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Auszug aus: "Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1949-1990"

Folge 14:

Renaissance des Bürgertums in der Bundesrepublik?

Die Geschichte des deutschen Bürgertums wird seit jeher von einer unablässig anhaltenden Diskussion über seine Überlebensfähigkeit begleitet. Ständig geht es dabei um Aufstieg oder Zerfall, Expansion oder Erosion, Exklusion oder Inklusion, um Triumph, Desintegration, Niedergang, Aushöhlung oder sogar Auflösung. Namentlich der Krisendiskurs ist als ein Medium bürgerlicher Selbstverständigung stets ein integraler Bestandteil der bürgerlichen Welt auch und gerade in den Zeiten äußerlich progressiver, ja glanzvoller Stabilität gewesen. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts steigerte er sich oft zu einer wahren Untergangsrhetorik. Doch der pessimistische Abgesang hat sich bisher stets als verfrüht erwiesen, zumal jeder Wandel in Gefahr stand, als Zerstörung wahrgenommen zu werden.

Insofern kann es nicht überraschen, daß sich nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs die düsteren Prophezeiungen allenthalben häuften, etwa im Stil des apodiktischen Urteils von Kurt Tucholsky: "Das bürgerliche Zeitalter ist dahin." Und genauso wenig sollte es eigentlich überraschen, daß nach den Turbulenzen der Weimarer Republik und des "Dritten Reichs", des zweiten totalen Krieges und der für Millionen schrecklichen Nachkriegszeit dieselbe Diagnose eines nunmehr unwiderruflichen Endes des deutschen Bürgertums zahllose Male wiederholt wurde.

Tatsächlich bietet das Bürgertum in Westdeutschland ein durchaus ambivalentes Bild. Verschwunden aber ist es ganz und gar nicht. Die Großbourgeoisie (1,2 % der Bevölkerung) und große Teile des gehobenen Wirtschaftsbürgertums (4,8 %) hatten nach 1918 im Grunde, allen gescheiterten Unternehmen und gehäuften Insolvenzen zum Trotz, den hektischen Wechsel von Nachkriegsaufschwung, Hyperinflation, Hochkonjunktur,
Weltwirtschaftskrise und Rüstungsboom erstaunlich gut überstanden. Nur die NS-Rassenpolitik hatte innerhalb kürzester Zeit alle jüdischen Unternehmer und Schlüsselfiguren der Finanzwelt, insbesondere die Privatbankiers, aus ihren Leitungspositionen verdrängt und schließlich, wenn ihnen die Emigration nicht gelang, umgebracht. Dagegen verzichtete kein einziges "arisches" Vorstands- oder Aufsichtsratsmitglied auf seine Funktionen oder verließ sogar Deutschland.

Selbst in den Kriegsjahren gab es keine drastische Veränderung in der sozialen Komposition der Wirtschaftselite und des gehobenen Wirtschaftsbürgertums. Die Betriebe griffen auf bewährten Nachwuchs zurück; er hätte dank seiner Kompetenzen und Netzwerke auch ohne den Nationalsozialismus Karriere gemacht. Speers ehrgeizige "junge Männer" stammten ebenfalls ganz überwiegend aus diesem Rekrutierungsreservoir. Der eher verhaltene Vorstoß der NSDAP auf die Führungsetagen war nur punktuell, etwa bei der GM-Tochter Opel, von Erfolg gekrönt.

Zwar besaßen unstreitig prominente Parteigenossen nach 1945 in der Regel keine sonderlich helle berufliche Zukunft mehr. Doch die Zweidrittel-Mehrheit der Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder, die – dem exakten Sample von Hervé Joly zufolge – zeitweilig in alliierte Internierungslager wanderten oder danach von den Entnazifizierungskommissionen gebremst wurden, faßte bereits seit den späten 40er Jahren wieder Fuß. Ihre aktive Mitwirkung in der Kriegswirtschaft mit dem allgegenwärtigen System der Sklavenarbeit galt keineswegs als Makel, geschweige denn ihre Lagerhaft. Nur ein knappes Viertel dieser Spitzenfiguren kehrte nicht auf seine alte oder eine äquivalente Position zurück. Die allermeisten Vorstandsangehörigen der frühen Wirtschaftswunderjahre hatten daher schon vor 1933 ihre berufliche Stellung innegehabt. Jeder Elitenvergleich lenkt auf diese auffällige Kontinuität hin (vgl. vorn IV.2), bis seit den späten 60er Jahren endlich eine neue Generation vorrückte. Erst damals verschwand auch die anachronistische Sozialfigur des Bergassessors oder des "Schlotbarons" – nach 1945 noch verkörpert von P. Reusch, H.-G. Sohl, G. Henke, H. Winkhaus –, die durch eine weniger autoritäre Expertenoligarchie ersetzt wurden. Den später dominierenden Typus des Krisenmanagers à la Rohwedder, Gödde, Cromme trennten buchstäblich Welten von diesen traditionellen Unternehmenspatriarchen.

