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Auszug aus: "Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1949-1990"

Folge 16:

Die Entstehung einer kritischen Öffentlichkeit

Die entscheidende klärungsbedürftige Problematik ist daher, warum es zwischen 1958 und 1964 zum Aufbruch in eine neuartige "Zeitkritik" kam, obwohl sich in den Zeitungsredaktionen, den Rundfunkhäusern und Fernsehanstalten die Verfechter einer einflußreichen konservativen Grundhaltung dieser perhorreszierten Innovation entgegenstemmten.

Das überzeugendste Argument für diesen Gezeitenwechsel in der westdeutschen Publizistik ist der Aufstieg einer neuen politischen Generation. Die analytische Bedeutung des Generationenkonzepts ist vorn bereits erörtert worden (s. IV.11); sie bewährt sich hier erneut. Diese Journalistengeneration, deren führende Köpfe bis 1956/57 Profil gewonnen hatten, bestand aus 30- bis 40jährigen Fachleuten. Bis etwa 1963 waren sie auch schon in die Leitungspositionen der Redaktionsstäbe vorgedrungen. Manche schafften wegen der zügigen Expansion aller Medien und der im allgemeinen nachlassenden Durchsetzungskraft der alten Kohorte bereits vor ihrem dreißigsten Lebensjahr den Sprung in die Chefetage: Rudolf Augstein etwa, der den "Spiegel" mit 23 Jahren zu dirigieren begann, Klaus Harpprecht, Peter Boenisch, Claus Jacobi, Gerd Ruge, Günter Prinz, Henri Nannen, Matthias Walden u. a. Eine womöglich noch größere Wirkung als in den Zeitungen und Illustrierten übte die junge Garde im Fernsehen aus, wo Generationsgenossen wie Franz Wördemann, Dieter Gütt, Hans Heigert, Joachim Fest, Gert v. Paczensky, Peter Merseburger, Günter Gaus, Claus Hinrich Casdorff die Redaktionsspitze erklommen. Mit all diesen Angehörigen der "Generation 45" war binnen kurzem eine Abkehr vom Konsensjournalismus des ersten Jahrzehnts der Bundesrepublik verbunden. Was waren die ausschlaggebenden Ursachen dieser Zäsur?

Sie lagen primär in der mentalen Prägung, im neuartigen Erfahrungshorizont dieser Generationskohorte. Sie hatte nicht aus ideologischer Überzeugung oder mit geschmeidiger Anpassung bereits der Führerdiktatur als "Schriftleiter" gedient. Daher brauchte sie nicht den geduckten statt den aufrechten Gang zu üben. Das Ende des Zweiten Weltkriegs hatte sie gewöhnlich als blutjunge Soldaten in der Gestalt der totalen Niederlage, als schmählichen Vertrauensmißbrauch, danach die Aufklärung über die NS-Verbrechen als Akt der Katharsis erfahren. Frühzeitig in verantwortungsvolle Positionen berufen und insofern durch eine Ausnahmesituation in jungen Jahren begünstigt, wollten sie den zweiten Anlauf zur Etablierung einer deutschen Demokratie nach Kräften unterstützen, auch und gerade durch die Anprangerung von Mißständen, die das Projekt gefährden konnten.

Diese Grundhaltung wurde bei vielen durch einen längeren Amerikaaufenthalt oder sogar durch mehrere Reisen maßgeblich unterstützt. Ähnlich wie die junge akademische Intelligenz durch das Fulbright-Programm mit seinem Studienjahr in den Vereinigten Staaten gewonnen werden sollte, wollte die amerikanische Deutschlandpolitik auch jüngere Journalisten einer Prägung durch den freimütigen Austausch von Kritik, wie er in den USA gang und gäbe war, aussetzen. An renommierten Universitäten des Landes wurden sie daher immer wieder zu längeren Seminaren eingeladen, genossen ihre privilegierte Stellung im "gelobten Land", als das ihnen die Vormacht des Westens damals erschien. Sie trafen dort angesehene amerikanische Kollegen, Politiker und Wissenschaftler, deren ungezwungener Diskussionsstil nicht ohne Wirkung blieb. Einen legendären Ruf gewann z. B. das Internationale Seminar, das der junge Harvard-Dozent Henry Kissinger in diesem Zusammenhang regelmäßig auch mit deutschen Journalisten als Mitgliedern in Cambridge veranstaltete.

