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Auszug aus: "Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1949-1990"

Folge 15:

Der "Historikerstreit" 1986/87

Ein Vierteljahrhundert nach der Fischer-Kontroverse kam es erneut zu einer lebhaften Auseinandersetzung, während der wiederum Historiker die Hauptrolle spielten, an der aber auch eine breite Öffentlichkeit, einschließlich der internationalen, engagiert teilnahmen. Das war der sogenannte Historikerstreit von 1986/87. Im Unterschied zur Fischer-Kontroverse handelte es sich dabei von Anfang bis Ende nicht um eine primär wissenschaftliche Kontroverse – sie spielte durchaus eine argumentative Nebenrolle –, sondern um einen öffentlichen Streit um das Selbstverständnis der Bundesrepublik. Er wurde durch die Veröffentlichungen einiger Historiker ausgelöst, die sich im dumpfen Klima einer in Verdun und Bitburg symbolpolitisch überladenen "Wendepolitik" der Regierung Kohl auf einmal zur Natur des Nationalsozialismus, zum Ostkrieg und zur deutschen Identitätspolitik auf eine Weise zu Wort meldeten, als solle die angekündigte "geistig-moralische Wende" durch einen scharfen Kurswechsel in der historischen Deutung der jüngsten deutschen Vergangenheit unterfüttert werden.

Zur Schlüsselfigur avancierte der Berliner Historiker Ernst Nolte, der – ursprünglich nach einem Studium bei Heidegger von der Philosophie her kommend – stets eine gewisse Außenseiterposition eingenommen hatte. Seit seinem Erfolgsbuch über den "Faschismus in seiner Epoche" (1963), dem Bücher über "Deutschland im Kalten Krieg" und "Marxismus und Industrielle Revolution" gefolgt waren, genoß er jedoch das Ansehen eines breit interessierten, unorthodoxen Experten. Nolte hatte seit jeher den Nationalsozialismus als das Phänomen eines aktivistischen Antimarxismus begriffen, dem er den Antisemitismus als dominierende Antriebskraft durchaus unterordnete. Aus den Vorstudien zu einem neuen Buch über den "Europäischen Bürgerkrieg 1917–1945" zwischen Nationalsozialismus und Bolschewismus (1987) veröffentlichte Nolte im Juni 1986 in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" einen Aufsatz, der zum eigentlichen Auslöser des künftigen Streits werden sollte. Der Antimarxismus des Nationalsozialismus wurde hier auf den Antibolschewismus reduziert, gegen den erst die Hitler-Bewegung, wie sie sich seit 1928 auch offiziell nannte, dann das "Dritte Reich" an erster Stelle angetreten seien, erfüllt von der existentiellen Angst vor dieser "asiatischen Gefahr", vor der Praxis der Klassenvernichtung und dem Gulag. Der Nationalsozialismus wurde mithin zu einer durchaus verständlichen Abwehrbewegung stilisiert – später sprach Nolte sogar von Hitler als dem "bürgerlichen Anti-Lenin" –, der sich mit Mitteln, die er vom Bolschewismus kopierte, der sowjetischen Tyrannei entgegenstemmte. Ganz ähnlich hatte Goebbels’ Propaganda das "Dritte Reich" zum Verteidiger der europäischen Zivilisation gegen die bolschewistischen Horden stilisiert. Nolte sah daher einen engen "Nexus" zwischen dem Bolschewismus und dem mit radikalisierten Methoden ihn bekämpfenden Nationalsozialismus, verstand aber das Sowjetsystem als ein auch im Verlauf der Bekämpfung nachgeahmtes Vorbild, das insofern das "Prius" eines zeitlichen Vorsprungs und Erfinders von Vernichtungsmethoden besaß. Das weltgeschichtliche Unikat der nationalsozialistischen Politik, die angestrebte lückenlose Vernichtung der europäischen Judenheit mit allen staatlichen Mitteln, trat in dieser Interpretation auffällig zurück, es wurde eher auf die Ausrottung des "jüdischen Bolschewisten" reduziert und unterschied sich von der sowjetischen Massenvernichtung eigentlich nur durch den "technischen Vorgang der Vergasung".

Der gesamte Duktus von Noltes Argumentation, auch der mitlaufende Subtext seines Aufsatzes, lief darauf hinaus, im Bolschewismus und seinem Staat, der Sowjetunion, mit welcher der Westen in der Schlußphase des Kalten Krieges noch immer in einem bedrohlichen Systemkonflikt verwickelt war, den ursprünglichen Schuldigen der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik zu sehen, die sich im Grunde der östlichen Überwältigungsdrohung nur defensiv entgegengestemmt habe. Die Ursachen der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik wurden damit geradezu klassisch externalisiert. Ob bewußt so intendiert oder in Kauf genommen – der Eindruck einer bizarren Apologetik, die das Rassenprogramm und die Judenvernichtung des Nationalsozialismus wider alle historischen Kenntnisse zu Sekundärphänomenen degradierte, den Bolschewismus aber zur Initialzündung des Unheils und zum noch immer aktiven lebensgefährlichen Konkurrenten erhob, drängte sich geradezu auf. Als Untergrund dieser Argumentation wurde ein unverschnörkelter Nationalismus sichtbar, der die Deutschen endlich von der Hauptschuld am Weltkrieg und Judenmord befreien wollte.