Unterhalb der Spitzenposition hielt sich im Management der großen Betriebe, unter den Leitern der kaufmännischen und technischen Abteilungen eine vergleichbare Kontinuität, denn bewährte Expertise bedeutete für jedes Unternehmen in der Wiederaufbau- und Wirtschaftswunderphase eine Trumpfkarte. Hier und da wurde dieses Personal durch Aufsteiger aus der Kriegswirtschaft oder aus der Kompetenzreserve der Flüchtlinge und Vertriebenen ergänzt. Und in der Domäne der mittelständischen Betriebe dominierte ohnehin der zäh verteidigte, auf personelle Kontinuität bauende Familienbesitz bis in die späten 80er Jahre.

Würde man daher mit großem personellen und technischen Aufwand prosopographische Studien zum gehobenen Wirtschaftsbürgertum, erst recht zur Oberklasse, anstellen, träfe man, entgegen der 1945 allgemeinen Erwartung, daß es mit der Kontinuität des Bürgertums aus und vorbei sei, aller Wahrscheinlichkeit nach auf das dichte Gewebe zahlreicher Kontinuitätslinien. Man fände nicht wenige große und kleine Dynastien, die sich über alle Wirren der Zeitläufte hinweg gehalten haben.

Für die jüngeren Aufsteiger erwiesen sich alsbald ihre Habitusbildung, ihr Netzwerk aus Verkehrs- und Heiratskreisen, ihre Reitvereine, Tennis- und Golfclubs, ihre bevorzugten Gymnasien, Universitäten und Technischen Hochschulen als ganz so prägend wie zuvor. Die "familiären Plazierungsstrategien" trugen mit konsequenter Entschlossenheit das ihre dazu bei, die überlieferte und das heißt: die relativ abgeschlossene Sozialwelt bis hin zum Exklusivitätsanspruch zu unterstützen. Anders gesagt: Auch die Absorptionsfähigkeit des gehobenen Wirtschaftsbürgertums blieb trotz der Zurückdrängung antiquierter hierarchischer Grenzen weithin erhalten.

Diese bürgerliche Sozialformation hatte zusammen mit dem Bildungsbürgertum (0,8 %) lange Zeit die Doppelspitze des deutschen Bürgertums gebildet. Diese staatsnahe Modernisierungselite war durch den revolutionären Regimewechsel von 1918/19, die in seinem Gefolge unaufhaltsam wirkende Machtdefl ation, die schmerzhaft einschneidenden Vermögensverluste aus den verlorenen Kriegsanleihen und der Hyperinflation, die rigorose Einkommensminderung in der Substanz ihrer Lebenslage wie im Kern ihres Selbstbewußtseins so tief getroffen worden, daß man von einer kollektiven Traumatisierung sprechen kann. In offenkundiger Skepsis, ja unverhüllter Feindschaft gegenüber der Republik verharrend, setzte sie auf eine Revision der Kriegsergebnisse und genoß die kompensatorische Wirkung ihres radikalen Nationalismus, der sich mit dem Ruf nach einem "zweiten Bismarck", einem politischen Messias als Retter aus der Not, verband. Er sollte Deutschland aus seiner Misere auf glanzvolle Höhen zurückführen und damit auch dem Bildungsbürgertum seinen angestammten Elitenrang erneut verschaffen. Die Zielutopie der Bürgerlichen Gesellschaft dagegen hatte jeden Glanz verloren. Statt ihrer gewann die Chimäre der "Volksgemeinschaft", oft auch schon völkisch aufgeladen, an Attraktivität.