Voll offener Bewunderung oder unausgesprochen hielten viele dieser deutschen Gäste die amerikanische Publizistik für ein imponierendes Vorbild, nicht zuletzt deshalb, weil dort so harte Kritik geübt werden konnte, wie sie in der Bundesrepublik noch schwer vorstellbar war. Und diese Kritik wurde durchweg, auch das hinterließ einen tiefen Eindruck, von einer rückhaltlosen Bejahung des politischen Systems und des "American Way of Life" getragen, ohne sich aber, wie so oft bei deutschen Konservativen, in eine mäkelige Modernitätskritik zu verlieren. Es war daher auch kein Zufall, daß sich in den 50er/60er Jahren junge Journalisten im "Kongreß für kulturelle Freiheit" besonders zahlreich einfanden und dort wieder ein an Amerika erinnerndes Ambiente vorfanden.

Die englische Besatzungsmacht setzte ungleich weniger als die amerikanische auf die heilsame Wirkung einer politischen Sozialisation im eigenen Land. Doch übten die selteneren Tagungen und Seminare mit deutschen Presseleuten eine vergleichbar stimulierende Wirkung aus. Ohnehin galt die BBC mit ihrem nüchternen, auch selbstkritischen Ton im deutschen Rundfunk- und Fernsehbetrieb weithin als nachahmenswert. Nur in der Französischen Zone gingen die Besatzer mit einer provozierenden Großzügigkeit vor. 60 % der dort sogleich zugelassenen Journalisten waren schon im «Dritten Reich» tätig, 26 % Parteigenossen gewesen; eine gezielte Beeinflussung, wie sie das State Departement Jahr für Jahr verfolgte, wurde offenbar nie ins Auge gefaßt.

Ein entscheidender Gesichtspunkt für die wissenschaftliche und politische Debatte, die seit den 50er Jahren die Geschichte der öffentlichen Meinung in der Bundesrepublik begleitet hat, kann daher unzweideutig festgehalten werden. Nicht die 68er-Generation hat erstmals den frischen Wind einer ganz so grundsätzlichen wie selbstbewußten Kritik angefacht. Vielmehr vollzog sich in allen Medien der ausschlaggebende Generationenwechsel bereits zwischen 1958 und 1964. Bis zum Ende dieser Zeitspanne hatte er schon den Zustand einer effektiven Konsolidierung erreicht, ja stellen- und streckenweise zur Meinungshoheit geführt. Ohnehin ist es eine längst widerlegte Legende, daß die 68er bei ihrem geplanten "Marsch durch die Institutionen" scharenweise einflußreiche Stellen in den Medien okkupiert hätten; die Anzahl dieser Quereinsteiger ist vielmehr durchaus begrenzt geblieben. Und auch in ihrer allgemeinen Fassung ist die Behauptung vom neuen Aufbruch in den Medien seit 1968 eine unhaltbare Selbstverklärung, die Repräsentanten der 68er frühzeitig in die Welt gesetzt haben, ohne von der empirischen Kenntnis des folgenreichen mentalitäts- und sozialhistorischen Elitenwechsels getrübt zu sein.

Im Grunde kann es auch nicht verwundern, daß dieser Durchsetzungsprozeß, der eine neue Journalistengeneration nach vorn katapultierte, von harten Konfl ikten begleitet wurde. Denn die "Zeit der Affären" von 1957 bis 1964 und die "Dichte der Skandale" bildeten das Szenario, in dessen Rahmen sie ihr Marsch durch die Medieninstitution an deren Schalthebel führte. Ob der Druck von Bundesbehörden, ob Fehlgriffe des Verfassungsschutzes oder der Bundeswehr aufgedeckt wurden, ob Adenauers Politikstil oder der neue Wagemut von "Panorama" zur Debatte standen – der unverschnörkelte Ton der publizistischen Kritik war jetzt unüberhörbar. Keineswegs als Auftakt, sondern als ein inzwischen symbolisch drastisch überhöhter Höhepunkt fungierte die "Spiegel"-Affäre seit Ende Oktober 1962.

