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Auszug aus: "Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1949-1990"
Folge 7:
Die 68er-Bewegung: Triumph oder Debakel?
Die Protestbewegung der 68er ist zu einem legendenumrankten Phänomen überhöht worden. Denn ehemalige Aktivisten, die ihre berufliche Karriere in der Medienwelt gemacht und aufgrund ihrer Teilnehmererfahrungen ein Deutungsmonopol beansprucht haben, gelang es in einem erstaunlichen Maße, die öffentliche Erinnerung an den Aufbruch in ihren
jungen Jahren zu prägen. Auf diese Weise konnte "68" in grandioser Überschätzung geradezu zum "Ursprungsmythos" erhoben werden, der nicht nur schlechterdings alles von der damaligen Linken ersehnte Neue in Politik und Kultur umhüllte, sondern auch "die Bewegung" selber zur alles´entscheidenden Antriebskraft stilisierte. Von wenigen Ausnahmen abgesehen ist an dieser heroischen Verklärung so gut wie nichts richtig.
So hat etwa der Wechsel zur Sozialliberalen Koalition, nach zwanzigjährigem Machtbesitz der CDU in der Tat eine Nagelprobe auf die Funktionstüchtigkeit der westdeutschen Demokratie, kein Ergebnis der 68er- Bewegung bedeutet, vielmehr ist er trotz ihres tiefen Mißtrauens gegenüber dem seit dem Godesberger Programm verachteten Parteiapparat der SPD und gegenüber der bürgerlich-konservativen FDP zustande gekommen. Auch die zwischen 1958 und 1964 vorgedrungene neuartige kritische Öffentlichkeit stellte kein Produkt der aufmüpfigen 68er dar, sondern war definitiv bereits vor ihrem Auftritt etabliert worden. Überdies setzten vor 1968 die Fischer-Kontroverse und Hochhuths "Stellvertreter", Oswald Kolles populäre Aufklärungskampagne und die "Spiegel"-Affäre die Öffentlichkeit ganz so in Bewegung, wie das der Eichmann- und der Auschwitz-Prozeß taten (s. vorn V.7).
Der auffällige Schub an Reformgesetzen, der mit den 60er Jahren verbunden ist, war längst vor 1968 in Gang gesetzt worden. Wohin man auch blickt: auf die Einführung des Jahreswirtschaftsberichts und des Sachverständigenrats, auf das Stabilitäts- und Wachstumsgesetz und die Mittelfristige Finanzplanung, auf die Haushaltsreform und die Finanzreform, auf die große Strafrechtsreform und den Übergang der Sozialpolitik zur Gesellschaftsreform – überall sind die Weichen vor 1968 gestellt worden. Das unterstreicht auch noch die seit zehn Jahren angelaufene Bildungsreform, die nach dem soeben von Georg Picht und Ralf Dahrendorf entworfenen Schreckensszenario einer herandräuenden "Bildungskatastrophe", wenn nicht endlich gehandelt werde, zur Neugründung von Universitäten, zur Vermehrung der Gymnasiastenzahl und zur geforderten Steigerung der Bildungsausgaben geführt hat.
Nein, die Bundesrepublik war seit den frühen, nicht erst seit den späten 60er Jahren "wach und in Bewegung", sie erlebte mit einer ihrer "folgenreichsten Erneuerungsperioden" ihre "zweite formative Phase", die alles andere als das Etikett einer technokratischen Nachholreform verdient. Vielmehr gab es einen "politisch-moralischen Überschuß" an Energien einschließlich der Überzeugung, daß Staat und Gesellschaft verändert
werden müßten und könnten. Dieser Umbau wurde durchaus gewollt, da die Reformbedürftigkeit allgemein anerkannt war und eine verbreitete Planungseuphorie nährte.