Nach den verschärften Krisenerfahrungen in der Endphase der Republik öffnete sich erst recht das Einfallstor, durch das der Nationalsozialismus mit seinem Führer-, Rasse- und Volkskult in das Bildungsbürgertum eindrang. Zu Tausenden strömten die Akademiker in die NSDAP, Rechtsanwälte und Ärzte stellten den mit Abstand größten Block unter den Universitätsabsolventen, die in die SS drängten. Auch wer in der Professorenschaft den Parteieintritt noch aufschob, teilte doch einen Großteil der nationalsozialistischen Programmatik, einschließlich des menschenfeindlichen Antisemitismus, der in unmittelbarer Nähe die Fakultäten zerstörte. Die NS-Volksgemeinschaft stellte zwar die überkommenen Exklusivitätsansprüche prinzipiell in Frage, bot aber eine neue Utopie gesellschaftlichen Zusammenlebens, das einen elitären Spitzenrang in der Leistungsgemeinschaft, wie man hoffte, nicht ausschloß. Der alten bürgerlichen Welt wurde jede Zukunft abgesprochen.

Gleichzeitig verteidigten die Professionen ihre Privilegien; die Rechtsanwälte konnten sie sogar weiter ausdehnen. Der Status des Studienrats oder Professors wurde keineswegs grundsätzlich oder materiell geschmälert. Man konnte daher im Bildungsbürgertum, bis der totale Krieg diese Illusion zerstörte, trotz des Vordringens der exekutiven Sonderstäbe, vor allem des SS-Imperiums mit seinen andersartigen Auslesekriterien, an ein geglücktes Arrangement mit der charismatischen Herrschaft Hitlers glauben. Die fatale moralische Korruption ließ sich verdrängen, der Exklusivitätsverlust zwischen 1919 und 1945 schon schwerer verschmerzen, auch wenn die Hoffnung auf künftigen Wiederaufstieg wach blieb.

Doch wegen eben dieser Korrumpierbarkeit und Kooperationswilligkeit traf das Bildungsbürgertum nach 1945 der Bannstrahl der Kritik. Mit unleugbarem Recht, denn die ohnehin schüttere neuhumanistische Bildungsidee hatte sich als allzu dünner Firnis erwiesen, der die Barbarei nicht eindämmen konnte. Die Durchsetzungsfähigkeit des Regimes hatte das Bildungsbürgertum im allgemeinen wehrlos vorgefunden, wenn es nicht schon längst zur Zustimmung bereit gewesen war. Und sein Anspruch auf den traditionellen Elitenrang war an der neuen Realität der NSHierarchie kläglich gescheitert.

Ganz ähnlich wie beim gehobenen Wirtschaftsbürgertum zerstörte aber in Westdeutschland weder die Schockerfahrung zwischen 1929 und 1945 noch die Kritik seither die soziale Konsistenz dieser Bürgerformation. Sie befand sich ohnehin seit längerem auf dem Weg zur akademischen Intelligenz, die nicht mehr durch die ständische Vergesellschaftung des Bildungsbürgertums, dessen strengen klassenspezifischen Habitus, seine eigenständige Lebensführung und – last but not least – sein gediegenes Prosperitätspolster geprägt wurde. Die Berufsklassen dieser akademischen Intelligenz, oft immer noch der bildungsbürgerlichen Familientradition bewußt und um Traditionswahrung bemüht, waren zwar schwer angeschlagen, sei es durch die Zusammenarbeit mit dem Nationalsozialismus oder sei es durch den Prestigerückgang während der letzten Jahrzehnte. Doch von ihrer Zerstörung oder Auflösung kann ernsthaft nicht die Rede sein. Vielmehr überlebten sie die Umwälzungen dieser Zeit im Grunde "ziemlich unbeschadet", so daß auch die Bundesrepublik nur im Kontext der "langen und wechselvollen Geschichte von Bürgertum und Bürgerlichkeit" angemessen zu verstehen ist.

Wie im gehobenen Wirtschaftsbürgertum wirkten sich auch in den akademischen Berufsklassen Sozialisationsprozesse aus, die, grob gerechnet, seit den 1880er Jahren die Angehörigen dieser Bürgertümer geprägt hatten – Prozesse, die ja keineswegs in den 1920er/30er Jahren abrupt abgebrochen waren und auch nach 1945 einem völligen Identitätswechsel widerstrebten. Ähnlich wie im gehobenen Wirtschaftsbürgertum ließe sich nach dieser Epochenscheide auch der Fortbestand zahlreicher Anwalts-, Ärzte-, Wissenschaftler-, Beamtendynastien feststellen.

