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Auszug aus: "Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1949-1990"

Folge 2:

Die Gesellschafte nach 1945: Soziale Lage und soziologische Analyse

Der chaotische Wirrwarr der deutschen Nachkriegsverhältnisse nach 1945 suggerierte außer anderen Desintegrationserscheinungen auch die Auflösung der überkommenen Sozialhierarchie. Die riesigen Wanderungsbewegungen, die in Westdeutschland innerhalb kurzer Zeit dazu führten, daß ein Viertel der Bevölkerung aus Flüchtlingen und Vertriebenen bestand, die Machtdeflation der Eliten, die Diskreditierung des Besitz- und Bildungsbürgertums durch seine Kooperation mit dem NS-Regime, die Erosion des proletarischen Milieus und zahlreiche andere tiefgreifende Veränderungen nährten diesen Eindruck. Klugen zeitgenössischen Beobachtern schienen daher die westdeutschen Sozialverhältnisse eine «theoretisch amorphe» Situation zu verkörpern, die sich einer überzeugenden Interpretation vorerst entzog.

Spätestens seit der Währungsreform tauchten jedoch die Konturen vertrauter Sozialverbände erneut auf: die marktbedingten Klassen des Wirtschaftsbürgertums etwa und die Nachfolgeklassen des Bildungsbürgertums in Gestalt der akademischen Intelligenz, die in den Professionen der Anwälte und Ärzte, den Funktionseliten der höheren Verwaltung und Justiz, des Universitäts- und Schulsystems fortbestanden. Besitz, unterschiedliches Einkommen und Hochschuldiplome hatten ihre strukturierende Kraft keineswegs verloren. Alle diese Klassen blieben weiterhin klar geschieden von der industriellen Arbeiterschaft, von dem wachsenden Heer der Angestellten, von den Handwerkern und Bauern gleich welcher Besitzgröße.

Dennoch fand die Illusion, bereits in einer «nivellierten Mittelstandsgesellschaft » zu leben – wie sie der Soziologe Helmut Schelsky in den frühen 50er Jahren zu erkennen glaubte – eine auch politisch erstaunlich weitreichende Resonanz, trat der Begriff doch zum einen unausgesprochen in einer zeitgemäß abgewandelten Form als Erbe der unlängst gefeierten klassenlosen "Volksgemeinschaft» auf, zum anderen suggerierte er als «ideologischer Schirm» (R. Dahrendorf) die endgültige Auflösung der herkömmlichen Klassenschranken, wie das schon vorher auch Theodor Geiger mit seiner «Klassengesellschaft im Schmelztiegel» getan hatte, nachdem das «Dritte Reich», der Krieg und die Umwälzungen der ersten Nachkriegsjahre diese schon weithin planiert zu haben schienen. Ein sachkundiger Emigrant wie Ernst Fraenkel, ehemals linker Jurist, bald prominenter Politikwissenschaftler an der FU Berlin, faßte 1956 seine Eindrücke nach ersten Deutschlandreisen immerhin dahingehend zusammen, daß nicht zuletzt die NS-Herrschaft «mit ihrem Kampf gegen» den «Kastendünkel … die Klassenunterschiede in stärkerem Maße ausgeglichen» habe, «als dies in anderen westlichen Ländern Europas der Fall ist». Offenkundig hatte die dichotomische Polarisierung in zwei feindselig getrennte Klassenlager in der Tat nachgelassen.

Es entsprach dieser teils diffusen, teils – wie es schien – durchaus neuartigen Ausgangssituation, daß die westdeutsche Soziologie während der ersten Etappe ihrer Beschäftigung mit dem Profil der bundesrepublikanischen Gesellschaft auf eine umfassende Analyse dieses Gegenstands verzichtete. Statt dessen verließ sie sich auf die weniger anspruchsvolle «Selbsteinschätzung» der Befragten ihrer repräsentativen Samples. Im Kern ging es hier meist um die von diesen Zeugen wahrgenommene Prestigeverteilung. Von einer flexiblen, etwa auf Max Webers Überlegungen basierenden Klassentheorie wollte zunächst keiner ausgehen, nicht zuletzt wohl auch deshalb, weil der Klassenbegriff wegen der marxistischen Konnotationen, die er in der deutschen politischen Semantik mit großer Zählebigkeit behalten hat, geradezu stigmatisiert blieb.
(S. 109-111)


Die Reichen werden immer reicher?

Die Vermögensentwicklung in Westdeutschland ist seit 1949 durch die extreme, die Einkommensverteilung deutlich übertreffende Ungleichverteilung eines historisch einmaligen Vermögensreichtums gekennzeichnet. Vor dem Wendejahr 1989/90 ergab sich folgendes Bild.

