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Auszug aus: "Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1949-1990"

Folge 18:

Die Zukunft der deutschen Gesellschaft

Läßt man in einer Langzeitperspektive die gesellschaftlichen zusammen mit den politischen Entwicklungen in der neueren deutschen Gesellschaft noch einmal Revue passieren, indem man gleichzeitig auf den Vergleich mit anderen Ländern achtet, sticht ein Ensemble von Sonderbedingungen hervor. Sie erschweren es ganz außerordentlich, die Vorstellung von einem deutschen "Sonderweg", wie man bisher zu sagen pflegte, auf der Linie der Kritiker so nachdrücklich zu relativieren (oder sogar ganz abzustreiten), daß im Grunde der deutsche Weg in die Moderne nur als einer von zahlreichen anderen europäischen Modernisierungspfaden erscheint – als Bestätigung von Jacob Burckhardts geflügeltem Wort, daß Europas Eigenart eben aus seiner Vielfalt bestehe. Gerade der Vergleich bestätigt jedoch die Macht dieser Sonderbedingungen: der hektische Regimewechsel, einschließlich der seit Bismarcks "Kanzlerdiktatur" weitverbreiteten Erwartung der charismatischen Herrschaft eines nationalen Führers; die Diskreditierung der Aufklärung, überhaupt der wirre Wechsel in der politischen Ideenwelt; die radikale Zerstörung der ostdeutschen Adelsexistenz; die Umwälzungen in der Sphäre des Bildungsbürgertums, der beamteten oder angestellten Dienstklassen, der Industrie- und Landarbeiterschaft; die erbitterte Bekämpfung der modernen liberalen Marktklassengesellschaft im Zeichen des nationalsozialistischen Rassestaats oder der kommunistischen Gesellschaftsutopie – sie alle vereinigen sich zu einem Kranz von restriktiven Bedingungen, deren Besonderheit man schwerlich ernsthaft bestreiten kann.

Insofern hebt sich die erstaunliche Erfolgsgeschichte der alten Bundesrepublik vor dieser Folie um so heller ab. Sie hat den meisten dieser Sonderbedingungen eine klare Absage erteilt, das war die Prämisse ihres Aufstiegs. Er demonstriert überdies, daß sich selbst die Folgen des fatalen Absturzes nach einem Zivilisationsbruch – freilich unter extrem günstigen
Ausnahmebedingungen – korrigieren, in mancher Hinsicht sogar überwinden ließen. Diesen Erfolg hat man nach dem vermeintlich "langen Weg nach Westen" als vollendete Ankunft in jenem Kulturkreis charakterisiert, den die Deutschen in der Epoche des Zweiten Dreißigjährigen Krieges verlassen hatten. Nun ist aber, wie in diesen Bänden mehrfach betont, Deutschland auch im 19. und frühen 20. Jahrhundert, genauso wie vorher,
ein Teil des Westens gewesen. Nach dem fatalen, aber kurzlebigen Abstieg aus dieser Welt ist Westdeutschland, während der antiwestliche Impuls unter anderen Vorzeichen in Ostdeutschland bis 1989 weiterlebte, seit 1949 dorthin zurückgekehrt.

Damit ist aber keineswegs ein rundum befriedigender Endzustand erreicht, den man – wie Treitschke in seiner Manier den neugeschaffenen deutschen Nationalstaat als nicht mehr zu überbietendes Telos der deutschen Geschichte verklärt hat – mit einem befriedigten "Es ist geschafft" als das Non plus ultra der deutschen Zeitgeschichte gewissermaßen einfriert.
Der historische Prozeß schreitet unaufhaltsam weiter fort. 1990 hat er z. B. ganz unerwartet die Rückkehr Ostdeutschlands in den Westen gebracht, alte Probleme verschärft und neue aufgeworfen. Wenn der letzte Band dieser Gesellschaftsgeschichte eines lehrt, dann ist es die Dynamik und Differenzierungskraft einer Marktgesellschaft, in
der sich gewaltige Disparitäten zwischen den marktbedingten Ober-, Mittel- und Unterklassen aufgetan haben und offenbar, wie es aussieht, sogar unablässig noch weiter vergrößern. Soziale Ungleichheit prägt weiterhin das gesellschaftliche Leben in wichtigen Dimensionen. Allerdings regiert auch hier nicht mehr der offene Antagonismus einander feindlich gesinnter Klassen, da Prosperität und Sozialstaat die ehemals unüberbrückbaren
Friktionen entschärft haben, und ohnehin ist ja das vielbeschworene Klassenbewußtsein keine ahistorische Konstante, sondern der historische Sonderfall eines Klassenhabitus.