Hatte man die Toten gezählt, die Emigranten endgültig vergessen, die kalte Dusche der Entnazifizierung in aller Regel überstanden, gingen die Rechtsanwälte und Ärzte, die höheren Beamten und Pfarrer, die Studienräte und Professoren wieder ihrer erlernten Tätigkeit nach. Sie fanden sich auch in den vertrauten Verkehrskreisen erneut zusammen, entdeckten die Funktionstüchtigkeit der Honoratiorennetzwerke in großen und kleinen Städten, auch die Vorzüge der Selbstorganisation in Vereinen und Assoziationen, kehrten zur überlieferten Lebensführung möglichst frühzeitig zurück, pflegten ihre Sprachkompetenz, verfochten alsbald wieder zielstrebig ihre Interessen mit Hilfe ihrer Verbände, planten die Karriere ihrer Kinder – und das alles unter einem "bürgerlichen Wertehimmel", vor dem die dunklen Wolken einer vermeintlich unwiderruflichen Diskreditierung zusehends verschwanden.

Das "Kulturmuster Bürgerlichkeit" gewann währenddessen mit seinem erstaunlich schnellen konjunkturellen Aufstieg neue Verbindlichkeit, nicht als abstraktes Normenensemble, sondern als Traditionsfortsetzung weiterbestehender Sozialformationen. Da vereinigten sich der Leistungsgedanke, die Wertschätzung und Mündigkeit des einzelnen, die Fähigkeit zur individuellen Lebensführung, die Familienorientierung, das Arbeitsethos, die Sparsamkeit, die politische Teilhabe, die Pfl ege des kulturellen Erbes bis hin zur Wiederbelebung der Bildungsidee. Nichts davon war im Hexenkessel der jüngsten Vergangenheit definitiv untergegangen. Und sehr konkret: Wie die privaten Eigentumsrechte für das Wirtschaftsbürgertum waren auch die Berufsrechte der akademischen Intelligenz erhalten geblieben. Nirgendwo tauchte überdies eine überlegene Alternative zu Bürgertum und Bürgerlichkeit auf. Bereits am Ende der 50er Jahre wollten, wie die demoskopischen Umfragen ergaben, alle schon wieder als Bürgerliche gelten: die Freiberufler und die Selbständigen, die Beamten und die Angestellten; selbst Bauern und auch schon Teile der Arbeiterschaft drängten dorthin.

In der eher mühsam in Gang kommenden Bürgertumsforschung zur Epoche nach 1945 ist dennoch wiederholt die Auffassung vertreten worden, daß die traditionellen Bürgertumsformationen untergegangen, an ihre Stelle aber ziemlich amorphe "Mittelschichten" oder die vagen "Großgruppen" der "nivellierten Mittelstandsgesellschaft" getreten seien. Allerdings habe auch für sie das Kulturmuster der Bürgerlichkeit, dessen Attraktivität alle Umbrüche überdauert habe, eine neue Verbindlichkeit gewonnen. Auf diese Weise hätten genuin bürgerliche Werte und Normen, Leitbilder und Organisationsprinzipien, Verhaltensweisen und Konventionen, auch Symbole und Praktiken eine erstaunliche Renaissance erlebt.

Nun läßt sich kaum bestreiten, daß diese Bürgerlichkeit in der Tat als eine Konfiguration von Orientierungsimperativen, Handlungsanweisungen und Denkfiguren seit 1948/49 eine verblüffende Expansion erlebt hat. Das hing zum einen mit dem Einkommensanstieg während der Boomperiode des Wirtschaftswunders und der Rückkehr der ökonomischen Sekurität zusammen. Das wurde zum andern kraftvoll unterstützt durch die Funktionstüchtigkeit der neuen politischen Institutionen und die von ihnen gewährleistete Stabilität der Republik. Das beruhte aber auch auf der Wirkung des Kalten Krieges, der den Vergleich der westdeutschen Erfolgsgeschichte mit dem unterlegenen kommunistischen Gegenentwurf und seiner "verstaatlichten Antibürgerlichkeit" aufdrängte. Und aus dem Westen selber ließ sich keine überlegene Alternative importieren, die das vertraute Kulturmuster der Bürgerlichkeit beiseite geschoben hätte. Vielmehr erwiesen sich westliche Einflüsse wie die politische und gesellschaftliche Liberalisierung, die Aufwertung der Zivilgesellschaft, die Skepsis gegenüber dem Etatismus mit einer aufgeklärten Bürgerlichkeit als durchaus kompatibel.