1. Die obersten 12 % der Haushalte besaßen 1986 60 % aller statistisch erfaßten Vermögenswerte. Vermutlich stellten sie auch jene 10 % der Haushalte, die allein vom Vermögenseinkommen leben können. Die Feingliederung zeigt, daß 0,06 % der Haushalte (mit 50 Millionen und mehr) 10,8 % des Gesamtvermögens, 1,48 % (5 Millionen und mehr) schon 32,7 % und 12,25 % (1 Million und mehr) 59,69 % besitzen. Das Betriebsvermögen war noch massiver konzentriert: 7700 Haushalte besaßen 51 %.

2. Etwas weiter gefaßt kann man konstatieren, daß ein Viertel aller Haushalte 80 % des gesamten Privatvermögens besaßen, die unteren 30 % erreichten dagegen nur 1,5 %.

3. Das Nettogeldvermögen stieg, nachdem es bereits von 1950 bis 1960 einen weiten Sprung nach oben getan hatte, von 1960 bis 1990 um das 15fache, von 1970 bis dahin allerdings wegen der Abflachung des Wachstums nur auf das 5,6fache von 1970 an. Das reichste Fünftel der Haushalte besaß am Ende dieser Zeitspanne fast zwei Drittel davon (63 %), die unteren 40 % des vierten und fünften Quintils kamen dagegen nur auf 4,5 Prozent. Immerhin verbesserte sich zwischen 1962 und 1993 die Verbreitung von Sparguthaben von 60,3 auf 90,3, von Versicherungspolicen von 39,6 auf 67,7, von Bausparverträgen von 11,9 auf 42 und von Wertpapieren von 8 auf 45,8 % der Erwerbstätigen. Das Vermögenseinkommen stieg zwischen 1970 und 1995 für die Bauern um 815,2, die Selbständigen um 638,2, die Beamten um 572,9, die Angestellten um 535,5, die Arbeiter um 500,7 und die Rentner um 508,5, für die Pensionäre sogar um 714 %.

4. Die Verteilung des Nettogeldvermögens auf die von der Statistik bevorzugten fünf Quintile ist in den ersten vierzig Jahren der Bundesrepublik auffallend stabil geblieben. Auch die Kluft zwischen selbständiger und abhängiger Arbeit blieb währenddessen auf vielen Gebieten erhalten. 1950 besaßen die unselbständigen Haushalte ein Vermögen von 4400, die Selbständigen aber von 55 000 DM; 1970 lauteten die Durchschnittsziffern 39 300 bzw. 415 000 DM.
Die anhaltende Vermögenskonzentration wird außerdem noch dadurch verstärkt, daß zum zweiten Mal (erstmals nach der Hochkonjunkturperiode vor 1914) eine Erbengeneration seit den 90er Jahren in den Genuß von Erbschaften kommt, zu deren Erwirtschaftung sie selber nichts beigetragen hat. So haben von den älter als 40jährigen Westdeutschen bis 1996 28 % 13 000 DM geerbt, 9 % erwarten diesen Betrag; 14 % haben 51 000 DM geerbt, 7 % erwarten diese Summe; immerhin jeder Hundertste hat aber eine Million geerbt, weitere 0,5 % erwarten dieses Mannah vom Himmel. Zu den 106 000 deutschen Vermögensmillionären kommen seit 1996 weitere Tausende hinzu. Die deutsche Erbschaftssteuer erreicht indes nur ein Viertel der Höhe der amerikanischen.

5. Dieser Trend zu einer außerordentlichen Ungleichverteilung, die an der Spitze der Vermögenspyramide relativ mehr Vermögen zusammenballt als in vergleichbaren Quintilen der USA, Großbritanniens und Schwedens aufzufinden war, ist von nüchternen Diagnostikern frühzeitig erkannt worden. Bereits 1960 hat der Ökonom Wilhelm Krelle ermittelt, daß die winzige Minderheit von 1,7 % aller Haushalte über 74 % des Produktivvermögens und 35 % des Gesamtvermögens (die Anteile der Ausländer und des Staates wurden nicht dazu gerechnet) verfügten. Ganze 0,0784 % kontrollierten 13,2 % des Gesamtvermögens. Seither hat sich, lautet das Urteil der Experten, keine auffällige Veränderung ergeben!