Unterhalb der extrem privilegierten Oberklassen hat sich eine breite Zone vielfach begünstigter Mittelklassen herausgebildet, welche die neubürgerliche Gesellschaft der Bundesrepublik tragen – wie es die Theorie der "Bürgerlichen Gesellschaft" von der Stabilisierungsfunktion der "bürgerlichen mittleren Lagen" erwartet hat. Doch die Kluft zwischen Akademikern und manuell Arbeitenden hat sich nicht nur gehalten, sondern in der Wissensgesellschaft weiter zugenommen. Das klassenbewußte Proletariat ist durch Sozialrecht und Tarifpolitik, politische Teilhabe und Aufstiegserfolge in eine verhandlungsbereite Arbeitnehmerschaft verwandelt worden. Doch unterhalb dieser Arbeiterklassen, die sich in einem Prozeß der Verbürgerlichung befi nden, ist durch die Zuwanderung ein neues ethnisches Subproletariat entstanden, das, assimilations- und bildungsfern, in seinen ghettoähnlichen Wohnquartieren, in denen der Einfluß eines fundamentalistischen Islamismus um sich greift, den Aufenthalt in einer abgeschotteten
Subkultur der Integration vorzieht. Dort könnte sich ein Sprengstoff ansammeln, der die "Rote Gefahr" des 19. Jahrhunderts bei weitem übertrifft.

In der Politik verfolgt die im Westen angekommene bundesrepublikanische Gesellschaft weiterhin anachronistische Prioritäten mit einer atemberaubenden Kurzsichtigkeit. Milliarden werden etwa in den winzigen Agrarsektor gelenkt, während das Bildungssystem, von dem die Zukunft, die Leistungsfähigkeit, der Wohlstand der Wissensgesellschaft abhängen, geradezu kärglich versorgt wird. Nachdem die Expansion der Universitäten
während der 1960/70er Jahre endlich in Gang gebracht worden war, zogen sich die "Decision-makers" gleich welcher parteipolitischen Couleur aus Angst vor den Folgen ihrer durchaus realitätsangemessenen Präferenzentscheidung auf ein Sparprogramm nach dem andern zurück. Und vor dem unvermeidlichen Umbau des exzessiv aufgeblähten Sozialstaats, der deutschen Innenpolitik liebstes Kind, floh die einstmals flexible und
reformfreudige Bundesrepublik im Gegensatz zu ihren klügeren Nachbarn in eine trotzig behauptete Defensivpolitik.

Dieser Band endet mit der Fusion der beiden deutschen Neustaaten, doch in der neuen Bundesrepublik, im neuen Jahrhundert, werden sich all diese Probleme – und zahlreiche dazu – mit unveränderter, eher noch gesteigerter Schärfe weiter stellen. Dann wird erst recht die satte treitschkeanische Selbstzufriedenheit, im Westen wieder angekommen zu sein und eigentlich keiner Systemreformen zu bedürfen, nicht genügen. Vielmehr geht es durchaus auf der Linie der eigenen Normen und Werte darum, die Verwirklichung einer westlichen Gesellschaft, die sich auf der Höhe der Zeit bewegt, in der Bundesrepublik weiter voranzutreiben. So sollten etwa, um einige Aufgaben beispielhaft zu nennen, die sozialökonomischen Disparitäten im Licht der Chancengerechtigkeit überprüft und nach Kräften korrigiert werden. Die Sprengkraft des neuen Subproletariats muß durch eine gezielte Integrationspolitik entschärft werden. Die künftige Wissensgesellschaft muß sich erst recht auf den institutionellen Unterbau leistungsfähiger Schulen und Universitäten stützen können. Die Macht der Großunternehmen und ihres Einflusses muß gezähmt werden – das kann nur der leistungsfähige Staat, so daß der modische Ruf nach dem "schlanken Staat" auf absehbare Grenzen trifft. Und schließlich muß der internationale
Turbokapitalismus der Globalisierung, die kein unkorrigierbares, übermächtiges Fatum verkörpert, wie ihre Protagonisten gerne verkünden, so eingehegt werden, wie der naturwüchsige Privatkapitalismus des 19. und 20. Jahrhunderts durch den Sozial-, Rechts- und Verfassungsstaat zivilisiert worden ist.

Mit der Bewältigung solcher Aufgaben sind unstreitig, wer würde das leugnen, enorme Schwierigkeiten verbunden. Eine zeitgemäß eingerichtete westliche Gesellschaft bewährt sich aber erst in der Verwirklichung solcher Aufgaben. Sie stellen eine nie vollends bestandene, immer in die Zukunft offene Bewährungsprobe dar. Daß ihr überhaupt mit der Aussicht auf Erfolg begegnet werden kann, beruht auf einer historischen Einsicht:
Ungeachtet aller schmerzhaften Rückschläge hat dieser Gesellschaftstypus auch in der Bundesrepublik bisher das Lernpotential und die Flexibilität besessen, seine Zukunftsfähigkeit zu beweisen.
(S. 436-439)

Porträt Hans-Ulrich Wehler


Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1949-1990


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Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte Band 1 - 5


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Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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