Eine Stoßrichtung der neuen Debatte über das Bürgertum nach dem Zweiten Weltkrieg läuft freilich darauf hinaus, die Wiederkehr der Bürgerlichkeit bereitwillig zu konzedieren, ja emphatisch zu konstatieren, doch die sozialhistorische Kontinuität der sie früher tragenden Bürgertumsformationen strikt abzustreiten – eine Bürgerlichkeit mithin ohne Bürgertum zu postulieren. Selbstverständlich sind Ideen- und Praxissyndrome wie Bürgerlichkeit verallgemeinerbar, ja universalisierbar. Sie können sich von der ursprünglichen Entwicklungskonstellation ablösen, ihre Exportfähigkeit beweisen, als eine Art von Großklima in eine ganz andere Zeit wandern und dort erneut Geltungskraft gewinnen. Man braucht zum Vergleich nur an die Fernwanderung des von J. A. G. Pocock meisterhaft analysierten Ideensystems des "klassischen Republikanismus" von der Antike über die oberitalienischen Stadtstaaten bis in die politische Neuzeit des 18./19. Jahrhunderts zu denken. Insofern wirft die Argumentation keine methodischen Probleme auf. Und im Hinblick auf die positive Beurteilung der regenerierten Bürgerlichkeit herrscht ohnehin Konsens.

Nur haben offenbar die politischen, sozialen und psychischen Turbulenzen in den drei Jahrzehnten vor 1945 zu dem voreiligen Schluß verführt, dem überaus lebenskräftigen Bürgertum jede Überlebensfähigkeit abzusprechen. An seiner Stelle soll als ein Novum "im Boom der Nachkriegszeit die Mittelstandsgesellschaft" entstanden sein, da an eine Revitalisierung der "soziopolitischen Sonderformation Bürgertum" nicht mehr zu denken war.

Die Wirklichkeit sieht indes anders aus. Das westdeutsche Bürgertum erlebte einen "«Formwandel" (K. Tenfelde) oder einen "Gestaltwandel" (H. Siegrist) während der Ära des zweiten Dreißigjährigen Krieges, aber es verschwand nicht von der Bildfläche, machte auch nicht einer amorphen Mittelschichtengesellschaft Platz. Zunächst gilt es daran zu erinnern, daß das Bürgertum auch in den 150 Jahren vor 1914 keinen monolithischen Block verkörperte. Vielmehr bildete es seit jeher eine außerordentlich "heterogene Konfiguration" von wirtschaftsbürgerlichen Erwerbs- und Besitzklassen sowie bildungsbürgerlichen, akademisch geschulten Berufsklassen mit durchaus unterschiedlichen Lebenslagen und Privilegien, unterschiedlicher ökonomischer Macht und unterschiedlichem politischen Einfluß.
[...]
Die physische Dezimierung des Bürgertums, seine Demoralisierung, die Zerstörung zahlreicher bürgerlicher Wohnquartiere und den Zerfall stabilisierender Weltbilder wird niemand gering schätzen. Vor allem aber fehlten nach 1945/49 auch zwei Feindbilder, hinter denen, wie man im Bürgertum lange geglaubt hatte, zwei existenzbedrohende Lager standen. Zum einen war der Adel als der ursprünglich überlegene große Konkurrent
ausgefallen. Seine kleinen Enklaven in Bayern und Hessen, im Münsterland und in Schleswig-Holstein verkörperten genauso wenig eine ernst zu nehmende Gefahr mehr wie die adligen Erwerbstätigen im Diplomatischen Dienst, im Militär und Privatbankwesen. Zum andern unterlag das Proletariat dank den Prosperitätsschüben der 50/60er Jahre einem Verbürgerlichungsprozeß, der parallel zur Integration der organisierten Arbeiterbewegung in das politische System der Bundesrepublik verlief. Der Marxismus entfiel ebenfalls zusehends als grundsätzliche Herausforderung; die Wende von 1989 und der Zerfall der Sowjetunion 1991 haben diesen Einflußschwund nur mehr besiegelt. Politisch hatte sich aber das Bürgertum nahezu zwei Jahrhunderte lang ganz wesentlich in der Auseinandersetzung mit diesen beiden Lagern konstituiert. Als an beiden Fronten ein Vakuum entstand, mußten sich die bürgerlichen Sozialformationen in Westdeutschland auf den gewissermaßen ordinären Kampf der Interessen in der Massendemokratie, doch ohne die gewohnte dramatische Zuspitzung zu einem Kampf umstellen, bei dem es angeblich stets um Sein oder Nichtsein gegangen war.