1968 war daher alles andere als eine "Zweite Stunde Null", selbst die Stilisierung zur "Großen Zäsur" in der westdeutschen Nachkriegsgeschichte wäre verfehlt. Auch wenn es geboten ist, die Proportionen derartig entschieden zurechtzurücken, bleibt es doch bei der Anerkennung einer Serie von dramatischen Ereignissen, die 1967 oder seither abliefen und gravierende Folgen zeitigten. Auf ihrer Suggestivkraft beruhte auch der früh kultivierte Mythos vom 68er-Umbruch. Weltweit zog damals eine studentische Protestbewegung die Aufmerksamkeit auf sich: von Berkeley bis Rom, von Tokio bis Berlin. Die Pariser Mai-Unruhen von 1968 schienen zeitweilig das Ende des de Gaulle-Regimes anzukündigen. Der "Prager Frühling" verhieß wenig später einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz", bis ihn die Sowjetunion zusammen mit Warschauer Paktstaaten niederwalzte. Auch die deutschen Studenten der Protestbewegung von 1966 bis 1969 teilten daher das stimulierende Hochgefühl, an einem internationalen, einem weltweit ablaufenden Umbruch beteiligt zu sein, mit dem sie durch ideelle und personelle Vernetzung verbunden waren.
Blickt man auf die Bundesrepublik, hatte die Jugendkultur längst vor 1968 mit dem Rock den Beginn eines Aufbegehrens erlebt: Elvis Presley, die Beatles, die Rolling Stones standen dafür als Symbole wie auch der Minirock, die Bewunderung der Hippies und Beat Bohème und die sexuelle Freizügigkeit, nachdem die Empfängnisverhütung durch eine preiswerte
Pille garantiert zu sein schien. Gleichzeitig hatte sich überall im Westen: in England, Frankreich, Italien und den USA, auch in der Bundesrepublik eine "Neue Linke" herausgebildet, welche als Avantgarde die kommunistische oder sozialistische Dogmatik durch ihre Neuinterpretation der heiligen Texte aufbrechen, ihr Mißtrauen gegenüber erstarrten Ideologien und einengenden Institutionen, aber auch ihren Aufklärungswillen
in Aktion umsetzen wollte. Als Ideenbewegung schwebte ihr eine vage umrissene neue sozialistische Gesellschaftsordnung vor, die durch die "Transformation" der Individuen und die Ersetzung der Parteien durch eine emanzipatorische Linksbewegung erreicht werden sollte. Zum Träger des erstrebten sozialen Wandels wurde insbesondere die junge Intelligenz aufgewertet.
Die Nachwuchsorganisation der SPD, der SDS, hatte unnachgiebig gegen das Godesberger Programm als Kapitulation vor dem Kapitalismus und einem schnöden Pragmatismus opponiert. Deshalb war er durch den sogenannten Unvereinbarkeitsbeschluß im November 1961 aus der SPD verstoßen worden, die bereits im Mai 1960 die offiziöse Konkurrenzorganisation des "Sozialdemokratischen Hochschulbundes" (SHB) gegründet
hatte. Seit der Mitte der 60er Jahre gelang es aber dem SDS, aus der Isolation eines esoterischen Intellektuellenzirkels der Neuen Linken hinauszutreten. Im Frühjahr 1965 brach an der FU Berlin ein erster Konflikt aus, als der Schriftsteller Erich Kuby ein Redeverbot erhielt und der sich als Linkssozialist gerierende Ekkehart Krippendorff, ein Assistent im Institut für Politikwissenschaft, mit diffuser Begründung entlassen, aber mit einem Habilitationsstipendium üppig entschädigt wurde. Erstmals imitierten protestierende Studenten das amerikanische Vorbild des Go-in und Sit-in, das Studenten in Berkeley als Demonstrationsmethode gegen den Vietnamkrieg und zur Unterstützung der Bürgerrechtsbewegung erfunden hatten. Doch erst Anfang 1966 kam es in Berlin, wo sich die FU zum Unruhezentrum entwickelte, zu einer ersten großen Demonstration gegen
den Vietnamkrieg.
Seit 1965/66 verbanden sich mehrere Antriebskräfte und Motivstränge in der langsam anschwellenden Protestbewegung:
1. Die Identifizierung sowohl mit der inneramerikanischen Opposition gegen den Vietnamkrieg als auch mit dem Vietcong, der von Ho Tschi Minh gesteuerten kommunistischen Guerillabewegung, nahm stetig zu. Dieser Vorgang wirkte als früher Katalysator des Protests. Damit verband sich eine geradezu kultische Verehrung kommunistischer Diktatoren wie Mao Tse Tung und Ho Tschi Minh, die zu Symbolfiguren des progressiven Widerstands der "Dritten Welt" gegen den amerikanischen Imperialismus
aufstiegen. Neben sie trat, inbrünstig zu einer wahren Ikone erhoben, der Kubaner Che Guevara als Repräsentant einer internationalen Revolutions- und Guerillabewegung. Dieser Drang zur Heiligsprechung trug alle Züge eines pubertären Überschwangs.