Das Hamburger Magazin hatte eine überwiegend auf längst gedrucktem Material, aber auch auf einigen geheimen, aus dem Verteidigungsministerium zugespielten Quellen beruhende Kritik an dem NATO-Herbstmanöver "Fallex" geübt, das den Verteidigungsfall unter fatalen Umständen simulierte. Volle zwei Wochen später besetzte plötzlich Polizei die Redaktionsräume und kassierte Berge von Akten; Augstein wanderte mit dem Verlagsdirektor Becker ins Gefängnis. Der für den Artikel verantwortliche Redakteur, Conrad Ahlers, landete, nachdem Verteidigungsminister Strauß, mit dem der «Spiegel» seit Jahren in Fehde lag, unter rechtswidriger Einschaltung des deutschen Militärattachés in Franco-Spanien für seine Verhaftung im spanischen Urlaubsdomizil gesorgt hatte, ebenfalls im Gefängnis. Allen dreien wurde Landesverrat vorgeworfen. Mit gekonnter Dramatisierung klagte auch Adenauer im Bundestag den "Abgrund von Landesverrat" an, der sich beim "Spiegel" aufgetan habe.

Strauß, der die Intervention in Madrid erst glatt geleugnet hatte, mußte allerdings seine Lüge binnen kurzer Zeit zugeben. Die FDP zog ihre Minister, darunter den bewußt umgangenen Justizminister Wolfgang Stammberger, aus dem Kabinett zurück, trat aber, das Auge starr auf den Machterhalt gerichtet, im Dezember wieder ein. Mitte 1963 mußte das Ermittlungsverfahren aus Mangel an belastender Evidenz mit beschämender Ergebnislosigkeit eingestellt werden. Freilich wurde auch eine Verfassungsbeschwerde des "Spiegels" beim Bundesverfassungsgericht wegen Stimmengleichheit der Richter nicht angenommen – eine der wenigen blamablen Entscheidungen in der Geschichte des höchsten deutschen Gerichts und Hüters der Verfassung.

Die "Spiegel"-Affäre bestand aber nicht nur aus einer kläglich gescheiterten Staatsaktion mit ihrer krassen Verletzung der Pressefreiheit und der Willkür eines Bundesministers. Vielmehr gewann sie ihre eigentliche Brisanz durch die neuartige Mobilisierung der Öffentlichkeit, die spontane Solidarisierung mit dem "Spiegel", die schroffe Polarisierung zwischen Linksliberalen und Rechtskonservativen. Die Kritik an dem Polizeimanöver erfaßte im Nu zahlreiche Zeitungen, wurde von "Panorama" und "Report" unverzüglich aufgegriffen, kam in Werner Höfers "Frühschoppen" zur Sprache, wurde von "Stern" und "Quick" lebhaft unterstützt. Schon das war eine erstaunlich breit gefächerte Phalanx. Sie wurde jedoch noch ausgeweitet durch den Protest von Schriftstellern und Professoren, auf den Massenveranstaltungen von Studenten. Über Nacht wurden die Konturen eines regierungskritischen Lagers sichtbar, das durchaus heterogen war, doch in der Einmütigkeit des Widerstands gegen den obrigkeitlichen Rechtsbruch monatelang zusammenfand.

Die Wirksamkeit des neuen TV-Mediums, die aufbrechenden Parteienfronten und die wachsende Abneigung gegen Adenauers Politikstil vermögen die Emphase dieser Protestaktionen mit ihrer einheitlichen Stoßrichtung noch nicht befriedigend zu erklären, erst recht nicht die von den etatistischen Konservativen, zu deren Sprecher sich wieder einmal der Freiburger Historiker Gerhard Ritter machte, unterstellte Sensationslust. Im Kern ging es vielmehr um einen echten Normenkonflikt, um das Ziel der inneren Demokratisierung, für das auch und gerade die neue Journalistengeneration mit unerwarteter Wucht eintrat. Die Bloßstellung von Skandalen war zum "akzeptierten Instrument" in den westdeutschen Medien geworden.