Diese fundamentale Veränderung der soziopolitischen Konfliktlage wertete eine Verhaltensstrategie machtvoll auf, welche den Distinktionskämpfen um die "feinen Unterschiede" unaufhaltsam den Vorrang vor den verblassenden plakativen Auseinandersetzungen mit Adel und Arbeiterschaft verschaffte. In einem rasch wachsenden Maße ging es daher nicht mehr um den schroffen klassenkämpferischen Antagonismus von autoritären, paternalistischen Unternehmern und arroganten Bildungsbürgern auf der einen Seite und zielbewußter Emanzipationsbewegung des Proletariats auf der andern Seite. Vielmehr drang die subtilere Demonstration des überlegenen Eigencharakters der bürgerlichen Sozialformationen vor, die in den permanenten Distinktionskämpfen um Auszeichnung und Unterscheidung ihre Sonderstellung zu verteidigen wußten.

Dieser Behauptungskampf setzte mit dem primären Sozialisationsprozeß in der Familie ein, die einen durch und durch klassenspezifischen, verhaltenssteuernden Habitus schuf, setzte sich mit dem Ausbau eines sozialen Netzwerkes und einer hochgezüchteten Sprachkompetenz fort, lief in den "Peer Groups" und auf den bevorzugten höheren Schulen und Universitäten weiter, wurde durch die geschlossenen Verkehrs- und Heiratskreise unterstützt, äußerte sich in einem dezent abgehobenen Dresscode und Geschmack, in der Bevorzugung bestimmter Umgangsformen und Kunstgattungen, im Mobiliar und in den Manieren, in der Körpersprache, den Sportarten und Speisen – kurzum: im Auf- und Ausbau eines eigentümlichen Mikrokosmos, in dem der Eingeweihte alle Signale mühelos erkannte und sich souverän zu bewegen verstand, der Außenstehende jedoch auf versiegelte Zugangswege traf. Schon seine ersten Worte, seine Kleidung, die fehlende Souveränität des Auftretens verrieten seine Herkunft aus einer anderen Lebenswelt. Diese Trennungslinien der "feinen Unterschiede", die wie natürliche Wesenseigenschaften des Individuums, keineswegs aber wie sorgfältig antrainierte Merkmale wirkten, bewährten sich beim Formwandel der Klassenstruktur. Diesen Formwandel darf man nicht als eine Verabschiedung der Klassenstruktur in toto mißverstehen. Vielmehr setzte diese sich in verändertem Gewand, das die Machtdimension zu verhüllen vermochte, als strenge Sozialhierarchie weiter fort. Auf ihre Weise folgte die auf den "feinen Unterschieden" basierende Lebensführung dem Ziel, Herrschaftsverhältnisse weiter durchzusetzen und symbolisch zu repräsentieren.

Wie die erdrückende Mehrheit der westdeutschen Wirtschaftsbürger im sicheren Besitz ihrer privaten Eigentumsrechte blieb, so daß sie in ihren marktbedingten Erwerbsklassen im vertrauten Stil weiter operieren konnten, vermochten die Berufsklassen der akademischen Intelligenz auf ihre Berufsrechte zurückzugreifen, wobei sie ihren Sonderstatus, der sich für die Distinktionskämpfe bereits als vorzüglich geeignet erwiesen hatte, nach Kräften möglichst lange zu verteidigen strebten. Der Rechtsanwalt, Arzt, Richter, Studienrat, Professor, Pfarrer – das blieben vorerst weithin bürgerliche Akademikerberufe, die über die Krisenerfahrung nach 1945, die Entnazifizierung und die Anzweiflung des Berufsbeamtentums hinweg zäh verteidigt wurden.
(S. 135-144)


Die Reste des Bürgertums in der DDR

Zu den fatalen Folgen der Sozialrevolution, welche die deutschen Bolschewiki seit 1945 in Ostdeutschland vorantrieben, gehörte die Zerschlagung der wesentlichen Sozialformationen des Bürgertums: des Wirtschafts- und des Bildungsbürgertums. Dank ihrer bornierten Klassenkampfl ehre konnten die Kommunisten in ihnen nur die Inkarnation des Klassenfeindes erblicken, dem mit allen Mitteln jeder Einfluß, jede soziale Existenz genommen werden sollte. Während sich in der Bundesrepublik die seit Jahrhunderten gültige Erfahrung erneut bestätigte, daß die bürgerlichen Klassen, die nach ihrem desavouierenden Kollektivdebakel bis 1945 wie Phönix aus der Asche wieder emporstiegen, zu den dynamischen, innovativen Trägern der gesellschaftlichen Entwicklung gehörten, schnitt sich die SED im Bann ihrer anachronistischen Geschichtstheologie von diesem belebenden Zustrom von Energien in der hochmütigen Überzeugung ab, mit ihren Funktionärskadern und Planungsstäben den gesellschaftlichen Fortschritt ungleich besser verwirklichen zu können. Das Resultat ist seither zu besichtigen.