2. Konkret auf die deutschen Probleme bezogen war der seit dem Mai 1965 aufflammende Kampf gegen die von der Regierung geplanten Notstandsgesetze, die den künftigen Krisenfall regulieren sollten. Sie wurden als Ende der Demokratie und Aufforderung zum Mißbrauch durch ein neues autoritäres Regime so effektiv perhorresziert, daß sie zu einer Massenmobilisierung führten. Die seit dem Dezember 1966 regierende erste Große Koalition galt als typisches Symptom einer Abwendung von der parlamentarischen Demokratie, und die NPD-Erfolge bei den Landtagswahlen in Hessen und Bayern wirkten auf die jungen Skeptiker als Beginn eines neuen Trends hin zum Rechtsradikalismus.
3. Diese politischen Verschiebungen, ob überschätzt oder zu Recht irritierend, schürten die Sorge vor dem Aufstieg eines "neuen Faschismus". Nun bewegte sich zwar die NPD zweifellos am äußersten rechten Rand der westdeutschen Politik, aber von einer Renaissance des Nationalsozialismus konnte in der Bundesrepublik ernsthaft nicht die Rede sein. Eingesponnen in ihre neomarxistische Theoriebesessenheit sprach die Neue Linke nicht historisch-konkret vom Nationalsozialismus, sondern vom Faschismus als einer universellen Gefahr in allen kapitalistischen Industriestaaten. Daher bot die Bundesrepublik in ihren Augen die Chance zu einer fatalen "Repeat Performance", zumal sich Ex-Nazis angeblich überall in strategischen Positionen behauptet hatten. An dieser Stelle verband
sich die Kritik an der westdeutschen Vergangenheitspolitik, die einer produktiven Auseinandersetzung mit dem "Dritten Reich" ausgewichen sei, mit der Anklage gegen die Vätergeneration, die über ihr Verhalten in der NS-Epoche, insbesondere im Weltkrieg, mit ihren Söhnen und Töchtern nie offen gesprochen hatte. Diese innerfamiliären Spannungen verwandelten sich in einen kraftvollen psychischen Treibsatz, der die allgemeine Gesellschafts- und Politikkritik vorantrieb.
4. Und schließlich löste der Streit um die "Bildungskatastrophe" den Ruf nach einer grundlegenden Reform der Hochschulen aus, die – dem Jargon der Zeit gemäß – demokratisiert werden sollten. Die Kritiker verstanden darunter, daß der maßlos überschätzte Vorrang der Ordinarien abgebaut, die Stellung der Assistenten aber aufgewertet, die Studentenschaft an den inneruniversitären Entscheidungen beteiligt werden sollte. "Kritische Universitäten", von Assistenten und Studenten veranstaltet,
sollten den etablierten Hochschulen Konkurrenz verschaffen.
Von SDS-Strategen und der neuen Bundesassistentenkonferenz als Speerspitze des universitären "Mittelbaus" formuliert, alsbald von der "Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft" (GEW) lebhaft unterstützt, gewann die Forderung nach "Drittelparität", d. h. die Besetzung aller Universitätsgremien mit je einem Drittel Professoren, Assistenten und Studenten (später sollten sogar die Verwaltungsangestellten und Sekretärinnen
als Entscheidungsträger mit einbezogen werden), einen Vorrang, der die Leistungsorientierung jeder Universität in Frage stellen mußte. Denn Assistenten steigen auf oder scheitern. Studenten verlassen nach dem Studium die Universität. Und wer außer den Professoren kann auf Dauer die Verantwortung für Forschung und Lehre tragen? Tatsächlich ist dann auch später jede Regelung, die sich dem drittelparitätischen Proporzideal angenähert hatte, eklatant gescheitert, nicht ohne die betroffenen Universitäten tief zu beschädigen. Denn die Gruppenuniversität, die ursprünglich eine
antiautoritäre, systemüberwindende Erziehung gewährleisten sollte, entband ihre eigenen, von Anfang an erkennbaren Sprengkräfte. Forschung und Lehre entziehen sich im Kern dem Demokratisierungsimperativ.