Aber noch einmal: Die "Spiegel"-Affäre stellte kein einzigartiges Phänomen dar, sondern die Hochphase in einer Zeit, in der die Affären und Skandale dicht aufeinander folgten. In aller Regel drehten sich diese Konflikte um die Auswüchse eines obrigkeitsfrommen Etatismus, um die Exzesse des Antikommunismus und die immer noch umstrittene Rolle der Streitkräfte. Unstreitig kam es nach dem Auftakt zwischen 1957 und 1964 zu einer Radikalisierung der Kritik zwischen 1965 und 1974, und das Publikum wußte die neue Skepsis und Polemik offensichtlich zu schätzen. So stieg etwa die Auflage der "Zeit", inzwischen das prominente linksliberale Sprachrohr, von 1962 = 140 000 bis 1970 auf genau das Doppelte, während "Christ und Welt" bei 140 000 stagnierte. Und der "Spiegel" verkaufte 1968 statt der 570 000 Exemplare von 1962 volle 877 000. 25 Jahre nach der Gründung hoffte seine Leitung, die Millionengrenze überschreiten zu können.
(S. 270-274)


Die neue politische Kultur

Die Politische Kultur in Westdeutschland glich 1945 einem verlassenen Schlachtfeld. Die autoritäre Ordnungstradition lag in Trümmern, sie war zutiefst unglaubwürdig geworden. Der neue Totalitarismus des Kommunismus war auch deshalb von Anfang an stigmatisiert, weil er eine Neuauflage der braunen Diktatur in roter Farbe ankündigte. Die demokratischen Traditionen waren nach den Jahren der charismatischen Herrschaft Hitlers schwer angeschlagen, aber keineswegs verschwunden, vielmehr im Kern noch anschlußfähig, denn immerhin waren nur zwölf Jahre seit der ersten Republik vergangen. Die Alliierten übten einen hohen Druck aus, um in ihren drei Zonen demokratische Institutionen einzurichten, eine freie Öffentlichkeit zu etablieren, ihre "Reeducation" voranzutreiben und demokratische Politik einzuüben. Diese neue Form des "State Building" hätte nicht so verblüffend schnell zum Erfolg geführt, wenn die Basis demokratischer Traditionen, wie angeschlagen sie auch immer sein mochten, nicht vorhanden gewesen wäre.

Als das einzige "attraktive Gegenmodell" im Vergleich mit dem "Dritten Reich" und den Ostblockstaaten des anlaufenden Kalten Krieges konnte sich die Demokratie im Grunde erstaunlich schnell durchsetzen. (Das ist vorn, I. 6, schon erörtert worden.) Trotz der Neuartigkeit der politischen Machtverhältnisse und des politischen Stils wurde die Bundesrepublik bereits nach kurzer Zeit im Vergleich mit dem Nationalsozialismus, der Weimarer Republik und dem Kaiserreich weithin positiv beurteilt. 1951 erreichte sie in demoskopischen Umfragen erst eine Zustimmungsquote von 2 %, 1953 nach dem Anlaufen des Booms schon 42, 1960 62 und 1970 82 %. Die Verteidigung des Neustaats gegen die Kritik der 68er enthüllte auch, wie weit die Akzeptanz der Bundesrepublik inzwischen reichte. Bereits 1965 erklärten drei Viertel der Vertriebenen und Flüchtlinge, nach ihrer zeitweilig scharfen Deklassierung mit dem Leben in der Bundesrepublik zufrieden zu sein; ein typisches Symptom dieser Einstellung war der Niedergang der Vertriebenenpartei BHE.

Aufschlußreich ist auch die schnelle Konsolidierung des Parteiensystems: Anstelle der anfangs existierenden 130 Parteien vereinigten 1957 drei Parteien volle 90 % aller Stimmen bei der hohen Wahlbeteiligung von 88 % auf sich. Andererseits: 1957 glaubten noch immer 15 % der Bevölkerung, daß Hitler zu den drei größten deutschen Staatsmännern gehöre. Der Widerstand gegen das ´"Dritte Reich" wurde weit eher negativ als positiv beurteilt. Der Nationalsozialismus blieb in den 50er Jahren durchweg noch der "historische Bezugsrahmen" für das "gesellschaftliche Selbstbild" der Westdeutschen, gewöhnlich in einer generationsspezifischen Ausprägung, zu der z. B. das Schweigen der Tätergeneration über ihr Verhalten in der Führerdiktatur gehörte.

Gleichzeitig setzte sich jedoch eine "Fundamentalliberalisierung" zügig durch, die bis in die 70er Jahre erstaunlich weit fortgeschritten war. Diese grundlegende Veränderung stellte sich nicht etwa als stummes, anonymes Fatum ein, sondern war durchaus gewollt und wurde zielstrebig vorangetrieben. Im Mittelpunkt stand, parallel zum wirtschaftlichen Aufschwung, ein politischer Modernisierungsprozeß mit dem Ziel, endlich die so lange gescheiterte Utopie der "Bürgerlichen Gesellschaft" in der Gestalt einer modernen "Zivilgesellschaft" zu verwirklichen. Beide Begriffe spielten zwar in der politischen Semantik der Zeitgenossen noch keine Rolle, doch lief ein machtvoller, auch von der Amerikanisierung des gesellschaftlichen und politischen Lebens getragener Trend auf die Realisierung dieser Zielvorgaben hinaus.

