuen Bundesländern in die Bundesrepublik aufgenommen wurde, wird auch dem letzten Zweifler klar geworden sein, was sich seit langem angekündigt hatte: Die Bundesrepublik, in der die große Mehrheit der Deutschen lebte, verkörperte von Anfang an einen lebens- und zukunftsfähigen Neustaat, in dem sich alle wesentlichen Modernisierungsprozesse – ob in der Politik und in der Wirtschaft, im Recht und in der Kultur – durchzusetzen vermochten, da ihnen eine nachhaltige Förderung zustatten kam. Dank dieses uneinholbaren Vorsprungs konnte sie auch 1989/90 mit dem Recht des historisch Überlegenen die kollabierte DDR aufnehmen. Die DDR dagegen existierte genau 40 Jahre lang nicht aus Eigenrecht, sondern als eine sowjetische Satrapie, die in letzter Instanz auf den russischen Bajonetten beruhte. Als ihr diese Unterstützung in der tödlichen Krise von 1989 entzogen wurde, besaß sie nicht die Fähigkeit zur Selbststabilisierung. Bis dahin hatte ihr politisches System in die Sackgasse einer staatskommunistischen totalitären Parteidiktatur geführt, deren von einer starren Ideologie erzeugte Lernunfähigkeit von Jahr zu Jahr deutlicher zutage trat. Ihre Wirtschaft war einer rigorosen Planwirtschaft unterworfen worden, deren Funktionsschwäche zusehends deutlicher wurde. Ihre Sozialstruktur prämierte nicht Mobilität und Leistung, sondern orthodoxe Gesinnung und Nähe zur Nomenklatura. Ihr Recht unterwarf den Bürger der Parteiwillkür. Ihr Kulturleben wurde von innovativen Impulsen abgeschlossen.
Kurzum: Die kurzlebige Existenz der DDR hat in jeder Hinsicht in eine Sackgasse geführt. Daher wird auch in diesem Band der DDR-Geschichte keine gleichwertige Behandlung mit der Bundesrepublik eingeräumt. Sie wird vielmehr als Kontrast und zum Vergleich herangezogen. Das impliziert keine Kritik an den Einwohnern der SBZ und DDR, die nach der Massenflucht bis 1961 dort geblieben sind. Denn ihre erdrückende Mehrheit hatte sich nicht gewünscht, unter diesem Repressionsregime zu leben. Alle falschen Weichenstellungen, die in Ostdeutschland vorgenommen worden sind, müssen nach dem Vorbild des westdeutschen Modells in einem mühseligen Prozeß korrigiert werden. Das ist die Bürde der neuen Bundesrepublik seit 1990. Das Intermezzo der ostdeutschen Satrapie muß aber nicht an dieser Stelle durch eine ausführliche Analyse aufgewertet werden. Man kann es der florierenden DDR-Forschung getrost überlassen, das Gelände eines untergegangenen, von seiner eigenen Bevölkerung aufgelösten Staatswesens mit all seinen Irrwegen genauer zu erkunden.
(S. XV/XVI)

Porträt Hans-Ulrich Wehler


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