Diese heterogenen Antriebskräfte kristallisierten sich in einer Protestbewegung, die man damals "Außerparlamentarische Opposition" (APO) taufte, in der es aber durchaus unterschiedliche Organisationszentren gab: die IG Metall, den SDS, die GEW, die Bewegung der Ostermärsche gegen den "Atomtod" und diverse ad hoc gebildete Gremien. Die APO übte unstreitig eine wichtige Verstärkerfunktion aus, welche die verschiedenen
Strömungen der Kritik zeitweilig zu bündeln verstand. Auf zwei Frankfurter Kongressen, dem zweiten Anti-Vietnamkrieg-Kongreß vom Mai 1966 und dem Kongreß über den "Notstand der Demokratie" im Oktober 1966, trat die Organisationsfähigkeit der APO zutage, welche die Politisierung voranzutreiben vermochte.
Eine neue, höhere Stufe des Protests, den jetzt nicht mehr die Anhänger der APO, sondern primär Studenten trugen, wurde erst im Frühjahr 1967 erreicht. Während einer am 1. Juli 1967 veranstalteten Demonstration gegen den Berlinbesuch des persischen Schahs, der als Diktator angeprangert wurde, erschoß ein Polizist den Studenten Benno Ohnesorg. Daraufhin eskalierte der Protest in den meisten Universitätsstädten der Bundesrepublik,
und der Anführer der Berliner Studenten, Rudi Dutschke, ein SDS-Mitglied mit unleugbarem rhetorischen und politischen Talent, rief zu einer Kampagne gegen den Springer-Konzern auf, dessen Zeitungen die aufbegehrenden Studenten mit äußerster Schroffheit kritisiert hatten. Seither brodelte es auf zahlreichen Demonstrationen und Informationsveranstaltungen.
Wer waren diese neuen "Protestanten"? Bis zum Sommer 1968 beteiligten sich gut 50 % aller westdeutschen und westberliner Studenten an den Aktionen, nur 5 % der Teilnehmer gehörten zur nichtakademischen Jugend. Da es zu dieser Zeit erst 300 000 Studierende an den Hochschulen der Bundesrepublik und Westberlins gab, ließen sich 150 000 Studenten
mobilisieren, die gelegentlich oder häufig, selten immer die Teilnehmer der Demonstrationszüge und anderen Protestveranstaltungen stellten. Die Engagierten stammten überwiegend aus Elternhäusern, in denen sie eine liberale Erziehung genossen hatten, die sie auch für moralische Entscheidungen sensibilisierte; auffällig oft hatten die Aktivisten einen Lehrer oder Pfarrer als Vater. Aufs Ganze gesehen handelte es sich um ein Segment der Oberklassenjugend, das seine ideellen und moralischen Motive betonte, aber keineswegs ökonomische Interessen verfolgte. Demoskopische Umfragen ergaben, daß damals zwei Drittel der Studenten und Gymnasiasten im Alter von 17 bis 25 Jahren den Parteien, überhaupt dem politischen System der Bundesrepublik mit Skepsis und Mißtrauen gegenüberstanden; ein Drittel sympathisierte mit sozialistischen und kommunistischen
Ideen – in wie kruder Form sie auch immer wahrgenommen wurden.
Ein neuer Vietnamkongreß am 17./18. Februar 1968 wurde, von der Tet-Offensive des Vietcong (seit dem 29. 1. 1968) beflügelt, von einer Demonstration von 10 bis 15 000 Teilnehmern begleitet, die lauthals Mao, Ho Tschi Minh und Che Guevara, der im Oktober 1967 in Südamerika erschossen worden war und seither Märtyrerruhm genoß, hochleben ließen. Während Adorno und Horkheimer im Frankfurter Institut für Soziologie rätselten, wie sich ihr subtiler Spätmarxismus unter den Studenten in ein Sammelsurium von grobschlächtigen Parolen verwandelte, trieb Herbert Marcuse, der seit den 30er Jahren mit der Frankfurter Sozialforschung verbunden war und im amerikanischen Exil eine Professur im kalifornischen San Diego gefunden hatte, mit der Rhetorik einer romantischen linken
Jugendbewegung große Studentenversammlungen weiter an. Die junge Intelligenz und Randgruppen müßten sich, noch vor der Arbeiterklasse, als revolutionäres Subjekt verstehen, das die "schöne, neue Welt" zu schaffen habe. Seine einschlägigen Texte wurden von vielen verschlungen, obwohl er ohne zuverlässige empirische Basis über den "eindimensionalen Menschen" klagte, und über die "repressive Toleranz" der liberalen Gesellschaft ist selten perfider geschrieben worden.