Wegen der tiefen Verwurzelung des Nationalsozialismus im Nährboden deutscher Traditionen war die Umwandlung in ein liberal-demokratisches Gemeinwesen innerhalb einer knappen Generationsspanne von "säkularer Bedeutung". Symptomatischen Rang gewann in diesem Zusammenhang die großartige Analyse des Soziologen Ralf Dahrendorf: Sein Buch über "Gesellschaft und Demokratie in Deutschland" (1965) erwies sich als das "Grundbuch des westdeutschen Identitätswandels". Dagegen verlor die konservative Modernitätskritik der Ex-Leipziger Soziologen: Freyer, Gehlen, Schelsky zusehends an Überzeugungskraft.

Die 60er Jahre treten als ein wahres "Dezennium des Umbruchs" hervor, und zwar längst ehe die 68er-Bewegung zu einer Radikalisierung führte. Die zahlreichen Reformanstrengungen jener Jahre beweisen, wie sehr der Liberalisierungs- und Demokratisierungsschub die westdeutsche Gesellschaft mit dem Bestreben mobilisierte, die bestehenden Defizite zu beseitigen. Daß in der Schlußphase die APO-Kritik in Gewalt gegen Menschen und Sachen, schließlich an ihrem äußersten linken Rand sogar in unverhüllten Terrorismus mündete, hing – wie auch in Italien und Japan – zum guten Teil mit dem Protest gegen den "antidemokratischen Überhang" zusammen, der in den Verliererstaaten des Zweiten Weltkriegs als besonders irritierend empfunden, aber auch maßlos übertrieben wurde. Die Opposition gegen diesen Überhang erklärt den neuen Linksradikalismus freilich nur zum Teil. Wenn es 1972 250 ultralinke Gruppen mit 84 300 Mitgliedern, davon 81 000 in 130 orthodox-kommunistischen Vereinigungen gab, die sich oft in der Nähe zur DKP bewegten, mußte es noch andere Motive geben, die unten im Abschnitt über die 68er-Bewegung erörtert werden (V. 12).

Ein fraglos nicht intendiertes Ergebnis des 68er-Aufbegehrens mit seiner realitätsblinden Kritik am vermeintlich erneut heraufziehenden Faschismus trat freilich darin zutage, daß Westdeutsche, die bisher der Bundesrepublik eher mit Gleichgültigkeit oder skeptischer Distanz gegenübergestanden hatten, jetzt der Kritik mit Verteidigung und daher auch mit Akzeptanz des neuen Staates begegneten. Denn der "Common Sense" lehrte sie, daß sie in den vergangenen zwanzig Jahren keineswegs den Aufstieg eines neuen Rechtstotalitarismus erlebt hatten. Und der unausgegorene, romantizistisch verklärte Linkstotalitarismus, zu dem viele 68er links von der Mitte tendierten, besaß alles andere als eine hinreichende Attraktivität.
(S. 276-278)


Engagierte Professoren

Zum einflußreichsten Zentrum der Politikwissenschaft entwickelte sich seit den frühen 50er Jahren die FU Berlin, wo etwa Ernst Fraenkel und Richard Löwenthal, ehemalige Linke der Weimarer Republik und zurückgekehrte Emigranten, mit einem dezidierten Engagement für den liberaldemokratischen Verfassungs- und Rechtsstaat die Politikwissenschaft als Demokratiewissenschaft betrieben. Dazu gehörte ein lebhafter Import amerikanischer Diskussions- und Forschungsergebnisse, überhaupt eine kosmopolitische Öffnung des Denkhorizonts. Es war dieses Berliner Ambiente, in dem Karl Dietrich Bracher, bald eine der Leitfiguren der deutschen Zeitgeschichte, seine ersten Projekte ausführte. Mit ihm pflegten Wolfgang Sauer, Gerhard Schulz, Gilbert Ziebura, Otto Büsch, Gerhard A. Ritter u. a. die dort übliche Verbindung von Politik- und Geschichtswissenschaft. Zu einer Art von konservativem Gegenpol stieg das Freiburger Seminar für Politikwissenschaft unter der Leitung von Arnold Bergsträsser auf, der ehemals dem bündisch-konservativen Milieu nahegestanden hatte und auch aus dem amerikanischen Exil zurückgekehrt war. Im Vergleich mit diesen Zentren in Berlin und Freiburg verblaßte der kurzlebige Einfluß, den andere zurückgekehrte Emigranten wie etwa Heinrich Brüning in Köln oder Eric Voegelin in München ausübten, auffällig schnell.

