Home
Lesesaal
FAZ.NET
Samstag, 06. September 2008
Seite weiterempfehlen

Empfehlen Sie den Lesesaal Freunden und Bekannten!

Bitte geben Sie den Sicherheitscode ein

absenden
Lesezeichen:
yigg delicious link webnews digg wong Furl Oneview

Auszug aus: "Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1949-1990"

Folge 12:

Gab es eine Amerikanisierung der westdeutschen Wirtschaft
nach 1945?


Bei den verschiedenen Anläufen, die Antriebskräfte und vorteilhaften Rahmenbedingungen der ökonomischen Expansion der Bundesrepublik zu charakterisieren und auch zu erklären, hat die These von der Amerikanisierung ihrer Wirtschaft zeitweilig eine prominente Rolle gespielt. Der institutionelle Umbau der Betriebe, die Veränderungen in der Unternehmensführung, das neue Weltbild mit den andersartigen Werten und Normen
der Unternehmer – sie alle hätten sich, hieß es, nach amerikanischem Vorbild in den 1950er/60er Jahren durchgesetzt und maßgeblich zum Erfolg der Wirtschaftswunderjahre beigetragen. Insbesondere die Mentalität der Unternehmer- und Managerelite habe sich aufgrund des Ideentransfers in transatlantischen, aber auch innerdeutschen Netzwerken einflußreicher Persönlichkeiten von Grund auf verändert, so daß die Entscheidung für
Massenproduktion und Konsumgüterherstellung, gegen Kartellmacht und formelle Hegemonie der Vorbildwirkung der Vereinigten Staaten, in gewisser Hinsicht der ökonomischen Umerziehung der deutschen Unternehmerschaft nach nordamerikanischem Leitbild zu verdanken sei. Mit dem Begriff der Amerikanisierung steht mithin die Frage zur Debatte, ob man dem unterstellten folgenreichen Export von Institutionen und Werten,
Verhaltensformen und Verfahrensweisen aus Amerika derartige Wirkungen zusprechen darf.

1. Blickt man auf die institutionelle Reorganisation der westdeutschen Wirtschaft, läßt sich der anfängliche Einfluß der amerikanischen Politik nicht leugnen. Große Unternehmen mit einer marktbeherrschenden Stellung wurden der "Entflechtung" unterworfen. Die IG Farben z. B. wurden in drei große Betriebe: Bayer Leverkusen, BASF und Hoechst, zerlegt, die
seither als getrennte Einheiten bestehen blieben. Die Vereinigten Stahlwerke wurden ebenfalls aufgelöst: Der Großteil wurde von der Thyssen AG übernommen, die entgegen den alliierten Entflechtungshoffnungen alsbald zum drittgrößten Unternehmen der Bundesrepublik, drittgrößten Stahlproduzenten in Europa und viertgrößten Rohstahlerzeuger der Welt aufstieg. Die Großbanken wurden in dreißig Regionalbanken aufgeteilt, doch bis 1957 gelang ihnen durchweg wieder die Fusion zu den großen Universalbanken alten Stils. Überhaupt ließ sich die vertikale Integration, der Konzentrationsprozeß in der westdeutschen Wirtschaft, mit wachsendem politischem Spielraum gegenüber den westlichen Alliierten nicht aufhalten.

Erst 1957 kam, durchaus amerikanischen Wünschen entsprechend, das von der Lobby älterer Unternehmer verbissen bekämpfte Antikartellgesetz "gegen Wettbewerbsbeschränkung", eine Art Grundgesetz des Erhardschen Ordoliberalismus, endlich zustande, das die Rückkehr der klassischen deutschen Kartelle verhinderte. Freilich war die Abwendung von der Kartellmacht faktisch schon seit der zweiten Hälfte der 1920er Jahre vollzogen worden, als statt ihrer Großkonzerne nach dem amerikanischen Vorbild des Trusts – wie etwa die IG Farben, die Vereinigten Stahlwerke, die Continental AG – tendenziell ganze Industriezweige zu dominieren suchten. Überhaupt setzte eine große Fusionswelle, welche Kartelle in gewisser Weise überflüssig machte, schon vor 1929 ein. Insofern bestätigte das Kartellgesetz, ungeachtet der Opposition, einen seit 30, 40 Jahren wirksamen Trend.