Der Zerstörungswille der SED erreichte allerdings nie vollständig sein Ziel. Beim Wirtschaftsbürgertum gelang ihr die vollständige Entmachtung: Der selbständige Unternehmer wurde enteignet oder massiv verdrängt; das überlebende Häuflein der kleinbürgerlichen Selbständigen – maximal 140 000 Personen, überwiegend handwerkliche Einzelmeister, nur wenige mit höchstens zehn Mitarbeitern, darunter freilich auch die beneideten "Könige der Republik" – wurde in seiner Leistungsdynamik gebremst, seines Einkommensvorsprungs beraubt und häufi g in eine Kümmerexistenz abgedrängt.

Doch die bildungsbürgerlichen Berufsklassen ließen sich nicht im selben Stil des totalitären Umbaus beseitigen. Ein langsamer Elitenwechsel schien wegen der Abhängigkeit von ihrem Fachwissen unvermeidbar zu sein, zumal die Barrieren der traditionsbewußten bildungsbürgerlichen Milieus sich einem rabiaten Elitentausch entgegenstemmten.

Ihre Kohäsion wurde freilich durch die Zäsur von 1945/49 geschwächt. 80 % der Richter und Staatsangestellten, 75 % der Mediziner, 72 % der Lehrer und 40 bis 60 % der Professoren waren NSDAP-Mitglieder gewesen und wurden durch die Entnazifizierung ausgesiebt. In Sachsen etwa wurden nach dem Sommer 1945 von 1094 Richtern und Staatsanwälten nur 240 noch weiterbeschäftigt, von 10 552 Lehrern 70 % entlassen und durch junge Neulehrer ersetzt. Der Lehrkörper der sechs SBZ-Universitäten wurde durch die Flucht nach Westen drastisch reduziert: Bis Anfang 1947 sollen vier Fünftel der Professoren und Dozenten des Jahres 1944 nach Westen abgewandert, zu einem Teil auch nach Rußland deportiert worden sein.

In manchen Fakultäten blieb jedoch vorerst eine erstaunliche Elitenkontinuität erhalten. Bei den Theologen machte sie 88, bei den Medizinern 81, in der Philosophischen Fakultät 71, bei den Naturwissenschaften 55 % aus; allein bei den Juristen und Ökonomen kam sie wegen der Entlassung der kompromittierten Personen zunächst auf 26 %; bis 1951 wurden die Jurafakultäten sogar komplett erneuert. Unter anhaltend starken Druck gerieten auch die Wirtschafts- und Geisteswissenschaften, da die SED das Deutungsmonopol für ihren Marxismus-Leninismus beanspruchte und daher zielstrebig auf einen Personaltausch hinarbeitete. Die Theologen dagegen wurden, da ihnen keine inhaltliche Nähe zum Nationalsozialismus unterstellt wurde, sowohl von der SMAD als auch von der SED geschont. Im allgemeinen wurde das Wissen dieser akademischen Berufsklassen für wichtiger gehalten als die Belastung mit einer NS-Vergangenheit, und die Professoren betonten nach Kräften, daß sie ein systemneutrales Wissen verwalteten und in relativer Autonomie vermehren wollten. In dieser Hinsicht war z. B. typisch, daß von 1945 bis 1949 nur 45 Ärzten die Approbation entzogen wurde. Daß bis 1961 die Hälfte aller ostdeutschen Ärzte in den Westen floh, erhöhte die Abhängigkeit von den verbleibenden Gesundheitsexperten. Auch das Leitungspersonal von Großbetrieben mit komplizierten technologischen Abläufen wurde nicht ausgewechselt. Im Zweifelsfall dominierten pragmatische und machtpolitische Entscheidungen, die dazu führten, statt der erstrebten politischen Homogenität eine gewisse Heterogenität zuzulassen.

Bis Anfang der 60er Jahre hinein konnten daher viele akademische Fachleute ihre Stellung, ihr Einkommen und das Weststudium ihrer Kinder verteidigen. Überhaupt stärkte der "doppelte deutsche Arbeitsmarkt", der ihnen nach dem Überwechseln in die Bundesrepublik gewöhnlich sofort die Fortsetzung ihrer Berufskarriere erlaubte, bis zum Mauerbau ihre Verhandlungsmacht. Dann freilich setzte ein Prozeß des nachhaltigen Elitenwechsels ein, mithin der zunehmenden Entmachtung, des wachsenden Anpassungsdrucks und der Verdrängung durch systemloyale Nachwuchskräfte. Hochschulzertifikate und Staatsloyalität begründeten deren Führungsanspruch, aber sie erwiesen sich in den folgenden zwanzig Jahren außerstande, eine berufsständische Vergesellschaftung oder ein eigenes kulturelles Leben, wie das Bildungsbürgertum es entfaltet hatte, zustande zu bringen. Kulturelle Distinktion kraft neuer Leitbilder konnten die neuen Kader zu keiner Zeit für sich in Anspruch nehmen; eher verschämt griffen sie allenfalls auf den hochkulturellen Bildungsbegriff zurück.