Zeitweilig verband sich der Einfl uß der Politikwissenschaft mit der Dominanz der Totalitarismustheorie. Sie beanspruchte, den Nationalsozialismus im Kontext des allgemeinen Phänomens totalitärer Herrschaft, wie sie sowohl in Deutschland und Italien als auch in der Sowjetunion und dem von ihr beherrschten Ostblock durchgesetzt worden war, zu beschreiben und zu erklären. Diese Parallelisierung der Diktatorialregime entsprach
dem Konfrontationsklima während der Hochphase des Kalten Krieges, erfaßte aber auch einige wesentliche übereinstimmende Elemente von totalitären Regimen in ihrer Herrschaftsphase, während die sozial- und mentalitätsgeschichtlichen Bedingungen erst des Aufstiegs, dann der Radikalisierung im Klassenmord oder im Judenmord und Vernichtungskrieg im Rahmen dieses Modells, das auch gegenüber den Unterschieden zwischen den totalitären Regimen eigentümlich blind blieb, ja ständig in der Gefahr stand, sie zu planieren, nicht angemessen präzisiert, geschweige denn überzeugend erklärt werden konnten.

Die eine Zeitlang vom politischen Konsens getragene Totalitarismustheorie geriet im Verlauf der 60er Jahre ins Kreuzfeuer der Kritik. Der Katalog der Einwände enthielt den Vorwurf, daß sie zu statisch angelegt sei und deshalb zentrale Fragen des Aufstiegs und der Radikalisierung ausblende; sie verhindere die Anerkennung der Auflockerungstendenzen im Ostblock, dem ein gewisses Veränderungspotential unterstellt wurde, da er z. B. immer noch an das humanistische Erbe in Marx’ Theorie anknüpfen könne. Der Widerstand gegen die Gleichstellung von Nationalsozialismus und Bolschewismus führte aber auch dazu, daß die sowjetische Klassenvernichtungspolitik im Vergleich mit der nationalsozialistischen Rassenvernichtungspolitik eigentümlich abgewertet wurde.

Gegen diese Kritik vermochte sich die unveränderte Gegenposition der Totalitarismusverfechter nicht durchzusetzen. Daher entstanden aber in der DDR-Forschung geradezu Blindstellen, die den Diktaturcharakter auch des ostdeutschen Staatskommunismus übergingen oder verharmlosten. Zu einer gefährlichen Verniedlichung neigte zudem die von den Gegnern der Totalitarismustheorie favorisierte Konvergenztheorie, die von einer unaufhaltsamen Annäherung westlicher und östlicher Industriegesellschaften, gleich welcher politischen Couleur, ausging; sie setzte sich daher über die Erstickung des Prager Frühlings von 1968, die Unterdrükkung der polnischen Solidaritäts-Bewegung und die Verfolgung der ostdeutschen Dissidenten realitätsblind hinweg. Im Grunde führte diese Kritik an der Totalitarismustheorie ziemlich schnell in eine theoretische und empirische Sackgasse. Aber erst der Untergang der Sowjetunion und des gesamten Ostblocks, auch das "Schwarzbuch des Kommunismus" (1998) als Schreckensbilanz des Linkstotalitarismus erforderten dann wieder eine lohnende Diskussion jener Strukturelemente, die eine totalitäre Herrschaftspraxis konstituieren.