2. Daß die Rationalisierungsschübe und das Produktionsmodell der deutschen Großindustrie nach 1949 auf der Linie der Normierungsmaßnahmen und des Übergangs zur Massenproduktion lagen, die in Deutschland längst eingeschlagen und durch die beiden Weltkriege noch verstärkt worden war, ist vorn bereits erörtert worden. Auch von einer Amerikanisierung der deutschen Technologie im Kontext einer vermeintlichen Aufholjagd
kann ernstlich nicht gesprochen werden, da amerikanische Technologie entweder schon viel früher übernommen oder durch die Parallelentwicklung in Deutschland überflüssig gemacht worden war. Statt der behaupteten Imitation gab es eher Austausch, insgesamt eher Eigenständigkeit und auf längere Sicht Konvergenz.

3. Gab es einen mentalitätsgeschichtlichen Wandel der deutschen Industrieeliten, unter denen die amerikafreundliche Fraktion sich frühzeitig durchgesetzt habe? Angesichts des außerordentlich hohen Maßes an sozialer Kontinuität in der deutschen Unternehmer- und Managerschaft bis weit in die 1960er Jahre hinein (1965 waren nur 16 % der Spitzenmanager weniger als 60 Jahre alt) ist das Forschungsergebnis, daß ihre Prägung
durch eigene Erfahrungen, durch ihre Selbstbezogenheit auf die eigenen Aufbauerfolge bis zu diesem Generationswechsel zwanzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg im Vordergrund gestanden hat, durchaus einleuchtend. Erst seither begann sich in einem quantitativ ausschlaggebendem Maß die nachrückende jüngere Generation an Amerika zu orientieren (vgl. hinten IV. A. 2 die Diskussion dieser sozialgeschichtlichen Kontinuität und Diskontinuität).

Sucht man außerhalb des zunächst kleinen Netzwerks amerikafreundlicher Unternehmer und Manager nach den Wegen und Medien amerikanischer Einflußnahme, ist die Präsenz amerikanischer Manager in der Bundesrepublik nicht unwichtig. Zuerst meist in kleineren Betrieben, aber auch in großen amerikanischen Filialen wie Ford, Opel, IBM, Esso, Texaco
tätig, wuchs ihre Zahl von 1950 bis 1973 von 51 auf 520 Personen. Auch von ihnen wurde jedoch keine systematische, strategisch fundierte Angleichung an die Verhältnisse in der amerikanischen Industrie betrieben. Und die Semantik des amerikanischen Wirtschaftslebens, einschließlich der Wirtschaftswissenschaft, ein wichtiges Indiz der Umorientierung, wurde ebenfalls bis 1970 nicht übernommen. Erst seither kann man bei
einer neuen Generation in den Führungsetagen der westdeutschen Wirtschaft davon sprechen, dass sie sich zunehmend am amerikanischen Vorbild orientiert.

4. Was schließlich die Veränderung der Unternehmensführung, den Verhaltenswandel, das institutionelle Regelwerk (z. B. die Übernahme des amerikanischen Divisionsprinzips) angeht, konnte bis in die 80er, ja 90er Jahre vom Fetisch des "Shareholder Value" keine Rede sein. Marketing, Leasing, kontinuierliche Unternehmensberatung – sie blieben bis etwa 1970 den allermeisten deutschen Betrieben noch ziemlich fremd. Das Verhältnis
zu den Gewerkschaften war, aufs Ganze gesehen, durch beiderseitigen Pragmatismus bestimmt. Mochte der Modebegriff der "sozialen Partnerschaft" den Kritikern auch zu euphemistisch klingen, traf er hier doch in ungleich höherem Maße zu als auf die feindselige Polarisierung in den USA. Nichts anderes wirkte dort so fremdartig wie die deutsche Mitbestimmung seit 1952, erst recht seit ihrer Ausdehnung 1972. Sie stammte
ideengeschichtlich aus den Wurzeln der deutschen Gewerkschaftstheorie und der christlichen Soziallehre, praktisch aus den Kooperationserfahrungen der Kriegs- und Nachkriegszeit, mitnichten aber aus Amerika, wo sie durchweg als verfehltes Experiment galt.

Die neuen Leitsektoren erwiesen sich, wie übrigens auch die Banken und Versicherungen, gegenüber einer Amerikanisierung schon deshalb jahrzehntelang als resistent, weil die Chemische und die Elektrotechnische Industrie in verblüffender Geschwindigkeit aus eigener Kraft ihre globale Spitzenstellung wieder zurückgewonnen hatten, die Kunst des Baus komplizierter Maschinen nicht verlorengegangen war und Autohersteller wie
VW, bald auch Daimler Benz, BMW und Porsche die weltweit modernsten Werke besaßen, auch von amerikanischen Ablegern in Westdeutschland wie Ford und Opel keineswegs übertroffen wurden.