Ungleich weniger prätentiös hatte der Kölner Historiker Andreas Hillgruber fast gleichzeitig die Vernichtung des "Dritten Reiches" ausgerechnet mit der Judenvernichtung parallelisiert. Außerdem hatte er der letzten Phase des Ostkrieges damit ihre historische Berechtigung zugesprochen, dass nur so einem Großteil der deutschen Zivilbevölkerung die Flucht vor den Exzessen der Roten Armee ermöglicht werden konnte. Dem Problem, dass dank der Wehrmacht auch das System der Vernichtungslager weiterarbeiten, die Rückzugspolitik der "verbrannten Erde" fortgesetzt werden konnte, stellte sich der Autor, der als einer der sachkundigsten westdeutschen Zeithistoriker galt, an dieser Stelle überhaupt nicht. Übrig blieb ein eigentümliches Loblied auf die deutschen Verbände im Osten, das dem damals noch immer verbreiteten Stereotyp von der im Unterschied zur SS sauberen, tapfer kämpfenden Wehrmacht erstaunlich weit entgegen kam.

Und schließlich hatte sich in jenen Monaten der Erlanger Historiker Michael Stürmer, der die Nähe zu Kanzler Kohl gesucht und gefunden hatte, mehrfach über das vermeintlich defizitäre Geschichtsbewußtsein geäußert. Eine Modevokabel der Zeit, die "Identität", immer wieder aufgreifend, hatte er für ein historisch verankertes, aber zeitgemäß gewendetes, im Grunde nationales Identitätsgefühl der Westdeutschen plädiert, da ihm der
unverkennbar spürbare Leistungsstolz, mit dem sie auf ihren Verfassungs-, Rechts- und Sozialstaat blickten, augenscheinlich nicht genügte.

Gegen diese drei Exponenten eines, wie es schien, Appells zur geschichtspolitischen Wende trat Jürgen Habermas mit einer fulminanten Attacke an. Ihm folgte, als die Kontroverse von allen Medien mit einer geradezu explosiven Neugier aufgegriffen wurde, eine Vielzahl von Historikern, die in ihrer überwiegenden Mehrheit die Kritik von Habermas teilten. Wegen dieses auffällig homogenen Teilnehmerkreises tauchte frühzeitig das Etikett "Historikerstreit" auf. Tatsächlich beteiligten sich monatelang fast ausschließlich Neuzeithistoriker an der Debatte, der Althistoriker Christian Meier stellte eine prominente Ausnahme dar. Denn weder mischten sich die im Grunde geforderten Osteuropahistoriker, noch die zahlreichen Politikwissenschaftler und Soziologen ein, die seit 1968 immer wieder die Verpflichtung der akademischen Intelligenz zum politischen Engagement gefordert hatten.

Die Bilanz der Kontroverse fiel eindeutig aus. Das von Nolte angeschnittene Problem der Vergleichbarkeit des Linkstotalitarismus als "Vorbild" und "Schreckensbild" mit dem rechtstotalitären System wanderte schnell auf einen Nebenschauplatz ab. Bisher schon war dieser Vergleich im Rahmen der Totalitarismustheorie nicht ergiebig gewesen. Vielmehr war der Vergleich vor allem zwischen Deutschland und den Mitgliedstaaten des westlichen Kulturkreises geboten, um seine Abweichung von allen zivilisatorischen Standards zu erfassen, nicht aber mit dem im Modernisierungsniveau ein Jahrhundert zurückliegenden Sowjetreich. Wichtiger aber war das Hauptergebnis, daß Noltes neue Defensivideologie scharf zurückgewiesen und auf den genuin deutschen Antriebskräften des Nationalsozialismus bestanden wurde. Und das luftige Identitätsplädoyer à la Stürmer
fand ohnehin keinen Widerhall. Auf längere Sicht erwies sich alswichtig, daß die selbstkritische Haltung, mit der die mühsam etablierte Politische Kultur der Bundesrepublik verteidigt worden war, einen breit gefächerten Konsens in der westdeutschen Öffentlichkeit verstärkte, der angesichts der wendepolitischen Attacke auch den letzten Spät-68er umschloß. Insgesamt wurde dadurch die Bereitschaft gefestigt, das soziopolitische System der Bundesrepublik gegen künftige Anfechtungen zu verteidigen. Wie weit diese Bereitschaft reichte, zeigte sich in aller Deutlichkeit, als die wirkliche welthistorische Wendezeit von 1989/91 vorbei war und sich herausstellte, daß die politische Kultur auch der erweiterten Bundesrepublik gefestigt genug war, auf einen angeblich nationalpolitisch gebotenen Identitätswechsel verzichten zu können.
(S. 284-287)

Porträt Hans-Ulrich Wehler


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