In den geschrumpften bildungsbürgerlichen Milieus blieb seither außer einer resignierten Konformitätsbereitschaft als Rückzugsstrategie nur eine "quietistische Einkapselung" übrig. Bürgerliche Soziabilität wurde vollständig in die Privatsphäre, insofern in eine Subkultur abgedrängt. 1989 kamen nicht wenige Oppositionelle aus solchen bildungsbürgerlichen Familien – äußerlich degradiert, aber durchaus mit einem Überlegenheitsgefühl und intellektueller Kompetenz ausgestattet.

Länger noch als die Ärzte behielten die protestantischen Pfarrer als ein "Element bürgerlicher Elitenkontinuität" und "Träger einer Alternativkultur" eine auffällige Sonderrolle. Hatte es 1946 5380 Pfarrer in der SBZ gegeben, sank ihre Zahl bis 1986 um fast 30 % auf 3983 hinab. Dieses Ergebnis reflektierte das Vordringen des staatlich massiv geförderten Atheismus und der daraus folgenden Schrumpfung der Gemeinden. Die traditionell
hohe Selbstrekrutierung blieb auch in der DDR erhalten, zumal die sanfte Entnazifizierung der Geistlichen eine hohe Kontinuität gewährleistete. Anfangs lag sie bei 25 %; ein weiteres Drittel stammte ebenfalls aus Akademikerfamilien.

Wegen der verbissenen Diskriminierung von Christen im öffentlichen Bildungswesen zogen die protestantischen Traditionsgymnasien wie Schulpforta, die Dresdner Kreuz- und die Leipziger Thomas-Schule den Pfarrernachwuchs an. Danach konnte das Studium an verschiedenen Institutionen fortgesetzt werden. Die sechs Theologischen Fakultäten der Universitäten waren allerdings gleichgeschaltet worden und unterlagen einer direkten Staatsintervention. Besonders die Theologischen Fakultäten an der Berliner Humboldt-Universität und an der Universität Leipzig galten als "staatstreu", mithin SED-nah. Diese Nähe schloß die Kooperation von Theologieprofessoren mit der Stasi ein. An den drei Kirchlichen Hochschulen oder am Theologischen Seminar in Leipzig herrschte dagegen ein unabhängiger Geist. 1973 kamen von 157 Leipziger Seminarstudenten allein 47 aus Pfarrhäusern und 15 aus anderen bildungsbürgerlichen Familien.

Die Kontinuität dieser Berufsklasse der evangelischen Geistlichen, aber auch der anhaltende Druck der atheistischen Staatspolitik während ihres antikirchlichen Kulturkampfes ließen die Gemeinden als "Fluchtburgen" erscheinen, in denen eine Art von "Ghettoprotestantismus" am Leben gehalten wurde. Er wurde unterstützt durch die hilfreichen Institutionen der Diakonie, auch durch die glaubensfesten "Jungen Gemeinden", die als Rivalen der FDJ auftraten und daher heftig diskriminiert wurden, zumal der Zustrom aus den Traditionsschulen auffällig war (1972 gehörten z. B. 80 % der Leipziger Thomaner zur "Jungen Gemeinde"). Schließlich wurde nach dem pragmatischen Arrangement zwischen Staat und Kirche seit 1971 die kirchliche Jugendarbeit, wenn auch widerwillig, geduldet, so daß sich in den Gemeinden engagierte Christen versammeln konnten, die in der Oppositionsbewegung von 1989/90 dank ihrer erprobten Zivilcourage als treibendes Element eine wichtige Rolle spielten. Insofern ist es dem bekämpften Kern des protestantischen Milieus gelungen, eine Art von Gegenintelligenz heranzubilden, die bewies, daß die Zerschlagung des Bürgertums durch die SED-Diktatur nicht vollständig gelungen war.
(S. 227-230)

Porträt Hans-Ulrich Wehler


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Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte Band 1 - 5


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