6. Ein vergleichbarer Konzentrationsprozeß läßt sich seit den 50er/60er Jahren auch und gerade in der Industrie beobachten: Ein Zehntel aller Unternehmen besaß 1967 85 % des gewerblichen Eigenkapitals; 1,2 Prozent von ihnen erwirtschafteten 60 % des Industrieumsatzes und beschäftigten 40 % der Erwerbstätigen (7 % volle 70 %). Demgegenüber kann man zwar zu Recht auf den sanften Fahrstuhleffekt hinweisen, daß bis 1980 zwei Drittel aller Haushalte immerhin über ein durchschnittliches Vermögen von 100 000 DM verfügten, bis 1990 besaß schon jeder Zweite 200 000 DM und mehr. Diese Erfolgsgeschichte wird niemand gerade im Blick auf das Jahrhundert zwischen 1848 und 1949 gering schätzen. Doch im Vergleich mit der stabilen Zusammenballung von Vermögen auf der obersten Etage der westdeutschen Marktgesellschaft handelt es sich um keine sonderlich imponierende Größe.
(S. 120/121)


Und die Armen immer ärmer?

Als Folge des Krieges im weiten Sinn: des Todes von Millionen arbeitsfähiger Familienernährer, der Flucht und Vertreibung, der Städtebombardierung usw. stieg in Westdeutschland die Zahl der Fürsorgeempfänger im Zustand der Armut bis 1950 auf 1,6 Millionen Menschen an, konnte aber dank des ökonomischen Aufschwungs bis 1962 um rund zwei Drittel auf den Tiefstand von 510 000 reduziert werden. Wegen der anhaltenden Hochkonjunktur sank der Anteil derjenigen, deren Einkommen nur bis zu 50 % des Durchschnittseinkommens erreichte, in den Jahren zwischen 1962 und 1972 um ein Drittel: von 10,6 auf 6,5 % der Bevölkerung, wuchs dann aber wieder bis zum Ende der 80er Jahre auf immerhin 8,8 %. Generell gilt überdies, daß die offizielle Statistik die «versteckte», die Dunkelziffer der Armut, die aus Unwissenheit oder Scham nicht eingestanden wird, nicht einmal tendenziell erfassen kann.

Anfangs galten alte Frauen und Männer als die am häufigsten betroffenen Fürsorge- oder Sozialhilfeempfänger, die an oder unter der Armutsgrenze lebten. Nachdem sich aber dank der verbesserten Alterssicherung ihre Lage aufgehellt hatte, rückten andere in die Grauzone der Randschicht. Das waren an erster Stelle alleinerziehende Mütter, die zu einem Drittel unter die Fünfzig-Prozent-Grenze des Durchschnittseinkommens abglitten, an zweiter Stelle kinderreiche Familien der Unterklassen. Deshalb waren zunehmend auch Kinder von der Alltagsarmut betroffen: fast doppelt so viele wie ihr relativer Anteil an der Bevölkerung betrug. Dieser erschreckende Vorgang ist gemeint, wenn die voranschreitende «Infantilisierung» der Armut angeklagt wird. Weiterhin sinken Langzeitarbeitslose – am Ende unseres Zeitraums (1990) immerhin 513 000 – als dritte gefährdete Gruppe nicht selten in die Armut ab, dicht gefolgt von Arbeitsmigranten, die in den 80er Jahren zu mehr als einem Fünftel unter die Armutsgrenze abstiegen.
Zwar hat der Sozialstaat seit dieser Zeit dafür gesorgt, daß die Transferleistungen in absoluter Höhe spürbar zugenommen haben. Doch die Schere zwischen den an der Armutsgrenze lebenden Personen und den Erwerbstätigen mit weiter wachsendem Durchschnittseinkommen hat sich in den selben Jahren kontinuierlich geöffnet, so daß die Armutskluft, der Abstand der verschiedenen Lebensstandards, stetig größer geworden ist.

Diese Kluft ist namentlich von den hauptsächlich Betroffenen: den Älteren und Unqualifizierten, den alleinerziehenden Müttern und gesundheitlich Benachteiligten aus eigener Kraft nur außerordentlich schwer zu verringern. Dennoch gibt es auf der andern Seite den positiven Befund, daß es der Mehrheit der Randschicht immer wieder gelingt, ihre Lage zu verlassen, mithin die fluktuierende Armut auf Zeit zu überwinden. Fraglos sind die dauerhaft Armen gravierenden typischen Problemen ihres randständigen Lebens ausgesetzt. Ihre sozialen Kontakte drohen zu verkümmern, gefolgt von Marginalisierung, Isolierung, Diskriminierung. Das Familienleben wird schweren Belastungen unterworfen. Die psychische Bürde als Folge des Gefühls, überflüssig geworden zu sein, mündet in Hoffnungslosigkeit oder gar Depression. Überhaupt verschlechtert sich aus psychosomatischen Gründen allzu häufig der Gesundheitszustand. Die Abhängigkeit von Transferleistungen lähmt die Eigeninitiative, leicht mündet sie in einen Zustand der Entmündigung und Passivität. Aus all diesen Gründen hat sich zwar sporadisch eine fatale «Kultur der Armut» herausgebildet, doch sie ist bisher nicht mit dem Erscheinen einer politisch handlungsbereiten Unterklasse verbunden. Angesichts der Heterogenität
der Interessen und der Lähmung der Aktivität sind die dauerhaft Armen nicht organisations- und politikfähig. Eben dieser Zustand macht sie zur Verfügungsmasse einer staatlichen Regulierung, welche die strukturellen Nachteile der fehlenden Qualifikation oder der Kinderkosten nicht aufheben kann.
(S. 164/165)