In der aufgeheizten Atmosphäre des Frühjahrs 1968 wurde am 21. April ein Attentat auf Dutschke verübt, dem er fast zum Opfer gefallen wäre; die bleibenden schweren Schäden haben sein Leben bis zum frühen Tod verkürzt. Der proletarische Revolverschütze folgte offenbar seinem primitiven politischen Vorurteil, das in der Wahrnehmung der Studenten von der Springerpresse gezüchtet worden war. In 27 Städten kam es, nachdem der
Mordanschlag bekannt geworden war, zu großen Demonstrationszügen mit 5000 bis 18 000 Teilnehmern. Während schwerer Straßenschlachten wurde mancherorts von den Studenten Gewalt angewandt; in München gab es zwei Tote. Der SDS bekannte sich unverhohlen zur Anwendung von Gewalt. Die schon seit längerer Zeit praktizierte Vorlesungskritik, die sich gegen irgendwie mißliebige Professoren richtete, verwandelte sich immer häufiger in massive Störungen, bei denen auch Eier und Farbbeutel flogen, die Angegriffenen physisch bedrängt wurden. Ein zutiefst inhumaner Psychoterror, der keinen Unterschied zwischen politisch liberalen oder konservativen Professoren kannte, wurde durch Streiks, Institutsbesetzungen, Teach-ins und Go-ins verstärkt.
An die Stelle der Forderung nach Diskussionen über die Universitäten, die Reformaufgaben, die "Dritte Welt" trat das bewußt schockierende Verhalten eines zügellosen Pöbels, der seinen Methoden zur Vorbereitung der künftigen Revolution eine Pseudorechtfertigung verschaffte. Die einst kühl geplante Regelverletzung zur Erzwingung von Aufmerksamkeit ging in einen "blinden Aktionismus" über. Da jedwede soziale, ökonomische, politische Basis für einen revolutionären Umbruch fehlte, drohte die Gefahr, wie Jürgen Habermas frühzeitig den Heißspornen realistisch entgegenhielt, daß sich ein "linker Faschismus" aus der ursprünglich reformorientierten Protestbewegung entwickelte; deshalb warnte er dringend vor dem "Spiel mit dem Terror (mit faschistischen Implikationen)".
Ein Sternmarsch auf Bonn brachte am 11. Mai 1968 die beachtliche Zahl von 60 000 Gegnern der Notstandsgesetze auf die Beine. Doch das Gesetzpaket passierte noch im selben Monat den Bundestag – und nichts geschah. Weder bedeutete es das Ende der Demokratie noch die Einladung zu einer autoritären Politik, wie es die Kritiker vorhergesagt hatten, vielmehr ruhte es seither ungelesen im Archiv.
In diesem Mai 1968 lösten die Pariser Unruhen noch einmal eine kurzlebige Euphorie aus. Doch de Gaulle hielt sich im Amt, seine Partei gewann besonders eindrucksvoll die vorgezogenen Wahlen. Der "Prager Frühling" der tschechischen Reformkommunisten unter Alexander Dubcek wurde am 21. August von russischen Truppen und ihren Verbündeten
erstickt. Nur die frisch gegründete DKP begrüßte diese Intervention. Unverändert beharrte der SDS auf der Maxime der "direkten Aktion": In den "befreiten Gebieten" müsse eine rätedemokratische Gegenmacht aufgebaut werden, ehe nach der unvermeidbaren Phase einer Doppelherrschaft das politische System insgesamt abgeschafft werden könne. Massive
Provokationen sollten, so bewies er seine Realitätsferne, den latenten in einen manifesten Faschismus umschlagen lassen, so daß dieser gefährliche Gegner endlich für jedermann erkennbar sei und niedergerungen werden konnte. Erste Bombenattentate irregeleiteter Studenten gab es noch im selben Jahr. Die anfangs verteidigte Gewalt gegen Sachen schlug nur zu schnell um in Gewalt auch gegen Personen. Seither degenerierte der Protest
zur Gewalttätigkeit.