Erst seit den 1970/80er Jahren gewann, wie gesagt, in einer jüngeren Generation deutscher Unternehmer und Manager das amerikanische Vorbild an Attraktion. Der anwachsende Druck der Globalisierung, die verschärfte asiatische Konkurrenz, die amerikanische Innovations- und Risikobereitschaft, der kurze Weg der Forschungsergebnisse in die industrielle Produktion, die Ausstrahlung des Erfolgsmythos der westlichen Hegemonialmacht – solche Faktoren wirkten zusammen, um in den Führungspositionen deutscher Unternehmen die Einstellung gegenüber dem damals leistungsfähigsten Wirtschaftssystem der Welt so zu verändern, daß die Faszination durch ein nachahmenswertes Modell an Boden gewann und die Selbstzufriedenheit mit der eigenen Erfolgsgeschichte verdrängte.
(S. 67-69)


Westintegration und Amerikanisierung

Da die gepanzerte Grenzlinie zwischen den diametral entgegengesetzten weltpolitischen Blöcken seit 1945 mitten durch Deutschland verlief, gab es angesichts der latenten Bedrohung durch den sowjetischen Totalitarismus für den jungen Weststaat im Grunde keine gleichwertigen und daher schwierig zu entscheidenden Optionen im Hinblick auf seine politische Grundentscheidung. Zwar mochte der SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher
einer auf Wiedergewinnung der staatlichen Einheit zielenden Nationalpolitik, trotz seines leidenschaftlichen Antikommunismus sogar um den Preis einer Neutralisierung, den Vorrang einräumen, und auch in anderen politischen Parteien und in Teilen der Öffentlichkeit war dieses Beharren auf den vertrauten Denkbahnen des Primats der Nationalstaatspolitik anzutreffen. Doch seitdem die Konstanz der feindlichen Lagerbildung und die anlaufende Umwandlung der SBZ in eine sowjetische Satrapie klare Konturen gewonnen hatte, seit 1947 also, entfiel jede glaubwürdige Alternative zur Westintegration erst der drei alliierten Besatzungszonen zwischen Elbe und Rhein, dann der Bundesrepublik. Adenauer gewann auch deshalb seinen politischen Vorsprung, weil er seit dem Herbst 1945 frühzeitig,
klarsichtig und kompromißlos auf diesen Kurs setzte, anstatt sich gefährlichen Träumen über riskante Wege zur nationalstaatlichen Einheit hinzugeben.

Die Westbindung war von Anfang an mit einem Souveränitätsverzicht verbunden, welcher der Bundesrepublik nach der Zerstörung des "Dritten Reiches" leichter fiel als etwa Frankreich. Und sie war gebunden an die Anerkennung der amerikanischen Hegemonie über den nichtkommunistischen Teil des Globus, zumal dem vitalen deutschen Sicherheitsbedürfnis nur durch den Schutzschirm, den die Vereinigten Staaten mit der NATO
über Westeuropa aufgespannt hatten, Rechnung getragen wurde.´

Nach der Zäsur von 1945, die wegen der Zerschlagung des Deutschen Reiches, des Verlustes der Ostgebiete und der Teilung des Landes im Grunde "revolutionäre Züge" trug, ohne doch während dieser traumatisch besetzten Umbruchphase in der Bevölkerung ein "revolutionäres Bewußtsein" zu erzeugen, sicherte dieses effi ziente Protektionssystem, auf dem zu beharren das "zweite Grundgesetz der Bundesrepublik" (C. Kleßmann) verkörperte, zusammen mit der inneren Stabilisierung der Bundesrepublik die Rückkehr zu einer gewissen "Normalität" des Lebens in Westdeutschland, auf die damals jedermann so versessen war. Es war diese Wahrnehmung der Schutzfunktion durch eine Weltmacht, die soeben noch die Allianz der Deutschlandgegner angeführt hatte, zusammen mit dem wuchtigen Vordringen der amerikanischen Vorbildkultur, die nicht nur jede Kritik an der Hegemonie der USA – unlängst noch in den Jahrzehnten deutscher Hybris eines vermeintlichen Aufstiegs zur Weltherrschaft gang und gäbe – im Keime erstickten, sondern weit darüber hinaus eine feste politische und emotionale Anbindung erzeugten.