Mit Eleganz und Charme: Die Wirtschaftseliten schotten sich gegen Aufsteiger ab

1960 bestand die erdrückende Mehrheit der Wirtschaftselite aus älteren Jahrgängen, die bereits in der Zeit der Weimarer Republik die Chefzimmer erreicht hatten. Nur wenige exotisch wirkende Außenseiter wie Berthold Beitz von den Krupp-Werken oder einige der «jungen Männer» aus Speers Managerstäben durchbrachen mit ihrem Reüssieren die Regel. Seit den 60er Jahren setzte dann jedoch ein umfassender Wechsel ein – 1979 waren nur mehr 10 % der Topmanager vor 1918 geboren worden –, eine jüngere
Generation schob sich nach vorn. Sie vertrat aber keineswegs die Gewinner der Bildungsexpansion, sondern stammte «ganz überwiegend», ja in einem sogar noch rasch weiterwachsendem Maße aus dem Großbürgertum und gehobenem Bürgertum, bis sie in der Mitte der 90er Jahre einen Anteil von sage und schreibe 80 % erreicht hatte. Die Analyse der hundert, auch noch der dreihundert größten deutschen Unternehmen ergab im Hinblick auf die Vorstands- und Aufsichtsratsvorsitzenden, ihre Stellvertreter
und die Vorstandsmitglieder dasselbe Ergebnis von 80 bis 82 %. Jeder Zweite stammte aus dem Großbürgertum, während nach einem stetigen Schrumpfen ihres Anteils nur noch 9 % aus den Mittelklassen so weit gekommen waren. Die Homogenität der neuen Oligarchie ist mithin in den Spitzenunternehmen weiter angestiegen, da sich die exklusive Rekrutierung ganz offensichtlich verschärft hat. Deshalb war die privilegierte Exklusivität zu Beginn der 90er Jahre deutlich krasser ausgeprägt als noch 1970 – Indiz einer harten Ungleichheitsstruktur, welche die soziale Spaltung verschärft.

Blickt man genauer hin, ergibt sich, daß von den Aufsichtsratsvorsitzenden sogar bis zu 90 % aus dem Großbürgertum und gehobenen Bürgertum stammen. Allerdings kam es zu einer aufschlußreichen Verschiebung der Relationen zwischen den einzelnen Herkunftsgruppen. Waren 1970 noch 40 % der Posten von den Söhnen Höherer Beamter, 23 % von Unternehmersöhnen besetzt gewesen, hatte sich bis 1995 das Verhältnis völlig umgekehrt: 40 % kamen jetzt aus Unternehmerfamilien, nur mehr 10 % aus dem Haus Höherer Beamter. Es gab also einen unübersehbaren Vorstoß des protegierten Unternehmernachwuchses. Bei den Vorstandsvorsitzenden zeigte sich dagegen eine (nicht leicht zu erklärende) Zunahme der Söhne Höherer Beamter auf Kosten derjenigen von Freiberuflern und Mittelklasseeltern. Aber auch hier stellten die Unternehmerfamilien selber schließlich einen «weit überproportionalen» Anteil, so daß sie jede dritte Chefposition besetzen konnten. In den klassischen deutschen Großunternehmen mit einer langen Tradition und einer zentralen Stellung in der Gesamtwirtschaft war das Spitzenpersonal aus den beiden hohen Bürgertumsformationen ganz «besonders zahlreich» vertreten. Selbstverständlich hatten die Vorstandsvorsitzenden bis 1995 auch zu 93 % ein Studium abgeschlossen und zu 52 % mit dem Doktortitel gekrönt, bei den Aufsichtsratsvorsitzenden waren es 91 % bzw. 60 %. Hatte früher das Jurastudium dominiert, drang bis 1999 auf seine Kosten die Wirtschaftswissenschaft vor, so daß sich der Anteil der Betriebs- und Volkswirte in den Spitzenpositionen fast verdoppelte. Diese Verschiebung der Studienfächer, in der sich auch die «Amerikanisierung» der Unternehmensführung niederschlug, änderte aber nichts an der internen Struktur der Wirtschaftselite. Ihre Netzwerke sorgten für Informationen und die Verbesserung der Marktchancen, für die Koordination betrieblicher Schachzüge, für die Konsolidierung und Integration der Unternehmen; sie sorgten für den Schutz gegenüber Außenseiter-Rivalen und für einen Vertrauensvorschuß, solange akzeptable Konkurrenten im Spiel waren.