Vor allem aber zerfiel die Protestbewegung unaufhaltsam. Meistens versickerte sie auf eine unspektakuläre Weise, denn die große Mehrheit der Studenten kehrte zu ihrem Studium zurück. Zahlreiche Aktivisten wanderten zur SPD ab und mauserten sich zu realpolitischen Anhängern der Sozialliberalen Koalition. Ihre Berufskarriere verlief häufig aufwärts. Von
120 untersuchten Aktivisten landeten 35 % in den Medien, 25 % auf Professuren, 15 % in der Politik. Ein Teil der 68er wandte sich den neuen alternativen Bewegungen zu, wo er eigene Lebensformen in Kommune-Experimenten und Kinderläden, Öko-Gruppen und esoterischen Zirkeln erprobte; nicht zuletzt die Grünen zehrten dann von diesem Reservoir.
Die überzeugte Linke erlebte eine heftige Fragmentierung, zumal sich der SDS im Mai 1970 auflöste. Die "Roten Zellen", die Marxismus-Leninismus-Gruppen, Spartakus (der sich als Jugendorganisation der DKP entpuppte) und der "Kommunistische Bund Westdeutschland" (KBW) der Mao-Verehrer stritten um den Primat der Rechtgläubigkeit. 1971 wurden in der Bundesrepublik 250 ultralinke Gruppierungen mit 84 000 Mitgliedern festgestellt. Davon waren 81 000 in 130 orthodoxen kommunistischen Vereinigungen organisiert; die Mehrheit neigte zur DKP. Nicht wenige bekannten sich aber auch für kurze Zeit, da ihre Intelligenz dann doch gegen die im Westen untaugliche Dogmenlehre aufbegehrte, zum Maoismus, der
während der chinesischen "Kulturrevolution" unlängst dafür gesorgt hatte, daß 16 Millionen Menschen umgebracht wurden.
Politisch ist die deutsche 68er-Bewegung rundum gescheitert. Der Gedanke an einen Erfolg ihrer rätedemokratischen, anarchistischen, lebensreformerischen, auf eine kommunistische Entwicklungsdiktatur zielenden Ideen ließ selbst aktive Teilnehmer wenig später schaudern. Die Reideologisierung im Verlauf eines fanatisch geführten Kulturkampfes der "Progressiven" gegen das "Establishment" verursachte jedoch "Verletzungen", welche die "Protest-Geschädigten", zu denen schließlich immer mehr anfangs reformbereite Persönlichkeiten gehörten, zu einer politisch "keineswegs unwirksamen Partei" machten. Einige allgemeine Defizite treten nicht minder deutlich zutage.
Weithin erfaßte die 68er der "Geist einer radikalisierten, … utopisch angereicherten und politisch aktivierten Romantik", deren Realitätsfremdheit ebenso irritierend wirkte wie der im Laufe der Zeit vordringende Kult der Gewalt, der sich mit einem "pseudorevolutionären Gehabe" verband. Diese Eigenschaften lenkten die Bewegung, nachdem sie zu Beginn wie ein Teil der reformwilligen Auflockerung gewirkt hatte, auf ihre "selbstzerstörerische Bahn". Ihr kruder, oft verhunzter Neomarxismus speiste ihre politischen Zielvorstellungen und ihre Faschismustheorie, die nirgendwo die Realität der rechtstotalitären Systeme, insbesondere des deutschen Nationalsozialismus, zu erfassen vermochte, so daß sie für die wissenschaftliche Forschung völlig folgenlos blieb. Ihre zukunftsgläubige Fortschrittserwartung setzte ungeachtet aller bösen Erfahrungen mit dem Leviathan des 20. Jahrhunderts erneut auf einen allmächtigen Staat, sobald er denn nach sozialistischen oder kommunistischen Vorgaben umgebaut worden war. Darin äußerte sich auch die Anfälligkeit für geschichtsphilosophisch fundierte Gesamtlösungen, die im marxistischen, aber auch im nationalsozialistischen Denken angelegt gewesen waren, sich jetzt aber erneut gegen die Notwendigkeit von Stückwerks-Reformen stemmten. Die politischen
Errungenschaften des Westens: die repräsentative Demokratie, der Verfassungs-, Rechts- und Sozialstaat, trafen auf dumpfe, höhnische Ablehnung. Statt dessen wurden kommunistische Diktatoren in Entwicklungsländern trotz ihrer mörderischen Bilanz nicht nur verklärt, sondern auch noch zum Vorbild für den revolutionären Umbau komplexer westlicher Gesellschaften und Staaten erhoben.