In der Bundesrepublik gehörte jedenfalls die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus als totalitärem System zu den mentalitätsprägenden Erfahrungen der Nachkriegszeit. Die auch politisch weitreichende Akzeptanz, welche die Totalitarismustheorie zwei Jahrzehnte lang fand, beruhte nicht zuletzt darauf, daß zahlreiche Westdeutsche (und insgeheim auch Ostdeutsche) einer klassischen idealtypischen Definition zustimmen konnten. Denn nach ihrer Erfahrung hatte diese monolithische Herrschaftsform in der Tat zu einer "Monopolisierung der Entscheidungsgewalt in einem Führerzentrum" geführt, "das von jeder Form institutioneller Kontrolle unabhängig" war; zu ihr gehörte auch die "prinzipiell unbegrenzte Reichweite der Entscheidungen des politischen Machtkartells, in dem auf Kosten anderer Systeme gesellschaftliche Funktionen extrem konzentriert" waren, und "die prinzipiell unbegrenzte Verfügungsgewalt des politischen Systems über die Gesamtheit der Lebenschancen der Staatsbürger". Und die Gemeinsamkeit des nationalsozialistischen Rechtstotalitarismus mit dem bolschewistischen Linkstotalitarismus sahen sie zu Recht darin, daß die Menschen jeweils in deren Beglückungsschema gepreßt werden sollten, damit der "neue Adam" in der NS-Rassengesellschaft oder kommunistischen Zukunftsgesellschaft eine Utopie verwirklichen könne.

Im Vergleich mit der zeitweilig durchaus breitenwirksamen Totalitarismustheorie ist die Ausstrahlung der neomarxistischen Theorie, wie sie im Frankfurter "Institut für Sozialforschung" gepflegt wurde, häufig überschätzt worden, obwohl seine beiden Leiter, Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, samt ihren wechselnden Mitarbeitern zeitweilig durchaus Einfluß auf die wissenschaftliche und politische Diskussion nehmen konnten. Horkheimer gewann allerdings nach der Rückkehr aus dem amerikanischen Exil keine wissenschaftliche Statur, während Adorno zur Zentralfigur des Instituts avancierte. Trotz seiner kulturwissenschaftlichen Interessen beharrte aber auch er immer noch auf einer spätmarxistischen Theorievariante, die auf dem Übergewicht sozioökonomomischer Antriebskräfte im historischen Prozeß basierte. Überall witterte er die Wiederkehr des "Faschismus", wunderte sich aber dann, daß viele 68er-Studenten die "Frankfurter" für die Vordenker ihrer kruden "Faschismustheorie" hielten.

Neue intellektuelle Bewegung kam in dieses Frankfurter Milieu erst durch Jürgen Habermas, der zuerst einmal Marx frisch zu interpretieren und zu aktualisieren unternahm, politisch aber für einen linkssozialdemokratischen Reformpragmatismus eintrat. Sehr frühzeitig hat er in der Gewaltneigung zahlreicher 68er die Tendenz zu einem "linken Faschismus" entdeckt. Nachdem er sich intensiv mit Marx beschäftigt hatte, wandte er sich, als er aus Frankfurt an das Starnberger Max-Planck-Institut Carl Friedrich v. Weizsäckers übergewechselt war, mit seiner "Theorie des kommunikativen Handelns" ganz einer sprachwissenschaftlich fundierten politischen Philosophie und Sozialtheorie zu. Sie löste intellektuell weiterreichende Folgen in den unterschiedlichsten Wissenschaftsdisziplinen, aber auch in der öffentlichen Diskussion aus als die meisten seiner früheren Schriften. Politisch aber konnte sie als linkes Zentrum des liberalen "Mainstream" absorbiert werden.

Für den geistigen Haushalt der Bundsrepublik bleibt es ein unbestreitbares Verdienst der "Frankfurter Schule", die seit 1933 verfemte linke Gesellschaftstheorie, auch die Freudsche Psychoanalyse wieder in den deutschen Diskussionszusammenhang zurückgeholt zu haben. Keine andere Institution hätte das, wenn man nach denkbaren Alternativen fragt, so effektiv in der Bundesrepublik leisten können. Auf der anderen Seite haben einige Mitglieder der "Frankfurter Schule", die ja alles andere als einen homogenen ideenpolitischen Block darstellte, durch ihr Verhalten 1967/68 dazu beigetragen, die mühsam wiederhergestellte Position zu diskreditieren. Von dem dogmatischen Kommunismus, den der Marburger Politologe Wolfgang Abendroth um sich herum zuließ oder sogar selber heranzüchtete, bis sein Fachbereich sich überwiegend in dieser selbst gewählten Isolierung bewegte, hielten sich alle "Frankfurter" freilich fern. Dagegen hat ein Politischer Soziologe wie Rainer Lepsius mit seinen analytisch scharfsinnigen Studien zum Nationalsozialismus und deutschen Radikalnationalismus, zur sozialen Ungleichheit und zum Parteiwesen auf mehrere Historikergenerationen und eine aufgeschlossene Öffentlichkeit einen ungewöhnlichen Einfluß ausgeübt.