Deutschland war seit jeher ein Teil des Westens gewesen. Das galt dort im Frühjahr 1914 ungeachtet aller Differenzen und wechselseitigen Kritik überall als unstrittig. So deutlich es auch ältere historische Wurzeln und Antriebskräfte für den seither folgenden deutschen "Sonderweg" gab, ist das Land doch, strenggenommen, erst zwischen 1914 und 1945 mit den vorher unvorstellbar fatalsten Konsequenzen aus seinem Kulturkreis ausgeschieden. Nach 1945, insbesondere seit 1949, war das Bemühen, wieder in die westliche Welt zurückzukehren, in einem extrem hohen Maße konsensfähig. Nur im Geltungsbereich der sowjetischen Bajonette konnte der Kommunismus als Orientierungsziel zeitweilig aufgezwungen werden. Nachdem der "Dritte Weg" des "Dritten Reiches" in den Abgrund geführt hatte, erwiesen sich alle Fantasiegebilde von einem neuen "Dritten Weg"
zwischen westlicher Demokratie und Staatskommunismus als minoritäre Phänomene am Narrensaum der Politik.

Der für diese Debatte unlängst vorgeschlagene Kunstbegriff der "Westernisierung" ist daher eine ahistorische Fehlkonstruktion, ganz abgesehen davon, daß diese neudeutsche Prägung in der politischen Semantik auf verständlichen Widerstand trifft. Denn die Wiedereinbindung Westdeutschlands in den Westen war kein Produkt der Nachahmung verlockender westeuropäischer Vorbilder; allenfalls wurde die Erfolgsgeschichte des englischen Parlamentarismus endlich bewundert. Vielmehr dominierte ganz und gar der amerikanische Einfluß, so daß man von dem nunmehr gesteigerten, aber schon seit langem, seit etwa 1900, anhaltenden Prozeß der Amerikanisierung sprechen muß. Diese verlief freilich seit den späten 40er Jahren als ein geradezu vehementer Kulturtransfer, der alle Medien und den Literaturbetrieb, die Politik, die Populärkultur und die Alltagsgewohnheiten
erreichte. Die traditionelle Kulturkritik an der Amerikanisierung blieb auf ein kleines Häuflein an der Peripherie beschränkt.

Der von amerikanischen Medienexperten initiierte und von Washington geförderte "Kongreß für kulturelle Freiheit" z. B. brachte nicht nur zahllose Intellektuelle und Politiker auf seinen Tagungen und durch seine Zeitschrift "Der Monat" zusammen. Vielmehr fungierte er auch als überaus effektive Ideenschleuse, wie das das Austauschprogramm für deutsche Studenten, die im Rahmen des Fulbright-Programms ein Jahr lang in Amerika studieren konnten, ebenfalls tat. Auf einer ganz anderen Ebene transportierten Musik- und Kleidermoden, Filme und die rasch expandierende Welt der Werbung amerikanische Vorbilder nach Westeuropa, wo die bundesrepublikanische Gesellschaft durch ihre vorbehaltlose Aufnahmebereitschaft hervorstach. Erst seit den 1980er Jahren gerieten auch die deutschen Großunternehmen in den Bann des amerikanischen Kapitalismus, der seither das Kooperationssystem des "rheinischen Kapitalismus" zu zersetzen begann (s. vorn III.5).

Bis dahin hatte sich eine aus den späten 50er Jahren stammende, lange Zeit umstrittene Interpretation des einfl ußreichen amerikanischen Soziologen Seymour M. Lipset auch in der Bundesrepublik bestätigt. Obwohl die moderne privatkapitalistische Entwicklung keine unabdingbare Vorbedingung für eine erfolgreiche Demokratie bildet, glaubte Lipset doch
nachweisen zu können, daß die freie Marktwirtschaft durch den von ihr vorangetriebenen "Cluster of Social Changes" die Demokratie, ihre Legitimation und Stabilität unterstütze, wie umgekehrt ein demokratisches System den marktwirtschaftlichen Wachstumsprozeß nachhaltig fördere. Ein breit angelegter internationaler Vergleich hat diese Thesen unlängst im Kern bestätigt, und die Bundesrepublik kann geradezu als eines ihrer Musterbeispiele gelten.
(S. 245-247)

Porträt Hans-Ulrich Wehler


Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1949-1990


FAZ.NET-Buchshop


Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte Band 1 - 5


FAZ.NET-Buchshop

mit freundlicher Unterstützung von:
C.H.BECK

Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

F.A.Z. Electronic Media GmbH 2001 - 2008