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Auszug aus: "Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1949-1990"
Folge 3:
Der Leistungsfanatismus des Nationalsozialismus - eine wertvolle Ressource der jungen Bundesrepublik
Eine höchst spezifische Erbschaft der jüngsten Vergangenheit, wenn auch nicht der Familie, erwies sich trotz ihres befleckten Charakters als wertvolle Ressource der jungen Bundesrepublik. Das war der Leistungsfanatismus, den der Nationalsozialismus mit seinem Ideal einer «egalitären Leistungs-Volksgemeinschaft» (Martin Broszat) in den jüngeren Generationen aus dem konventionellen, viel älteren Leistungsdenken entfesselt und durch seinen brutalen sozialdarwinistischen Konkurrenzkampf bis zuletzt gefördert hatte. Ohne ihn können die Ursachen der eruptiven Energiemobilisierung des «Dritten Reiches», erst recht im Krieg, gar nicht erfaßt werden. Nach dem Krieg brauchte diese Leistungsmentalität gewissermaßen nur entnazifiziert zu werden – was unter den Bedingungen der Zeit mühelos möglich war –, und schon gewann die frisch verkündete Soziale Marktwirtschaft das soziale Substrat einer vehementen Antriebskraft, das sie selber in so kurzer Zeit gar nicht hätte erzeugen können, ihr jetzt aber ohne eigenes Dazutun zustatten kam.
Diese Explosion an Tatkraft im Rahmen einer ungezügelten Wettbewerbsbereitschaft und eines leidenschaftlichen beruflichen Engagements, das die westdeutsche Wirtschaft und Gesellschaft seit 1948 kennzeichnete, stammte zunächst aus den dunklen Quellen der nationalsozialistischen Vergangenheit. Erst allmählich haben das Leistungs- und Konkurrenzdenken der Sozialen Marktwirtschaft in jüngeren Generationen vergleichbare Dispositionen geschaffen. Zum Mythos des deutschen «Wirtschaftswunders » gehörte dann aber keineswegs mehr die einsichtsvolle Erinnerung an die vererbte Mentalität der Anfangsjahre, sie wurde wegen ihrer unheiligen Herkunft verdrängt.
(S. 214/215)


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