In anderen Bereichen nahmen die 68er die Mühen der Ebene mit ihrer pragmatischen Politik ebenfalls nicht auf sich. Die Frauenemanzipation z. B. zog keine Aufmerksamkeit auf sich. Nicht wenige 68erinnen begehrten daher gegen den Macho-Stil der männlichen Aktivisten auf. Die Impulse, die von 68 für die Frauenbewegung ausgingen, beruhten eher auf
dem allgemeinen Veränderungswillen der Zeit, aber auch auf der tiefen Enttäuschung über die kontinuierliche Stabilität der Geschlechterrollen im Alltag, an der ihre demonstrierenden Lebensgefährten nicht rütteln wollten. Auch die ökologische Frage stieg nicht zu einem Thema der 68er auf, obwohl sich die Umweltprobleme, wie der Bericht des "Club of Rome"
über die "Grenzen des Wachstums" demonstrierte, greifbar aufdrängten. Die Intervention in der Hochschulpolitik war mit einer fatalen Abwertung des Leistungsprinzips verbunden, dem aber keine überlegene Alternative entgegengesetzt wurde. Der empfohlene Rückgriff auf die edle progressive Gesinnung hatte sich bisher stets als Irrweg erwiesen. Da nicht wenige Angehörige der 68er Generation in die Lehr- und Medienberufe strömten, sollte ihre Opposition gegen den "Leistungsterror" fatale Folgen zeigen.
Schließlich gelang es der 68er Bewegung nicht, ausreichende eigene Barrieren gegen den Abmarsch in den Stumpfsinn der K-Gruppen, ja nicht einmal gegen das Abgleiten von Randgruppen in den Terrorismus aufzubauen. Selbstverständlich ist die 68er-Bewegung kein allgemeines Schulungslager für Terroristen gewesen; selbstverständlich gab es Anlaß zu einer legitimen Kritik an dem Modernitätsdefizit, wie es seit dem Beginn der 60er Jahre an vielen Stellen bekämpft wurde; selbstverständlich lohnte das Insistieren auf einer offenherzigen, selbstkritischen Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit. Doch die fatale Fusion eines Holzhammermarxismus mit der Bewunderung für Entwicklungsdiktatoren und der Legitimierung von Gewalt schuf eine Gleitschiene, auf der Wirrköpfe, die sich
für Theoriekönige mit Einblick in die Notwendigkeiten des historischen Prozesses und folglich für handlungsberechtigt hielten, in die Konventikel des Terrors abziehen konnten. Insofern ist es nicht möglich, eine redliche 68er-Bewegung von ihrer terroristischen Peripherie bis hin zur "Roten Armee Fraktion (RAF)" der Baader-Meinhof-Clique und ihrer Nachfolger fein säuberlich zu trennen. Dafür hatten die 68er zu viele schützende
Hindernisse selber mit Vehemenz beiseite geräumt, die diese Extremisierung hätten verhindern können.
Die RAF gewann im Verlauf der 70er Jahre bis zum sogenannten "Deutschen Herbst" von 1977 – ein irreführender Ausdruck aus dem linksextremen Umfeld – eine traumatische Bedeutung, als mehr als dreißig Menschen ihren politischen Mordanschlägen zum Opfer fielen: prominente Repräsentanten des "kapitalistisch-faschistischen Systems", wie etwa der Generalbundesanwalt Buback, die Bankiers Ponto und Herrhausen, letzterer noch 1989, aber auch Dutzende ihrer Wegbegleiter und Polizisten. Zugrunde lag diesem Amoklauf die aberwitzige Zielvorstellung, durch eine Serie von dramatischen Verbrechen den wahren Charakter des "Systems" zu enthüllen, um dadurch zum erfolgreichen, massenhaften Widerstand gegen es anzuleiten.
Die Attentate lösten die bisher schwerste innenpolitische Krise der Bundesrepublik aus, denn ihr Verfassungs- und Rechtsstaat hatte sich zwar der Maxime der kampfbereiten "wehrhaften" Demokratie verpflichtet gefühlt, aber nicht mit der mörderischen Militanz der RAF gerechnet. Die ad hoc betriebene Gesetzgebung gegen den neuartigen Terrorismus verschärfte die rechtlichen Regularien, wobei der vermeintliche Einbruch in die Normenwelt des liberalen Rechtsstaates von der Kritik maßlos überschätzt
wurde. Sie konnte aber der gefährlichen Situation keineswegs schnell gerecht werden, denn zu ihr gehörten z. B. Rechtsanwälte, die mit den verhafteten Politverbrechern bedenkenlos kooperierten, aber auch Anhänger aus einem weiten, von der 68er Bewegung indirekt vorbereiteten Umfeld, das nach der ersten auch der zweiten Generation von RAF-Terroristen noch immer Unterstützung gewährte.