Will man die verblüffende soziale Homogenität der oligarchischen Wirtschaftselite und damit vor allem ihre exklusive Rekrutierung überzeugend erklären, führt es in die Irre, im altmarxistischen Stil die machterprobte Raffinesse einer herrschenden Klasse zu unterstellen, die seit jeher für die reibungslose Kooptation von aufstrebenden Klassengenossen gesorgt habe. Auch haben Universitätsexamina und Doktortitel, Auslandsstudium und Auslandspraktika offensichtlich nicht den Ausschlag gegeben,
da ein großes Bewerberfeld diesen Kriterien entspricht. Vielmehr hat der Besitz eines «klassenspezifischen Habitus» die entscheidende Rolle bei der Gewährleistung der Elitenkontinuität gespielt. Pierre Bourdieu hat unter dem Habitus jene innere Steuerungsanlage verstanden, die durch den Sozialisationsprozeß während der Kindheit und Jugend in den Individuen als gesellschaftliche Struktur installiert wird. Dank der Summe von fest verankerten Dispositionen erzeugt er spezifische Persönlichkeitsmerkmale, die wiederum den Verhaltens-, Geschmacks-, Sprach- und Dresscode, den Denkstil und das ästhetische Urteil strukturieren. Da die Auswirkungen des Habitus der Anschein der Natürlichkeit einer Ausstattung mit persönlichen Eigenschaften umgibt, obwohl diese Leitinstanz keineswegs auf Veranlagung und genetisch gesteuertem Naturell beruht, sondern dank einer langwährenden Sozialisationsphase an die Klassenstruktur gebunden ist, gehört der Habitus durchaus zu den zunächst «verborgenen Grundlagen der Herrschaft».

Welcher Habitus empfiehlt seinen Besitzer für die Wirtschaftsoligarchie?
Die Souveränität des Auftretens und der Umgangsformen, eine breite Allgemeinbildung, die Sicherheit des Geschmacks, eine unternehmerischzweckrationale Einstellung, Optimismus in der Lagebeurteilung und klare Lebensziele. Von der erkennbaren Förderung durch das kulturelle Kapital der Familie und durch ihr soziales Kapital, das Netzwerk der Beziehungen und das Sicherheitspolster der familiären Ressourcen zählt wahrscheinlich als entscheidender Vorzug die persönliche Souveränität. Aufsteiger dagegen besitzen zwar auch die Universitätsdiplome und den Doktortitel, ihre Auslandserfahrung beim Studium oder während der Praktika, doch fehlt ihnen die äußere und innere Sicherheit, die Selbstverständlichkeit des Auftretens und Geschmacks. «Lässigkeit, Charme, Umgänglichkeit, Eleganz, Freiheit», mit einem Wort: die angebliche «Natürlichkeit» tritt hinter der im Ehrgeiz begründeten Angestrengtheit und Überkorrektheit auf eine fatale Weise zurück, denn sie determiniert die Entscheidung gegen den Karrieresprung.

In den Entscheidungsgremien herrscht vielmehr von vornherein Sympathie für jenen Nachwuchs, welcher der eigenen Persönlichkeit – wie man sie dort sieht – am klarsten ähnelt, und diese Persönlichkeitsmerkmale werden ausschlaggebend am Habitus abgelesen. Da die klassenspezifische Habitusformierung unzweideutig an die soziale Herkunft gebunden ist, ergibt die Dominanz des Habituskriteriums die Rekrutierung aus den eigenen Reihen, die – wie es scheint – Garantie der Elitenkontinuität und die anhaltende Homogenität der Wirtschaftsoligarchie. Leistungen zu erbringen muß der Besitzer des erwünschten Habitus zwar auch imstande sein, aber von dem Ideal einer offenen Leistungselite hat sich die Wirtschaftselite zunehmend immer weiter entfernt.
(S. 133-135)

Porträt Hans-Ulrich Wehler


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