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Auszug aus: "Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1949-1990"
Folge 4:
Die Kanzler der Bundesrepublik
Dem ersten Bundeskanzler, Konrad Adenauer, gelang es, sein Amt 14 Jahre lang in Bonn auszuüben. Währenddessen entfaltete sich in den 1950er Jahren ein «halbautokratisches System», in dessen Mittelpunkt Adenauer von seinen Entscheidungsbefugnissen großzügig Gebrauch machte. Die Kritiker griffen daher auf einen liberalen Kampfbegriff aus der Bismarck-Ära zurück, als sie seine «Kanzlerdiktatur» anprangerten. Aus der Vogelperspektive drängt sich aber der Eindruck auf, daß der christdemokratische Patriarch, der im Kern ein rheinischer Demokrat und Verächter der preußischen Machteliten, insbesondere ihres Militärapparates, blieb, eine Brücke geschlagen hat, die den Übergang von der obrigkeitlichen Tradition und besonders der NS-Diktatur zum pluralistischen Parteienstaat für viele Bürger erleichtert hat. Soviel steht fest: Ohne Adenauers politischen Kurs und sein Geschick, ohne seine Entscheidungs- und Durchsetzungsfähigkeit hätte die Bundesrepublik eine andere Geschichte erlebt.
Sein Nachfolger, der langjährige populäre Wirtschaftsminister Ludwig Erhard, vermochte Adenauers Statur nicht zu gewinnen, ließ sich statt dessen aber bereitwillig als «Volkskanzler» feiern. Es war indes etwas ganz anderes, liberale Wirtschaftspolitik mit konjunkturellem Rückenwind zu verfechten, als im Kanzleramt die Staatspolitik zu koordinieren und zielstrebig zu steuern. Durch sein neues Amt überfordert, mußte er unter schmählichen Umständen seine Kanzlerschaft aufgeben. Der Chefdirigent der ersten Großen Koalition, der dritte Kanzler, Kurt Georg Kiesinger, dem die Kritiker seine Parteimitgliedschaft und Tätigkeit in Ribbentrops Auswärtigen Amt vorwarfen, machte als zwischen den Koalitionspartnern wandelnder «Vermittlungsausschuß» keine schlechte Figur.
Nach drei Jahren mußte er aber dem SPD-Vorsitzenden Willy Brandt an der Spitze einer sozialliberalen Koalition weichen. Was Adenauer durch den Ausgleich mit Frankreich und die Westintegration erreicht hatte, gelang Brandt – das bleibt sein historisches Verdienst – mit der Anbahnung des Ausgleichs mit dem Osten. Züge der Kanzlerdemokratie tauchten unter ihm und erst wieder in den Erfolgsjahren von Helmut Schmidt auf, der dank seiner exzellenten ökonomischen Sachkunde und seines energischen Leitungsstils die Gestaltungsmöglichkeiten des Kanzleramtes erneut ausschöpfte.
Erst von der eigenen Partei, dann auch vom freidemokratischen Koalitionspartner verlassen, erlag er dem Mißtrauensvotum der Opposition. Damit begann 1982 die, wie sich herausstellen sollte, 16jährige Kanzlerschaft Helmut Kohls. Ihren einzigen, dafür aber um so dramatischeren Höhepunkt bildete die Vereinigung der beiden deutschen Neustaaten nach 40jähriger Separatexistenz. Kurze Zeit öffnete sich damals im internationalen Machtgefüge ein Fenster am Entscheidungskorridor, das Kohl mit unleugbar staatsmännischem Geschick, aber auch mit anhaltender amerikanischer Unterstützung und dank Gorbatschows Einsicht genutzt hat, ehe er in den Provinzialismus seiner Alltagspolitik zurückfiel.
(S. 6/7)
Keine Chance für Charismatiker
Es gehört zu den nachhaltig begünstigenden Entwicklungsbedingungen der Bundesrepublik, daß in den Nachkriegsjahren wegen der Erfahrungen mit der Führerdiktatur eine neue charismatische Herrschaft ganz und gar unattraktiv wirkte. Trotz aller Belastungen gelang es, die durchaus existentielle Krise der Kriegsfolgen – und eine solche Krise ist nun einmal die conditio sine qua non für den Aufstieg eines Charismatikers – im Grunde verblüffend schnell zu überwinden. Da sich diese fraglos gefährliche und einschneidende Krise nicht über längere Zeit hinweg ausdehnte, blieb der Bundesrepublik der Ruf nach einem neuen Charismatiker, erst recht nach seinem Herrschaftssystem erspart. Die nostalgische Erinnerung an das Hitlerregime, wie sie am rechtsradikalen Rand der westdeutschen Innenpolitik geäußert wurde, blieb das isolierte Phänomen einer krassen Minderheit.
Man mochte an Adenauer manches kritisieren oder loben, doch weder besaß dieser rheinische Demokrat mit seinen gelegentlich autoritären Neigungen je die unverwechselbare Statur eines Charismatikers, noch kam in einer politisch derart desillusionierten Bevölkerung die Zuschreibung charismatischer Eigenschaften erneut zustande. Wenigstens dieses positive Wirkung hat das Debakel des «Dritten Reiches» auf lange Zeit gehabt.
(S. 16)


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