Ihren Höhepunkt erreichte die Krise, als Arbeitgeberpräsident Schleyer entführt und gleichzeitig die inzwischen verhaftete Führungscrew der RAF durch die Entführung einer Lufthansa-Maschine freigepreßt werden sollte. Das souveräne Krisenmanagement durch Bundeskanzler Schmidt führte zum Erfolg, der freilich den Tod Schleyers in Kauf nehmen mußte, um die Verweigerung der Staatserpressung zu demonstrieren. In einem
waghalsigen Unternehmen gelang es einer deutschen Spezialeinheit, der GSG 9, das Flugzeug im somalischen Mogadischu zu erstürmen. Schleyer wurde daraufhin kaltblütig ermordet, die in Stammheim einsitzenden RAF-Spitzenfiguren begingen Selbstmord. Mit diesen Schockwirkungen war die Klimax des RAF-Terrorismus erreicht, obwohl die Verblendeten der ominösen zweiten Generation weitere Mordtaten, etwa an dem Treuhand-
Präsidenten Detlev Rohwedder, begingen.
Im Grunde setzten sich Staatsregierung und Parlament, Strafverfolgungsbehörden und Justizapparat gegen den politischen Terrorismus erfolgreich durch, ohne doch die Unterwelt der Sympathisanten vollständig austrocknen zu können. Die arg strapazierte Problembewältigungskapazität hatte dank einer glücklichen politischen Konstellation im Bonner Entscheidungszentrum und dank der realistischen Handlungsbereitschaft unter
schwierigsten Bedingungen zur Bewältigung der Krise ausgereicht. Erst mit dem fundamentalistischen Islamismus des neuen Jahrhunderts sollte sich eine noch gefährlichere Krisensituation abzeichnen.
Was bleibt als positive Bilanz von den Auswirkungen der 68er-Bewegung? Sie trug wahrscheinlich dazu bei, die Restbestände einer obrigkeitsstaatlichen Mentalität weiter abzubauen. Sie ermunterte Kritikfreudigkeit, letztlich auch das politische Engagement, wie das etwa die Vielzahl der 68er bei den Jungsozialisten und in der SPD demonstriert. Es äußerte sich aber auch in der gesteigerten Bereitschaft, in den zahlreichen Bürgerinitiativen
der Folgezeit mitzumachen und damit den zivilgesellschaftlichen Partizipationswillen zu unterstützen. Obwohl "liberal" ein Schimpfwort der 68er und jeder "Scheißliberale" ihr Gegner war, trugen sie doch durch ihre Kritik an überlieferten Normen und Verhaltensweisen wider Willen zur Liberalisierung der westdeutschen Gesellschaft bei. Das war ein Gewinn, der im Vergleich mit Ländern ohne eine 68er-Bewegung deutlich
hervortritt.
Die 68er veränderten auch über kurz oder lang den Lebensstil in einigen sozialen Klassen, da sie überkommene Normen in Frage stellten und neue Verhaltensweisen propagierten. Deshalb ist es nicht abwegig, zwar den anti kapitalistischen Impetus der 68er zu konzedieren, sie aber auch als "unfreiwillige Avantgarde der kapitalistisch organisierten Konsumgesellschaft" zu verstehen, die sie durch ihren krassen Hedonismus und Individualismus, ihre Werbungsinnovationen und Extrovertiertheit vorantrieb, so daß ihr politisches Scheitern zugleich einen Erfolg der von ihnen ebenfalls verkörperten "Lebensstilrevolution" darstellte. Sollte sich das als die nachhaltigste Wirkung der 68er erweisen, wäre freilich von den ursprünglichen politischen Zielen nur eine einzige Forderung: freie Bahn für den Individualisierungsdrang im Verein mit einem unbeschwerten Lebens- und Konsumgenuß, übrig geblieben.
(S. 310-321)


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