Das zweite, der Wirkung nach noch wichtigere Beispiel für die weitreichende öffentliche Wirkung der Kulturwissenschaften in der Bundesrepublik verkörpert die Zeitgeschichte, durchweg verstanden als die Vor- und Verlaufsgeschichte des Nationalsozialismus. Liberale Zeithistoriker wie Karl Dietrich Bracher in Berlin und Bonn sowie Martin Broszat mit hervorragenden Mitarbeitern am Münchner "Institut für Zeitgeschichte" standen für eine bahnbrechende Forschungs- und Interpretationsleistung, die von zahlreichen jüngeren Wissenschaftlern wie etwa Hans Mommsen und Wolfgang Schieder erweitert und vertieft wurde. Bracher bemühte sich als erster, Strukturanalyse und Hermeneutik miteinander zu verbinden, als er mit drei bedeutenden Arbeiten über die "Auflösung der Weimarer Republik" (1955), die "Machergreifung" (1960) und seiner Gesamtgeschichte der "Deutschen Diktatur" (1969) das Terrain absteckte. Von Vertretern der theoretisch und politisch noch immer überaus konservativen Historikerzunft wurde er zuerst wegen seiner methodischen Kombinatorik und pointierten Kritik mit aufgeregten Vorwürfen überzogen.

Doch setzte er sich in den 50/60er Jahren durch, ehe mit glanzvollen Aufsätzen und seinem Meisterwerk "Der Staat Hitlers" (1969) die große Zeit von Broszat begann. Überhaupt erwies sich das "Institut für Zeitgeschichte", das frühzeitig zur Erforschung des Nationalsozialismus samt seiner Vorgeschichte gegründet worden war, als ein außerordentlich einflußreicher Impulsgeber und zugleich als ein bahnbrechendes Forschungszentrum. Das hing nicht nur mit der wissenschaftlichen Qualität seiner Mitarbeiterequipe und seinen zahlreichen Veröffentlichungen, sondern auch und vor allem mit dem unermüdlichen Engagement der Zeithistoriker in der Öffentlichkeit zusammen. Theodor Mommsens berühmte, wenn auch seit jeher umstrittene Maxime, daß der Historiker der "Pflicht zur politischen Pädagogik" gehorchen müsse, ist von dieser Zeithistorikergeneration vorbehaltlos ernst genommen worden.

Ein vergleichender Blick zeigt, daß es in keinem anderen westlichen Land, auch nicht in Italien oder Japan, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen derart intensiven, öffentlichkeitswirksamen Einfluß von Historikern auf die Meinungsbildung in der Gesellschaft und Politik gegeben hat. Diese Wirkung hing im wesentlichen damit zusammen, daß 1. nach dem Absturz in die Barbarei der Führerdiktatur das Bedürfnis nach Aufklärung über das schwer verständliche, ungeheuerliche Geschehen außerordentlich ausgeprägt war; daß 2. dabei die Historiker, noch vor der Politik- und Sozialwissenschaft, schnell einen Vorsprung gewannen, weil sie seit den Tagen der großen Nationalhistoriker im 19. Jahrhundert einen Vertrauensvorschuß als Ratgeber besaßen und man ihnen solide empirische Kenntnisse und trotz aller realhistorischen Exzesse ein abgewogenes Urteil zutraute; daß es 3. kein überlegenes andersartiges Deutungsangebot gab, da Theologie und Philosophie keine vergleichbare Geltung besaßen, die dogmatische Faschismustheorie erst der "Frankfurter Schule", dann der Neuen Linken sich als intellektuell impotent erwies und die kritische Publizistik mit ihrem unbestreitbar wichtigen Beitrag inhaltlich doch von der historischen Forschung abhing. Daher ergab sich die ungewöhnliche Situation, daß eine Vielzahl von Historikern jeden Monat unterwegs war, um in Volkshochschulen und Akademien, auf Tagungen und in Schulen als Vertreter einer öffentlichen Deutungsmacht zu fungieren.
(S. 278-282)

Porträt Hans-Ulrich Wehler


Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1949-1990


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Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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